Der Anti-Gore

07.03.2007

Eine Dokumentation über die Häretiker des Klimacredos

Am Donnerstag den 8. März um 22 Uhr MEZ läuft auf dem britischen Sender Channel 4 (und möglicherweise kurz darauf bei YouTube) der Dokumentarfilm "The Great Global Warming Swindle" von Martin Durkin, der bereits im Vorfeld für viel Aufsehen sorgte.

Durkins Ausgangsthese: Die Theorie von der vom Menschen durch CO2-Ausstoß erzeugten globalen Erwärmung hat sich zu einem derart mächtigen Dogma entwickelt, dass andere Erklärungen in den Medien nicht mehr ausreichend zur Sprache kommen. Das trifft allerdings für Großbritannien viel weniger zu als für Deutschland: Dort drucken unter anderem die Daily Mail und der Telegraph regelmäßig Artikel von Zweiflern am herrschenden Klimacredo. Sogar der Independent, der sich den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben hat, hält sich mit Dominic Lawson einen explizit skeptischen Kolumnisten. In Kanada brachte die National Post eine ganze Serie, in der die Argumente dieser Wissenschaftler ausführlich vorgestellt wurden.

Die Skeptiker zweifeln weniger die empirischen Befunde an als die Analysen, die daraus gezogen werden. Lord Lawson etwa bestätigt, dass das 20. Jahrhundert wärmer endete als es anfing, verweist aber auf mittelalterliche Wärmeperioden, für die es keine genauen Temperaturmessungen- und -aufzeichnungen gibt. Allerdings lässt Lawson außen vor, dass die mittelalterliche Wärmeperiode ein auf die vom Golfstrom berührten Gebiete beschränktes Phänomen gewesen sein könnte: Bohrungen im Polareis deuten auf keine entsprechende Wärmeperiode in anderen Erdgegenden hin.

Bohrungsexegese

Doch genau diese Bohrungen liefern auch den Skeptikern ein wichtiges Argument: Im Polareis gab es eingeschlossene Gasblasen, die darauf hindeuten, dass es in vergangenen Epochen Temperaturanstiege gab, die einer Erhöhung des CO2-Gehalts in der Luft nicht nach-, sondern vorausgingen. Daraus ziehen Skeptiker den Schluss, dass auch dieses Mal die CO2-Erhöhung Folge und nicht Ursache der Erwärmung sein könnte. Als wahrscheinliche Ursache sehen sie die eine erhöhte Aktivität der Sonne an.

Tatsächlich fand man in den letzten Jahren Anhaltspunkte für immer mehr und immer größere Zyklen von Erwärmung und Abkühlung, und es ist durchaus möglich bis wahrscheinlich, dass es bisher unentdeckte Klimazyklen gibt. Allerdings entkräftet das die zahlreichen anderen Argumente für einen maßgeblichen Anteil des CO2-Ausstoßes an der derzeitigen Erwärmung nur bedingt.

Was in der öffentlichen Debatte tatsächlich kaum zur Sprache kommt, sind Alternativvorschläge, die eine rechtzeitige und ausreichende Verringerung des CO2-Ausstoßes für unrealistisch halten und stattdessen auf bauliche Maßnahmen wie die Vorbereitung von Umsiedlungen und Fonds für die Verteilung der Lasten setzen. Die Fixierung auf die CO2-Reduzierung lässt die Frage außer Acht, ob das Ziel überhaupt realistisch erreichbar ist. Manch Einwohner eines Schwellenlandes wird lieber eine Umsiedlung aufgrund des Klimawandels in Kauf nehmen, als dass er im Stadium der Unterentwicklung verharrt. Setzt man aber Ausstoßquoten für CO2 eventuell sogar mit militärischer Gewalt durch, dann zwingt man möglicherweise zahlreiche Menschen dazu, in ihrer Armut zu verharren.

Diese auch von Durkin vertretene Argumentation lässt allerdings unberücksichtigt, dass ein Junktim zwischen der Entwicklung und dem Verbrauch fossiler Energien nicht unbedingt gegeben sein muss. Galt Evolutionstheoretikern wie Leslie Alvin White im letzten Jahrhundert noch der Energieausstoß als zuverlässiger Gradmesser der Entwicklung, so gibt es heute Theorien wie Bruce Sterlings Viridianismus oder die Nachhaltigkeitstheorie des Wirtschaftswissenschaftlers Franz-Josef Rademacher, die mit der Digitalisierung eine Schwelle überschritten sehen, die den Energieverbrauch bei weiterer technologischer Entwicklung sogar potentiell sinken lassen könnte. Ob und wie zutreffend solche Spekulationen sind, muss sich allerdings erst noch zeigen.

Antigrüne Trotzkisten

Kritik an der Klimadebatte ist auch eine domäne christlicher Fundamentalisten. Anders bei Durkin. Der hatte bereits 1997 mit seiner Firma "Kugelblitz" für Channel 4 die Serie "Against Nature" produziert, in der er Umweltschützer als irrationale Feinde der Wissenschaft darstellte, deren Glauben für die Armut und den Tod von Millionen Menschen mitverantwortlich ist.

In "Against Nature" ließ Durkin unter anderem Frank Furedi, John Gillott und Juliet Tizzard ausführlich zu Wort kommen, und folgte in seiner Argumentation der Parteilinie der "Revolutionary Communist Party" (RCP). Die Geschichte dieser Partei und der aus ihr hervorgegangenen Organe liest sich teilweise wie ein Buch von Ken McLeod. In den 1970er Jahren spaltete sie sich von der 4. Internationale ab und hob zunehmend die Bedeutung des Kampfes zwischen jenen, welche die Natur vergöttern, und jenen, die an ihre Beherrschbarkeit glauben, hervor. Neben der Umweltbewegung wurde auch die "Opferkultur" und die "Kultur der Sicherheit" als fortschrittsfeindlich kritisiert.

Während in den USA ehemalige Trotzkisten die Speerspitze der neokonservativen Interventionspolitik bildeten, fuhr die RCP-Monatszeitschrift "Living Marxism" (LM) eine streng anti-interventionistische Linie. Ihre Positionen zu den Geschehnissen in Ruanda und dem ehemaligen Jugoslawien brachte die britische Presse dazu, die Gruppe nicht mehr als Kommunisten, sondern als "Controversialists" zu bezeichnen. Die Ablehnung von Fortschrittshemmnissen führte die Gruppe um Furedi zunehmend in die Nähe libertärer Ideologie. So setzte sich LM unter anderem für das Recht auf Holocaustleugnung, gegen Südafrika-Sanktionen, gegen Gewerkschaftskampagnen, für höhere Löhne und für die Kürzung öffentlicher Ausgaben ein.

Diese Entwicklung führte dazu, dass sogar potentiell fortschrittshemmende Entwicklungen verteidigt wurden, bis Frank Furedi im Wall Street Journal schließlich sogar Monsantos Monopolansprüche rechtfertigte. Durkin folgte auch dieser Linie. 2000 erregte er Aufsehen mit der Pro-Gentechnik-Dokumentation "Modified Truth: The Rise and Fall of GM". Weil diese allerdings nicht nur den Fortschritt als Mittel gegen den Hunger lobte, sondern in Fragen der Monopolisierung via "geistigen Eigentums" auffällig unkritisch war, handelte sich der Filmproduzent mit ihr auch eine Protestbriefaktion von Wissenschaftlern aus der Dritten Welt ein.

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