"Die besten Kopisten konnten nicht lesen"

30.03.2007

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann über Wikis, die Zukunft der Schrift und das Ende der Bildungsidee

Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann hat ein Buch gegen die Zeitgeist-Rhetorik geschrieben: "Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft". Seine Streitschrift gegen Bologna-Prozess, die Rede von "Weltklasse"-Universitäten, eine Universitätsreform um der Reform willen und gegen Konzepte von "Elite" und "Exzellenz" in den Wissenschaften entzündete eine neue Debatte um die Zukunft der universitären Wissenskultur. Im Telepolis-Interview nimmt der unlängst als österreichischer "Wissenschaftler des Jahres 2006" ausgezeichnete Denker zu Fragen der Medienkultur Stellung.

Konrad Paul Liessmann

Was sagen Sie zu aktuellen Büchern wie "Neue Intelligenz. Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden" oder "Klick. Wie moderne Medien uns klüger machen"? Werden wir gescheiter durch die neuen Medien?

Konrad Paul Liessmann: Ich bin da skeptisch. Ich glaube nicht, dass ein Medium an sich seinen Nutzer klüger oder weniger klug macht. Es geht darum, wie man die Potenzialität des Mediums ausnützen und richtig dosiert einsetzen kann. Und es ist sicher ein Unterschied zwischen dem Internet, das man zur Wissensgenerierung und zum Wissenstransfer nutzen kann, und Computerspielen, die vielleicht über eine Art "Umwegrentabilität" unsere Intelligenz schulen. Ob uns das insgesamt aber alles klüger macht, wage ich zu bezweifeln.

Also dann doch eher dümmer?

Konrad Paul Liessmann: Ich würde sagen, dass die Durchschnittsdummheit oder -klugheit relativ konstant geblieben ist. Medien haben ja auch diese paradoxe Wirkung, dass sie ihre Vorteile selbst wieder vernichten. Was sie etwa beim Recherchieren erleichtern, vernichten sie gleichzeitig wieder durch eine Überfülle an Information oder durch Leerläufe. Oft unterliegen wir auch der medialen Verführung – etwa, wenn wir glauben, dass eine Suchmaschine alles findet und wir dabei aber vergessen, dass sie nach gewissen Algorithmen arbeitet und ihr vieles auch entgeht.

Ich möchte kurz auf Ihr Buch "Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft" zu sprechen kommen. Was ist genau "Unbildung"?

Konrad Paul Liessmann: Unbildung ist nicht gleich Unwissen oder Dummheit. Unbildung bedeutet die Abwesenheit einer normativen Bildungsidee. Das ist der Unterschied zwischen gegenwärtigen Konzepten zur Wissensgesellschaft und jenen aus der Vergangenheit. Wir haben schon alleine deshalb keine Bildungsidee mehr, weil wir das, was wir wissen wollen und sollen, immer unmittelbar auf aktuelle Bedürfnisse hin abstimmen. Disponibilität von anwendungsorientiertem Wissen ist gefragt. Dem entspricht auch die Vorstellung von einer Modularisierung von Wissenschaftsdisziplinen: Man macht zwei oder drei Basismodule und pickt dann heraus, was man braucht.

Die tradierte Bildungsidee geht hingegen davon aus, dass es ein Wissen gibt, das relativ invariant ist gegenüber tagesaktuellen Bedürfnissen. Das, was früher die "Logik einer Sache" (Hegel), die Logik eines Begriffs oder eines ganzen Fachs war, scheint für uns heute völlig sekundär geworden zu sein. Ich denke, dass es auch keine inhaltlichen Diskussionen mehr um wirkliche Bildungsziele gibt. All das bestätigt die Vermutung von mir, dass wir keinen Begriff von Bildung mehr haben und vielleicht auch nicht mehr haben wollen.

Auf dem diesjährigen Wittgenstein-Symposium wird es um die "Philosophie der Informationsgesellschaft" gehen. Im Ankündigungstext heißt es: "Die Wissensgesellschaft basiert auf digitalen Techniken, die auch eine Umgestaltung des Instrumentariums der Wissensarbeit implizieren. Betroffen sind u. a. die elementaren Vermittlungsformen der Geisteswissenschaften." Der Veranstalter Herbert Hrachovec – gleichzeitig ihr Kollege am philosophischen Institut in Wien – macht sich ja in diesem Zusammenhang auch sehr für Wikis in der Philosophie stark. Wie sehen Sie das?

