Die nächste Milliarde Menschen online bringen

Die Global Alliance for ICT & Development der UN wünscht sich Sozialunternehmer als digitale Brückenbauer

Selten zuvor wurde der Begriff des "sozialen Unternehmertums" (social entrepreneurship) so oft verwendet wie Ende Februar auf der Tagung der Global Alliance for ICT & Development (GAID) im kalifornischen Santa Clara. Unter dem Motto "UN trifft Silicon Valley" wurde dort darüber diskutiert, wie man aus Entwicklungsprojekten zum Aufbau nationaler IT-Strukturen funktionierende Geschäftsmodelle machen kann.

Als Sarbuland Khan, der GAID-Exekutivsekretär, zu Beginn der Tagung sagte, dass die UN ins Silicon Valley gekommen sei, um zu lernen, wie man "Geld mache", meinte einer der ortsansässigen Unternehmer sarkastisch, dass man hier aber auch lernen könne, wie man Geld verbrenne.

In diesem Spannungsverhältnis bewegte sich die Debatte der zweitätigen Zusammenkunft des neuen UN-Gremiums, das sich zum Ziel gesetzt hat, die beim Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) formulierten Absichten in die Tat umzusetzen. Die Hälfte der Menschheit online zu bringen, sämtliche Schulen, öffentliche Verwaltungen und Krankhäuser zu vernetzen und weltweit die Bildungssysteme auf die Herausforderungen des Informationszeitalters einzustellen (2015 soll die Hälfte der Menschheit online sein), das wird wohl nur gehen, wenn die Key Player der Weltwirtschaft kräftig mit anpacken. Kein Entwicklungsland wird kurzfristig die benötigten Investitionssummen aus eigner Kraft aufbringen. Insofern war es nur konsequent, dass die UN vom East River sich auf den Weg ins Valley gemacht hat. Der neue UN-Generalsekretär Ban Kin Moon fand daher auch sehr freundliche Worte für die Armada der weltgrößten IT-Unternehmen, die sich in den letzten 30 Jahren zwischen San Francisco und San Jose angesiedelt haben.

Wo kommt die zweite Milliarde Internetnutzer her?

Und in der Tat, der Ruf verhallte nicht ungehört. Von Google bis Cisco, von Hewlett Packard bis zu Sun Microsystems, von Novell bis IBM, von AMD bis Microsoft reicht die Kette der Unternehmen, die angefangen haben, stärker auf die neuen Märkte in den Entwicklungsländern zu schauen. Allen voran natürlich Craig Barrett, ehemaliger CEO und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender von Intel, dem weltgrößte Chiproduzenten, der noch auf Bitte des ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan den GAID-Vorsitz übernommen hat. Barrett hatte schon beim Weltgipfel in Tunis im November 2005 als Key Note Speaker die Privatwirtschaft aufgefordert, sich auf die neuen Märkte umzuorientieren. Es gehe nicht um reine Philanthropie, sondern darum, brauchbare Geschäftsmodelle zu entwickeln, die in den neuen, anders strukturierten Märkten funktionieren.

Barretts Rechnung ist ziemlich simpel. Den Journalisten im "Computer History Museum" in Mountain View rechnet er vor, dass wir momentan eine Milliarde Internetnutzer haben, die vorrangig aus den entwickelten Ländern stammen, in denen die Märkte ziemlich saturiert sind.. Die nächste Milliarde Internetnutzer, so Barrett, wird garantiert nicht aus Nordamerika oder Europa kommen. Es gebe also gar keine andere Wahl, als in die neuen expandierenden Märkte - China, Indien, Brasilien, Afrika – auszuschwärmen und erst einmal in die Entwicklung dieser Märkte zu investieren. Dies sei eine einmalige Chance für eine Win-Win-Situation, so Barrett. Sei die Infrastruktur erst einmal da, eröffnen sich für die nationale Wirtschaft in den jeweiligen Ländern vielfältige neue Möglichkeiten, die zu einer dramatischen Verbesserung von Bildungs- und Gesundheitssystemen und zu steigendem Wohlstand führen werden. Und für Intel, das bei einer Milliarde neuer Computer auch viele neue Chips an den Markt bringen kann, ist das auch ein gutes Geschäft. Also warum nicht?

