"Man muss sich wie ein Teleskop in den leeren Raum hinein richten …"

07.03.2007

Jean Baudrillard, ein radikaler und provozierender Denker, der sich selbst gelegentlich als "theoretischen Terroristen" bezeichnete, ist gestern im Alter von 77 Jahren gestorben.

Baudrillard war persönlich ein liebenswürdiger, bescheidener und angenehmer Mensch ohne Dünkel, auch wenn er weltweit bekannt war und manche seiner Gedanken großen Einfluss ausübten. Baudrillard, einst Deutschlehrer, der Brecht, Marx oder Peter Weiss ins Französische übersetzte, war Assistent bei Henri Lévèbvre und hat sich wie dieser keiner Richtung wirklich zugeordnet. Auch den akademischen Institutionen mochte er sich nicht anpassen, sie interessierten ihn einfach ebenso wenig wie die in ihnen aufgeführten Rituale nicht. So kam es denn auch, dass Baudrillard erst mit 58 Jahren mit der Schrift "L'autre par lui mem" habilitierte, in der er seinen eigenen Denkweg nachvollzog.

Treu geblieben ist er allerdings den Intentionen des Situationismus, einer in den 50er Jahren entstandenen künstlerisch-politischen Bewegung mit ihrer radikalen Gesellschaftskritik, die auf die Konstruktion oder Inszenierung von Ereignissen ausgerichtet war, wozu Revolten, Implosionen, Katastrophen, Unfälle, Terrorismus gehören. Allerdings versuchte Baudrillard den Wunsch "nach dem wirklich neuen Ereignis" stets zu bekämpfen, die auf ein Anderes ausgerichtete Kritik oder Sehnsucht einzustellen und aus einer fast unmöglich einzunehmenden Indifferenz oder Fatalität heraus zu denken. Dafür steht bei ihm etwa die Simulation, die das Ende der Geschichte in einem gesättigten und richtungslosen System darstellt. Mit der Simulation heben sich Illusion und Wirklichkeit gleichzeitig auf, ein "perfektes Verbrechen", wie Baudrillard sagt. Ihm ging es nicht um Wahrheit, er verstand sich auch nicht als Theoretiker, der etwas beweist, er dachte eher wie ein Dadaist und wollte auch sich mit seinen Denkanschlägen herausfordern oder verführen. Radikales Denken, wie er es angestrebt hat, ist gerade nicht auf Verständnis oder Mitteilung angelegt, es will eine Art Abenteuer sein, eine Entdeckungsreise, die über sich hinausgeht. Ein Kritiker der Medien oder der Konsumgesellschaft, wie man ihm gerne nachsagt, wollte er gerade nicht sein.

Wenn ich früher von der symbolischen Ordnung und der Simulation gesprochen habe, so würde ich heute nicht mehr vom Symbolischen sprechen, weil der Begriff so "müde" geworden ist. Ich mag auch nicht mehr von der Simulation sprechen. Ich bin ihrer überdrüssig geworden, ohne deswegen auf den Begriff der Wirklichkeit zurückkehren zu wollen.

Gespräch mit F.R., 1995

Allerdings musste der lebensfrohe Nihilist hier immer zerrissen bleiben, denn er hing daran fest, dass es doch so etwas wie eine Verzauberung oder Verführung auf der einen Seite und eine Destabilisierung durch eine von innen ausgehende Wirkung gibt. Statt Revolution der Virus, statt Kritik die Affirmation, statt Veränderung die Destabilisierung, statt der Explosion die Implosion, statt Befreiung die Simulation, statt der Orientierung auf die Subjekte die Faszination an der Fremdartigkeit der Objekte. Seine Haltung bzw. seinen Einsatz beim Denken hat er einmal in einem Gespräch so verdeutlicht: "Das einzige Ereignis ist die Zirkulation, die unaufhörliche Rekurrenz manchmal derselben Vorgänge … Man muss sich wie ein Teleskop in den leeren Raum hinein richten, ohne zu wissen, aus welcher Richtung das Ereignis kommt, und hoffen, dass irgendein Ereignis so dumm ist, sich darin zu fangen."

