Birne vom Aussterben bedroht

06.03.2007

Ein Manifest für den Luxus am Beispiel der gemeinen Glühlampe, vom Volk schlicht Birne genannt

Geht es nach dem konzertierten Willen von Elektroindustrie und Politikern aller Parteien, dann werden in naher Zukunft kalte Leuchtmittel die heiße Birne zu 100% verdrängen. Zweifellos wird das die Welt nicht retten und die Klimaveränderung kaum aufhalten, aber ebenso zweifellos werden dadurch unsere Wohnungen in einem kälteren Schein beleuchtet werden.

Eigentlich wollte ich hier nur über Luxus am Beispiel der Diskussion über das Glühlampenverbot schreiben, insofern er dem entspricht, was der französische Denker Georges Bataille 1949 als den 'Verfemten Teil' in seinem Werk über Politische Ökonomie herausgearbeitet hat. Ich wollte also über die Gefahr sprechen, in die wir uns begeben, wenn wir blind dem herrschenden Anspruch von effizienter Energienutzung, irreführend als "Energieeinsparung" bezeichnet, folgen.

Doch das Gesetz unbedingter Effizienz beherrscht offenbar auch die Tagespresse schon in einem Ausmaß, das es notwendig macht, meinem eigentlichen Thema zwei zugegebenermaßen unqualifizierte Vorbemerkungen voranzustellen. Unqualifiziert, da ich weder Naturwissenschaftler bin, noch über intime Kenntnisse der internationalen Verflechtungen von Industrie und Politik verfüge.

Osram und die Wunderlampe

Schon 1985 wurde von der Firma Osram, einer 100%igen Tochter der Siemens AG, die Leuchtstroffröhre mit integriertem Vorschaltgerät erfunden und wird seitdem als Energiesparlampe in den Medien angepriesen. Selbstverständlich wollten wir umweltbewußten Deutschen sofort unsere Wohnungen nur noch energiesparend beleuchten und kauften die Wunderlampen. Allein: das Licht war grässlich, flackerte, war dunkler, als auf der Packung angegeben. Die kalten Leuchten funktionierten nicht zusammen mit den damals so beliebten Dimmern und da sie auch nicht so lange hielten, wie versprochen, verschwanden sie wieder aus unseren Wohnstuben. Als ich vor vielleicht zwei Jahren irgendwo las, dass bei der neuen Generation Energiesparlampen all diese Anfangsmängel längst behoben wären, kaufte ich mir wieder ein paar Stück, doch obwohl ich darauf achtete, nicht ein Modell in "coolwhite", sondern in "warmwhite" zu erwischen, war das Ergebnis insgesamt so enttäuschend, dass diese Dinger jetzt in einer Kiste im Keller liegen.

Rote Lippen soll man küssen...

Die allerneuesten Modelle sollen nun aber ganz bestimmt die Glühlampe vollwertig ersetzen. Die besseren Modelle soll man sogar ein- und ausschalten können, ohne sie zu zerstören - so dass der energiepolitische Sprecher der SPD, Hermann Scheer meint, es gebe überhaupt keinen Grund, an der Glühbirne festzuhalten: "Das ist ja geradezu gespenstisch, darüber eine Grundsatzdebatte zu führen, ob so etwas sinnvoll ist."

Auch die Stiftung Warentest, der immer noch viele Deutsche vertrauen, lobt unter dem Titel "OSRAM strahlt am hellsten Energiesparlampe in den hellsten Tönen. Man muss schon bis ganz zum Schluss lesen, um zu erfahren:

Dem Licht der Gasentladung fehlt die Rotkomponente. Rote Farbtöne wirken bräunlich und matt. Für rosarote Wohnungen sind Energiesparlampen deshalb nicht geeignet.

Aber nicht nur auf "rosarote Wohnungen", sondern überhaupt auf den Anblick roter Dinge müssen wir bald verzichten, wenn die kalte Wunderlampe zur Pflicht wird: Brauner Wein, braune Rosen und braune Lippen - wie sich das wohl auf die gesamtdeutsche Familienplanung einer Ursula von der Leyen auswirken mag, sei dahingestellt.

