"Da kann ich Sie beruhigen"

09.03.2007

Interview mit Dr. Rolf Griebel, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, zum Einstieg in Googles Digitalisierungsprojekt

Am Dienstag wurde bekannt, dass sich neben Bibliotheken in Princeton, Harvard, Oxford, Barcelona und Madrid auch die Bayerische Staatsbibliothek am Google-Programm beteiligt. Insgesamt sollen alle gemeinfreien Bücher, außer den Handschriften und den vor 1500 erschienenen Druckwerken, also etwa 1/10 des Gesamtbestandes von heute neun Millionen, eingescannt und für die ganze Welt über das Internet les- und durchsuchbar gemacht werden. Die Kosten hierfür übernimmt der Suchmaschinenbetreiber. Telepolis befragte dem Generaldirektor der bayerischen Staatsbibliothek zu dem Projekt .

Interview

Herr Dr. Griebel - die gemeinfreien Bücher die Sie zusammen mit Google einscannen - bleiben die dann auch gemeinfrei, oder erwirbt irgendjemand in dem Prozess Schutzrechte daran, so dass die digitalisierte Form nicht mehr ganz so gemeinfrei ist?

Dr. Griebel: Da kann ich Sie beruhigen. Wir haben vereinbart, vertraglich: es gibt zwei digitale Kopien, und eine werden wir hier über unser Webangebot anbieten und das entspricht voll dem Gedanken des Open Access, so dass hier die Funktionen ohne Kosten für die Wissenschaft, Forschung, für den Schüler, für den Bürger wahrnehmbar sind.

Was passiert eigentlich, wenn sich Google und die Staatsbibliothek irgendwann nicht mehr so gut verstehen - dann hat die Staatsbibliothek immer noch ihre eigene Kopie ...?

Dr. Griebel: Griebel: Wir haben unsere eigene digitale Kopie.

Und kann die Staatsbibliothek dann auch mit der eigenen digitalen Kopie machen was sie will, oder gibt es dann potentielle Einschränkungen?

Dr. Griebel: Also ich würde es positiv so beantworten: wir können das, wie gesagt, im Open Access Gedanken zur Verfügung stellen, das wird auch weiterhin der Fall sein, darüber hinaus kann ich darauf nicht näher eingehen. Aber das ist so eine Konstante, eine ganz wichtige Konstante auch für die Zukunft, wenn irgendwann mal Google andere Wege geht, das ist ... also diese Investition ist dann wirklich auf Dauer angelegt. Und wir sind ja auch entsprechend mit Langzeitarchivierungsprojekten enger befasst, so dass das also auch durchaus mit Nachhaltigkeit versehen sein wird.

Das PDF-Format in dem die Bücher zur Verfügung gestellt werden - ist das ein PDF ohne DRM oder gibt es da irgendwelche DRM-Beschränkungen?

Dr. Griebel: Also - da muss ich jetzt einen Satz sagen den ich womöglich noch öfter sagen muss: aufgrund der Vertraulichkeitserklärung die wir unterzeichnen mussten, sind bestimmte Details des Vertrags derzeit – oder, ja, ich sag jetzt mal derzeit - nicht kommunizierbar. Und dazu gehört dieses leider auch. Aber im Gegensatz zu dieser ersten sehr zentralen Frage wo wir wirklich sagen wir können: hier - für die Communities, für die Fachcommunities, für den Bürger - das wirklich ohne Kosten zur Verfügung stellen. Es ist nicht so, dass es eingeschränkt ist, dass dann irgendein Zugriff mit Kosten verbunden ist. Aber zu dem anderen - ich bitte Sie - bestimmte Ebenen können wir nicht ansprechen.

Aber es ist dann möglich, dass zum Beispiel das Ausdrucken verboten ist, in den PDFs?

Dr. Griebel: Also, es wird bei uns so sein, dass ein entsprechender Download möglich ist und ein entsprechendes Ausdrucken möglich ist.

