Stipendienvergabe nach zweifelhaften Kriterien

05.04.2007

Ein flächendeckendes System der Begabtenförderung sollte die Einführung der Studiengebühren abfedern. Doch daraus wurde nichts, und die verbleibenden Stipendien bekommen vorzugsweise Kinder aus gut situierten Familien

Um im Sommersemester 2007 studieren zu können, müssen viele Nachwuchs-Akademiker tief in die Tasche greifen. Denn mittlerweile verlangen die Hochschulen in fünf Bundesländern durchschnittlich 500 Euro pro Halbjahr. Für begabte junge Menschen, die aus den vielzitierten einkommensschwachen Familien stammen, ist das viel, nicht selten auch zu viel Geld. Doch die finanziell Benachteiligten sollten besondere Unterstützung bekommen, gerade weil in keinem anderen modernen Industriestaat die soziale Herkunft so unmittelbar über den Bildungsweg entscheidet wie gerade in Deutschland.

Landes- und Bundespolitiker, aber auch Vertreter der Wirtschaft überboten sich lange Zeit bei der Beschwörung sozialverträglicher Alternativlösungen. Günstige Kredite sollten den Weg zur Hochschullaufbahn ebnen, von Ausnahmeregelungen und eventuellen BAföG-Erhöhungen war die Rede, und überdies würde ein ebenso flächendeckendes wie effektives Stipendiensystem dafür sorgen, dass aus armen Hochbegabten endlich Nobelpreisträger werden können.

Doch die Realität sieht anders aus. Statt Zinsvergünstigen droht nach Ende des Studiums die Schuldenfalle, eine Aufstockung des BAföG ist angedacht, aber noch nicht beschlossen, und über Stipendien können sich in vielen Fällen nur diejenigen freuen, die eine Finanzspritze kaum nötig hätten. Zu dieser Erkenntnis kommt nicht etwa ein Gebührengegner oder fundamentaler Systemkritiker, sondern die Bundesregierung selbst, die eine Anfrage der Fraktion "Die LINKE" zur sozialen Zusammensetzung von Stipendiatinnen und Stipendiaten der Begabtenförderungswerke beantworten musste.

Büchergeld für Wohlhabende

Andreas Storm, seines Zeichens Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, weist in einem mittlerweile online veröffentlichten Schreiben an den Bundestagspräsidenten darauf hin, dass die elf großen Begabtenförderungswerke im Jahr 2006 insgesamt 13.858 Studierende unterstützt und 2.883 Promotionsbeihilfen vergeben haben. Die Unterschiede zwischen kleinen (Rosa-Luxemburg-Stiftung: 331/106), mittleren (Evangelisches Studienwerk: 805/232) und großen Institutionen (Studienstiftung des deutschen Volkes: 6.362/730) sind dabei ebenso erheblich wie die einzelnen Fördermöglichkeiten, die vom Büchergeld in Höhe von 80 Euro pro Monat über ein Lebenshaltungsstipendium von monatlich 525 Euro bis zum Promotionsstipendium reichen, das Doktorandinnen und Doktoranden 920 Euro bescheren kann.

Weitaus interessanter ist allerdings die prozentuale Aufteilung der Stipendien. So hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung im letzten bislang ausdifferenzierten Jahr 2005 nur zu 18 Prozent Büchergeldempfänger unterstützt, während zu 37,7 Prozent Teil- und zu 44,3 Prozent Vollstipendiaten gefördert wurden. Noch deutlicher ist die Begünstigung von Vollstipendiaten bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, wo sich ein abgerundetes Zahlenverhältnis von 10:21:69 Prozent ergibt.

Vom Cusanuswerk, der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Stiftung der Deutschen Wirtschaft bekommt dagegen nur jede(r) fünfte Geförderte ein Vollstipendium, und bei der einflussreichen Studienstiftung des deutschen Volkes, welche die mit weitem Abstand meisten Stipendien vergibt, liegt dieser Anteil bei mageren 15,9 Prozent. Das größte und älteste, weil bereits 1924 gegründete deutsche Begabtenförderungswerk fühlt sich "politisch, konfessionell und weltanschaulich unabhängig" und sieht sich nach eigenem Bekunden als Talentschmiede "für Wissenschaft, Wirtschaft, öffentliche Verwaltung und Kunst". Von den 6.153 Stipendien im Jahr 2005 gingen allerdings 51,5 Prozent an Büchergeldempfänger und 32,6 Prozent an Teilstipendiaten.

Was an diesem Zahlenwirrwarr so aufschlussreich ist, erklärt der Parlamentarische Staatssekretär ebenfalls. Da die Stipendienhöhe nach Maßgabe einer eventuellen BAföG-Vergabe berechnet werde, könne die soziale Situation der Stipendiaten durch die Art der bewilligten Förderung ermittelt werden.

Die Empfänger von Vollstipendien hätten demnach eine "niedrige" familiäre Einkommenssituation, Empfänger von Teilstipendien eine "mittlere" und Büchergeldempfänger eine "hohe". Der Prozentsatz der Vollstipendien beträgt im Durchschnitt ca. 25%, der Prozentsatz der Teilstipendien 33% und der Büchergeldempfänger 42%.

Andreas Storm

Soziale Aspekte spielen "keine Rolle"

Beim Bundesministerium für Bildung und Forschung geht man trotzdem davon aus, dass alle Begabtenförderungswerke soziale Aspekte in ihre Entscheidungen einbeziehen. Diese würden neben den "Hauptkriterien" Leistung, gesellschaftliches Engagement und Persönlichkeit aber "mehr oder weniger stark gewichtet". Nach Ansicht des Ministeriums werden Bewerber, "die aus ungünstiger sozialer Situation heraus überdurchschnittliche Leistungen erbringen", besonders berücksichtigt, denn das Ziel der Unterstützung bestehe schließlich darin, Nachteile durch das bildungsferne Elternhaus, ein schwieriges soziales Umfeld, mangelnde Fördermöglichkeiten der Herkunftsfamilie, eigene Krankheit, die Notwendigkeit, Kinder, Kranke oder Pflegebedürftige zu betreuen, einen Migrationshintergrund oder auch das Geschlecht wieder auszugleichen.

