Argumentation, Schlammschlacht, Gewalt

08.03.2007

Der vor kurzem bei Telepolis erschienene Artikel "Von der aufgeklärten Intoleranz zum pauschalen Hass" handelte von antiislamischem Rassismus und hat kontroverse Reaktionen ausgelöst, die nicht immer ganz sauber sind. Dies war zu erwarten. Eine Stellungnahme des Verfassers

Was mich an Diskussionen wie derjenigen, die mein Artikel Von der aufgeklärten Intoleranz zum pauschalen Hass im Telepolis-Forum und anderswo ausgelöst hat, am meisten beunruhigt, ist die Entwertung des Arguments als Prinzip der zivilisierten Auseinandersetzung, die sich in ihnen zeigt. Ich bin in einer Tradition des Lernens und Streitens aufgewachsen, in der es zu den Regeln einer Debatte gehört, dass man die von der Gegenseite vorgebrachten Argumente kritisch prüft und in seiner Erwiderung zu ihnen Stellung nimmt, in der Regel zu dem Zweck, sie zu entkräften. Dieses Prinzip bedeutet zugleich, dass man zumindest an den stärksten und wichtigsten Argumenten der Gegenseite nicht vorbeigehen kann, wenn man überhaupt etwas erwidern will. So trifft immer wieder Argument auf Gegenargument, und im Verlauf der Debatte sondern sich die stärkeren Argumente beider Seiten von den schwächeren - idealerweise steht am Ende ein Erkenntnisgewinn.

Demgegenüber ist es ein sicheres Anzeichen für einen unproduktiven, destruktiven Streit, wenn dies nicht geschieht; wenn man die zentralen Argumente des anderen ignoriert und es allein darauf anlegt, ihm einen Schlag zu versetzen. Dies kann man mitunter mit einem guten Argument, aber eben auch mit Tricks, Sprüchen, Polemik, Diffamierung usw. machen. Vielen scheinen alle rhetorischen Mittel gleichermaßen recht zu sein; egal, ob sie berechtigt, fair, begründet, der Wahrheitsfindung in Bezug auf die Streitfrage dienlich sind oder nicht. Die Extremform einer solchen nicht-argumentativen Auseinandersetzung nennt man manchmal "Schlammschlacht".

Das Abgleiten von Diskussionen über Fragen, in denen es in letzter Konsequenz um Leben und Tod geht, in eine Schlammschlacht, beunruhigt mich deswegen, weil das Prinzip der Argumentation darauf hinausläuft, dass sich die besser begründete, rationalere Position am Ende durchsetzt und zur Grundlage von Handlungsentscheidungen wird. Je mehr man sich mit dem Prinzip der Schlammschlacht begnügt, desto weniger ist das der Fall, und desto weniger ist also Verlass darauf, dass das künftige Handeln der Beteiligten ein überlegtes und begründetes sein wird.

Bei "Politically Incorrect" (PI) ist eine Replik auf meinen Artikel erschienen (Aufklärer Voltaire wäre heute ein 'Rechtsradikaler), von der es im Telepolis-Forum unter anderem hieß, dieser werde darin "unbeeindruckt abgebügelt". Ein anderer kommentierte, mein Artikel sei ja auch "besonders schwach". Mag sein, dass er schwach ist. Ich bezweifle aber, dass ein stärkerer weniger umstandslos abgebügelt würde, und das ist entscheidend. Denn wenn meine Argumentation so schwach ist, wäre es ja um so leichter gewesen, sie zu entkräften. Das geschieht aber nicht. Die eigentliche Argumentation wird ignoriert und die Replik konzentriert sich stattdessen auf Spekulationen und Unterstellungen bezüglich meiner Motive und auf das Klagen über die angebliche Hegemonie der Linken in den Medien. Die Verfasser haben natürlich das Recht, meinen Artikel abzubügeln, so wie ich das Recht hatte, ihn zu schreiben. Um der Sache willen wäre es aber geboten gewesen, sich auch um die Argumente zu kümmern.

