Ströme von Blut und Ströme von Geld

18.03.2007

Der Vampirmythos als Verkörperung von Ausbeutung

Über die sexuellen Metaphern des Vampirmythos ist schon viel geschrieben worden: Donald Palumbo ging sogar so weit, zu behaupten, der Pornofilm hätte die Nachfolge des Vampirfilms angetreten. Das Blutsaugen verkörpert aber nicht nur den sexuellen Akt, sondern funktioniert auch als Symbol der Ausbeutung.

Der mit dem späten 19. Jahrhundert, genauer: mit Bram Stokers Roman "Dracula" entstandene und durch zahllose Filme weiterentwickelte europäisch-amerikanische Vampirmythos stützt sich lediglich auf zwei europäische Bestandteile: Auf der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstandenen Erzählung vom walachischen Wojwoden Vlad Dracul und auf im 18. Jahrhundert von europäischen Ärzten heftig diskutierte Berichte über blutsaugende Tote in Serbien.

Vlad Dracul

Die russischen, rumänischen und deutschen zeitgenössischen Erzählungen über Vlad Dracul schildern diesen zwar als großen "Spießer" (im wahrsten Sinne des Wortes), keinesfalls aber als Trinker menschlichen Blutes. Seine Opfer sind oft Türken und Roma. Eine Gruppe Roma, von denen einer des Diebstahls überführt wurde, fordert er auf, den Täter zu hängen. Belehrt, dass dies in jener Gruppe nicht Sitte sei, lässt er ihn braten und zwingt die anderen Mitglieder der Gruppe ihn zu verspeisen. Mit "flaisch und gepain", wie die alte Quelle anmerkt.

Eine kritische Betrachtung der Quelle lässt diese als dem ungarischen König Mathias Corvinus recht nützliche "Gräuelpropaganda" erscheinen: Jener hatte Vlad festsetzen lassen, obwohl dieser plante, die Türken bis hinter den Bosporus zu jagen, und mit dieser Unternehmung auch recht vielversprechend im eigenen Land begonnen hatte. Da Pius II. aber eben zum Kreuzzug gegen die Türken aufgerufen hatte, benötigte der ungarische König dringend einen Vorwand, um die Festsetzung des erfolgreichen Kriegsherrn zu rechtfertigen.

Serbische Untote

Der zweite Bestandteil begann 1732 im Serbischen Medviga, wo der verstorbene Hayduk Arnond Paole nach seinem Tode andere Dorfbewohner ausgesaugt haben soll. Das Grab wird geöffnet, es wird geschildert, dass sich Blut am Leichnam befindet und dass Haare und Nägel gewachsen sind. Der Leichnam wird geköpft, aber die Geschichte setzt sich fort. Der Glaube an die Vampirwerdung gebissener Opfer dämmt das Auftauchen von Personen, die behaupten, gebissen worden zu sein auf natürliche Weise ein. Man geht auch von der Enthauptung zur Pfählung über. Bei einem Weib namens Milica wurde bei der Graböffnung eine weit größere Körperfülle als zu Lebzeiten festgestellt. Man kam zu dem Schluss, dass sie wohl auch einige Schafe gerissen und aufgefressen haben musste.

Bram Stoker konnte all diese Berichte in der Bibliothek des Britischen Museums (in der er auch seinen Helden Jonathan nachschlagen lässt) einsehen. Der Roman entstand Ende des 19. Jahrhundert und schaffte es - wie wir heute wissen - zum Eckstein eines neuen Mythos zu werden. Ein Mythos, ein Motiv, dass sich über die Literatur hinausperpetuiert, entsteht nun nicht einfach durch eine besonders schmissige oder fesselnde Erzählung, dazu bedarf es schon des Treffens einiger Zielscheiben im kollektiven Unbewussten, einer verschlüsselten Bekanntgabe von nicht in direkter Form nennbaren Wahrheiten. Sollte dies nun wirklich die Geschichte vom "aussaugenden" Adel sein, der von der Bourgeoisie vernichtet wird?

Adliger oder Bürger?

