Turbokapitalismus, Globalisierungswut und romantische Fanatiker

13.03.2007

In seinem neuen Roman "Der Schneeleopard" bilanziert der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow 15 Jahre vermeintlicher Freiheit und Demokratie

Gut 12 Jahre hat das Lesepublikum auf einen neuen Roman von Tschingis Aitmatow warten müssen. Jetzt schlägt der bald 80-Jährige noch einmal einen großen Bogen: Von Bischkek, der Hauptstadt der ehemaligen Sowjetrepublik Kirgisistan, zu ihren Provinzen und Dörfern, von den Sagen und Legenden des alten Volkes zu den goldenen Kälbern des 21. Jahrhunderts, von den Wunschvorstellungen der immer weniger werdenden Idealisten zur ernüchternden Realität eines Landes, in dem die Wahrheit so käuflich ist wie überall sonst.

Arsen Samantschin hat es weit gebracht. Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus ist er in die erste Reihe unabhängiger Journalisten aufgerückt und berichtet - unbestechlich, aber mit kalkuliertem Risiko - über den Vormarsch des Kapitalismus, der sich von den Baltischen Republiken über das russische Riesenreich bis in die entfernten Landstriche Asiens ausbreitet und so, von wenigen Ausnahmen abgesehen, den gesamten Herrschaftsraum der ehemaligen Sowjetunion erfasst. Samantschin ist eloquent und gebildet, kritisch, geistreich, aber auch fähig und willens, sich zur Not an den gegebenen Machtverhältnissen zu orientieren.

Doch eines Tages setzt sein innerer Kompass aus. Samantschin überschreitet die virtuelle Grenze der geduldeten, weil längst gezügelten Pressefreiheit, und kommt den "Top-Designern der Pop-Gesellschaft" gefährlich nahe. Er wird bedroht, zusammengeschlagen und muss plötzlich erkennen, dass er nicht für eine imaginäre, politisch korrekte und moralisch keimfreie Widerstandgruppe arbeitet, sondern Teil eines Systems ist, zu dem auch die Medienlandschaft gehört.

Sklaven des freien Marktes

Und die Presse ist kein Kügelchen, das über die Steppe rollt, kein Perekati Pole, eher ein Feld, wo diverse geldgeile, trickreiche Interessengruppen der Öffentlichkeit Sand in die Augen streuen wollen, und eine Bühne für die Quotenprominenz, die sich wie gereizte Hunde mit ihren Konkurrenten von einer Medienbalgerei in die nächste stürzt ... (...)

Aus Der Schneeleopard

Die Presse, die gegen das "versklavte Wort des Totalitarismus" gekämpft hat, ist nun "selbst Sklavin des freien Marktes" geworden, doch Samantschin muss sich nicht nur um seine berufliche Zukunft ernsthafte Gedanken machen. Da ist schließlich noch die angebetete Sängerin Aidana. Mit ihr möchte Samantschin zusammenleben und obendrein ein beispielloses Kunstwerk schaffen. Die "Ewige Braut", die ihren Verlobten der Sage nach durch eine boshafte Intrige verloren hat und nun dazu verdammt ist, den Geliebten bis ans Ende der Zeiten zu suchen, soll die Opernbühnen der Welt erobern. Aber auch dieser hochfliegende Plan ist zum Scheitern verurteilt, denn Aidana hat sich mittlerweile ins Showbusiness verabschiedet und den "romantischen Fanatiker" gegen einen handfesten Manager eingetauscht.

So schwankt Samantschin zwischen Mordgelüsten und Suizidgedanken, als sein bodenständiger Onkel Bektur auftaucht und ihn bittet, bei einer Luxusjagd als Dolmetscher zu fungieren. Der Neffe lässt die politischen Grundsätze in der Hauptstadt zurück und bricht zu einer Reise in sein Heimatdorf auf, um sich hier an der Ausrottung der Schneeleoparden zu beteiligen. Die Entscheidung fällt Samantschin umso leichter, als er in ländlicher Umgebung die ätherische Elesa und damit schnell eine neue Besetzung für die Ewige Braut findet, doch auch diesmal macht ihm das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Die Dorfbewohner, welche die Schneeleoparden in die Enge und vor die Flinten der ausländischen Gäste treiben sollen, beschließen kurzerhand, die seltene Gelegenheit zu nutzen und mit Hilfe der schwerreichen Jäger ihren "Anteil an der Globalisierung" einzufordern.

