Der düstere Rebell
Nanni Balestrini: Vom Alltag im Leben mit der Camorra
Wie lebt es sich in einem Landstrich, den die Camorra kontrolliert? Nanni Balestrini antwortet mit seinem neuen Roman und zeigt die brutale Realität hinter dem Mythos von der "ehrenwerten Gesellschaft".
Ein ganzes Jahr, schreibt Leonardo Sciascia im Nachwort zu seinem preisgekrönten Roman "Der Tag der Eule", habe er damit verbracht, sein Manuskript wieder und wieder zu kürzen. Sicher veranlassten den begnadeten Stilisten auch ästhetische Gründe, einen solchen Aufwand zu treiben. Wichtiger aber war etwas anderes: Der Schriftsteller fürchtete, mit Gerichtsverfahren überzogen zu werden; denn sein Werk führt den Untertitel "Roman über die Mafia" und schildert die engen Kontakte zwischen der "ehrenwerten Gesellschaft" und Parlamentariern der langjährigen Regierungspartei Democrazia Cristiana. Sciascia schreibt:
Als ich entdeckte, dass meine Phantasie sich nicht gebührend an die Grenzen gehalten hatte, die die staatlichen Gesetze beobachtet wissen wollen, und mehr noch als die Gesetze die Empfindlichkeit derer, die für Befolgung der Gesetze sorgen, habe ich mich deshalb ans Streichen gemacht, immer wieder ans Streichen.
Über die Mafia zu schreiben, ist riskant. Giuseppe Fava wurde 1984 vor dem Theater ermordet, das eine Bühnenfassung seines Anti-Mafia-Romans "L’ultima violenzà" spielte. Roberto Saviano wagte es im vergangenen Jahr, einen Roman über die Camorra zu veröffentlichen – seither lebt der Neapolitaner unter Polizeischutz.
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Ein gänzliches anderes Risiko besteht darin, dem kriminellen Business einen Mythos zu stricken und Geschichten von elegant gekleideten Aufsteigern mit erlesenen Manieren und blank geputzten Pistolen zu erzählen. Francis Ford Coppolas Epos "Der Pate" etwa wurde vorgehalten, Werbung für die Mafia zu betreiben.
Sandokan, der Rächer
Nanni Balestrinis neuem Roman "Sandokan. Eine Camorra-Geschichte" wird man diesen Vorwurf nicht machen können. Sein Porträt einer ländlichen Gesellschaft, die von Armut und organisiertem Verbrechen im Würgegriff gehalten wird, ist ungeschönt. Dennoch greift Balestrini schon im Titel einen Mythos aus der italienischen Populärkultur auf: Sandokan.
Der "Tiger von Mompracem" genannte Pirat lebte Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet des heutigen Malaysia und wurde vor gut hundert Jahren durch einen Romanzyklus von Emilio Salgari populär. Salgari gilt als "der italienische Karl May", seine Romane wurden mehrfach verfilmt. Sandokan ist in Italien so bekannt wie hierzulande Winnetou. Balestrini hat also einen sprechenden Titel gewählt – und einen mehrdeutigen.
Sandokan verkörpert einerseits den Outlaw, der sich gegen die übermächtigen britischen Kolonialherren auflehnt; zudem ist er Pirat, jemand der außerhalb der Ordnung steht und auf der scheinbar grenzenlosen Weite des Meeres segelt – ein Symbol der Freiheit. So interpretiert ihn etwa der Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II in seinem Roman "Vier Hände". Sandokan taucht dort als Draufgänger und lebenslustiger Rebell auf.
Doch anders als der geradezu penetrant edle Winnetou, ist Sandokan zugleich ein gnadenloser Rächer, der unerbittlich Jagd auf den weißen Raja James Brooke macht, der einst seine Familie getötet hat.
Auch Nanni Balestrini sieht Sandokan als düsteren Rebell: Francesco Schiavone, Sohn eines Kleinbauern, will der drückenden Armut entfliehen, wählt den nahe liegenden Weg und schließt sich der lokalen Camorra an. Skrupel und moralische Bedenken kennt er nicht, entsprechend steil verläuft seine Karriere, bis er nach einer Serie machiavellistischer Intrigen an der Spitze der Organisation steht. Balestrini verfällt dabei nicht dem letztlich neoliberalen Mythos des rasanten sozialen Aufsteigers, der auf Gesetz und Moral pfeift und einzig die Regeln des Marktes und des Sozialdarwinismus als Autoritäten akzeptiert. Vielmehr untersucht Balestrini, wie ein solcher Mythos entstehen und auf welchem Boden er gedeihen konnte.
Wer der Armut entfliehen will, sollte italienischer Katholik sein..
Balestrinis Camorra-Geschichte umspannt einige Jahre in der süditalienischen Provinz Kampanien und endet etwa Mitte der neunziger Jahre, als die italienische Justiz beginnt, stärker als bislang gegen die diversen mafiösen Gruppen vorzugehen. Die ländlich geprägte Region leidet unter hoher Arbeitslosigkeit und steht politisch traditionell treu zur Rechten, die postfaschistische Alleanza Nazionale fährt hier hohe Wahlergebnisse ein. Wer der Armut entfliehen will, sollte italienischer Katholik sein und gute Beziehungen zu den Familienclans pflegen, aus denen die lokale Oberschicht besteht.
Versicherungsbetrug gilt als gängiges Kavaliersdelikt und wer kann, leitet auch die Mittel aus den Fördertöpfen von Zentralregierung und EU in die eigenen Taschen und die seiner Freunde um. An die Stelle des korrupten und ohnmächtigen lokalen Staates tritt die Camorra mit ihrem eigentümlichen Wertesystem aus freiem Unternehmertum und traditioneller christlicher Moral.