Über diese kleine Einschränkung berichten die meisten Tageszeitungen genauso wenig, wie meist eine verkürzte Energiebilanz aufgestellt wird und zum Beispiel regelmäßig vergessen wird zu erwähnen, dass die Energiesparlampen einen Quecksilberanteil haben und sie deshalb - weil sich viele nicht die Mühe machen und die kaputten Lampen zu einer Sammelstelle bringen - ein zusätzliches Umweltrisiko darstellen. Auch wird regelmäßig die kurze Lebensdauer der Glühbirne als unabdingbare Tatsache gewertet. Dabei könnte sie z.B. durch Spannungsabsenkung ausgeweitet werden. Eine solche Glühlampe soll in einer kalifornischen Feuerwache sogar seit 1901 immer noch brennen und mit einem handelsüblichen Dimmer kann jeder den von der Industrie nach einer Lebenszeit von etwa 1000 Stunden eingeplanten Tod der einzelnen Birne erheblich hinauszögern.

Auch im Hinblick auf die effiziente Energieausbeute wird die Wärmestrahlung der Glühlampe unhinterfragt als Verlust gewertet. Doch dazu später mehr.

Autralien und die Wunderlampe - und wunderbar harmonische Begleitmusik aus Deutschland

Australien gilt neben den Vereinigten Staaten von Amerika als Dreckschleuder der Welt. Aus diesem Land, das als einzige Industrienation neben den USA das Kyoto-Protokoll zur Reduzierung der Treibhausgase ablehnt und das, pro Kopf gemessen so viele Treibhausgase in die Luft bläst, wie kein anderes Land der Welt, berichtete die dpa, dass es als erstes Land der Welt die klassische Glühbirne verbieten will, dass es durch diese Maßnahme vier Millionen Tonnen Treibhausgase vermeiden will, dass nach Angaben des australischen Umweltministeriums "durch den Austausch der Birnen jeder seine Stromrechnung um zwei Drittel reduzieren" könne und, dass es die ganze Welt auffordere, dem australischen Beispiel zu folgen.

Auch als Laie erkennt man sofort, dass Australien hier nicht nur die internationale Aufmerksamkeit auf einen unverbindlichen Nebenschauplatz ablenken will, sondern dass die Zahlen auch völlig übertrieben sind. Der Unsinn in dem anschließenden dpa-Kommentar erschließt sich dagegen nicht beim flüchtigen Lesen: "Energiesparlampen verbrauchen bis zu 80 Prozent weniger Strom. Klassische Glühbirnen geben zudem einen Großteil der verbrauchten Energie als Wärme ab." Der erste Satz ist Unsinn, weil eine Lampe genau so viel Strom verbraucht, wie sie eben verbraucht, eine 15 Watt-Glühlampe verbraucht, bzw. leistet, genau so viel, wie eine 15 Watt-Energiesparlampe. Und der zweite Satz ist kein zusätzliches Argument, wie das "zudem" uns unterschieben will. Es ist vielmehr so, dass bei gleicher Leistung die Glühlampe einen größeren Wärmeanteil liefert, die sichtbaren (und mindestens die sind wohl erwünscht?) Rottöne inbegriffen.

Ein Verkaufsschlager soll verboten werden - und die Hersteller sind begeistert

Die öffentliche Diskussion, die in Deutschland auf diese dpa-Meldung folgt, verdient nun allerdings mindestens Seltenheitswert, wenn nicht sogar das Prädikat einmalig! Politiker aller Parteien begrüßen (bei aller Kritik an Australiens sonstiger Umweltpolitik) das Aus für die Glühlampe und: sogar die Glühlampenhersteller zeigen sich beinahe begeistert. Fangen wir bei den Politikern an: Der energiepolitische Sprecher der Grünen- Bundestagsfraktion, Hans-Josef Fell, hält für möglich, die "ineffizienten Lampen" auf gemeinsamen Weg mit den Herstellern bis 2012 vom Ladentisch verschwinden zu lassen und gibt sich kämpferisch: "Wenn das nicht klappt, wäre auch ein gesetzliches Verbot denkbar"

Die rot-scharze Koalition setzt auf den nur scheinbar gemäßigteren Weg des aus Japan stammenden 'Top-Runner-Programms': Dieses zielt auf die "hundertprozentige Durchdringung des Marktes mit der jeweils energieeffizientesten Technologie" und ist somit, wenn man nur einmal die Konsequenzen auf weniger entwickelte Industrieländer (in Deutschland werden z.B. schon heute keine Glühlampen mehr hergestellt...) oder kleinere und mittlere Unternehmen überdenkt, alles andere als eine harmlose Alternative.