Ein Romancier als Chronist seiner Zeit

Tschingis Aitmatow hat die Sowjetunion und ihre Nachfolgestaaten durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts begleitet, und auch im 21. lassen ihn seine Erzählkunst und Fabulierlust ebenso wenig im Stich wie die seltene Fähigkeit, gesellschaftliche Vorgänge präzise zu beobachten und in großen Zusammenhängen zu analysieren. Insofern hat sich wenig geändert, seit er vor fast 50 Jahren die Erzählung "Dshamilja" veröffentlichte, die seinen Weltruhm begründete und bis heute Aitmatows meistgelesenes Werk ist. Schon damals ging es dem Autor um vielfache Wirkungsabsichten, und die oft zitierte Behauptung von Louis Aragon, er habe gerade "die schönste Liebesgeschichte der Welt" gelesen, beschreibt, so richtig sie sein mag, eben nur eine von ihnen. "Dshamilja" bewegt die Menschen im Spannungsfeld von Natur und Gesellschaft, Geschichte und Gegenwart, religiösen Erwartungen und praktischen Erwägungen und fragt vor dem Hintergrund einer überwältigenden Leidenschaft immer auch nach der Rechtmäßigkeit von Machtverhältnissen, politischen Programmen und sozialen Strukturen.

Der Roman "Der Richtplatz", mit dem der spätere Gorbatschow-Berater 1986 auf die langsame Öffnung der Sowjetunion reagierte, verschärft diese Tendenz und benennt die Fehlentwicklungen, welche die selbsternannte Diktatur des Proletariats an den Rand der historischen Selbstaufgabe gebracht haben. Machtgier, Willkür und Unterdrückung treffen auf immer couragiertere und zunehmend unbeugsame Menschen, die sich mit ideologischen Gemeinplätzen nicht mehr zufrieden geben, sondern ihr Selbstbestimmungsrecht, ihre persönliche Freiheit und kulturelle Identität einfordern.

Vieles davon haben sie nun, doch der "Schneeleopard" zeigt eindrucksvoll, dass auch die Freiheit "kein Zuckerschlecken" sein muss. Zwar ist Kirgisistan nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein schneller Übergang zu westlichen Demokratievorstellungen gelungen, der durch Berichte über Wahlmanipulationen, Amtsmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen unterbrochen wurde, aber nie dauerhaft gefährdet schien. Doch für die Mehrheit der Bevölkerung ist die erträumte und sehnsüchtig erwartete Verbesserung ihrer kargen Lebensbedingungen ausgeblieben.

Der Siegeszug des Kapitals und die Botschaft aus einer anderen Welt

In den Städten hat sich ein wildgewordener Kapitalismus breitgemacht, von dem ausländische Investoren und die kleine einheimische Oberschicht profitieren. Auf den Dörfern herrscht bittere Armut, Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit, so dass die im "Schneeleoparden" geschilderte terroristische Attacke, die sich mit dem Talmiglanz eines "Che Guevara in den Bergen" schmückt, nicht von ungefähr kommt. Nach Einschätzung des Auswärtigen Amtes leben in Kirgisistan derzeit rund 34 Prozent der Einwohner unterhalb der Armutsgrenze.

Ja, die Probleme sind groß. Die Hoffnung, dass sich durch das neue System auf einen Schlag alles zum Guten wenden würde, hat sich natürlich nicht bewahrheitet. Das konnte nicht anders sein. Die alten Fragen von Gut und Böse stellen sich auch hier.

Tschingis Aitmatow

Trotzdem können sich die Menschen gegen die Heilsversprechen der neuen Freiheit vorerst sehr viel schlechter immunisieren als gegen die Volksbeglückungspläne der kommunistischen Vorgänger. Die Menschen, die Aitmatow mit einer gelungenen Mischung aus freundlicher Sympathie und stiller Resignation porträtiert, leiden unter der gesellschaftlichen und sozialen Ordnung, richten ihr ganzes Fühlen und Denken aber einzig und allein auf die effektivste Möglichkeit aus, ihren Platz innerhalb derselben zu verbessern. Arsen Samantschin und seine späte Weggefährtin Elesa machen da keine Ausnahme, obwohl Empathiefähigkeit und die Bereitschaft zur Solidarität über die ihrer Mitmenschen hinausreichen und sie sich einen Rest ursprünglichen, authentischen Empfindens bewahrt haben.

In ihm lebt es immer noch, das Bild von der Ewigen Braut, als Botschaft einer anderen Welt, als Zeichen des Mitleidens, das keine Grenze hat. Vielleicht wie beim Glauben an das Bild Gottes, den ja auch keiner sieht oder mit Händen greifen kann, obwohl er überzeugt ist, das es ihn gibt. Was nicht irdisch ist, wird so wahrgenommen, im Glauben an das unsichtbare Bild, durch aufrichtige Kontemplation und aus Liebe.

