Der "neoliberale Rezensent"

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Die Flut der massenkulturellen Produktionen, die dem Krieg zuarbeiten, ist für den Einzelnen kaum noch überschaubar. Wer wäre für eine Sichtung überhaupt zuständig? Die politische Kritik scheut sich, der Filmwissenschaft und der Kunstkritik ins Gehege zu kommen. Auf der anderen Seite sind filmwissenschaftliche Arbeiten, die interessegeleitet vom Friedensstandpunkt ausgehen, nicht gerade sehr zahlreich. Ein Problem akademischer Forschungsbeiträge liegt außerdem in der Natur des wissenschaftlichen Arbeitens. Für gründliche Untersuchungen eignen sich eben vor allem weiter zurückliegende Produktionen, für die es z.B. auch schon wirkungsgeschichtliche Sachverhalte zu bedenken gibt.

Zeitnah präsentieren hingegen kommerzielle Besprechungen im Internet und in Verkaufsmagazinen der Video-Ketten dem Publikum die neuen Sortimente. Dass im Zusammenhang mit Vermarktung oder Distribution eines Produktes weniger wohlwollende Anmerkungen allenfalls in einem Nebensatz Raum finden, sollte nicht weiter verwundern. Leider sind die Beiträge von Kulturrezensenten, die ein kritisches Korrektiv dazu bilden, auf einen denkbar überschaubaren Kreis von Qualitätsmedien beschränkt. Man lese einmal nach, wie banal und nichtssagend in vielen regionalen Kulturillustrierten Militainment-Produkte "besprochen" werden: Das neueste Kriegs- oder Militärspiel für den Computer weist innovative, berauschende, geile oder unglaublich realistische Effekte auf. Die digitalen Zauberkunststücke im aktuellen Kriegskino stellen alles je Dagewesene in den Schatten. Die neueste Luftkriegstechnik, so die Filmrezensentin einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, ist einfach "bombig" … Dass die solchermaßen bewerkstelligte Bespaßung vielleicht mit einer breiten Militarisierung der Weltgesellschaft zu tun haben könnte, wird im Rahmen des entsprechenden Horizontes immer seltener mitbedacht. Es triumphiert die spätpubertäre Faszination.

Der "neoliberale Rezensent", so scheint es, ist in den meisten Kulturredaktionen längst zum Trendsetter geworden. Kulturkritik von linken oder wertkonservativen "Moralisten" ist ihm ein Gräuel. Im Gegensatz zu diesen Spießern hält er rechtlich verankerte Zivilisationsstandards nicht für etwas, das auch in sein Ressort fällt. Die Reaktion der "neoliberalen Kunstkritik" auf Beiträge, die vom kommerziellen Mainstreaming abweichen, ist zum Großteil absehbar. Sie wird auch "den 'Antikriegsfilmer' als Moralisten vorführen und ihn bei seiner Mission strukturell als Krieger entlarven. (Das trifft auf den moralistischen Filmemacher ohne glaubwürdigen Ausgangspunkt sehr häufig auch zu.) Sie wird beklagen, dass die moralische Aufrüstung die Kunst verdirbt und Zwitter hervorbringt, in denen die Affektfunktionen der massenkulturellen Gewaltdarstellung untergraben werden. Sie wird den gemeinen Konsumenten verteidigen, dessen vergnügliches Kriegsgeplauder schon Goethe in seinem 'Faust' beobachtet hat. Man wird es als Anmaßung betrachten, dass ein Künstler das Kriegsgespann 'Gut und Böse' unterminiert und doch selbst noch wissen will, was gut und was verderblich ist. Schließlich kommt womöglich noch heraus, dass sein Film mit dem Benennen von Tätern, Interessen und Opfern oder Fragen nach dem Befehlsgeber eines Luftbombardements einem typisch bürgerlichen Kausalitätsdenken verhaftet bleibt.

Und im gleichen Atemzug wird man ein Bild des wahren Künstlers zeichnen, der sich jeglicher Wertung und wertgebundenen Intention enthält. Dieser kann den Krieg ganz unschuldig, ganz absichtslos und ganz künstlerisch zeigen, weil er auch als Filmvorführer Zuschauer bleibt, ohne Einspruch zu erheben. Umso authentischer wird das Chaotische und Undurchdringbare des Grauens zur Anschauung kommen. Einen solchen Ästhetizismus, der seinen Standort fernab von Mitleiden, Vernunft und Politik bezieht, kann sich jeder Kriegsminister als Beitrag von Künstlern nur wünschen. Nun ist aber der real existierende Kriegsfilm alles andere als ästhetisch, unschuldig und unpolitisch. Die Klage der Kunst wäre nicht gegen eine – nicht vorhandene – massenkulturelle 'Propaganda der Gutmenschen', sondern gegen die Propagandakultur des Militärischen zu erheben."[4]

Argumentativ ist das Gegeneinanderausspielen von Kunst und Moral wenig stichhaltig. Nichts spricht dagegen, dass der Kritiker einem handwerklich gut gemachten Propagandawerk z.B. ästhetische Raffinesse oder auch einen hohen Unterhaltungswert bescheinigt. Dergleichen ist im Rahmen einer politischen Kunstkritik sogar äußerst förderlich. Nicht annehmbar ist es hingegen, wenn das "Künstlerlob" mit Unterschlagungen auf anderen Gebieten einhergeht. Die Leserschaft hat zum Beispiel einen Anspruch darauf, dass der Filmkritiker bei der Sondervorstellung bis zum letzten Abspann im Kino sitzen bleibt und eine dort im Kleingedruckten untergebrachte Kooperation von militärischen Partnern in seine Notizen aufnimmt.

Der "neoliberale Rezensent" sollte, wo immer sich die Gelegenheit bietet, verlästert werden. Doch seine Komplizenschaft mit dem Krieg hat, da sie auf Moral verzichtet, auch etwas Ehrliches. Sie erreicht nicht die Hässlichkeit jener Humanbellizisten, die sich ihrer Abkehr vom Pazifismus insgeheim schämen und Bestätigung suchen in solchen Medienproduktionen, die den Krieg als zivilisierbare und hochmoralische Mission inszenieren.

Die Unterhaltungsindustrie als Rüstungssektor

Der "neoliberale Rezensent"

Der film- und medienwissenschaftliche Diskurs

Die herkömmliche Gewaltdebatte verstellt den Blick für medienpädagogische und politische Beiträge zur Kultur des Friedens

Auch die Rechtswissenschaften sind herausgefordert

Und Europas Beitrag?

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25002/1.html
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