Wie man einen großen Bogen ums Thema macht

Bevor ich zum Kern der Sache - dem Rassismusvorwurf - kommen kann, muss ich leider mit zahlreichen Unterstellungen und falschen Behauptungen aufräumen. Da ist einmal die Unterstellung, ich sei "islamophil", mit der auch diejenigen TP-Forenteilnehmer konfrontiert sind, die meine Einschätzung im großen und ganzen teilen. So wird unterstellt, man spreche sich dafür aus, etwa islamistischen Terroranschlägen und anderen von Muslimen begangenen Gewaltakten mit "Toleranz" zu begegnen. Ich habe nichts dergleichen gefordert. Ich halte nur nichts davon, der Realität eine Schablone a la "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" überzustülpen und sie dementsprechend in "Islamophile" und "Islamophobe", in "Antiamerikanische" und "Proamerikanische" usw. aufzuteilen.

Als erste, grobe Annäherung an ein Problem mögen solche Kategorien hilfreich sein, aber man kommt nicht weit damit; sie vernebeln mehr als sie erhellen; sie dienen mehr dem Kampf als dem Begreifen. Ich plädiere dafür, Menschen nach ihren Taten zu beurteilen (und ggf. zu verurteilen) und nicht danach, welcher Gruppe sie angehören oder, noch einen Schritt weiter, welcher Gruppe ich sie nach Gutdünken zurechnen mag. Nur wenn man eine solche Einteilung der Welt in zwei Lager zugrundelegt, kann man den Schluss ziehen, wer PI ablehnt, müsse sich zum Islam hingezogen fühlen. Schon die Zweiteilung ist Unsinn, und daher ist es auch die Schlussfolgerung. Ich kann niemanden vom Unterstellen abhalten, aber ich möchte doch hier dokumentieren, dass ich mich nicht zum Islam hingezogen fühle. Ein Verbrechen ist selbstverständlich nicht weniger ein Verbrechen und gehört nicht weniger bestraft, wenn es von einem Moslem begangen wird. Wer hat das eigentlich je anders behauptet?

Ich weise des Weiteren die Unterstellung zurück, mein Rassismusvorwurf sei konstruiert, sei es, weil ich als Vertreter der "islamophilen Multikultiverfechter" meine "Deutungshoheit über die Gesinnung der Bevölkerung" bedroht sähe, wie die Verfasser behaupten, oder aus irgend welchen anderen niederen Beweggründen. Das ist falsch. Ich habe den Artikel aus dem einzigen Grund geschrieben, dass ich ernsthaft das, was bei PI abläuft, für Rassismus halte, und weil ich diesen Rassismus ernsthaft als gefährlich betrachte. Dass ich dies im Sinne irgendeiner "Deutungshoheit" tue, ist lediglich insofern richtig: Es ist weitgehend Konsens, dass Rassismus ein gesellschaftliches Übel ist, das auf einem Wahn basiert, destruktiv ist und geächtet gehört. In der Tat beunruhigt es mich und provoziert meinen Widerstand, wenn dieser Konsens bröckelt.

Bevor ich endlich zum Kern des ganzen, dem Rassismus, komme, möchte ich ein Beispiel für die unfaire, opportunistische Argumentationsweise anführen, die ich oben angesprochen habe. PI schreibt:

Der Vorwurf des 'Rechtsradikalismus' steht dabei in nahtloser Tradition mit dem Ketzereivorwurf der Inquisition oder dem Vaterlandsverrat des Nationalismus.

Warum ist der Vorwurf des Rechtsradikalismus illegitim, der spiegelbildlich zurückkommende Vorwurf der Nähe zu Nationalismus und Inquisition hingegen nicht?

Er dient der Diffamierung und Unterdrückung, der Tabuisierung des Ansprechens von Missständen und Verbrechen. Wer den Vorwurf undifferenziert anwendet, agiert bewusst diffamierend.

Aber der Vorwurf, in der Tradition der Inquisition zu stehen, die bekanntlich gefoltert und gemordet hat, ist weniger diffamierend, ist weniger ein Totschlagargument? Ich habe selten erlebt, dass jemand derart unbefangen mit zweierlei Maß misst.

Dabei geht es weiterhin nicht um meine Argumente, sondern um meine mutmaßlichen Motive ("bewusst diffamierend"). Ich habe im Artikel übrigens in Bezug auf PI bewusst(!) keine Namen genannt, weil es mir eben nicht um eine Frontstellung gegen irgendwelche Personen oder deren Diffamierung geht, sondern um die Sache. Ich habe politische Positionen und Äußerungen angegriffen, nicht Personen. Und "undifferenziert" ist mein Vorwurf deshalb nicht, weil ich ihn begründet, erläutert und belegt habe. Dazu weiter unten.

