Take off an der Küste
In Nord- und Ostsee steht ein Windenergie-Boom unmittelbar bevor
Es hat ein paar Jahre gedauert, bis die Technik weit genug entwickelt, neue Genehmigungsverfahren erdacht und die besten Gebiete ausgesucht waren. Doch nun soll es losgehen. Die Pläne für Deutschlands Offshore Windpark nehmen konkrete Gestalt an. Bereits im nächsten Jahr werden sich weit ab von der ostfriesischen Küste vor Borkum die ersten Windräder drehen. Ende Januar wurde auf der Nachbarinsel Norderney mit den ersten Arbeiten für die Stromkabel begonnen, die die Anlagen mit dem Stromnetz an Land verbinden sollen.
Während sich im Testfeld vor Borkum die ersten Windmühlen drehen, werden Wissenschaftler diverse Details unter die Lupe nehmen. Vor die Sicherheit der Seeschifffahrt und die Auswirkungen auf Tier- und Pflanzenwelt ist von Interesse. 50 Millionen Euro verteilt über fünf Jahre lässt sich das Bundesumweltministerium die Untersuchungen kosten. Immerhin sind Nord- und Ostsee viel befahrene Küstenmeere. Außerdem liegen die Windparks in den Flugrouten der skandinavischen Zugvögel. Vor allem Vogelschützer haben aus Angst um das Federvieh immer wieder Bedenken gegen Windkraftanlagen geäußert. In Nordamerika spielen ihre Argumente in der Auseinandersetzung um Offshore-Anlagen vor Cape Cod im Nordosten der USA derzeit eine gewisse Rolle. Hierzulande sind diese Stimmen in den letzten Jahren allerdings leiser geworden, denn wissenschaftlich lassen sich die Befürchtungen nämlich nicht so recht untermauern.
Erst kürzlich wurden in Dänemark Untersuchungen veröffentlicht, die die dortigen Behörden in Auftrag gegeben hatten. Acht Jahre lang war in den beiden größten dänischen Offshore-Windparks das Verhalten von Meeressäugern, Wasservögeln und Fischen untersucht worden. Das Ergebnis: Zusammenstöße der Vögel mit den Rotoren wurden äußerst selten registriert. Entweder änderten sie ihre Flugrichtung schon einige Kilometer vor den Windrädern oder sie flogen in den Zwischenräumen der in Reih und Glied aufgestellten Anlagen. Die Fischpopulationen haben sich in den Windparks kaum geändert. Einige Arten zeigten sich von den elektromagnetischen Feldern der Kabel angezogen, während andere Fische diese eher mieden. Die Biomasse hat sich in den Parks deutlich erhöht, da die Fundamente der Räder künstliche Riffe darstellen, die unter anderem von Muscheln gut angenommen werden. Lediglich Schweinswale wurden durch die Bauarbeiten verschreckt, scheinen sich aber am Betrieb der Anlagen kaum zu stören.
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In Deutschland werden die Auswirkungen auf die Tierwelt auch dadurch minimiert, dass die Anlagen weit draußen auf See, außerhalb des Wattenmeerbereichs entstehen sollen. Die meisten werden bereits im internationalen Gewässer liegen, und zwar innerhalb der sogenannten Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), die sich jenseits der 12-Seemeilenzone erstreckt. Die verschiedenen Schutzparks im Wattenmeer bleiben auf diese Art verschont, und auch eine "Horizontverschmutzung" wird vermieden, da die Windräder nicht von der Küste zu sehen sein werden.
Die Lage in der AWZ bringt allerdings eine komplizierte Gemengelage der Zuständigkeiten mit sich. Für die AWZ sind ausschließlich der Bund und dessen Gesetzgebung zuständig. Entsprechend müssen die Anlagen beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrologie (BSH) in Hamburg beantragt werden. Für die Kabeltrassen durch die Küstengewässer und die Anbindung an Land sind jedoch die betroffenen Bundesländer zuständig. Auf Bauherren und Betreiber der Parks, in denen meist eine Leistung zwischen 200 und 400 Megawatt installiert werden soll, kommen daher verschiedene Genehmigungsverfahren für Windanlagen, Hochseekabel, Kabel im Küstengewässer und Landanschluss zu.