Aus Der Schneeleopard

Neben seinen Zeitgenossen, die "den lieben Gott zum Banker des Universums" gemacht haben, kann sich Samantschin leicht in Szene setzen, doch er entdeckt zu spät, dass er selbst längst Teil und Handlanger einer perfekt geplanten und funktionierenden Verwertungsstrategie ist und seine kleinen Protestnoten den herrschenden Kreisen bestenfalls dazu dienen, ihre vermeintliche Kritikfähigkeit zu demonstrieren.

Mensch und Natur: Opfer der Zerstörung

Die schuldhafte Verstrickung aller Beteiligten symbolisiert Aitmatow - wie schon in "Der Richtplatz" - durch die ökologische Unvernunft und beispiellose Zerstörungswut des Menschen. Seinerzeit wurde der Lebensraum der Wölfe Akbara und Taschtschajnar vernichtet, bis sie nach langer und verzweifelter Gegenwehr ihren Verfolgern zum Opfer fielen. Dem großen Schneeleoparden Dschaa-Bars ergeht es nicht besser. Er stirbt im Kreuzfeuer der Treiber, die aus Geldgier oder persönlicher Eitelkeit bereit sind, eine Lebensform auszulöschen, auch wenn sie damit den Gegenstand ihres Jagdfiebers respektive einen weiteren Teil ihrer Erwerbsgrundlage verlieren.

Aitmatow ist selbst Schirmherr eines Projekts, das der Naturschutzbund Deutschland seit Ende der 90er Jahre in enger Zusammenarbeit mit der kirgisischen Regierung durchführt. Es soll einerseits dazu dienen, den ursprünglichen Lebensraum der Schneeleoparden zu erhalten, die seit langem auf der Roten Liste der "International Union for Conservation of Nature and Natural Resources" stehen und auf einen weltweiten Gesamtbestand von noch maximal 7.000 Tieren geschätzt werden. Darüber hinaus führen die Mitarbeiter in Kirgisistan Bildungsmaßnahmen durch, um vor allem junge Menschen für Natur- und Umweltfragen zu sensibilisieren.

Dem ehrgeizigen Vorhaben stehen allerdings eine Reihe kurzfristiger ökonomischer Interessen entgegen. Der illegale Handel mit Schneeleopardenpelzen erzielt noch immer Höchstpreise von bis zu 15.000 US-Dollar, und legale Jagdreisen, die ebenfalls kaum unter dem Stichwort Ökotourismus subsummiert werden können, sind mittlerweile auch für deutsche Organisatoren ein lukrativer Wirtschaftsfaktor.

Tschingis Aitmatow scheint selbst daran zu zweifeln, ob der Siegeszug einer nur profitorientierten Marktwirtschaft wirklich aufgehalten werden kann. Im "Schneeleoparden" beschreibt er sein fundamentales Unbehagen in der Gegenwartskultur in Form einer kleinen Anekdote, die ganz unwahrscheinlich realistisch klingt.

Erst vor kurzem hatte ihm Bektur eine merkwürdige Geschichte erzählt. Unter den vielen Dorfbewohnern, mit denen er sich tagsüber zu unterhalten pflegt, kreuzte einer auf, der ihm eine paradoxe Idee unterbreitete. Die Jagd auf die Schneeleoparden, sagte der, das ist doch Kleinkram. Denken wir doch mal darüber nach, wie man den Schnee in den Bergen verkauft. Chef Bektur schüttelte den Kopf über die Spinnerei, aber der Mann blieb hartnäckig: In der Welt von heute wird doch alles gekauft und verkauft. Unser Schnee in den Bergen ist das Wasser in den Flüssen. Ganz Mittelasien lebt doch dank diesen Flüssen, die von unseren ewigen Schneebergen stammen. Aber die Berge, der Schnee und die Gletscher gehören uns. Alles Wasser in den Tälern stammt von uns, alle Ernten und Tränken sind doch nicht vom Himmel gefallen! Und woher kommen die? Von uns! Wenn das so ist, dann verlangen wir Geld für Wasser. Warum verkauft man das Öl und das Erdgas so teuer? Da hat auch niemand was dagegen. Aber wir sollen gratis unser ganzes Wasser abgeben, ohne das die in den Tälern nicht leben können. Und was kriegen wir zu hören? Nicht einmal ein Dankeschön. Lass dieses Bisnes mit den Schneeleoparden! Das sind doch Bagatellen!

Aus Der Schneeleopard

Tschingis Aitmatows neuer Roman Der Schneeleopard ist im Schweizer Unionsverlag erschienen und kostet 19,90 EUR. Der Unionsverlag hat überdies alle anderen Werke Aitmatows verlegt, sofern sie in deutscher Sprache erschienen sind. Aktuell lieferbar sich auch die Taschenbuch-Ausgaben der beiden im Artikel genannten Bücher - die kurze Erzählung "Dshamilja" (4,95 EUR) und der große Roman "Der Richtplatz" (12,90 EUR), der soeben in einer Neuauflage erschienen ist.

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