Kevin und die Selbstwirksamkeit
Der baden-württembergische "Orientierungsplan für Bildung und Erziehung": Die Zurichtung der Kindergärten und Kindertagesstätten nimmt ihren Lauf
Wer sich über die Zukunft der öffentlichen Erziehung von Kleinkindern in diesem Land kundig machen will, ist gut beraten, sich einmal den sogenannten "Orientierungsplan" anzuschauen, der in Baden-Württemberg gerade Stück für Stück umgesetzt wird.
Erziehung war schon immer ein Feld, auf dem sich trefflich im Namen von Überzeugungen zur "Natur des Menschen" und zum besten Zweck der Pädagogik kämpfen ließ. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist der "Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für die baden-württembergischen Kindergärten (Pilotphase)" (PDF) eine fein ziselisierte Generalmobilmachung mit interessanten Grundannahmen, Nebenwirkungen und Zielsetzungen. Das Dokument stellt nichts Geringeres als einen Masterplan für die öffentliche Erziehung im Vorschulalter dar, und kommt mit einem Sendungsbewusstsein daher, von dem sich die eifrigsten Ideologen der Kinderladenzeit eine Scheibe abschneiden könnten.
In seinen ersten Abschnitten definiert der Text, was das Kind will und was es braucht. Die Ansichten, die hier zum Ausdruck gebracht werden, sind von gediegener humanistischer Qualität, manche der Gewährsleute sind erstklassig: Rousseau, Rabelais, Goethe, Galilei, Einstein. Ob die kurzen Zitate, die von diesen Größen angeführt werden, viel mit dem Inhalt des Orientierungsplans zu tun haben, sei dahingestellt, es ist schon einmal von Vorteil, wenn man sich auf die Schultern solcher Riesen stellen kann.
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Auf den ersten Blick verblüfft, dass die Theologie auch als Wissenschaft ernst genommen wird, und dass Spiritualität offenbar ein Lernziel ist. Des Rätsels Lösung findet sich im Anhang - hier sind die Würden- und Amtsträger verzeichnet, die den Orientierungsplan gut heißen. Acht von zweiundzwanzig Unterzeichnern sind Vertreter der christlichen Kirchen. Diese Herren wissen, was Kinder brauchen, nämlich außer Märchen auch Gott, und zwar vor allem einen, der durch seine irdischen Stellvertreter spricht. Wundern sollte man sich über so etwas in einem Land nicht, das die Trennung zwischen Kirche und Staat nie vollzogen hat, und in dem es "Bündnisse für Erziehung" à la von der Leyen gibt.
Erziehungs-und Bildungsmatrix
Die Sättigung des Orientierungsplans mit christlichem Gedankengut macht schnell klar, dass es ihm mit der aufgeklärten Modernität, die er sonst scheinbar vertritt, nicht allzu ernst ist. Komplettiert wird das Bild in dieser Hinsicht dadurch, dass den Orientierungsplan auch ein "Regionaler Geschäftsführer der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten" unterschrieben hat. Nach nichts sehnen sich die Steiner-Jünger so sehr wie nach Respektabilität, und das Land Baden-Württemberg, wo sie traditionell stark verankert sind, verschafft ihnen die Ehre.
Das Kind soll lernen, es soll sich entwickeln, möglichst zu einem "tauglichen Bürger" (von Hentig), der in allen Lagen kompetent mit seiner Umwelt interagiert. Zu diesem Zwecken werden Kernbereiche seiner Entwicklung definiert, entwirft man Erziehungsziele, Qualitätssicherungs- und Evaluierungsmaßnahmen. Eine "Erziehungs- und Bildungsmatrix" (PDF)soll den Entwicklungsfortschritt jedes einzelnen Kindes in sechs Kernbereichen ("Körper", "Gefühl", "Sprache", "Denken", "Gefühl und Mitgefühl", "Sinn, Werte und Religion") transparent machen.
Standardisierte Eckwerte und Erziehungsakten
Auch die Erzieher und Erzieherinnen selbst sind nach dem Orientierungsplan ständig der Prüfung ausgesetzt, ob sie ihren definierten Aufgaben entsprechen. Sie sollen nicht nur die Kinder immer im Auge haben, sondern auch sich selbst, und das ist nicht etwa als unverbindliche Aufforderung an die eigene Kritikfähigkeit gemeint, denn im Kindergarten der Zukunft wird alles aufgeschrieben.