Das "Ansprechen von Missständen und Verbrechen" kann auch auf andere Weise geschehen als auf eine pauschal antiislamische; PI hat darauf kein Monopol. Ich kann sagen, dass ein "Ehrenmörder" eine abstoßende Tat begangen hat, die bestraft gehört; ich kann sagen, dass gewalttätige Banden von Jugendlichen türkischer Abstammung in den Städten ein Problem sind, ohne alle Muslime der Welt dafür in Sippenhaft zu nehmen oder pauschal "den Islam" dafür verantwortlich zu machen. Die Formulierung "Ansprechen von Missständen und Verbrechen" ist auf PI bezogen beschönigend, wenn nicht scheinheilig.

… will einschüchtern und zeigt indirekt seine repressiven, menschenrechtsfeindlichen Zielsetzungen, auch wenn man sich formell zu Grundgesetz und Menschenrechten bekennt [bis hierhin wieder Spekulationen über meine niederen Motive, B.E.]. Ein solches Bekenntnis schließt jedoch Kritik an allen hierzu konträr agierenden und lehrenden Systemen und Ideologien automatisch ein. Bei Heise ist dies nicht der Fall, was die unlauteren Absichten des Autors offenbart.

Die argumentative Beliebigkeit ist atemberaubend: Zum Bekenntnis zu Grundgesetz und Menschenrechten gehört "Kritik an allen hierzu konträr agierenden und lehrenden Systemen und Ideologien", wenn sie sich gegen Muslime richtet, aber nicht, wenn sie sich gegen PI richtet! (Man wird einwenden, PI agiere nicht konträr zu Grundgesetz und Menschenrechten. Man möge mir aber zugestehen, dass ich das anders einschätze.) Ich habe nirgends nach einem Verbot von PI gerufen. Ich habe einen kritischen, streitbaren Artikel geschrieben. Ich habe das Grundrecht, meine "Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern", und die Telepolis-Leser haben das Grundrecht, "sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten". (Ja, das gilt für PI und seine Leser im Rahmen der Gesetze genauso. Habe ich nie bestritten.)

Ich habe sogar PI vielfach verlinkt und am Schluss des Artikels dazu ermuntert, sich dort umzusehen. Umgekehrt werden in den Kommentaren dort Vorschläge gemacht, wie man "TP treffen" könne, nämlich indem man Heise boykottiere. Nun sind Boykotts ein legitimes demokratisches Mittel, das jedem zusteht - ich würde nur fragen, warum man den anderen gleich zum Schweigen bringen will, statt es erst einmal mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu versuchen, und warum dieses Vorgehen sogar weniger repressiv sein soll als ein kritischer Artikel, der ausschließlich auf Argumente setzt. Wirklich - man kann nicht eine streitbare, provokative Webseite wie PI betreiben, sich die Meinungsfreiheit auf die Fahnen schreiben und dann "Hilfe, Repression!" schreien, sobald jemand mit Worten und mit nichts anderem widerspricht.

Aber aus irgendwelchen Gründen erhält anscheinend die Ausübung genannter Grundrechte, vor allem das der freien Rede, menschenrechtsfeindliche Tendenzen schon dadurch, dass sie sich gegen PI richtet. Aus dem "wer nicht für uns ist, ist gegen uns", wird dort: "wer nicht für uns ist, ist gegen die Menschenrechte". Kein Wunder, dass ein solches Selbstverständnis gegen jede Kritik imprägniert.

Ein Versuch, zur Sache zu kommen: Was ist Rassismus?

Es ist bedauerlich, dass man erst eine Vielzahl solcher Kommunikationsstörungen beheben muss, so gut es eben geht, bevor man zum eigentlichen Thema kommen kann, nämlich Rassismus. Wie kommt es, dass jemand, der den Vorwurf des Rassismus so weit von sich weist, noch nicht einmal versucht, den Unterschied zwischen einer bestimmten Form von "Islamkritik" (Begründung für die Anführungsstriche folgt weiter unten) und Rassismus einmal klar und deutlich zu formulieren? Meine Frage in die Runde: Warum wird das nicht versucht? Die Frage stellt sich umso dringender, da es in der Replik heißt, solche Vorwürfe gegen PI seien "üblich". Warum ist es dann so schwer, anhand einer klaren Stellungnahme zum Thema Rassismus mit diesen Vorwürfen aufzuräumen?

