Bilder, Bilder, Bilder

Das JPG Magazine und die schöne neue Fotografie

flickr, die bekannte Foto-Community, hat in letzter Zeit viel von ihrem ursprünglichen Charme verloren. Beim JPG Magazine packt man die Sache neu an. Als flickr seinerzeit vom Webgiganten Yahoo übernommen wurde, unkten viele, damit sei wohl Schluss mit lustig, das sei nun das Ende - zwar nicht in wirtschaftlicher, aber in sozialer Hinsicht.

Manche User sehen nun ihre bösen Vorahnungen bestätigt - "Kooperationen" wie die mit Burda und die dazu passenden Zumutungen oder die massenhafte Nutzung von flickr-Material durch Yahoo zur Bestückung von Werbeportalen (z.B. für Wii nagen am Image des Unternehmens.

Wollte man die Sache zynisch nehmen, könnte man sagen, dass hier eine einzigartige Bildagentur entstanden ist - die ihre "citizen journalists" auch noch dafür zahlen lässt, dass sie ausgebeutet werden (die jährliche Vollmitgliedschaft bei Flickr kostet derzeit 24,95 Dollar). Möglicherweise war die Kommodifizierung und Inwertsetzung des usergenerierten Contents nur eine Frage der Zeit - nach einer Phase des Web 2.0-Hypes, die den Usern vorgaukelte, demokratische, selbstbestimmte Publikationsmöglichkeiten auf Augenhöhe mit den großen Medienkonglomeraten zu eröffnen, möchten jetzt die Web 2.0-Investoren endlich Rendite sehen.

Das JPG Magazine ist gewissermaßen als Ausgründung aus Flickr zu betrachten - die Macher des JPG-Mags eröffneten seinerzeit einfach eine eigene Nutzerecke bei Flickr (eine sog. "group"), definierten gewisse Qualitätsstandards für den Zugang zu dieser Nutzerecke und veröffentlichten die besten Bilder im Druck - mit expliziter Erlaubnis der Teilnehmer. Das lief so gut, dass man im letzten Jahr beschloss, sich offiziell aus Flickr zurückzuziehen (eine "inoffizielle" Gruppe zum JPG Magazine gibt es immer noch) und einen eigenen Laden aufzumachen.

Dort ist die volle Mitgliedschaft bisher kostenlos. Nach wie vor gilt, dass nur Fotos gefragt sind, die bestimmten Ansprüchen genügen: die Bildmanipulation z.B. per Photoshop soll sich in engen Grenzen halten, den Bildern sollen keine Rahmen und keine Texte hinzugefügt werden, sie müssen mindestens 2200 Pixel hoch oder breit sein (bei 72 dpi), um eine bestimmte Druckqualität zu garantieren. Unmaniriert sollen die Bilder sein, nicht auf bloßen Effekt gebürstet, und sie sollen auch nicht nur Dokumente für die technische Überlegenheit der benutzten Kameras sein.

Als ein weiteres, etwas unbestimmtes Qualitätsmerkmal gilt "boldness" - Kühnheit ist für die Redaktion des Blatts offenbar ein sehr positiv besetzter Begriff. Für jede Ausgabe des Blatts gibt es zwei thematisch festgelegte Gruppen, zu denen die Mitglieder Beiträge hochladen können. Wer dort Bilder veröffentlicht, stellt sie allen anderen Nutzern zur Wahl. Ein einfaches, aber effektives "Peer-Review-System": Während im allgemeinen Photopool beim JPG Magazine die banalen Knipsbilder überwiegen - wie nicht anders zu erwarten - können die gedruckten Ausgaben überzeugen. Für jedes Foto, das es tatsächlich in das Heft schafft, gibt es einhundert Dollar.

Man könnte nun einwenden, dass die ganze Sache auch nichts anderes ist, als eine besonders kosteneffektive Maschinerie zum Herausfiltern der Besten aus einem Heer von Hobbyisten - am Ende steht ein Hochglanzheft, das nie existieren würde, wenn diese Besten unter den Hobbyisten nicht Profiqualität zu einem unschlagbar günstigen Preis liefern würden. Ein Standpunkt, den man vertreten kann.

Andererseits sind einhundert Dollar für Aufnahmen nicht schlecht, die ansonsten nichts weiter bringen würden als die Bewunderung von Freunden. Beim JPG Magazine gegen ein bescheidenes Honorar zu publizieren ist wohl besser, als von Burda oder Yahoo abgefischt zu werden und dafür auch noch einen jährlichen Mitgliedsbeitrag an flickr zu entrichten. Ob das JPG Magazine seine Standards halten kann? Wer weiß.

Wen das alles ohnehin nicht interessiert, der kann sich immer noch die vielen guten Photos anschauen, die es nach wie vor sowohl bei flickr als auch beim JPG Magazine zu entdecken gibt. Dass das möglich ist, bleibt ein Verdienst der Leute, die solche Websites erfunden haben, vor allem aber ihrer Nutzer. Vielleicht überlebt dieses zentrale Feature ja auch die zukünftigen Metamorphosen.

Ergänzender Hinweis:

Wie im Forum von aufmerksamen Lesern angemerkt, gibt es personelle Überschneidungen zwischen dem Management von flickr und JPGmag. Ob daher der Begriff "Ausgründung" in meinem Artikel dahingehend verstanden werden muss, dass es sich beim JPGmag eigentlich um eine Filiale von flickr unter anderem Namen handelt, sei dahingestellt.

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