Die Macht und das Monster

29.03.2007

Monsterfilm mit politischer Sprengkraft: "The Host"

Der koreanische Film "The Host", in seinem Heimatland der erfolgreichste aller Zeiten, ist ein unterhaltsames Öko-Horror-Thiller-Politsatire-Familiendrama, das stilistisch moderne Elemente mit Stilmitteln der 50er- und 60er Jahre verbindet. Excellent ist dieser vielschichtige Film besonders als Polit-Satire, der den in den letzten Jahren neu entstandenen militärisch-sanitären Komplex kritisiert, und die der Nutzung von Gesundheitsfragen zu versteckter Machtpolitik angreift. Auch die Reaktion der Medien gerät deutlich in den Blick. Zuallererst aber ist dies ein ungewöhnlicher, auch ungewöhnlich vergnüglicher Film.

Bilder: MFA+

Bong Joon-ho's "The Host" beginnt wie ein Katastrophenfilm: Ein Prolog zeigt, wie Wissenschaftler einer US-amerikanischen Militärbasis über hundert Liter hochgiftiges Formaldehyd kurzerhand in den Han-Fluss abgeleiten. Daraufhin bilden sich im Fluss Mutationen. Dann setzt, einige Jahre später, die eigentliche Handlung ein: Man lernt eine nette Familie aus Koreas Hauptstadt Seoul kennen, erlebt Passanten auf einer Ausflugswiese nahe am Fluss. Plötzlich entsteigt ein merkwürdiges Wesen dem Fluss.

Es bewegt sich mit Hochgeschwindigkeit fort und sieht aus wie eine absurde Kreuzung aus einer gefräßigen Riesenkaulquappe mit einem Haifischgebiss und dem "Alien" aus Ridley Scotts gleichnamigem Klassiker und sucht offenbar auf der Wiese nach Beute. Wunderbar gekonnt inszeniert der Film die folgende Massenpanik und das allgemeine Chaos auf der öffentlichen Ausflugswiese. Unweigerlich denkt man an die berühmten Strandszenen aus "Der weiße Hai" und trotzdem hat dieser Film mitunter den Witz von "Airplane".

Menschen zeigen sich ebenfalls von ihrer unangenehmsten Seite

Der Koreaner Bong Joon-ho ist Kennern und Festivalbesuchern als einer der interessantesten Regisseure des koreanischen Gegenwartsfilms bekannt. Doch weder "Barking Dogs" (2000), noch "Memoires of Murder" (2003) kamen ins deutsche Kino - immerhin auf DVD kann man sie ansehen. Der dritte Film des Koreaners - in Korea gilt er mit 13 Millionen Zuschauern und über 60 Millionen US-Dollar Einspielergebnis als erfolgreichster Film aller Zeiten - ist nun ein cineastisches Phänomen und eine schwer charakterisierbare Mischung verschiedener Genreelemente zu einem Film, der am ehesten ein Monsterthriller ist - und eine ebenso scharfe, wie kühl analysierende politische Satire.

Denn ebenso wichtig wie die Jagd auf das fleischfressende Monster und die Rettung eines Schulmädchens, das in der Gewalt des Monsters überIebt hat, ist die Reaktion der Gesellschaft auf sein Auftauchen. Denn im Angesicht der Bedrohung durch die bösartige Kreatur zeigen sich die Menschen ebenfalls von ihrer unangenehmsten Seite.

Bong Joon-ho's Film funktioniert als Ensemble von Geschichten, als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt. Erstaunlich, was Bong hier alles verarbeitet hat, ohne dass sein Film je an Unterhaltungswert verliert: Im Kern erzählt "The Host" von einer dysfunktionalen Familie, die sich verloren hat, und über eine äußere Bedrohung wieder zusammenfindet - nicht ohne Opfer.

