Antiislamischer Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, die sich als Aufklärung verkleidet und sich ungeniert der rechten Stereotypen bedient

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Dieser antiislamische Rassismus ist im Unterschied zum klassischen, etwa zum deutschnationalen Rechtsextremismus, entschieden gesellschaftsfähiger und vermag es sogar, sich als zukunftsweisend, als fortschrittlich darzustellen (wenngleich es nicht überraschen kann, dass seine Versuche, sich gar zum originären Gegner des Rechtsextremismus zu stilisieren, doch arg bemüht wirken. Dies gelingt ihm, indem er Stereotype der radikalen Rechten – Überfremdung, kriminelle Ausländer, das Scheitern von "Multikulti" - mit den Glaubensbekenntnissen eines angeblich US-amerikanisch geprägten Liberalismus kombiniert. Er erhält dadurch den Anschein von Modernität und vor allem ein Alibi – wer proisraelisch ist, kann ja kein Rassist sein; wer als Deutscher proamerikanisch ist, kann ja kein Nationalist sein; wer sich zu bürgerlichen Freiheiten und zur Tradition der Aufklärung bekennt, ist totalitärer oder faschistischer Umtriebe von vornherein unverdächtig.

Sieht man genauer hin, kann dies jedoch nicht über den rassistischen Mechanismus hinwegtäuschen, Handlungsweisen, die man an bestimmten Individuen beobachtet hat und verurteilt, zu deren Wesenseigenschaften umzudeuten, um dann diese Wesenseigenschaften der ganzen Großgruppe zu unterstellen, als deren Vertreter man den anderen ansieht. Die Sorgfalt, mit der hier Fälle gesammelt werden, in denen Moslems sich einer Untat schuldig gemacht haben, dient dem alleinigen Zweck, jeden einzelnen als Beleg für die Gefährlichkeit und Minderwertigkeit der ganzen Gruppe anzuführen.

Aus der alten Rechten vertraut ist auch das Wettern gegen "Multikulti" und das Verteufeln der politischen Linken. Dabei steht aus PI-Perspektive der ganze mediale Mainstream links. Ebenso altbekannt ist der von Ressentiment und Abwehr aufgeladenen Vorwurf, deutsche Interessen würden nicht (mehr) wahrgenommen. Wenn dabei das "deutsche" wahlweise durch "westliche", "europäische" oder auch "christliche" ersetzt wird, ändert das nichts an der Konstruktion eines als rein und harmonisch gedachten "Wir" gegen ein Verunreinigung und Bedrohung bedeutendes "Sie". Häufig geht das Bedrohungsszenario bis hin zum Verschwörungsdenken, wenn suggeriert wird, Medien und Politik seien vom Islam indoktriniert oder gar unterwandert, und wenn hinter den – hier einhellig abgelehnten – Rechtsextremismus-Studien der letzten Zeit entsprechende Machenschaften vermutet:

Indizien sprechen vielmehr für einen zielgerichteten Plan, sprich Eurabia.

Verschwörungen wittert man indes nicht nur in Europa. In Bezug auf den US-Präsidentschaftsbewerber Barrack Obama heißt es:

diesen Obama, ich weiss nicht. Ist wie erwaehnt ein Konvertit - war mal Moslem - ist er wirklich konvertiert ? Oder ist dies nur Taeuschung, um dann nach dem Wahlsieg zu sagen: April April ...

All das hindert die Vertreter dieser Strömung indes nicht, sich als antifaschistische Kraft darzustellen, indem sie sich mit dem Bekenntnis zum Liberalismus von angeblich totalitären Staatsideen der Linken und des Islam abgrenzen, und als antirassistische Kraft, indem sie beiden Feindgruppen Antisemitismus vorhalten bzw. unterstellen. So wird auch die Unterdrückung der Frauen und der Homosexuellen im Islam angeprangert, wobei man sich selbst als liberal im Sinne der Aufklärung darstellt. Hier geht die eher rechtskonservative Strömung, die sich bei PI exponiert, eine weitere merkwürdige Diskurskoalition ein, nämlich mit den ursprünglich aus dem linksextremen Spektrum stammenden sogenannten Antideutschen. Auch diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie den USA und Israel Nibelungentreue schwören und damit einhergehend dazu neigen, alles Muslimische zum Abschuss freizugeben - immer im Dienste der Aufklärung und Demokratie.

Aufklärung bzw. Liberalismus sind dabei die der eigenen Gruppe zugeschriebenen Eigenschaften, die den Anspruch auf eine wesensmäßige Überlegenheit begründen sollen. Eine Paradoxie: Man schreibt der als feindlich angesehenen kulturellen Großgruppe einen gleichsam naturgegebenen Rassismus – den Antisemitismus – zu, ohne zu merken, dass diese pauschale Zuschreibung selbst ein rassistischer Kurzschluss ist. Und während die Antideutschen vielfach durchaus ihren Adorno gelesen haben, verkommt das Bekenntnis zu Aufklärung und Liberalismus im außerakademischen Diskurs, wie man ihn bei PI findet, oft zum Lippenbekenntnis, das benutzt wird, um Islam- oder allgemein Fremdenfeindlichkeit zu legitimieren. Die empanzipativen Ziele, die scheinbar propagiert werden – Gleichberechtigung der Frauen, Akzeptanz von Homosexualität und Bekämpfung des Antisemitismus – werden ausschließlich als Kampfmittel gegen den Islam benutzt. Die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen, die sich im Westen findet und nichts mit dem Islam zu tun hat, ist für PI kein Thema.