Zudem ist dieses Programm nur scheinbar weniger willkürlich als ein Verbot: Ginge es allein nach Energieeffizienz, müssten z.B. auch die Gaslampen verboten werden (deren 200jähriges Bestehen wir, nebenbei gesagt, in diesem Jahr feiern könnten), die noch (nicht zuletzt wegen ihres schönen Lichts) einige Straßen in Deutschland beleuchten, deren Wärme (im Gegensatz zur Zimmerbeleuchtung) tatsächlich ungenutzt ins Freie entweicht. Und umgekehrt müsste der Elektroherd dem 'Top-Runner-Programm' zufolge weichen und eine "hundertprozentige Durchdringung des Marktes" mit der hier "energieeffizientesten Technologie", dem Gasherd, müsste angestrebt werden. Aber bleiben wir beim Licht und wechseln vom glühenden Bekenntnis der Politik zur flackernden Kaltlichtquelle zur Industrie.

Wie äußern sich also die Glühlampenhersteller? Osram stellt jährlich rund zwölf Milliarden Glühbirnen her. Doch: "Wir machen heute schon mehr Geld mit Energiespar- oder Halogenlampen", sagt Osram-Sprecherin Pfeiffer. Philips begrüßt den Vorstoß aus Australien und auch der Elektroverband ZVEI kommentiert das australische Glühlampenverbot nur positiv: "Die Tendenz bei uns ist, dem Beispiel des Landes zu folgen."

Bei so viel 'Zustimmung' seitens der Industrie zu einem politischen Programm drängt sich der Verdacht nahezu auf, ob es nicht vielmehr umgekehrt sein könnte: Die global herrschende Industrie will ein Glühlampenverbot, weil es ihr bisher nicht gelungen ist, das Kaufverhalten in ihrem Sinne zu beeinflussen und die Politik folgt willfährig diesem Anliegen.

Als Experte für die Berechnung der mit einem Glühlampenverbot zu erzielenden 'Energieeinsparung' wird immer wieder auch die Deutsche Energieagentur (Dena) genannt. Nach deren eigenen Angaben "initiiert, koordiniert und realisiert die Dena innovative Projekte und Kampagnen auf nationaler und internationaler Ebene". Und sie finanziert ihre Projekte in erster Linie durch Public Private Partnership (PPP), also durch öffentlich-private Partnerschaften." Zu ihren Projektpartnern zählt dabei Siemens genau so wie verschiedene Energiekonzerne. Und im Jahr 2003 hat sie z.B. auf der Hannovermesse eine Exportbörse initiiert, an der auch "Multiplikatoren aus [...]Australien" teilnahmen.

Telepolis fragte nach, ob die Dena irgendetwas mit der australischen Initiative zu tun hat - und die Dena dementiert prompt:

Wir hatten keinen Kontakt zur australischen Regierung und auch eine Einflussnahme ist uns nicht bekannt. Alles was wir über das Thema wissen, stammt aus den Medien

So die Pressesprecherin Stella Matsoukas gegenüber Telepolis. Wir haben natürlich keinen Grund, an dieser Angabe zu zweifeln, aber fragen darf man ja mal...

Der 'Verfemte Teil' oder: Warum Luxus kein 'Luxus' ist

Nach diesen Vorbemerkungen zur Technik und zu den internationalen Schaltkreisen der technischen Mächte, komme ich endlich zum Luxus. Als ein Luxus, den man sich nicht leisten kann, erscheint es ja, wenn man angesichts der Klimakatastrophe und fortschreitenden Umweltzerstörung die Philosophie bemüht, statt allein auf die handfeste Wissenschaft zu setzen. "Wenn ein Haus brennt, fragt man nicht zuerst, wer den Brand verschuldet hat, sondern löscht ihn", hat selbst der Philosoph Nietzsche einmal gesagt - und so sollten wir doch endlich umsetzen, was unmittelbar einleuchtet: Energie sparen.

Folgen wir dem Denken Batailles, so könnte es sein, dass wir schon seit Jahrzehnten den Brand nicht löschen, sondern vielmehr bedenkenlos Öl ins Feuer gießen. Und vielleicht - womit wir uns Nietzsches Satz anschließen könnten - ist es gerade die Schuldfrage, die uns zu diesem bedenkenlosen Nachplappern des Glaubensbekenntnisses der Energieeffizienz zwingt.

