Argentinien bereitet sich auf Krieg ums Wasser vor

08.03.2007

Die neue Militärdoktrin der Streitkräfte geht von einem möglichen Krieg um die natürlichen Ressourcen aus

Gerne wird von möglichen Kriegen ums Wasser gesprochen, die in der Zukunft drohten. Als Schauplatz wird meist der Nahe oder Mittlere Osten genannt. Doch ein Krieg um das Wasser könnte auch im wasserreichen Südamerika ausbrechen, in dem einer der weltweit größten natürlichen Süßwasserspeicher liegt. Das befürchten die Militärs in Argentinien und bereiten sich auf einen bewaffneten Konflikt um die "natürlichen Ressourcen" vor. Im Krieg ums Wasser sehen sie für die Zukunft die größte Gefahr für das Land, weshalb die Streitkräfte auf eine neue Militärdoktrin ausgerichtet werden, der einen Guerillakrieg gegen einen überlegenen Invasor einschließt.

Schon 1985 sprach der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros Ghali von der Möglichkeit, dass bald auch Kriege um Wasser geführt werden könnten. Seit einigen Jahren taucht die Frage immer öfter auf. Konkrete Vorbereitungen dafür werden nun in einer Region getroffen, von der man das wegen seiner großen Süßwasserreserven kaum erwarten würde. Seit 2005 fragt die große argentinische Tageszeitung Clarín, ob eine ausländische Macht dem Land die Wasserreserven kriegerisch streitig machen könnte.

Gemeint ist das natürliche unterirdische Reservoir Guaraní (Acuífero Guaraní. Es gilt als drittgrößtes unterirdisches Wasserreservoir weltweit, das eine Fläche von 1.200.000 Quadratkilometern einnimmt und damit größer ist als Frankreich, Spanien und Portugal zusammen. Geschätzt wird, dass dort die unvorstellbare Menge von 55.000 Kubikkilometer Wasser gespeichert ist. Ein Kubikkilometer sind eine Milliarde Kubikmeter. 70 % davon gehören zu Brasilien, 19 % zu Argentinien, 6 % zu Paraguay und 5 % zu Uruguay. Allerdings ist die Ausdehnung des gesamten Gebiets noch nicht vollständig untersucht. Vor allem könnte es sich in Argentinien westlich noch bis weit in die Provinz Cordoba erstrecken und noch weiter in den Süden als bisher bekannt ist.

Als Ende 2005 Argentinien mit Nilda Garré eine neue Verteidigungsministerin erhielt, wurde auch eine neue Verteidigungsdoktrin ausgearbeitet. Davon berichtete kürzlich Daniel Gallo, Spezialist für Militärpolitik, in der Tageszeitung La Nation unter dem Titel Die Streitkräfte werden auf die Verteidigung der natürlichen Ressourcen vorbereitet. Gallo berichtete, die neue Doktrin hätte den Titel: "Krieg um die Ressourcen".

Diese neue Doktrin, deren Existenz von offizieller Seite nicht dementiert wurde, analysiert die möglichen Bedrohungen für Argentinien bis ins Jahr 2025. Erklärt wird: "Die Möglichkeit für einen Konflikt zwischen Staaten wegen dem Besitz von natürlichen Ressourcen ist sehr wahrscheinlich." Damit meinen die Militärs aber keine Ölvorkommen, sondern heben als möglichen Kriegsgrund das Wasserreservoir Guaraní hervor. Ihm schreiben sie die größte Wahrscheinlichkeit zu, dass Argentinien in einen kriegerischen Konflikt verwickelt wird: "Das wird der Typ eines Konflikts sein, dem wir ausgesetzt sein können", zitiert die Zeitung einen namentlich nicht benannten General. Der habe auch erklärt, dass es sich diesmal um ein eigenes Konzept handele und "nicht um eine Kopie einer Doktrin eines anderen Landes wie früher".