Ich habe klar definiert, was ich unter Rassismus verstehe, und Belege dafür angeführt, dass man Rassismus in diesem Sinne bei PI findet. Gleich zu Beginn des Artikels spreche ich etwa von "Stereotypen". Wikipedia:

Ein Stereotyp kann als eine griffige Zusammenfassung von Eigenschaften oder Verhaltensweisen aufgefasst werden, die häufig einen hohen Wiedererkennungswert hat, dabei aber in aller Regel für sich genommen den gemeinten Sachverhalt sehr vereinfacht. Somit steht es in engem Bedeutungszusammenhang zum Klischee oder Vorurteil.

Dhimmis und Gutmenschen, Musels, Hinternhochbeter und Kulturbereicherer - sind das analytische Instrumente oder sind es stark vereinfachende (und dazu aggressive) Klischees? Eine Stellungnahme hierzu wäre interessant gewesen. Weiter schrieb ich:

Die Gewalttätigkeit, die nur als Erscheinungsform und Niederschlag von Gruppenkonflikten sinnvoll verstanden werden kann, wird in einem erzrassistischen Kurzschluss zur unveränderlichen Wesenseigenschaft der als feindlich wahrgenommenen Gruppe umgedeutet. PI-Ideologie: 'die einen haben Zivilisation und Kultur und die anderen nicht.'

Hier habe ich definiert, worin ich den rassistischen Kurzschluss sehe. Leider habe ich noch keine Reaktion gefunden, die darauf eingehen würde. Lieber wird mir immer wieder unterstellt, ich würde leugnen, dass es Muslime gibt, die Gewalttaten begehen und sich dabei auf Religion berufen, was ich nicht tue, oder ich würde Toleranz für solche Gewalt fordern, was ich ebenfalls nicht tue. Oder es wird polemisiert, ich solle doch Sozialarbeiter in die arabischen Länder schicken, was vielleicht ganz lustig ist, aber nicht weiterhilft. Oder soll es allen Ernstes bedeuten, dass Gruppenkonflikte als Ursache keine Rolle spielen?

In einer Vorahnung habe ich mich gleich im übernächsten Absatz fast wörtlich wiederholt, wo ich von dem "rassistischen Mechanismus" spreche,

Handlungsweisen, die man an bestimmten Individuen beobachtet hat und verurteilt, zu deren Wesenseigenschaften umzudeuten, um dann diese Wesenseigenschaften der ganzen Großgruppe zu unterstellen, als deren Vertreter man den anderen ansieht.

Wenn man bestreiten will, dass bei PI Rassismus verbreitet werde, gibt es hier zwei Möglichkeiten. Entweder man behauptet, der beschriebene Mechanismus konstituiere keinen Rassismus, oder man behauptet, der beschriebene Mechanismus konstituiere zwar Rassismus, sei aber bei PI nicht zu finden. Wie verhält es sich damit? Eine Stellungnahme hierzu wäre Voraussetzung einer sachbezogenen Auseinandersetzung über meinen Artikel, da dies die zugrundeliegende Definition von Rassismus ist. Aber nirgends wird darauf eingegangen.

Warum nicht? Was soll man damit anfangen, wenn im Artikelforum mehrfach der krude Unsinn angeführt wird, es könne keinen antiislamischen Rassismus geben, weil der Islam keine Rasse ist? Wenn man noch nicht einmal so weit über das Thema im Bilde ist zu wissen, dass Rassismus gerade darin besteht, dass er sich im Bewusstsein der Rassisten abspielt und nicht in den Genen der für minderwertig Erklärten, dann zeigt das, dass man nicht den geringsten Versuch unternommen hat zu verstehen, worum es hier geht. Aus vollen Rohren feuert man gegen den Artikel und demonstriert zugleich die Weigerung, sich mit seinem Inhalt auseinanderzusetzen - und mit dem Thema Rassismus überhaupt.

