Gott und die Klimaerwärmung

06.03.2007

Konservative Christen in den USA sehen in der Diskussion um Klimaerwärmung eine "linke" Ablenkung von den wichtigen Themen, aber auch bei den Evangelikalen ist einiges in Bewegung geraten

Fundamentalistische Christen in den USA zeichnen sich auch dadurch aus, dass für sie Klimaerwärmung keine wirkliche Bedrohung darstellt. Gott hat die Welt und das Leben in ihr bis hin zum Menschen mehr oder weniger vollendet geschaffen, weswegen größere evolutionäre Veränderungen oder katastrophale Zufälle im Plan der göttlichen Vorhersehung keine Rolle spielen. Es wäre schon ein Frevel aus dieser Sicht, wenn man es für möglich hält, dass Gott die für den Menschen geschaffene Welt durch deren eigene Aktivitäten über eine Klimaerwärmung gefährden lassen könnte. Also haben in der gegenwärtigen Aufregung nach dem UN-Klimabericht mehrere konservative christliche Gruppen einen Brief an ihre Kollegen von der National Association of Evangelicals (NAE) geschickt, um diese aufzufordern, nicht mehr über die Klimaerwärmung die eigentlich wichtigen christlichen Themen zu verdrängen.

Unter den konservativen Christen in den USA herrscht Uneinigkeit. Bislang konnten sie gegen die "Liberalen" ihre Themen in den Vordergrund spielen und die Klimaerwärmung weitgehend als Unsinn abtun. Ihr Einfluss reichte bis ins Weiße Haus hinein, so dass die US-Regierung lange bestritt, dass die Klimaerwärmung etwas mit den Menschen zu tun haben könnte. Man gab sich "wissenschaftlich", um die Inaktivität beibehalten zu können, förderte neue Technologien, um die Wirtschaft nicht zu gefährden und nichts verändern zu müssen, weigerte sich, internationale Klimaschutzabkommen wie dem Kyoto-Abkommen beizutreten, und sorgte sich geopolitisch, genügend Ölressourcen im Nahen Osten, Kaukasus oder in Alaska sicherzustellen. Schon unverbindliche Absichten wie in der letzten State of the Union-Rede, den Energieverbrauch reduzieren zu wollen, stoßen bei der konservativen Wählerschaft auf Ablehnung.

Erst vor wenigen Tagen hatte US-Vizepräsident Cheney noch einmal die Ignoranz der US-Regierung gegenüber diesem Thema in einem Interview deutlich gemacht. Weiterhin will er "wissenschaftlich" argumentieren, dass man letztlich den Grund für die Klimaerwärmung nicht kenne, räumte aber immerhin ein, dass es für die nächsten Jahre ein Thema sein werde. Die USA hätten, so Cheney, sowieso besser als die meisten Kioto-Mitgliedsstaaten Treibhausgase reduziert. Jetzt müsse man eher auf Atomenergie setzen.

Ein von der US-Regierung in Auftrag gegebener und seit einem Jahr zurückgehaltener Bericht für die Vereinten Nationen prognostiziert, dass der Ausstoß von Treibhausgasen in den nächsten zehn Jahren nach der bislang verfolgten US-Klimapolitik etwa im selben Maße wachsen wird wie im letzten Jahrzehnt. Nach Angaben der New York Times beträgt der Zuwachs anstatt um 11,6 Prozent wie im letzten Jahrzehnt in Zukunft 11 Prozent. Jetzt schon sind die USA für ein Viertel der weltweiten Abgabe von Treibhausgasen in die Atmosphäre verantwortlich. 2020 würde nach dem Bericht der Ausstoß von 7,7 Milliarden Tonnen im Jahr 2000 auf 9,2 Milliarden Tonnen um fast mehr als 20 Prozent steigen Die Bush-Regierung will das als Erfolg verkaufen. Formelhaft zieht sich die Bush-Regierung wie die christlichen Fundamentalisten dabei ausgerechnet auf die Wissenschaft zurück. Man werde erst dann mehr als nur eine (kleine) Reduktion der Zunahme des Ausstoßes vornehmen, wenn dies wissenschaftlich gerechtfertigt sei.

Die vor allem aus dem "Macht Euch die Erde untertan" abgeleitete Indifferenz christlicher Fundamentalisten, vor allem Evangelikalen aus den USA, gegenüber dem Umwelt-, Arten und Klimaschutz scheint allmählich aufzubrechen. So wurde 2006 von vielen Evangelikalen die Evangelical Climate Initiative gegründet, die zum Handeln auffordert, weil die Klimaerwärmung ein ernsthaftes und von von Menschen verursachtes Problem sei. Schon seit der Jahren tritt auch der "grüne Reverend" Richard Cizik als Vizepräsident für Regierungsangelegenheiten der NAE, für den Umweltschutz als Bewahrung von Gottes Schöpfung ein.