Das klingt beruhigend, entspricht aber nur sehr bedingt der gängigen Praxis. Die Studienstiftung des deutschen Volkes hat wirtschaftliche und soziale Kriterien bei der Entscheidungsfindung nämlich explizit ausgeschlossen.

Von den Bewerbern wird erwartet, dass sie sich durch Leistung, Initiative und Verantwortungsbewusstsein auszeichnen. Studenten müssen ausgezeichnete Kenntnisse in ihrem Studienfach nachweisen. Darüber hinaus erwartet die Studienstiftung, dass die Bewerber Interessen und Aktivitäten außerhalb ihres Studienfaches entwickelt haben und weiterführen werden. Keine Rolle bei der Auswahl spielen politische Überzeugungen, Weltanschauung, Geschlecht, Religion sowie wirtschaftliche und soziale Aspekte.

Studienstiftung des deutschen Volkes

Da verwundert es nicht, dass lediglich 15,9 Prozent der hier bewilligten Stipendien an Empfänger gehen, die aus vergleichsweise finanzschwachen Familien kommen. Aber die Studienstiftung ist kein Einzelfall. Die Bischöfliche Studienförderung Cusanuswerk, 21,2 Prozent Vollstipendiaten in 2005) erwartet von ihren Bewerbern in erster Linie "hervorragende Leistungen im eigenen Fach", dann "ein hohes Reflexionsvermögen sowie Neugier und Kreativität", überdies Nachdenklichkeit, Offenheit und die Bereitschaft, "ihren eigenen Glaubensweg" ernst zu nehmen und Kirche zu gestalten. Die der CDU freundlich gesonnene Konrad-Adenauer-Stiftung, 27,9 Prozent Vollstipendiaten) hat es vor allem auf die "Herausbildung zukünftiger Führungskräfte und Leistungseliten" abgesehen. In den Förderrichtlinien taucht das Adjektiv "sozial" nur im Zusammenhang mit einem entsprechenden Engagement der Bewerberinnen und Bewerber auf.

Die SPD nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, bei der alljährlich rund 12.000 Anträge eingehen, hat sich zwar ausdrücklich vorgenommen, Kinder aus einkommensschwachen Schichten "in der Auswahl und in der Stipendienhöhe in besonderem Maße" zu berücksichtigen, verzeichnete im Jahr 2005 aber letztlich auch nur 26,2 Prozent Vollstipendiaten.

In dieser Situation ist der Hinweis, dass neben den großen Begabtenförderungswerken noch über 4.000 Stiftungen in Deutschland existieren, die zum Teil seit Jahren vergeblich nach geeigneten Stipendiaten suchen, wenig hilfreich. Viele richten sich an einen sehr kleinen Adressatenkreis, suchen ihrerseits Unterstützung oder vertreten ausgesprochene Partikularinteressen. Um ein gesellschaftliches Problem zu lösen, sind diese Initiativen, so verdienstvoll sie im einzelnen sein mögen, naturgemäß nicht geeignet.

Stipendiaten sparen Studiengebühren

Die Politik fühlt sich derweil nur bereichsweise zuständig. Bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode sollen die staatlichen Zuschüsse für die Begabtenförderungswerke zwar soweit erhöht werden, dass ein Prozent aller Studierenden und damit 0,3 Prozent mehr als bisher gefördert werden. Eine "Veränderung oder Ergänzung der politischen Vorgaben" sei damit allerdings nicht verbunden, ließ der Parlamentarische Staatssekretär Storm verlauten.

Die Pluralität der Förderlandschaft, die durch die Einbeziehung von elf unterschiedlich ausgerichteten Begabtenförderwerken erreicht wird, gewährleistet eine ausgewogene Berücksichtigung des vorhandenen Spektrums an Begabungen. Auf den Auswahlprozess der Begabtenförderungswerke nimmt das BMBF keinen Einfluss.

Andreas Storm

Die derzeitige Vergabepraxis, die drei Viertel aller Stipendien dem begabten Nachwuchs aus Familien mit einer mittleren oder hohen Einkommenssituation zukommen lässt, hat mit einem bundesweiten, sozial ausgewogenen Stipendiensystem jedoch wenig zu tun, und diese Tendenz dürfte sich noch verschärfen, wenn die Förderung an den einzelnen Hochschulen nach ähnlichen Grundsätzen geregelt wird. Sie können nämlich in Zukunft vielfach selbst Stipendien für besondere Leistungen vergeben, und bislang deutet wenig darauf hin, dass soziale Aspekte bei den Entscheidungsprozessen eine entscheidende Rolle spielen.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine Sonderregelung mancher Hochschulen besonders problematisch. So haben Stipendiaten, die von der Bayerischen Eliteakademie aufgenommen oder von einem der großen Begabtenförderungswerke, vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst oder der Bayerischen Begabtenförderung unterstützt werden, beispielsweise in Passau die Möglichkeit, sich obendrein von den Studiengebühren befreien zu lassen. Einen ähnlichen Antrag können Stipendiaten derzeit an der Universität Freiburg, der Katholischen Universität Eichstätt oder der Fachhochschule München stellen. Von sozialen Kriterien, die über Bewilligung oder Ablehnung entscheiden könnten, ist auch hier vorerst keine Rede.

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