Um nicht immer nur mich selbst zu zitieren, hier eine weitere Definition, mit der man arbeiten kann:

Versucht man, Rassismus zu definieren, so handelt es sich im Kern um ein die Haltung und das Handeln von Millionen Menschen, aber auch die Praxis staatlicher Institutionen bestimmendes Denken, welches nach körperlichen bzw. nach kulturellen Merkmalen gebildeten Großgruppen (z.B. 'den Weißen' und 'den Schwarzen' oder 'den Christen' und 'den Muslimen') je eigene, unterschiedliche Fähigkeiten, Fertigkeiten oder Charaktereigenschaften zuschreibt. Dadurch wird die Ungleichverteilung von Rechten und materiellen Ressourcen erklärt, also die Existenz eigener Privilegien bzw. der Anspruch darauf legitimiert, die Gültigkeit universeller Menschenrechte hingegen negiert.

Christoph Butterwegge: Rechtsextremismus (2002), S. 16

Noch einmal: Ich habe Rechtsextremismus bzw. Rassismus nicht als "Keulen" oder "Totschlagargumente" gebraucht, sondern bin ernsthaft davon überzeugt, dass diese Züge im Antiislamismus deutlich vorhanden sind, und ich habe das begründet.

Nun zu den Zitaten, die neben der Rassismusdefinition Teil der Begründung des Vorwurfs waren. Gelegentlich wird angedeutet oder behauptet, ich hätte aus den Kommentaren bei PI sozusagen vereinzelte "Ausreißer" herausgesucht, um daraus ein verzerrtes Bild zusammenzustellen. Hätte ich das getan, wäre mein Vorgehen in der Tat unredlich gewesen, und deswegen habe ich es nicht getan. In der Wortwahl mögen die Kommentare Ausreißer sein, aber in der Sache halte ich sie für repräsentativ für die PI-Linie. Sonst hätte ich sie nicht angeführt. Es ist auch nicht plausibel, wenn auf einer Webseite immer wieder (zustimmende!) Kommentare einer bestimmten Stoßrichtung zu finden sind, zu behaupten, dies hätte nichts mit der redaktionellen Ausrichtung dieser Webseite zu tun. PIs Zielpublikum oder zumindest ein wesentlicher Teil davon sind eben die Leute, die so denken und so kommentieren. Man mag das beharrlich abstreiten, aber jeder Mensch mit Internetzugang kann es täglich beobachten.

An dem Argument des Dampfablassens ist auch bedenklich, dass offenbar der Unterschied zwischen einem Wutausbruch in den eigenen vier Wänden und dem Publizieren im World Wide Web nicht wahrgenommen wird. Letzteres bringt eine publizistische Verantwortung mit sich; die hier geäußerten Worte haben Folgen, mitunter blutige. Ist es gerechtfertigt, diese in Kauf zunehmen, um seinen Gefühlshaushalt zu regulieren?

Übrigens stammt der jedem seriösen Erkenntnisinteresse Hohn sprechende Satz "Die einen haben Zivilisation und Kultur und die anderen nicht" aus einem redaktionellen Beitrag, nicht aus einem Kommentar. Ausdrücklich bezeichne ich diesen Satz mit seiner Absolutheit, mit der Selbstzuschreibung einer wesensmäßigen Überlegenheit und mit dem vernichtenden Urteil, das er über "die anderen" spricht, als rassistisch.

Und auch wenn der Satz aus einem Kommentar stammte, wäre es irreführend zu behaupten, den "größten Anteil von Engelkes Artikel nimmt die Kritik an den Kommentaren ein". Richtig ist: Den größten Anteil meines Artikels nimmt der Vorwurf des Rassismus und seine Begründung ein, zu der unter anderem Kommentare herangezogen werden. Ob die PI-Autoren das tatsächlich nicht verstanden haben, kann ich nicht beurteilen. Aber wenn sie nun dazu aufrufen, Kommentare nur noch in "zivilisiertem Ton" abzugeben und das "Dampfablassen" bestimmten "Regeln" zu unterwerfen, dann ist dies entlarvend. Denn es ging mir nicht um irgendeine "Form" oder irgendeinen "Ton"! Wer das glaubt, hat missverstanden, worum es geht.

