Pan Amp und die Terror-Codecs

23.03.2007

Enthüllungen oder Allerweltsspekulationen?

Pan Amp, beliebter Zulieferer, wenn in den ahnungsloseren deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem MDR ein Reißer gesucht wird, machte diese Woche auf sich aufmerksam, als die Firma unter der Schlagzeile "IT-Sicherheitsexperten belegen: Die Stimme des Kalifats wurde in Deutschland produziert" verlautbaren ließ, dass das Islamistenvideo in Deutschland bearbeitet worden wäre. Herausgefunden hätte man das mit Mitteln wie einer "Deep Internet Recherche" und einem "Vergleich der hierzu gewählten Programme, Tools und der Video-Kompression" mit einem angeblich in Erfurt hergestellten islamistischen Werbevideo aus dem Jahr 2005.

Pan-Amp-Chef Bert Weingarten folgert in der gleichen Pressemitteilung:

"Es ist kein Zufall, dass die Endproduktion und die Verbreitung exakt mit der Verfahrensweise aus 2005 übereinstimmt. Die in Deutschland aktive Zelle der GIMF hat somit belegt, dass es sich weder um Trittbrettfahrer noch um die Verbreitung einer freundlichen Bitte auf Abzug der Deutschen Soldaten aus Afghanistan handelt."

Spannend, spannend - enthält der AVI-Creator Informationen, die Aussagen über die verwendeten Programme erlauben? Hat Pan Amp durch eine Hex-Analyse und einen Codec-Stream-Vergleich strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Videodateien festgestellt, die auf die gleiche Produktionsweise schließen lassen? Oder gibt es vielleicht sogar noch tiefere Schichten, von denen bisher noch nicht einmal in Verschwörungstheorien zu hören war?

Als eine Nachfrage bei Weingarten nach den verwendeten Codecs mit einem Verweis auf das "AVI-Format" beantwortet wird, entstehen allerdings Zweifel an der Güte der Pan-Amp-Recherche - und außerdem daran, ob man den Unterschied zwischen einem Container-Format und einem Video-Codec kennt.

Konnte Weingarten oder jemand anders das verwendete Videoschnittprogramm oder den Videoeditor tatsächlich ermitteln? Selbst wenn, dann wäre die Aussagen von wenig Wert: Das seiner Aussage zufolge verwendete Adobe Premiere ist das verbreitetste Videoschnittprogramm im halbprofessionellen Bereich. Ebenso hätte man von der Verwendung des Internet Explorer oder einer anderen sehr weit verbreiteten Software auf Identitäten schließen können.

Laut Weingarten wurden auch "Kompressions-Tools" verwendet, die von ihm "nicht öffentlich kommentiert" würden. Damit meint er wahrscheinlich Encoder, wie sie Super versammelt. Mit GSpot kann jeder die verwendeten Codecs eines Films, ermitteln. Welche Codecs verwendet wurden, das lässt Weingarten offen.

Je intensiver man nachhakt und selbst Videos auf Codecs und Auffälligkeiten untersucht, desto mehr lösen sich die von Pan Amp preisgegebenen Ergebnisse in Selbstverständlichkeiten auf: Das einzig annähernd ungewöhnliche ist, dass Terroristen seit den ersten Enthauptungsvideos beim fertig geschnittenen und im Internet bereitgestellten Endprodukt wie "Bayan_GIMF.wmv" das sonst kaum verbreitete WMV bevorzugen. Offenbar beherrscht Microsoft im Videobereich einen Minderheitenmarkt, so wie Apple den der Grafiker.

Der Upload erfolgte nach Auskunft von Pan Amp sowohl 2005 als auch 2007 über einen deutschen Provider. Den Namen will Weingarten nicht nennen, weil er nach eigenen Angaben davon ausgeht, dass der Provider zur Verbreitung des terroristischen Materials "missbraucht" wurde. Ebenfalls kein besonders überraschendes Ergebnis, obwohl manche Anbieter von Telekommunikationsleistungen bei ihren leidgeprüften Kunden Kosenamen wie "Terrorkom" haben. Der Chef des betroffenen Providers Keyweb AG, Frank Nowag, war da weniger zimperlich und ließ sich - bemerkenswerterweise bereits vor der Pan Amp-Meldung - in der Thüringer Allgemeinen mit dem Satz "Die Spur führt auf einen unserer Computer" zitieren. Und auch die Nachfrage, was genau sich hinter der "Deep Internet Recherche" verbirgt, mit der das Material auf dem Server in Erfurt entdeckt worden sein soll, bleibt offen. Hat Pan Amp vielleicht einfach mal ein paar andere Suchmaschinen als Google ausprobiert und ein paar islamistische Schlagworte eingegeben?

"Zusätzlich ist ein ungewöhnlich starker Anstieg in der verschlüsselten Kommunikation der GIMF festzustellen", heißt es in der Pressemitteilung. Auf die Frage, woraus sich der starke Anstieg der verschlüsselten Kommunikation der Global Islamic Media Front ergibt, antwortet Weingarten gar nicht und teilt stattdessen mit, dass dieser "starke Anstieg" von Pan Amp als Indiz für die Bearbeitung neuer Videos gewertet wird und dass er davon ausgeht, dass es weitere Veröffentlichungen auf gimf1.worldpress.com geben wird. Wer hätte das gedacht. Die Frage nach seiner Prognose, ob auch bei YouTube neue Mashup-Videos auftauchen könnten, sparen wir uns.

Auf die Frage, wie der Einsatz dieser Verschlüsselungstechnologien erkannt wurde, meint Weingarten, dass man Public Keys auf Keyservern gefunden hätte. Auch das kann von jedermann mit einem Mausklick durchgeführt werden und ist keine Kunst.

Aber da ist ja noch das Schlussargument aus der Pressemitteilung von Pan Amp, das alle Zweifel beseitigen muss:

"Hintergründe zur GIMF, Details zur Propagandaverbreitung und Informationen zur verwendeten Verschlüsselung hat Pan Amp bereits in den Monaten zuvor an das Bundesinnenministerium und das BKA übergeben."

Und wenn sich nicht nur der MDR, sondern auch das BKA mit den Ergebnissen der Pan Amp-Recherchen befassten, dann muss doch was dran sein, oder?

Doch eine Nachfrage bei der Bundesbehörde ergibt, dass der durch zahlreiche Volksmusiksendungen und Oliver Kalkofe bekannte Sender, der die Pan Amp Behauptungen kritiklos wiedergab - vorsichtig formuliert - wahrscheinlich nicht sehr intensiv beim BKA nachgehakt haben kann. Tatsächlich gewinnt man den Eindruck, dass die Bundesbehörde - noch vorsichtiger formuliert - die Firma Pan Amp nicht wirklich als Ermittlungskonkurrenten sieht - etwa so wie Nature oder Science den Focus oder die Bild-Zeitung. Andere Publikationen wie die Nachrichtenagentur Reuters, N 24, Focus, die Netzeitung oder die Financial Times reichen die "Erkenntnisse" weitgehend unmittelbar weiter.

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