Konjunkturprogramm für die Küstenländer
Dennoch scheint sich der Behördenapparat inzwischen auf einander eingespielt zu haben. Das BSH hat bisher ein gutes Dutzend Parks genehmigt, und auch aus den Landeshauptstädten gibt es in den ersten Fällen grünes Licht. Die meisten Parks sollen in der Nordsee entstehen, aber auch in der Ostsee sind schon drei genehmigt, einer davon in den Hoheitsgewässern vor Mecklenburg-Vorpommern. Wenn überhaupt, dann liegt dort, das heißt innerhalb der 12-Seemeilenzone, für die deutsche Ostseeküste das größere Potenzial, denn die AWZ ist aufgrund der Nähe der schwedischen und dänischen Küsten nur sehr klein.
Hier finden sich Übersichtskarten der genehmigten und geplanten Projekte, die zugleich interaktiv Daten über die einzelnen Parks bieten.
Beim Bundesumweltministerium spricht man von einem der größten Konjunkturprogramme für die Küstenländer. Allein in Rostock wird mit 1.000 neuen Arbeitsplätzen gerechnet. Insgesamt könnten zu den bereits bestehenden 70.000 Jobs in der Branche durch den Aufbau des Offshore-Sektors 20.000 weitere hinzukommen. Berücksichtigt man außerdem, dass auch der Export durch den Offshore-Boom gefördert werden wird, dann werden in 13 Jahren nach unterschiedlichen Schätzungen 130.000 bis 180.000 Menschen in der Windenergiebranche ihr Auskommen finden. Der Anteil der Windenergie an der Stromversorgung soll von jetzt 5,7 Prozent bis 2030 auf 25 Prozent (zehn Prozent onshore, 15 Prozent offshore) ausgebaut werden.
Nach konservativen Schätzungen, heißt es in einer Broschüre des Ministeriums, könnten bis 2020 7.000 bis 10.000 MW Leistung vor der Küste installiert sein, optimistischere Szenarien gehen von 12.000 MW aus. So oder so wird aber 2020 noch keinesfalls das Ende der Fahnenstange erreicht sein: Die Bundesregierung möchte bis 2030 25.000 MW Leistung offshore installiert sehen. Bis dahin müssten jährlich je nach Leistung 200 bis 300 neuer Windräder vor den Küsten errichtet werden.
Und damit dieser Boom rasch in Gang kommt, hat der Bundestag das entsprechende Infrastrukturgesetz geändert, so dass die Betreiber sozusagen eine Steckdose auf See erhalten. Für alle Anlagen, deren Bau bis zum 31. Dezember 2011 begonnen wurde, müssen die Netzbetreiber die Netzanbindung sicherstellen. Damit erhöht sich die Profitabilität der Anlagen, was nicht ganz unwichtig ist. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht nämlich eine schrittweise Absenkung der Einspeisevergütung vor, so dass sich diese in den nächsten Jahren langsam weiter an den Marktpreis annähern wird.
Erneuerung an Land
Während auf See der große Boom gerade erst beginnen soll, sind an Land die Jahre des rasanten Ausbaus langsam vorbei, auch wenn es 2006 noch einmal einen überraschenden Aufschwung gegeben hatte (Unerwartetes Wachstum). Inzwischen liefern zwischen Küste und Alpen 18.685 Windräder Strom. 20.621 Megawatt Leistung ist installiert. 2006, so die Statistiken des Bundesverbandes Windenergie lieferte der Wind 5,7 Prozent des deutschen Stromverbrauchs.