Diese klassische, hochmoralische Story ist aber von allerlei weiteren Handlungssträngen umrankt: Einer davon ist die soziale Lage. Denn dies ist offensichtlich eine Familie am Rand der Gesellschaft, die vom Wirtschaftsboom in Korea noch nicht übermäßig profitiert hat. In der Not wird sie von den Behörden ignoriert. Natürlich geht es auch um das prekäres USA-Verhältnis Südkoreas und das dortige Benehmen der Amerikaner - so basiert der Ausgangspunkt auf Tatsachen: Im Februar 2000 liess Albert L. McFarland im Militär-Leichenhaus von Yongsan 20 Gallonen Formaldehyd in den Han-Fluss gießen und wurde nach einem mühevollen Verfahren zur Rechenschaft gezogen -, den Neo-Kolonialismus der USA, die auch im zeitgenössischen Korea noch immer eine überaus unsympathische Rolle spielen, dort eine Art Staat im Staate sind.

Auch die USA sind ein "Host" mit Monstertendenzen, jedenfalls aus koreanischer Sicht. Wenn der Film zeigt, wie der Staat seine eigenen Bürger verfolgt, statt das Monster, dann nimmt er aber auch polizeistaatliche und autoritäre Tendenzen ins Visier, die in der koreanischen Gesellschaft auch fast zwei Jahrzehnte nach der Diktatur immer noch präsent und mitprägend sind. Nicht zufällig wird eine der Hauptfiguren als einstiger Anhänger der demokratischen Opposition und Demonstrant der Studentenunruhen der Jahre vor 1988 vorgestellt. Ein Schwenk, der für die Ironie des Regisseurs typisch ist, ist dann, dass ihm das seinerzeit erlernte effektive Bauen und Werfen von Molotowcocktails nun im Kampf mit dem Monster sehr nützlich ist. Natürlich geht es aber auch um Kritik am Korea der Gegenwart: Dies wird als ein Land der allgemeinen Korruption geschildert, als ein Land, in dem Beziehungen - "Der Schwager von dem Mann einer Nichte meines Freundes, der ist auch bei der Polizei", heißt es einmal im Film - alles entscheiden. Korruption und Geldgier prägen die sozialen Verhältnisse.

Wie ein Virus erfunden wird

Es geht um Pandemien wie die Vogelgrippe - und der Regisseur lässt selbstverständlich aktuelle asiatische Erfahrungen über den Umgang mit SARS einfließen, wenn er zeigt, wie ein Virus geradezu "erfunden" wird, wie die Angst vor "dem Virus" einsetzt, plötzlich alle Menschen Masken vorm Mund haben, angeblich Infizierte in gelbe Plastiksäcke gepackt und der wissenschaftlichen Willkür preisgegeben werden - bis hin zu einer Gehirnoperation. Dann greift die WHO ein und entmachtet das Land - ein realistisches Szenario, seit 1997 während der asiatischen Krise Korea kurzerhand unter Kuratel der Weltbank gestellt wurde.

Die Kritik an diesem militärisch-sanitären Komplex und der Nutzung von Gesundheitsfragen zu versteckter Machtpolitik ist einer der prägnantesten der vielen, gut verwobenen Fäden dieses Films. Aber auch allgemeine Öffentlichkeitsmechanismen sind deutlich im Blick, wenn die gesellschaftliche Steuerungskrise und ihre psychologischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Dimensionen gezeigt werden und die Reaktion der Medien auf diese Herausbildung von Unsicherheit: das Ausspähen und Vermarkten eines symbolischen Opfers - ausgerechnet eines US-Soldaten - und von symbolischen Infektionsträgern.

Stilistisch untergräbt der Film fortwährend sein eigenes Genre. Die die visuelle Textur des Films bestimmenden Einflüsse reichen von japanischen "Godzilla"-Werken bis zum italienischen Neorealismus. Die Kameraarbeit und dynamische, konsequente wie nervöse Inszenierung sind von hoher visuellen Präzision. Auch wenn es unangenehme Momente gibt, und der Regisseur mit Schauer- und Ekeleffekten spielt, ist dies zu keiner Zeit ein Horrorfilm, und bei aller äußerer Ähnlichkeit will dieses Monster auch nie die beklemmende Wirkung und archetypische Kraft des "Alien" oder des "weißen Hai" entfalten. "The Host" ist eine boshafte, hochironische und intelligente Satire über die südkoreanische Gegenwartsgesellschaft, der sich ihrer eigenen Verrücktheit bewusst ist, und eine frische zeitgenössische Comedie Humaine, die ihresgleichen sucht - dagegen sehen viele andere Filme überaus alt aus.

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