So fühlt sich manch ein Kommentator doch nicht ganz wohl mit dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, dessen Homosexualität als Beleg dafür angeführt wird, dass in der Hauptstadt "der gesunde Menschenverstand verloren gegangen" sei, und Anlass ist, ihn als Oberbürgermeisterin zu bezeichnen. In Bezug auf den in Potsdam krankenhausreif geprügelten Deutsch-Äthiopier Ermyas M. wird konzediert: "DIE GEWALT GING VOM NEGER AUS", der wohl deshalb auch an derselben Stelle als "wildgewordener Affe" bezeichnet werden darf. Unter mehrmaligem Hinweis auf die Geschlechterapartheid im Islam argumentiert ein Beitrag, der Bau einer Moschee sei grundgesetzwidrig. Keine Erwähnung findet dabei, dass das Grundgesetz die Freiheit der Religionsausübung garantiert, was wohl zumindest in Betracht gezogen werden müsste, wenn man es gegen einen Moscheenbau ins Feld führen will. Einzelne Bestimmungen des Grundgesetzes werden herbeizitiert, wenn sie als Waffe gegen Moslems tauglich sind, aber auch nur dann.

Der Titel "Politically Incorrect" unterstellt, dass der sonstige öffentliche Diskurs von politischer Korrektheit geprägt und mithin unehrlich, verfälscht, (selbst-)zensiert sei. Betrachtet man die Kommentare auf dieser Plattform, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich bei dem, was der dort verhasste Mainstream-Diskurs unterdrückt, weniger um den Geist der Aufklärung als um fremdenfeindliche Reflexe und Ressentiments handelt, die in den Artikulationsformen à la NPD verpönt sind, aber in Gestalt eines als "proamerikanisch" ausgegebenen Kampfs um westliche Werte wieder einen ungeahnten Freilauf haben. Diese Unterdrückung von Ressentiments und ihr Ausbruch sind in stereotypen Formeln wie dem verstohlenen "Man wird ja wohl noch sagen dürfen ..." bzw. dem auffahrenden "Endlich sagt es mal einer!" ebenfalls altbekannt. Von einem gemäßigten Liberalismus aus gesehen, mag man die Inhalte von PI daher tatsächlich als politisch inkorrekt charakterisieren; von den Rechtsaußenpositionen allerdings, die dort durchscheinen, sind sie das Gegenteil: alter Extremismus in neuer, nämlich politisch korrekter Form.

Es geht nicht darum, den Antisemitismus, den Sexismus, den Totalitarismus, wie sie in islamisch geprägten Gesellschaften vorhanden sind, zu leugnen oder zu verharmlosen - eine solche Leugnung oder Verharmlosung wird auch mindestens so oft einfach unterstellt, wie sie tatsächlich versucht wird. In diesem Zusammenhang schreibt Ian Buruma:

Gewalt gegen Frauen, oder auch Männer, ist nicht tolerierbar und sollte vom Gesetz bestraft werden. Ich würde die Beschneidung von Kindern nicht verteidigen, ganz zu schweigen vom Verprügeln der Ehefrauen, egal, wie rational das begründet wird. Ehrenmorde sind Morde und müssen als solche behandelt werden. Aber das sind Fragen der Strafverfolgung. Viel verzwickter ist die Frage, wie man verhindert, dass gewalttätige Ideologien die durchschnittlichen Muslime anstecken und so die freien Gesellschaften bedrohen. Öffentliche Äußerungen wie die von Hirsi Ali, wonach der Islam generell rückständig und sein Prophet "pervers" sei, sind meiner Ansicht nach nicht hilfreich.

Die mit diesem Thema befassten Intellektuellen müssen sich gleichermaßen fragen, ob es hilfreich sein kann, pauschal Intoleranz und Konfrontation zu propagieren. Es ist äußerst zweifelhaft, ob die Geister, die man damit heraufbeschwört, geeignet sind, dem Ideal der Aufklärung einen Dienst zu erweisen - und dieser Zweifel betrifft die Geister beider Seiten.

Anmerkung: Es ist nicht auszuschließen, dass die verlinkten Kommentare bei PI nach erscheinen dieses Artikels überarbeitet werden oder verschwinden. In diesem Fall wird man selbst aussagekräftige Beispiele finden - notfalls im Blog Telegehirn

Von der aufgeklärten Intoleranz zum pauschalen Hass

Antiislamischer Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, die sich als Aufklärung verkleidet und sich ungeniert der rechten Stereotypen bedient

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24739/1.html
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