Archiv statt Asservatenkammer

Peter Mühlbauer 20.03.2007

Die amerikanische Kongressbibliothek soll jetzt auch Computerspiele sammeln

Auf der Game Developers Conference 2007 stellte Henry Lowood, Kurator an der bekannt computeraffinen Stanford-Universität, am letzten Donnerstag einen Kanon der zehn wichtigsten Computerspiele vor. Bereits im September 2006 hatte ein Konsortium, bestehend aus Lowood, den Spieledesignern Warren Spector und Steve Meretzky, Christopher Grant von joystiq.com und dem Kulturwissenschaftler Matteo Bittanti den Kanon als Archivierungsinitiative bei der Kongressbibliothek eingereicht, die das Anliegen derzeit prüft.

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Der Kanon besteht aus dem PDP-1-Klassiker Spacewar!, der 1962 von Steve Russell, Martin Graetz, Wayne Wiitanen, Alan Kotok, Dan Edwards und Peter Samson ohne finanziellen Anreiz am MIT entwickelt wurde, dem Atari-Spiel Star Raiders, dem Textadventure-Klassiker Zork, dem sowjetischen Spieleklassiker Tetris, mit dem sich das Regressionserlebnis des Spielens mit Bauklötzen auf beliebig hohe Ansprüche schrauben lässt, dem God Game Klassiker SimCity, Super Mario Bros. 3, den Wirtschafts- und Strategiespiel-Pionieren Civilization I und II, die es seit längerem auch als Open-Source-Clone gibt, dem First-Person-Shooter Doom, der Warcraft-Serie und dem Sportspiel Sensible World of Soccer.

Man merkt dem Kanon an, dass er um breite Akzeptanz bemüht ist: Außer Doom ist kein auch nur annähernd kontroverser Klassiker enthalten: Weder Duke Nukem, noch Grand Theft Auto, noch Carmageddon, noch Counter-Strike - und schon gar nicht Manhunt. Für deutsche Verhältnisse ist die Liste allerdings geradezu wagemutig: Während Doom in den USA in den Kulturgüter-Olymp aufgenommen werden soll ist es in Deutschland seit 1994 indiziert und darf nicht öffentlich beworben werden.

Dass der Klassiker Leisure Suit Larry nicht in die Top Ten aufgenommen wurde, ist wahrscheinlich der Prüderie zu verdanken. Völlig rätselhaft ist dagegen, warum Spiele wie Maniac Mansion, Day of the Tentacle und Sam and Max oder C64-Spieleklassiker wie Great Giana Sisters keinen Eingang fanden, dafür aber das eher mäßige Sensible World of Soccer. Möglicherweise ist die Aufnahme eines Spiels mit der Europäer- und Latino-Sportart ein Zugeständnis an die Politische Korrektheit.

Vorbild ist der Kanon des National Film Preservation Board, das jedes Jahr eine Liste von Filmen zusammenstellt, die dem Nationalen Filmregister hinzugefügt werden, welches seit 1989 von der Kongressbibliothek verwaltet wird. Unter den ersten Filmen, die Eingang in den Kanon fanden, waren der John-Ford-Klassiker The Searchers und Orson Welles' Citizen Kane.

Der Bedarf für ein staatliches Sammeln der Spieleklassiker wurde zum Teil künstlich erzeugt. Das gut funktionierende dezentrale Archiv, in dem Abandonware über Virtualisierungslösungen wie ScummVM und über Emulatoren wie DOSBox, M.A.M.E. und M.E.S.S. bewahrt wird, sieht sich durch die exzessive Verlängerung der Copyrightfristen und dem Verbot von "Umgehungstechnologie" erheblichen rechtlichen Risiken ausgesetzt, die auch Lowood in seiner Rede kritisierte. Er wies in seiner Vorstellung darauf hin, dass die Erhaltung von Kulturgütern einer Rechtsordnung bedarf, die dies nicht zu sehr erschwert.

In Deutschland versucht unter anderem das Computerspiele Museum in Berlin diese Kulturgüter zu bewahren - es hat mit über 10.000 verschiedenen Unterhaltungsprogrammen eine der größten Sammlungen der Welt, die auch für Forschungsprojekte genutzt werden kann. Offene Fragen gibt es genug - vor allem bei SimCity, das der Kulturwissenschaftler Bittanti als eines der größten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts bezeichnete: Etwa, inwieweit Will Wright tatsächlich geplant hatte, dass Öko-Utopien mit Windkraftwerken in SimCity besser als alle anderen Städte gedeihen, in denen Kraftwerksexplosionen regelmäßige Wirtschaftskrisen auslösen.

http://www.heise.de/tp/artikel/24/24891/1.html
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