Nach Barrett sind insbesondere vier Schritte zu gehen: Aufbau einer Infrastruktur, Gewährleistung von Netzzugang, Produktion lokaler Inhalte und Ausweitung der Ausbildung. Die Botschaft wurde offensichtlich gehört. Cisco baut seine weltweite Netzwerkakademie aus, Google will sich um lokale Inhalte und lokalen Sprachen kümmern, IBM, AMD, HP, Novell und andere schwärmen mehr und mehr aus nicht nur nach China und Indien sondern zunehmend auch nach Afrika. Wir müssen von den Mobiltelefonunternehmern lernen, sagte Barrett. Die hätten schon zwei Milliarden Nutzer und die Zuwachsraten im Mobilfunkbereich in Afrika signalisiere, was möglich ist. Insofern ist es nicht überraschend, dass Nokia seinen zweiten Firmensitz in Mountain View, zwei Meilen von Googles Headquarter entfernt, weiter ausbaut.

Solche strategischen Partnerschaften stimulieren auch Weltbank, die einschlägigen regionalen Entwicklungsbanken und nationale Entwicklungshilfeorganisationen, ihre Prioritäten und Strategien zu verändern und stärker auf IT-Projekte zu setzen. Insbesondere die kanadische, aber auch die finanzkräftige schweizerische Entwicklungshilfeorganisation mit dem mächtigen Botschafter Fust an der Spitze programmieren sich Schritt für Schritt um auf die WSIS-Ziele. GAID will sich dabei nicht als Projektträger positionieren, sondern als Katalysator, der mit so genannten Flagschiffprojekten andere Projekte initiieren will und darauf hofft, damit eine Kettenreaktion auszulösen.

Bei der Suche nach neuen Strategieansätzen ging es zwangsläufig auch immer wieder um die Kosten. Unbezahlbare Projekte machen keinen Sinn. Die vom Friedens-Nobelpreisträger Mohammed Yunus entwickelte Geschäftsidee seiner Grenaa Bank und den dahinter stehenden mikroökonomischen Geschäftsmodellen - zum Beispiel Low Cost Pre-Paid Karten bei Mobiltelefonen - sind da eine wichtige Quelle der Inspiration (Mikrokredite als Ausweg aus der Armut). Barrett war ja in die Schlagzeilen geraten, weil er den von MIT-Professor Negroponte initiierten 100 Dollar Laptop (Der MIT-Professor und der digitale Graben) etwas belächelt hatte. An dem Negroponte-Projekt ist bislang kein Silicon Valley Unternehmen beteiligt. In Santa Clara präzisierte Barrett nun seine Kritik. Sie richte sich nicht gegen den Ansatz, preiswerte Hardware zu entwickeln, sondern seine Bedenken hätten sich auf das Problem der Elektrizitätsversorgung bezogen. Überhaupt würde man bei der Informatisierung Afrikas nicht vorankommen, wenn nicht eine ausreichende Energieversorgung vorhanden ist. Und er drehte das Thema gleich ins Positive, indem er seine Partner und Konkurrenten aufforderte, mehr in energiesparende IT-Techniken zu investieren.

GAID Exekutiv-Sekretär Sarbuland Khan hatte ja schon bei der Europäischen GAID Regionaltagung in Dresden im Januar 2007 von der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels bei der Entwicklung neuer IT-Technologien gesprochen. Es mache keinen Sinn, immer mehr Forschungs- und Entwicklungsgelder für Innovationen im Luxussegment auszugeben. Nichts gegen "cituis, altius, fortius" im IT-Bereich, aber dort würden die Gewinnmargen immer enger, während sie sich in den noch finanzschwachen Massenmärkten ausweiten würden. Kostensenkung durch innovative Einfachlösungen sei die Strategie, die man zumindest für die nächste Etappe benötige. Das gäbe auch und gerade für Großunternehmen wie die in Silicon Valley wirtschaftlichen und geschäftlichen Sinn.

Auch der neue ITU-Generalsekretär Hammadou Toure schlug in die Kerbe der Strategie von den "erschwinglichen Kosten". Toure, der von 1998 bis 2006 als ITU-Direktor für Entwicklung dafür verantwortlich war, die "Missing Link" in Afrika aufzubauen, räumte ein, dass das Scheitern dieses Planes in erster Linie mit dem unerschwinglichen Investitionsbedarf zusammenhänge. Preiswerte Technologien wie Wi-Max könnten da relativ schnell das Gesamtbild ändern.