Mich haben Jean Baudrillards Gedanken sofort fasziniert, nachdem ich das erste Mal auf sein Buch "Der symbolische Tausch und der Tod" gestoßen bin, aber, so muss ich gestehen, so richtig verstanden habe ich nie alles. Das muss möglicherweise auch gar nicht sein. Baudrillards Aufmerksamkeit auf die Dinge, die uns verstören oder die uns erst verstören, wenn wir auf ihr seltsames Dasein hingewiesen werden, weckt die Neugier und schärft die Wahrnehmung. Seine Thesen schaffen gelegentlich, gerade wenn wir an ihrem Wahrheitsgehalt zweifeln, eine mentale Beunruhigung, wie sie nur von wenigen Denkern ausgeht.

Baudrillard, so erkläre ich mir wenigstens mein kognitives Scheitern, wollte durch eine Theorie nicht wie die meisten Denker beruhigen. Daher steckt in seinen Gedanken stets etwas Alarmistisches. Das findet natürlich seine Kehrseite in der anderen Haltung, mit der wir uns dem Geheimnis nähern: der Verführung, weswegen diese naturgemäß eines seiner primären Themen ist. Und weil Baudrillard seine Gedanken als Fallen oder als kleine Maschinen konstruiert, die einen aus der Beruhigung der Realität, so schrecklich sie auch sein mag, in die Ungewissheit schleudert, beschäftigt er sich vornehmlich mit Dingen, bei denen man den Boden unter den Füßen verliert und die dem Zugriff entgehen. Man könnte sagen, Baudrillards Gedanken sind genau das, was er gerne beschreibt: seltsame, aber beunruhigende oder faszinierende Phänomene, die sich einer vollständigen Erklärung entziehen, aber sich dank ihrer memetischen Eigenschaften viral ausbreiten. Vielleicht sind sie auch eine Art des geistigen Terroranschlags, der plötzlich dort eine Leere entstehen lässt, wo es zuvor noch vermeintlichen Sinn und eine transparente Ordnung der Dinge gegeben hat.

Baudrillard hat anhand der Anschläge vom 11.9., aber auch schon zuvor, einige Merkmale eines Terrorismus beschrieben, der von den Gesellschaften nicht mehr einholbar ist und eine Singularität darstellt. Wie er richtig sagt, ist der Terrorismus unmoralisch, obgleich seine Akteure, sobald sie sich äußern, in aller Regel einen höchst moralischen Diskurs der Rechtfertigung führen und sich damit einer wichtigen Waffe berauben. Um sich mit dem Kern des Terrorismus, der mit dem Selbstmordanschlag verbunden ist, zu konfrontieren, muss die Rede über ihn selbst unmoralisch sein - und die Falle des Terrorismus ist normalerweise, dass er eine moralische Reaktion auslöst, eine Art Trauma, das lähmt, oder eine aus der Demütigung und Wut ausgelösten Mechanismus des Zurückschlagens. Ein Terroranschlag ist für Baudrillard kein direkter Angriff auf die Macht, sondern stets eine Provokation. Wenn sie gelingt - und das tut sie im Regelfall -, hat der Terror gewonnen, die notwendige Aufmerksamkeit und einen Wirt gefunden, der seine virale Fortpflanzung ermöglicht.

Baudrillard führt den "großen", also den globalen oder internationalen Terrorismus, auf eine globale Virulenz zurück, die das globale System und die es beherrschende Mächte von innen heraus unterminieren. Solche Terroranschläge sind radikal Böse, wie eine Naturkatastrophe platzen sie plötzlich und unerwartet in einem System auf, demonstrieren nicht faktisch, sondern symbolisch die Schwäche der Selbsterhaltung, setzen die Mechanismen der Integration aus, indem die Täter ihr Leben rückhaltlos ins Spiel einbringen und damit jeden Tausch, jede Rationalität, jede Verhandlung, aber auch jede Form der Abschreckung durch Gewaltandrohung und Aufrüstung unterlaufen. Der Einsatz des Lebens ist ein Geschenk, das vom Empfänger nicht zurückgezahlt werden kann, der normalerweise nur Stellvertreter in den Kampf schickt und diese opfert. Jetzt aber hat den Denker der Simulation das irreversible Ereignis eines jeden Lebens eingeholt. Die von ihm immer wieder ausgehende Irritation, das unverkrampft Unkonventionelle, die subversive Eleganz wird uns fehlen, gerade in einer Zeit, in der es wieder einen Rückfall in die alten Ideologien und Kämpfe gibt.

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