In Einrichtungen, die zur Orientierungs-Avantgarde gehören, wird bereits jetzt für jedes Kind eine Erziehungsakte mit allen Berichten und Beobachtungsergebnissen angelegt (vgl. auch Deutsche Schüler unter verschärfter Beobachtung). Der Erzieherberuf soll sich ändern: Die erzieherische Tätigkeit wird zugunsten eines integrierten vorschulischen Bildungsmanagements beschnitten, das in erheblichem Maß auf standardisierte Eckwerte zu rekurrieren hat. Die Liste der externen Institutionen, die den Erziehern und Erzieherinnen bei dieser Selbsttransformation helfen soll, ist im Orientierungsplan eine ganze Seite lang, von Kinderärzten über die Polizei bis zu "Interdisziplinären Frühförderstellen" und "Sozial-Pädiatrischen Zentren" ist alles mit dabei.
Der Irrsinn verrät sich, wie so oft, durch seine Sprache. Nicht nur im Abschnitt "Der Kindergarten verbessert kontinuierlich seine Praxis und Konzeption" (Kapitel 3.2, S. 61) klingt das PR- und Behördenblabla, als sei es von einer Phrasensoftware generiert worden: "Werden konzeptionelle Weiterentwicklungen systematisch geplant, bedarfsnah und nachhaltig umgesetzt?" - "Werden Vereinbarungen über Methoden, Kriterien und Begutachtungen dokumentiert, systematisch bearbeitet und umgesetzt?" Ist in den ersten Kapiteln des Orientierungsplans noch davon die Rede, man solle streng vom Kind her denken und die Welt mit seinen Augen sehen, bekommt man hier den Eindruck, es handele sich beim Orientierungsplan im Kern um ein Dokument des bürokratischen Optimierungswahns, der humanistische Ziele und christliches Gesäusel vorschiebt, um später intensiv zu rastern.
Die Auffassung der Erzieher und Erzieherinnen zum Thema ist geteilt. Während durchaus die Meinung zu hören ist, der Orientierungsplan schaffe zum ersten Mal nachvollziehbare Qualitätsmaßstäbe für die Beurteilung der geleisteten Arbeit, fürchten andere die Überlastung durch Papierkram, der ihnen die Zeit mit den Kindern stiehlt.
Aufgeblähter Kontrollapparat
Was den meisten noch nicht klar ist: Die Rationalisierung und die Standardisierung, die mit dem Orientierungsplan anvisiert wird, verfolgt zusätzlich einen Zweck, den er gar nicht erwähnt. Denn wenn die Entwicklung im Krankenhauswesen Erfahrungswerte bieten kann, dann dient all das Brimborium nicht nur der Umerziehung der Erziehungskräfte, sondern auch dazu, möglichst viele von ihnen einzusparen. Die Kliniken waren vor etwa zehn Jahren dort, wo die öffentliche Vorschulerziehung heute ist: Engagierte Mitarbeiter bildeten "Standardisierungs-Arbeitsgruppen", die in freiwilliger Eigenarbeit die Bedingungen für die Optimierung der Krankenpflege absteckten.
Das war die Voraussetzung für die Einführung des DRG-Systems (vgl. Das Raster der Krankheit), das sich Punkt für Punkt zu einem Alptraum entwickelt: Immer weniger Pflegekräfte müssen unter immer höherem Druck ihre Aufmerksamkeit zwischen der normierten Pflege und dem bürokratischen Wahnsinn zur systemgerechten Dokumentation ihrer Arbeit aufteilen. Ein aufgeblähter Kontrollapparat, dessen Mitarbeiter selbst unter hohem Leistungsdruck stehen, sorgt dafür, dass sie bei diesem täglichen Hindernisparcours durch den Formulardschungel nicht in die falsche Richtung laufen. Wenn das der Maßstab für eine erfolgreiche Reform der Vorschulerziehung sein soll, können sich die Erzieher und Erzieherinnen in diesem Land auf was gefasst machen.
Wer glaubt, dass am Ende all dieser Schattenfechtereien glückliche Kinder stehen, die eigenverantwortlich und in vollem Bewusstsein ihrer "Selbstwirksamkeit" mit der Umwelt interagieren, wird sich täuschen. Viel wahrscheinlicher geht es hier um Verwaltung und Zurichtung, die sich im Gegensatz zu früheren Zeiten auch noch mit liberalen Phrasen tarnt. Eine Vorschulerziehung, bei der wirklich zählt, was Kinder von sich aus wollen und brauchen, ohne "Bildungsmatrizen", Kontrollwahn und religiöse oder spiritistische Einflüsterungen, wäre schon eine feine Sache. Aber der "Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für die baden-württembergischen Kindergärten" hat damit nichts zu tun.
http://www.heise.de/tp/artikel/24/24942/1.html- Lachhaft (9.4.2007 5:18)
- Dein Realitätsverlust (8.4.2007 19:04)
- Realitätsverlust (8.4.2007 6:19)
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