Damit einher geht nun die Reorganisation der Streitkräfte. Der Bericht gibt der Verlegung von Truppenverbänden einen Sinn, von denen seit einiger Zeit auch das Lokalradio FM Curuzú berichtet. Offiziell bestätigt ist, dass das 2. Armeekorps seinen Sitz aus Rosario, in der Zentralregion im Osten des Landes, nach Curuzú Cuatiá in die Provinz Corrientes im Norden verlegt. Vorgesehen sei die Verlegung von zwei weiteren Einheiten, die bisher in der Nähe der Hauptstadt Buenos Aires und in Cordoba stationiert sind. Sie sollen nach Comodoro Rivadavia und San Luis kommen. Ihre Aufgabe sei es auch, eine Zivilverteidigung unter Einbeziehung von Reservisten aufzubauen.

Das hat mit der Tatsache zu tun, dass die Militärs von einem Angriff eines Gegners ausgehen, der stärker ist, mit besserer Technologie ausgerüstet ist, mehr Truppen zur Verfügung hat und über eine höhere Feuerkraft verfügt. Es müssten Strukturen geschaffen werden, "um die Nation gegen einen konventionell stärkeren Feind zu verteidigen". Die Militärs in Argentinien beziehen also die Erfahrungen der USA im Irak und in Vietnam in ihre Planungen ein.

Zur Verteidigung wird auch auf das Mittel eines Guerillakriegs zurückgegriffen, um in einem ausgedehnten, schwer zu kontrollierenden Gebiet einen überlegenen Invasor besiegen zu können. "Dynamische Operationen, ohne Frontlinien" müssten mit kleinen Einheiten durchführbar sein. Die sollen in der Lage sein, lokal die nötigen Ressourcen zu organisieren. "Es wird notwendig sein, in Friedenszeiten alle Aspekte der Koordination und Integration zwischen den Streitkräften und der lokalen Bevölkerung vorherzusehen, um sich mit höherer Effizienz dem Feind zu widersetzen."

Strategie zur Selbsterhaltung des Militärs?

Dass es sich bei dem Invasor um die USA, mit ihrem enormen Durst an Wasser und anderen Ressourcen handeln könnte, wird angedeutet. Gern wird in der Wasserfrage in Argentinien auch der Mexikaner Gian Carlo Delgado zitiert. Er hat sich in dem Buch "Wasser und nationale Sicherheit" (Agua y Seguridad Nacional) ausgiebig mit der Frage am Beispiel der USA und Mexiko beschäftigt. Er weist aber auch auf die globale Bedeutung der Wasserfrage hin und analysiert sie im Rahmen der Privatisierung des Wasserhandels. Die argentinischen Militärs schließen als möglichen Aggressor auch ein multinationales Unternehmen nicht aus, denn die Bedeutung von Wasser als Ware auf dem Weltmarkt wächst ständig. Das Wirtschaftsmagazin Fortune schrieb schon im Mai 2000, "Wasser wird für das 21. Jahrhundert, was Erdöl für das 20. Jahrhundert war."

Allerdings wird in Argentinien auch darüber diskutiert, ob sich hinter der neuen Militärdoktrin nicht eine Strategie verbirgt, mit der die Militärs ihr Dasein begründen wollen. Über die Frage, ob das Land überhaupt das Militär braucht, wird seit langem diskutiert. In einem Editorial machte La Nation am Montag sein Meinung in dessen Titel deutlich: Die absurde Konflikthypothese. Es bestünden Zweifel, ob sich hinter dem Schwenk nicht eine Reaktion darauf verbirgt, dass Mitglieder der Regierung Kirchner "eine klare antimilitaristische Haltung einnehmen", schreibt die Zeitung. Die blutige Militärdiktatur hat ohnehin dafür gesorgt, dass im Land an der Legitimität des Militärs gezweifelt wird. Unter der ersten demokratisch gewählten Regierung nach der Militärdiktatur hatte Argentinien 1983 noch 53 Generäle, 6.500 Offiziere, 26.000 Unteroffiziere und 45.000 einfache Soldaten. Heute sind es noch 32 Generäle, 4.500 Offiziere, 17.000 Unteroffiziere, die 16.000 Soldaten befehligen und die allgemeine Wehrpflicht wurde abgeschafft, worin sich die abnehmende Bedeutung des Militärs deutlich manifestiert.

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