Hunger vs. Computer?

Das immer wieder zu hörende Gegenargument, in Afrika komme es aber erst einmal darauf an, Hunger, Krankheiten und Analphabetentum zu beseitigen, bevor man die Leute vor den Computer setzt, wurde zwar nicht vom Tisch gewischt, aber deutlicher als bislang wurde auch unterstrichen, dass eben landwirtschaftliche Produktion in Afrika effektiver organisiert werden könne, wenn der Farmer vor Ort mit dem Mobiltelefon im Internet Wetterprognosen, Marktinformationen und Nachrichten zu modernen Anbaumethoden abfragen kann. Auch bei der Alphabetisierung der 900 Millionen Analphabeten könnten IT-Technologien eine wesentliche Rolle spielen. Juan Fernandez vom kubanischen Kommunikationsministerium propagiert ein von seiner Regierung entwickeltes und von der UNESCO preisgekröntes Programm, wie man über das Verstehen bewegter Bilder zum Lesen und Schreiben komme.

Die Hunger vs. Computer-Debatte sei eine von gestern. Man müsse die in der Millenniums-Entwicklungsdekade formulierten Strategien zur Beseitigung von Hunger, Armut und Krankheiten viel enger mit im WSIS-Prozess formulierten Zielen verbinden. Nicht "Entweder/Oder" sondern "Sowohl als Auch" sei die Strategie, die man verfolgen müsse.

Noch war vieles in Santa Clara Wortgeprassel, auch wenn man nicht übersehen kann, dass eine Vielzahl der Silicon Valley-Unternehmen auf der Jagd nach der nächsten Milliarde Internetnutzer beginnt, sich neu zu positionieren. Welche Rolle die Zivilgesellschaft in diesem Prozess spielt kann, ist eine durchaus interessante Frage. GAID basiert ja wie alle aus dem WSIS-Prozess entstandenen Gremien auf dem Prinzip des Multistakeholderismus, also des gleichberechtigten Zusammenwirkens von Regierung, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft. Und so hat die Zivilgesellschaft immerhin zwei Vertreter im zehnköpfigen GAID Steering Committee und mehr als ein Dutzend Vertreter im GAID-Beratungsausschuss und im so genannten GAID-Champions-Netzwerk.

Die interessante neue Frage, die bei den internen Sitzungen der Zivilgesellschaft in Santa Clara sich in den Vordergrund schob, war die nach einer Neubestimmung des Verhältnisses zur Privatwirtschaft. Kritik und Misstrauen seien zwar nach wie vor angebracht und die Zivilgesellschaft müsse vor allem auch kritischer "Watchdog" der wirtschaftlichen Aktivitäten von Unternehmen in Entwicklungsländern sein und dort Skandale anprangern, wo Skandale stattfinden. Man dürfe sich aber nicht möglichen neuen Partnerschaften verschließen, wenn sie denn den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungszielen dienen. Warum also nicht mit INTEL, AMD und Cisco zusammenarbeiten, wenn es um die Aufbau von Netzwerken und Bildungseinrichtungen zum Beispiel im sub-saharischen Afrika geht? Die Frage steht noch im Raum, die Diskussion hat aber auf den einschlägigen zivilgesellschaftlichen WSIS-Listen und Blogs bereits begonnen.

GAID wird nun erst einmal versuchen, den Input von Santa Clara zu verarbeiten und die drei Flagschiffprojekte (Breitband für Afrika, Telezentren und Communication Development Corps) sowie die zwei Kooperationsprogramme (Schulen ans Netz und IT für Behinderte) zum Laufen zu bringen. Die nächsten Meilensteine auf dem Weg ins Jahr 2015 sind das öffentlichen GAID-Forum im Mai 2006 in Genf und die vom "Global Knowledge Project" (GKP) geplante Weltkonferenz in Kuala Lumpur im Dezember 2007, auf der über 2000 Aktivisten von allen aus den wie Pilze aus den Boden schießenden Telezentren in den Entwicklungsländern ihre Erfahrungen austauschen wollen, wie man vor Ort IT sinnvoll entwickeln und einsetzen kann.

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