Kampf gegen Abtreibung und Homosexualität und für Familie und Abstinenz vor der Ehe

Im Januar 2006 konnten einige konservative Organisationen wie die American Family Association, Focus on the Family, Coalitions for America, American Values, Focus on the Family, Center for Reclaiming America oder Vision America etwa noch den Druck ausüben, dass die NAE zumindest keine Position zum Klimaschutz bezieht, doch Mitte Januar kam es zu einem Treffen von Wissenschaftlern und führenden Evangelikalen, nach dem diese erstmals in einem gemeinsamen dringenden Appell zum Schutz der Umwelt aufriefen, die durch die Menschen bedroht werde. Angesprochen wurden Klimawandel, Umweltverschmutzung oder Artensterben. In einem Brief, der US-Präsident Bush und andere Politiker geschickt wurde, wird ein "fundamentaler Wandel der Werte, Lebensstile und der Politik gefordert, um die schlimmer werdenden Probleme zu lösen, bevor es zu spät ist." So weitermachen, dürfe keinen einzigen Tag mehr fortgesetzt werden.

Das gefällt den Fundamentalisten nicht, die ihre Kritik insbesondere gegen den grünen Cizik richten, den sie zum Rücktritt auffordern, aber auch fürchten, dass das Thema, besetzt von den "Liberalen" und "Linken", ihren Einfluss gefährden könnte. Ähnlich wie das Weiße Haus greifen sie auf die Wissenschaft zurück, um zu erklären, dass man theologisch die Frage, ob die Klimaerwärmung von Menschen oder natürlich verursacht wird, nicht beantworten könne. Da haben sie natürlich recht, doch die Konsequenz ist, dass die Cizik und andere lediglich kritisieren, sie würden einen stärkeren Umweltschutz fordern, um die Aufmerksamkeit von den "großen moralischen Themen unserer Zeit" abzulenken. Die haben nichts mit globaler Erwärmung oder der Erhaltung der ökologischen Lebensgrundlagen zu tun, sondern mit der "Heiligkeit des menschlichen Lebens, der Unversehrtheit der Ehe und der Lehre der Abstinenz und Moralität für die Kinder". Es geht also den fundamentalistischen Christen – offenbar auch um den Preis des Untergangs – um das Verbot der Abtreibung, die Bekämpfung der Homosexualität und der vorehelichen Sexualität sowie dem Erhalt der Familie.

Als Vorwurf wird so auch erhoben, dass Cizik 2006 während einer Rede vor der Weltbank das Thema der Bevölkerungskontrolle angesprochen habe. Das, so habe er gesagt, sei ein Thema, das anzusprechen noch gefährlicher sei als die Klimaerwärmung. Erzürnt entgegen die Unterzeichner des Briefs, ohne natürlich auf das Thema einzugehen: "Wir fragen, wie eine Bevölkerungskontrolle erreicht werden kann, wenn man nicht Abtreibung, die Verteilung von Kondomen an die Jungen und selbst die Kindestötung in China und anderswo propagiert?"

Für die fundamentalistischen Christen ist die von Menschen verursachte Klimaerwärmung bestenfalls ein Mythos, womöglich auch ein Zeichen für das Ende der Welt, aber nichts, was auf die Menschen zurückfällt, so dass sie zum Handeln aufgefordert wären. So fürchtet etwa der konservative Prediger Jerry Falwell, dass das von Liberalen besetzte Thema der Religion, wie er sie vertritt, gefährlich werden könnte. Ähnlich wie bei der Evolutionstheorie berufen sich die Fundamentalisten auf eine Ansicht von der Wissenschaft, nach der sie nicht definitiv die letzte Wahrheit eruieren könne, was dann so umgewendet wird, dass von der Mehrzahl der Wissenschaftler vertretenen Erkenntnisse nicht glaubwürdig seien und der Theologe, Gott näher stehend, doch mehr weiß. Daher müsse man den "Hokuspokus der globalen Erwärmung", mit dem man nur Zeit verschwendet, beiseite stellen und alle Aufmerksamkeit auf die wirklich wichtigen himmlischen Dinge richten.

The problem is that global warming has become a trendy issue of limousine liberals and Hollywood elitists, and the media is promoting it as virtual, if not substantive, fact.

National Review Editor Rich Lowry recently reported: "Shock tactics inevitably mean simplifying in an area of unimaginable complexity. No one knows how to create a reliable model of the planet’s climate, and inconvenient anomalies muddy the story line of the warming zealots. From 1940 to 1975, the global temperature fell even as CO2 emissions rose. Since 2001, global temperatures have only gone up a statistically insignificant 0.03 degrees Celsius. And in recent years, the oceans have actually gotten cooler."

In other words, there’s no need to panic.

Further, there’s no need for the Church of Jesus Christ to be wasting its time gullibly falling for all of this global warming hocus pocus. We need to give our total focus to the business of reaching this world with the Gospel of Jesus Christ and stop running down meaningless rabbit trails that get our focus off of our heavenly purpose.

Jerry Falwell
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