Balestrinis Ich-Erzähler wächst in dieser Normalität auf, verweigert sich ihr aber. Seine Eltern kommen kaum über die Runden, sind aber unbestechlich geblieben, gläubig obendrein. Ihr Sohn soll auf ehrliche Weise zu Wohlstand kommen, also zur Uni gehen und einen Job in Norditalien suchen. Damit isoliert er sich von der Dorfgemeinschaft; er besucht eine bessere Schule in der Nachbargemeinde und lehnt wie seine Eltern standhaft alle Vergünstigungen ab. Mit dem Blick des Einzelgängers nimmt er schärfer wahr, was im Dorf geschieht: die alltägliche Korruption der kleinen Bauern und der so genannten Zivilgesellschaft, den Aufstieg der Camorra-Familien zu Global Playern und schließlich die blutige Konkurrenz innerhalb und zwischen den Familien.
Genosse Komma
Wenn Nanni Balestrini dem Mafia-Mythos nicht verfällt, dann auch wegen seiner Erzähltechnik. "Genosse Komma" wird der Schriftsteller in Italien genannt; denn er verzichtet auf jegliche Interpunktion. Das mag nach einem einfachen Kniff klingen, tatsächlich zwingt es dem Roman einen wahnwitzigen Rhythmus auf. Balestrini arbeitet wie ein Musiker, er fängt O-Töne aus dem Milieu ein, über das er schreibt und sampelt sie zu einem Track. Seine Romane sind so atemlos wie ein erregter Erzähler in einer vollbesetzten Kneipe.
Damit gelingt es ihm sowohl, mehrstimmige theoretische Debatten zu einem dissonanten Stück zu bündeln ("Der Verleger"), als auch Angehörige bestimmter Milieus ganz direkt und in ihrer eigenen Sprache zu Wort kommen zu lassen, seien es Fußball-Ultras ("I Furiosi"), linksradikale Häftlinge ("Die Unsichtbaren") – oder eben Außenseiter in einer von der Mafia geprägten Gesellschaft wie in "Sandokan".
Hier beschwört die Stimme des Augenzeugen keine Bilder von Reichtum und Glanz, hier erzählt ein Beobachter vom Alltag mit der Camorra, und erklärt dem Außenstehenden (dem Autoren wie dem Leser), wie das mafiöse System funktioniert. Diese rhythmisierte und zugleich literarisierte Alltagssprache ins Deutsche zu übertragen, ist keine einfache Aufgabe, die Übersetzer Max Henniger gut gelöst hat.
Balestrinis Erzähler beendet seine Geschichte mit dem Tag seines endgültigen Weggangs aus seinem Dorf. Zuvor hat er seinen Schwager ins Leichenschauhaus begleitet, um einen entfernten Verwandten für die Beerdigung vorzubereiten, ein weiteres zufälliges Opfer.
du siehst überall schwarz gekleidete Frauen die schwarz gekleideten Frauen sind in meinem Ort eine Dauererscheinung ich habe zum Beispiel in den letzten Jahren noch nie meine Mutter eine andere Farbe tragen sehen als schwarz […] und wenn meine Mutter dann endlich einmal aufhören wird diese schwarzen Kleider zu tragen werde ich sie nicht mehr wieder erkennen…
Gewalt, wie sie entsteht und was sie bewirkt
In seinen Romanen fragt Balestrini immer wieder nach der Gewalt, wie sie entsteht und was sie bewirkt. Dabei beschränkt er sich nicht auf die unmittelbare physische Gewalt, sondern blickt auf die indirekte, aber nicht minder zerstörerische Kraft gesellschaftlicher Strukturen. In "Sandokan" finden wir beides: blutige Fehden und eine Dorf-Gesellschaft, die jedem die Luft zum Atmen nimmt, der sich der Camorra verweigert. Balestrini gelingt es dabei immer, Gewalt nicht zu banalisieren: Weder erhebt er ein moralisches Urteil, noch verharmlost er ihre Wirkungen.
Dazu mögen eigene Erfahrungen beigetragen haben. Mitte der Siebziger bewegte sich Balestrini im Umfeld der Autonomia Operaia, einer linksradikalen Jugendbewegung, die Italien an den Rand der Unregierbarkeit brachte. Zu diesem Zeitpunkt war der ehemalige Lektor im Feltrinelli-Verlag als Dichter zumindest in Literatenkreisen bekannt, mit Umberto Eco, Luigi Malerba und anderen hatte er den Gruppo 63 gegründet, einen literarischen Zirkel, der mit dominanten bürgerlichen Erzählformen brechen wollte.
Doch als 1979 die italienische Justiz zum vernichtenden Schlag gegen die bereits abflauende Bewegung ausholte, nutzte ihm das nichts. Um nicht wie hunderte andere Linke, darunter der Philosophieprofessor Antonio Negri, verhaftet zu werden, floh er mit Skiern über die Alpen nach Frankreich. Auf Betreiben von Präsident François Mitterand, der den Einsatz der Regierung in Rom für wenig rechtsstaatlich hielt, fanden seinerzeit zahlreiche italienische Linke im Nachbarland Exil.
Nun hat der avantgardistische Literat Balestrini mit "Sandokan" eine ebenso präzise wie lebendige Studie über die Camorra vorgelegt. Dabei gerät die Titel gebende Hauptfigur zuweilen aus dem Blick zugunsten weiterer Episoden aus dem Alltag eines Mafia-Dorfes. "Sandokan" ist kein Krimi im eigentlichen Sinne, es ist mehr und gerade dadurch sehr lesenswert.
Nanni Balestrini: Sandokan. Eine Camorra-Geschichte. Aus dem Italienischen von Max Henniger. Berlin: Assoziation A, 2006, 144 S., 13 Euro
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