Was geschieht eigentlich mit den Büchern nach der Digitalisierung? Sie kennen natürlich den Fall Angelika Reich von der UB Eichstätt.

Dr. Griebel: Zur Genüge, ja.

Droht einem Teil der gemeinfreien Werke in der Staatsbibliothek ähnliches?

Dr. Griebel: Um Gottes Willen, gut dass sie die Frage als solche stellen. Wir sind hier Bayerische Landes- und Archivbibliothek und die digitalisierten Bestände werden selbstverständlich aufbewahrt. Es mag Fälle geben - das hat ja auch den Aspekt der Bestandserhaltungen - also wirklich nahezu zerfallene, wo wir nur noch eine Informationssicherung haben, wo wir auch jetzt im Rahmen der Bestandserhaltung immer verfilmt hatten, früher, dann kann man natürlich in dem einen oder anderen Fall die Frage stellen ... aber sicher ist, dass die über eine Million Bände die hier - deutlich über eine Million Bände - digitalisiert werden selbstverständlich im Original hier aufbewahrt werden. Es mag wie gesagt Extremfälle des Bestandszerfalls geben wo das nicht mehr möglich ist, ja, oder nicht mehr sinnvoll ist. Aber - um Himmels Willen ... Ganz ganz klare, ganz ganz klare und deutliche Antwort: das wird selbstverständlich weiterhin archiviert. Es ist sicher so, dass wir das eine oder andere - da müssen wir noch über Kriterien nachdenken - das wir nicht mehr alles dann in der physischen Form zur Verfügung stellen, also auf dem Weg der Lesesaalleihe, dass man hier vielleicht stärker auf die digitale Form verweist, um auch wieder dem Bestandsschutz Rechnung zu tragen. Aber da sind die genauen Kriterien noch nicht heraus.

Jetzt gibt es noch keine Werbung auf dem Google-Projekt, die wird es aber wahrscheinlich irgendwann geben. Wird dann auf der Seite der Staatsbibliothek auch Werbung zu sehen sein, bei den gemeinfreien Texten?

Dr. Griebel: Das ist eine sehr hypothetische Frage, was wir damit machen. Also, ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Bayerische Staatsbibliothek auf den Seiten auf denen jetzt hier gescannte Bücher gezeigt werden, Werbung macht. Ich halte es für sehr sehr unwahrscheinlich. Und was Google macht, also Sie wissen ja, jetzt in dem Google Book Search ist das noch nicht in den gescannten Büchern, aber natürlich in den entsprechenden Verknüpfungspunkten von Recherchen.

Ihr Projekt mit Google ist ja sozusagen die leuchtende Seite der Digitalisierung die mehr Zugang für alle bedeutet. Es gibt aber auch eine dunkle Seite. Ich denke da an die neuen Texte, die nur noch in digitaler Form angeboten werden - was den Effekt hat, dass Verlage wie Elsevier die Bedingungen diktieren können, sehr hohe Renditen erwirtschaften und es geschafft haben sogar das Max Planck Institut für geistiges Eigentum zu verärgern, weil die solche Kostensteigerungen verkraften mussten...

Dr. Griebel: Also, wir sind natürlich auch schon in der gedruckten Welt, wenn sie an die 70er, 80er, erste Hälfte 90er denken, massiv Opfer der damaligen sehr sehr aggressiven Preispolitik von Elsevier gewesen. Das hat eine ganz ganz lange Geschichte, aufgrund der Monopolsituation. Das war ja auch mit eine der Ursachen, denke ich, für alternative Publikationsformen und für Open Access. Tatsache ist, dass wir uns derzeit auf die Digitalisierung des urheberrechtsfreien Bestandes konzentrieren. Ansonsten sind wir im Rahmen unseres Bayernkonsortiums, im Rahmen der Nationallizenzen, selbstverständlich auch in Verhandlungen mit den großen Anbietern - auch jetzt im Auftrag der deutschen Forschungsgemeinschaft. Aber in die Richtung ist derzeit nichts Konkretes geplant.

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