Konrad Paul Liessmann: Das sehe ich eigentlich recht entspannt. Solche Versuche hat es auch schon vor der Verbreitung des Computers gegeben. Schreibkollektive waren etwa eine große Errungenschaft der DDR-Wissenschaft. Das vergisst man heute alles. Ich besitze selbst Bücher aus dieser Zeit, in denen keine Namen von Autorinnen und Autoren genannt wurden, sondern nur etwa "Schreibkollektiv des Instituts XY der Universität Jena" oder so. Das ist also keine originäre Idee der neuen Medien, sondern war früher ein gesellschaftspolitisches Konzept – mit wenig Erfolg.

Die Frage ist: Warum sollten heute solche Formen kollektiven Arbeitens erfolgreicher sein, nur weil sich die Mediensituation verbessert hat? Abgesehen davon finde ich ein Projekt wie die Wikipedia durchaus spannend und diskussionswürdig. Ich würde das aber – und das unterscheidet mich vom Kollegen Hrachovec – nicht als fortschrittlichere Art des Denkens und Schreibens sehen, oder gar als alleinige.

Doch die Wiki-Generation hat keinen Begriff von Einzelautorschaft mehr, ist das nicht ein Problem? Das ist doch ein Widerspruch zu den herkömmlichen wissenschaftlichen Zitierregeln, oder?

Konrad Paul Liessmann: Zitate aus der Wikipedia finde ich in der Tat höchst problematisch. Ich wäre hier in der Wissenschaft äußerst zurückhaltend. Ein wesentliches Kriterium von Wissenschaft schlechthin, nämlich die Überprüfbarkeit einer Quelle, wird damit tendenziell außer Kraft gesetzt. Das geht weit über Plagiatsfragen hinaus.

Ein deutscher Wissenschaftsjournalist fragte sich unlängst in einem Interview zum Thema Wissensgesellschaft: "Wer sagt, dass Kinder mit sechs Jahren lesen lernen und nicht programmieren? Müssen wir wirklich mit dem Erlernen von Buchstaben beginnen oder wären nicht auch Variationen von Technologien als Einstieg möglich?" – Ihr Kommentar dazu?

Konrad Paul Liessmann: Ich halte das für einen Unsinn. Es gibt mittlerweile etliche empirische Untersuchungen, die klar zeigen: Kinder, die primär mit dem Computer aufgewachsen sind, schneiden bei allen Parametern schlechter ab als Kinder, die mit den klassischen Kulturtechniken groß geworden sind. Solche Forderungen gab es auch schon früher, etwa in den achtziger und neunziger Jahren zur Deutsch-Didaktik: Da wurde dann gefragt, ob man Kindern tatsächlich das Lesen abverlangen müsse, denn es gäbe ja auch den Umgang mit Bildern. Ich würde zu dem erwähnten Zitat im Gegenteil sagen, dass gerade die neuen Medien viel mehr Lesekompetenz erfordern, weil man in kürzerer Zeit viel mehr Textmengen zumindest überfliegen können muss. Und Programmieren ist sowieso keine Kulturtechnik, das ist eine Frage von Spezialisten. Es wäre geradezu absurd, das von allen zu verlangen.

Wenn schon nicht das Ende des Lesens, dann vielleicht zumindest der Handschrift? Der Grazer Informatikprofessor und Science-Fiction-Autor Hermann Maurer sagte kürzlich: "Ich halte es [...] für sinnlos, Kindern eine saubere, flüssige Handschrift beizubringen. In 20 Jahren werden Kinder mit Tastatur, Spracheingabe und Maus an Rechnern arbeiten – wer wird dann noch per Hand schreiben?" Was sagen Sie dazu?

Konrad Paul Liessmann: Das halte ich schon für eine realistischere Prognose. Handschrift und Lesen hängen ja nicht unmittelbar zusammen. Die besten Kopisten im Mittelalter konnten nicht lesen, hatten aber eine wunderbare Handschrift. Die haben einfach genau abgemalt, ohne zu verstehen, was sie geschrieben haben. Das heißt, die logische Trennung von Lese- und Schreibvermögen ist auch nichts Neues. Ob das Ende der Handschrift nun tatsächlich wünschenswert ist, darüber ließe sich diskutieren. Ich muss ehrlich sagen, dass ich auch an mir selber die Erfahrung mache, dass ich kaum noch etwas mit der Hand schreibe.

Nur den Liebesbrief, den muss man noch mit der Hand schreiben.

Konrad Paul Liessmann: Aber es gibt doch auch kaum noch handgeschriebene Liebesbriefe, oder? Meistens schreibt man eine SMS, und die Sache ist erledigt.

Konrad Paul Liessmann: "Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft", Wien: Zsolnay, 2006

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