Diese gesellschaftlichen Kämpfe lagen, vor allem in England und in den USA, wo sich der Mythos später durch das Kino perpetuierte, bereits lange zurück (um eventuellen Einwänden vorzubeugen - auch Blackula entstand erst gut 100 Jahre nach der Sklavenbefreiung). Gerade in England hatte eine eher fließende Machtübernahme der Bourgeoisie stattgefunden, die Leibeigenschaft, wie sie in Osteuropa bestand, hatte das Land in dieser Form gar nie gekannt. Dafür war England bereits seit langem Vorreiter einer neuen "Aussaugung", einer Aussaugung die einem "freien" Arbeiter das Recht der Wahl zwischen dem Ausgebeutetwerden in der Spinnerei oder Kohlegrube und der Versklavung durch das "Poor Law" mit anschließender Ausbeutung in der Kohlegrube oder der Spinnerei ließ.

Eine einfache Spiegelung gesellschaftlicher Vorgänge reichte hier nicht aus. Die Darstellung eines blutsaugerischen Fabrikbesitzers hätte aufgrund ihrer Plumpheit kaum die Zensurmechanismen passieren können, dem bourgeoisen Leser wären die "Anspielungen" sofort zu Bewusstsein gelangt, es wäre ein Stück Agit-Prop, aber kein Mythos entstanden. Es bedurfte einer Umkehrung, in der die Bourgeoisie die Rolle des Opfers einnahm.

Doch auch in der Umkehrung, welche die statischen Merkmale ("Form") des Adels (Osteuropa, Titel, Schloss) belässt, müssen sich die prozessualen Merkmale ("Inhalt") des Bürgertums finden lassen. Dies ist z.B. erkennbar an Draculas Agilität, er kauft Land, er breitet sich in überseeische Gefilde aus, wie der britische Kapitalismus. Der Adel war, was seine Öffnung anbelangte, recht eigen. Ihm lag wenig daran, die Ausgesaugten in den Adelsstand, d.h. zu vampirischem Dasein zu erheben. Der Arbeiter jedoch konnte, so er sich an die kapitalistischen Spielregeln hielt, zumindest theoretisch zum Teilhaber an der Blutsaugerei werden. Ja, wollte er nicht ewig ein Ausgebeuteter sein, musste er sogar alles dran setzen, andere auszubeuten.

Es geht hier nicht um einen Akt einfacher und willkürlicher Gewalt, um ein Töten oder Aufspießen, die Metapher handelt vielmehr von Strömen, die abgesaugt werden, mit keinem anderen Zweck als den Vampirismus zu erhalten und somit auch gezwungenermaßen und ständig auszuweiten. Noch deutlicher wird dies in späteren amerikanischen Vampirfilmen, in denen ein einfacher Biss für die Übertragung des Vampirismus reicht und das Opfer nicht erst an Draculas Brustwunde initiiert werden muss.

Vampirismus und Nachfrage

In Zeiten wirtschaftlicher Schwäche treten Widersprüche besonders offen zutage, d.h. es besteht ein großer Bedarf an Ideologie und damit an funktionsfähigen Mythen. So 1922 im Deutschen Reich, wo Murnaus Nosferatu das Weimarer Biedermeier in Angst und Schrecken versetzte. Die Vampirfilme mit Bela Lugosi entstanden im von der Wirtschaftskrise gebeutelten Amerika von 1931, und die Hammer-Filme in einem England, dass sich nach dem Anfang vom Ende das Empire in eine sehr krisengeprägte Umbauphase begab.

Die Metapher wirkte auch an der Oberfläche: Bela Lugosis umgehängter Orden musste sogar für antisemitische Propaganda herhalten

Umbauphasen trugen auch dazu bei, dass der Vampirmythos nicht nur eine taugliche Metapher in Europa und den USA blieb, sondern sich auch in Schwellenländern verbreitete: Seit den 1950er Jahren entstand eine Vielzahl von Vampirfilmen in Ländern wie Hong Kong, Malaysia, Südkorea und den Philippinen. Das Genre war in diesen Ländern so beliebt und sprach die Menschen in ihren Verhältnissen so an, dass die europäischen und amerikanischen Produktionen die Nachfrage nicht ausreichend befriedigen konnten.

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