Ich bin nicht Knigge und der Ton ist mir herzlich egal. Wenn, um ein Beispiel zu nennen, ein Moslem einen "Ehrenmord" an seiner Schwester verübt und dieser Moslem anschließend in einem Webforum aufs vulgärste beschimpft wird, würde ich mich nicht groß darüber aufregen, weil ich die Wut teile und den Mord ebenso abstoßend finde. Widersprechen würde ich aber, wenn die Beschimpfungen rassistisch werden, und das heißt, wenn Menschen für den Mord verantwortlich gemacht werden, die damit nichts zu tun haben. Umso mehr, wenn es sich dabei um eine Milliarde Menschen handelt, die über alle Kontinente verteilt unter den verschiedensten sozialen Bedingungen leben und verschiedenste Verhaltensweisen und Einstellungen an den Tag legen. Es ging mir nicht um den Ton, es ging mir um den Rassismus, der nicht besser wird, wenn er sich in zivilisierte Töne kleidet.

Wer nicht rassistisch denkt und fühlt, der braucht sich nicht zusammenzureißen, um sich rassistische Kommentare zu verkneifen. Wut kann sich in vielen Formen artikulieren; die rassistische ist nur eine davon. Es ist ebenso falsch zu unterstellen, wer sich gegen Rassismus richte, empfinde keine Wut über "Ehrenmorde" oder Auspeitschungen, wie es falsch ist, zu behaupten, Wut über diese Taten müsse zwangsläufig eine rassistische Wut sein.

Irrationalität versus Aufklärung, Klischee versus Erkenntnis

Voltaire als Kronzeugen anzurufen, ist ein geschickter Zug, der aber auf zwei falschen Behauptungen aufbaut: Erstens, mein Artikel richte sich gegen Religionskritik, zweitens, bei PI finde Religionskritik statt. Die erste zeigt noch einmal, dass die Substanz des Rassismusvorwurfs nicht verstanden oder nicht zur Kenntnis genommen wurde. Diese wurde oben noch einmal erklärt. Auch warum bei PI nur mit zwei zugedrückten Augen und sehr viel gutem Willen von "Religionskritik" die Rede sein kann, wurde bereits angedeutet - weil täglich aufs Neue ein Pauschalurteil gegen Muslime gefällt wird und Elemente der Religion nur selektiv herbeizitiert werden, um dieses Pauschalurteil zu stützen. Zu Kritik gehört, noch einmal, Differenzierung, Abwägung und vor allem Auseinandersetzung. Nicht ohne Grund kommt das Wort "pauschal" in meinem Artikel mehrfach vor, unter anderem in der Überschrift. Dem Unterschied zwischen aufgeklärter Intoleranz und pauschalem Hass entspricht der zwischen Kritik und pauschalem Verdammen.

Es wäre unbedingt zu begrüßen, wenn es ein Blog gäbe, das substantiierte und sachkundige Islamkritik betreibt. Leider belassen es die meisten sich "islamkritisch" nennenden Plattformen bei pauschaler Fronstellung, Polemik und Alarmismus und bewegen sich nah an der Grenze zum Rassismus oder auch jenseits davon. Aus ihnen lernt man mehr über die Angst der jeweiligen Betreiber als über den Islam. Ich erfahre nichts Neues über den Islam, wenn ich zum zehnten Mal lese, dass türkischstämmige Jugendliche in eine Schlägerei mit Polizisten verwickelt waren. Ich habe bereits beim ersten Mal begriffen, dass dergleichen vorkommt.

Wer sich ernsthaft dem Ziel der Aufklärung verpflichtet fühlt, kann nicht dabei stehen bleiben, solche Fälle immer wieder zu melden, zumal mit verächtlichem und aggressivem Gestus und der weder begründeten noch erläuterten Unterstellung, "der Islam" sei schuld. Er müsste sich in das Thema einarbeiten und zu verstehen versuchen, wie es zu diesen gewaltsamen Konfrontationen kommt. Das hieße etwa, sich mit der Geschichte des Bezirks zu befassen, mit den sozialen Verhältnissen dort, mit der Psychologie der Täter und, wenn man wie PI von der Hypothese ausgeht, "der Islam" sei verantwortlich, auch mit der Frage, welche Rolle der Islam im Leben der Täter spielt, wie der Alltag von gläubigen Muslimen in Deutschland aussieht, welche Abstufungen der Orthodoxie es möglicherweise gibt, bis hin zur allgemeineren Beschäftigung mit islamischer Theologie, Tradition und Geschichte sowie mit der Soziologie islamisch geprägter Länder und islamischer Minderheiten in anderen Ländern. Dies ist natürlich undenkbar, wenn einem beim Anblick eines Kopftuchs bereits übel wird - aber ohne eine solche Auseinandersetzung ist es schlechthin nicht möglich, eine auf Tatsachen gegründete Einschätzung des Zusammenhangs zwischen Gewalttätigkeit und islamischer Religion zu treffen.