Gerade meine Generation der Nach-Achtundsechziger hatte ein Problem: Wir konnten unseren Eltern nicht einfach die Schuld am Nazideutschland geben - dafür waren sie zu jung. Wir stellten also weniger Fragen in der Art "Wie konnten unsere Väter das tun?", sondern verschworen uns darauf, "es besser zu machen", so dass uns später unsere Kinder nicht vorhalten könnten: "Warum habt ihr denn nichts dagegen unternommen?" Statt der Abrechnung mit den Vätern wählten wir also das Projekt "Keine Schuld für niemand", besser bekannt als "Keine Macht für niemand"... und wurden Spontis. Unsere beiden zentralen Ansprüche "Atomkraft - Nein Danke!" und "Kein Krieg für Öl" zwangen uns aus genannten Gründen zu persönlicher Schuldübernahme: Wir müssen Energie sparen. Der umweltbewusste Deutsche und DIE GRÜNEN waren also aus der Taufe gehoben.

Wären wir nicht so in Schuld verstrickt gewesen, dann hätten wir vielleicht schon früher erkennen können, dass wir mit der Idee des Energiesparens und besonders dem Anspruch der Energieeffizienz dem Geist des Kapitalismus nichts entgegensetzten, sondern ihm vielmehr dienten! Doch im Gegensatz zu den etwas älteren 68ern traten wir nicht (psychologisch gesprochen: der Projektion verfallen), den "Gang durch die Institutionen" an, um den Alten, den Tätern, die Macht abzujagen, sondern suchten Heilung eher in der Introspektion, dem "Gang durch unser Innenleben" und kümmerten uns ansonsten um den Erwerb von 'Energiesparlampen' und um Mülltrennung.

So hatten wir keine Ohren für den 'Verfemten Teil', den Bataille schon 1949 geschrieben hatte und in dem er zeigt, "dass die Energie letztlich nur vergeudet werden kann", dass Verschwendung und nicht Knappheit das unhintergehbare Prinzip der allgemeinen Ökonomie ist und wir bestenfalls die Wahl haben, die überschüssige Energie in berauschenden Festen oder in katastrophalen Kriegen zu verausgaben.

Haben wir heute diese Ohren? Schon die einfache Erkenntnis, dass eine von mir eingesparte Energie nicht bedeutet, dass sie ungenutzt auf unsere Kinder wartet, "von denen wir diese Erde nur geborgt haben", und dass diese Erkenntnis selbst dann und sogar gerade dann gilt, wenn Millionen Menschen handeln wie ich, überfordert uns moralisch. Die Überlegung, dass die Anderen, die Reichen, die aufstrebenden, rückständigen Staaten unsere eingesparte Energie verschwenden könnten, versetzt uns nicht in Feierlaune, sondern macht uns böse.

Recht angenehm klingt da noch das Wort von William Blake in unseren Ohren: "Energy is eternal delight." Doch wie fremd klingt dagegen Nietzsche, wenn er sagt:

Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern [...] Wille zur Macht!

Wir können das Wort 'Macht' getrost als 'Luxus' oder 'Energieverschwendung' oder 'Fest' verstehen, ohne Nietzsche damit zu vergewaltigen. Doch wie haben wir ihn verstanden? Wir haben ihn umgefälscht zur Anbetung von Effizienz.

Wir führen heute mehr denn je ein Leben, das keine Verschwendung, keinen Spiel-Raum duldet. Leben, so scheint es, ist Wille zur Effizienz. Und so rätseln wir noch immer, ob denn nun das Leben für die Arbeit oder die Arbeit für das Leben da sei. Dabei ist, wo sich diese Frage überhaupt stellen kann, ein wesentlicher Effekt schon zuvor fabriziert worden: nämlich, dass wir zuvor der Arbeit das Leben und dem Leben die Arbeit entzogen haben und wir dadurch sowohl zu effizienter Arbeit, als auch zu effizienter Freizeit verurteilt sind.

Blakes Wort "Energie ist ewiges Entzücken" klingt dann vielleicht noch ganz hübsch für ein Flanieren zwischen Leuchtreklamen. Nietzsches "Leben ist Wille zur Macht" ordnen wir dem Bösen der Produktion, der entfremdeten Arbeit zu. Dabei sagen beide Sätze das Gleiche. Und auch Batailles Theorie der Verschwendung als 'Verfemten Teil' sagt das Gleiche. Gerd Bergfleth, Herausgeber und Übersetzer von Bataille, ist meiner Bitte auf Stellungnahme zum geplanten Birnentod gefolgt. Geradezu als Symbol zum Verständnis von Batailles Ökonomie liest es sich, wenn er schreibt, die Glühlampe mache

... uns plausibel, dass wir selber ein Sonnenstrahl sind und nur dazu auf der Welt, um uns grundlos wie die Sonne zu verzehren. Dagegen die Energiesparlampe: kalt, augenschmerzend grell..."