Das heißt allerdings nicht, das dort kein Geschäft mehr zu machen sein wird. Die ersten Anlagen kommen in die Jahre und müssen ersetzt werden. "Repowering" heißt künftig im schönsten Neudeutsch für die Windparks an Land die Devise. Mancherorts widersetzen sich allerdings konservative Behörden der Erneuerung aus einer allgemeinen Abneigung gegen die Windanlagen. Dabei sind die neuen Anlagen größer und effektiver und könnten daher die Zahl der Windräder trotz höherer Ausbeute verringern.
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Unterdessen gibt es nicht nur vor deutschen Küsten rege Bauaktivitäten. Doch während hierzulande an den ersten Pilotanlagen gebastelt wird, ist man anderswo schon weiter. Im Dezember wurde in Großbritannien der Startschuss für den Bau zweier Parks in der Themsemündung gegeben. Einer davon, die Array Windfarm, soll nach Angaben des britischen Umweltministers David Milliband mit 341 Turbinen zum größten Offshore-Windpark der Welt werden. Weiter im Norden, unweit der schottischen Grenze, wurde Ende Januar bereits das nächste Projekt angestoßen. Dort begann Siemens mit dem Bau einer Trafostation und der Verlegung von Kabeln, die die beiden Windparks Lynn und Inner Dowsing ans Netz anschließen sollen. Die befinden sich derzeit fünf Kilometer vor der Küste im Bau und werden mit ihren zusammen 180 Megawatt bereist im nächsten Jahr in Betrieb gehen, wenn alles nach Plan läuft.
Aber auch die Briten sind nur Nachzügler. In den Niederlanden, Schweden und vor allem in Dänemark sammelt man schon seit den frühen 1980er Jahren Erfahrungen mit Windrädern in küstennahen Gewässern. Der weltweit erste Offshore-Windpark entstand 1985 an der dänischen Ostseeküste. Mit massiver staatlicher Förderung schaffte der kleine Nachbar schon sehr früh den Einstieg in die Windenergienutzung. Kein Wunder, dass dort mit Vestas der unerreichte Primus der Herstellerbranche zuhause ist. 2006 verbuchte der Konzern Einnahmen von 3,85 Milliarden Euro, für 2007 erwartet man eine Steigerung auf 4,5 Milliarden.
Und während hierzulande die Netzbetreiber noch immer zögern, die notwendigen Maßnahmen zu treffen, damit der Windstrom sicher ins Netz eingespeist werden kann, hat Dänemark mit Verstaatlichung des Netzes und einem dezentralisierenden Umbau längst gezeigt, wie große Mengen Windstrom in Kombinationen mit vielen kleinen Blockheizkraftwerken und einem internationalen Verbund eine sichere Stromversorgung garantieren können. Die von hiesigen Energieversorgungsunternehmen beschworenen Probleme der Verteilung des unsteten Windstroms sind dort längst gemeistert.
Im Verbund könnte auch eine Lösung für die auf See entstehenden Windparks liegen. Einzelne Windräder liefern sehr unregelmäßig Strom, aber irgendwo weht es immer. Schaltet man also Windparks von der irischen See bis zur deutschen Bucht zusammen, so könnte die Lieferung elektrischer Energie wesentlich gleichmäßiger gestaltet werden, sagt zumindest die Theorie. Ob das auch in der Praxis zutrifft, soll eine auf drei Jahre angelegte Studie herausfinden, die die EU-Kommission kürzlich in Auftrag gegeben hat. Die Technik dafür gäbe es im Prinzip, meinte Lars Stendius von ABB Power Systems im Februar auf einer Fachtagung in Berlin. Strom könne heute über fast beliebige Strecken transportiert werden. Eine andere Frage wird es allerdings sein, ob die politisch Verantwortlichen die Netzbetreiber dazu bewegen können, für den notwendigen Umbau der Netze zu sorgen.
http://www.heise.de/tp/artikel/24/24845/1.html- Es reicht ... (26.3.2007 3:57)
- Danke ... (26.3.2007 3:53)
- Ein paar Grundkenntnisse waeren nicht schlecht ... (25.3.2007 19:56)
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