Eine solche Auseinandersetzung stünde im Dienst der Aufklärung und könnte als Grundlage einer fundierten Islamkritik dienen, wie wir sie in unseren Zeiten eskalierender Irrationalität bezüglich dieses Themas dringend brauchen würden. Und vor dem Hintergrund einer solchen Auseinandersetzung wäre es dann auch möglich, fundierte Kritik am Umgang der Medien mit islamischen Migranten zu üben. Die Verbreitung der abstrusen Wahnvorstellung, Medien und Politik seien von Dhimmis, Gutmenschen und Kommunisten durchsetzt, die sich aus völlig obskuren Gründen die Scharia in Europa wünschen, mag für manche zum "Dampfablassen" taugen, verrät aber wenig bis nichts über die Realität und heizt konfrontative Stimmungen an, mit der Folge einer fortschreitenden Irrationalisierung des Denkens über Gesellschaft - einer Tendenz, die der Aufklärung direkt zuwiderläuft.

Vom pauschalen Hass zur Gewalt

Eine abschließende Klarstellung: Es war abzusehen, dass man nach Erscheinen des Artikels sofort eine Websuche nach meinem Namen starten würde, um möglicherweise etwas zu finden, das man (anstelle von Argumenten) gegen mich verwenden könnte. Nachdem man auf diese Weise nichts herausbekommen hat und das Fehlen eines personifizierten Feindbildes offenbar nicht erträgt, hält es der Kommentator Dirk V für "eindeutig", dass ich Jürgen Cain Külbel sei (von dem ich bis gestern nie gehört hatte) oder er meinen Artikel zumindest "maßgeblich redaktionell begleitet" habe. Beide Annahmen sind, wie vieles, was ich in diesen Tagen gelesen habe, fiktiv.

Dass man unter meinem Namen nichts findet, liegt daran, dass Bastian Engelke ein Pseudonym ist. Herr Külbel nahm inzwischen per E-Mail mit mir Kontakt auf, weil er Unannehmlichkeiten hat, nachdem ihm zu Unrecht mein Artikel zugeschrieben wird. Er war etwas verärgert und bat mich um eine öffentliche Richtigstellung. Ich erklärte ihm, dass ich mich aus dem einzigen Grund für ein Pseudonym entschieden habe, dass man anhand meines richtigen Namens im Internet meine Privatanschrift finden könne, und dass ich mir die Freiheit erlaube, Vorkehrungen zu treffen, dass nicht demnächst fanatisierte Rassisten vor meiner Tür stehen, die mich zum Schweigen bringen wollen. Herr Külbel, der es wagt, sich als Publizist gegen Antiislamismus auszusprechen und westlichen Imperialismus für die Konflikte im Nahen Osten verantwortlich zu machen, schrieb mir daraufhin:

Allerdings sind Ihre Befürchtungen nicht unberechtigt: Meine Situation ist eben durch meinen offenen Umgang mit denen nicht gerade erbaulicher geworden: Morddrohungen, Belästigungen, Beleidigungen, Erpressungen sind jetzt auf der Tagesordnung.

Weder Herr Külbel noch ich richten solche Anschuldigungen gegen bestimmte Personen (abgesehen von denen natürlich, die bereits eine Strafanzeige von ihm haben). Doch es ist klar, dass die Täter einem bestimmten politischen Lager angehören. Die Vertreter dieses Lagers sollten sich einmal darüber Gedanken machen, was es über ihre überlegene Zivilisiertheit und ihr Bekenntnis zu Aufklärung, Freiheit und Demokratie aussagt, dass ich vor der Veröffentlichung des Artikels Befürchtungen in dieser Richtung hatte, und dass mir nun ein erfahrenerer Publizist bestätigt, dass diese Befürchtungen berechtigt waren. Warum ist ein deutscher Rechter, der Herrn Külbel aufgrund seiner Veröffentlichungen mit Gewalt droht, so viel besser als ein fanatischer Moslem, der einem Künstler oder Autor mit Gewalt droht?

Weil ersterer die edleren Motive hat?

Das Problem ist: Das glaubt jeder von sich. Wenn zivilisatorische Normen nur für die anderen gelten, dann gelten sie überhaupt nicht.

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