Werdet ihr also die Sonne feiern, ihr Deutschen, wenigstens dieses eine Mal jenseits vom Ballermann, oder lässt sie euch kalt, diese Sonne? Werden wir bald in den Nachrichten von Hamsterkäufen erfahren, von einem Engpass an Glühlampen? Dies wäre einmal ein luxuriöses Licht, in dem ich gerade meine Generation gerne sehen würde, die es immer noch nicht geschafft hat, die Kernkraftwerke abzuschaffen, und die zuließ, dass ihr größtes Motto "Nie wieder Krieg" ausgerechnet von ihrem größten Hoffnungsträger, von Joschka Fischer, verraten werden durfte?

Man muss sich nur an die Einführung der CD erinnern. Wurde uns nicht versprochen, sie würde viel haltbarer sein als die gute alte Schallplatte, unempfindlich gegen Kratzer? Ich erinnere mich an Fernsehbilder, in denen (nicht in der Werbung, sondern in "Informationssendungen" der öffentlichen Sender) die CDs, mit Schmutz verschmiert, in die Waschmaschine gesteckt und mit Isolierband beklebt, abgespielt wurden und uns danach noch den reinsten Ton vorspielten. Wir hatten ihnen geglaubt...

Und die digitale CD, als Verbesserung der analogen Schallplatte, hat mit dem Ersatz der Glühlampe durch die Leuchtstofflampe mehr zu tun, als man vielleicht meint: Um das zu beleuchten, muss ich kurz Ludwig Klages zitieren und zwar seine Schrift "Vom Wesen des Rhythmus". Er unterscheidet hier Takt vom Rhythmus. Takt, das ist ihm, was uns heute der Wechsel von 1 und 0 ist, die gleichmäßige binäre Einteilung der Dinge, während Rhythmus das stetige Fließen beschreibt, das Analoge, wenn man so will. In seiner Schrift beklagt er die wesentliche Lebensfeindlichkeit des Taktes und beschreibt andererseits die Feier des Lebens im Rhythmus. Nun: Bei der Glühlampe lässt sich noch von einer Befeuerung reden, sie ist ja noch eine der Sonne oder der Kerze analoge Erscheinung. Dagegen kann man bei der Leuchtstoffröhre nicht mehr von einem Feuer reden, das uns glüht. Wir nehmen zwar noch ein ununterbrochenes Leuchten wahr (jedenfalls soll es inzwischen bei den teuren Modellen so sein), aber wir werden im Fall der 'Energiesparlampe' mit Gasentladungen in hoher Frequenz bombardiert. Und so, wie es nach Klages für das Erlebnis keine Rolle spielt, ob wir den digitalen Takt überhaupt noch bewusst hören und vom stetigen ("analogen") Rhythmus unterscheiden können, gilt auch für die Energiesparlampe, dass ihr flackerndes Bombardement, wenn es auch zu schnellstem Takt angetrieben würde, niemals das stetige Licht eines glühenden Körpers mehr als nur simulieren könnte. Die Energiesparlampe verwandelt das derart beleuchtete Wohnen in etwas, das man dann selbst als Wohn-Simulation bezeichnen muss.

Wenn wir also überhaupt noch das Erlebnis der Simulation (die jedenfalls immer die Sicherheit auf ihrer Seite hat) vorzuziehen die Macht haben wollen, dann müssen wir uns vielleicht gerade jetzt jedem romantischen Gefühl verwehren, wie es in solchen oder solchen Zeitungsartikeln zum Ausdruck kommt, die schon das Ende der Glühlampe beweinen, als handele es sich hier um eine Art der Götterdämmerung.

Feiern wir also unser Lichterfest. Und nur um es denen, die noch nie etwas vom Feiern verstanden haben, wenigstens gesagt zu haben: Jede Feier, jeder Luxus gelingt nur im Rhythmus mit der Askese, dem Opfer, das allerdings nichts mit christlicher Lebensverneinung gemein hat. Schaffen wir also Lichtinseln, die uns auch die Schönheit der Dunkelheit bewahren, und setzen diesen Rhythmus dem Takt der kalten Vernunft entgegen. Und schließlich: Es geht nur um eine Glühlampe. Sie ist nicht teuer. Wir können einen Vorrat anlegen. Wir müssen uns also vor dem Dunklen nicht fürchten.

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