Der Schatten des Kreuzes

06.04.2007

Karfreitagsgedanken zur Kriegstheologie im Kino und zur Passionsfrömmigkeit

Beim kampfbereiten Märtyrerkult denkt man heute wohl am ehesten an Blutriten der Volksfrömmigkeit in Kerbala oder Teheran. Bei diesen Trauerakten handelt es sich um eine - in unseren Medien oftmals verzerrt dargestellte - konfessionelle Besonderheit der Schiiten. Sie gelten dem Prophetenenkel Husain, mit dem sich die Vorstellung eines stellvertretenden Sühneleidens verbindet. Ursprünglich war dem Islam eine solche - eher christlich anmutende - Passionsfrömmigkeit völlig fremd. Verbreitet ist die apologetische These, das Christentum habe im Gegensatz zum zeitweilig kriegserprobten Propheten Mohammed eine passiv duldende und Gewalt erleidende Zentralgestalt und sei deshalb vom Wesen her weniger gewalttätig als der Islam. Doch Massenvernichtungstechnologie und Praxis des modernen Krieges sind nirgendwo anders entwickelt worden als auf dem Gebiet des "christlichen Kulturkreises". Im Kino kann das zentrale Leidenssymbol "Kreuz" noch immer zum Gegenstand von Kriegstheologie werden. Eine christliche Selbstbesinnung bezogen auf den eigenen Gewaltschatten ist dringend notwendig.

Das Kreuz ist heute unbestritten das zentrale Erkennungszeichen der Christen. Gleichwohl kannten die frühesten Gemeinden andere, außerordentlich weit verbreitete Symbole und Bilder, so den Fisch (ICHTYS) oder die schon vorchristlich bekannte Darstellung des guten Hirten. Das Kreuz wird als eigenständiges Bildthema erst nach Anerkennung des Christentums durch Kaiser Konstantin zu Beginn des 4. Jahrhunderts greifbar. Eine regelrechte Kreuzes-Kunst entwickelt sich, als Theodosius I. die grausame Kreuzigungs-Strafe abschafft. Das romanische Kreuz kommt einer Throndarstellung gleich. Es zeigt den Sieger.

Vorbereitet unter anderem durch die byzantinische Kunst am Ende des ersten Jahrtausends verbreitet sich im Abendland auch der Bildtypus des leidenden oder toten Gekreuzigten. Diese Darstellungsform setzt sich im 13. Jahrhundert allgemein durch. Den blutigen Leichnam Jesu hatten einst Josef von Arimathäa und Nikodemus vom Balken abgenommen. Nun kommt er in den Gotteshäusern wieder ausgiebig zur Anschauung.

Das Kreuz als Folter- und Hinrichtungsinstrument des Imperiums

Die Diskretion der frühen Christen bezogen auf den bildlichen Gebrauch des Kreuzzeichens (Stauro-Gramme) gibt zu denken. Was immer auch archetypische Esoterik oder spekulative Theologie beizusteuern wissen, das Kreuz bleibt zunächst Folter- und Hinrichtungsinstrument des Römischen Reiches. Als solches gibt es Zeugnis ab von irdischen Macht- und Gewaltverhältnissen, keineswegs jedoch von einem ewigen Erlösungsratschlag.

Der imperiale Hinrichtungsbalken wurde dann besonders in der abendländischen Christenheit zum alles beherrschenden Thema. Nur selten sind im Zentrum einer Kirche Bilder der Geburt[1] oder eine Ostersonne des neuen Lebens zu entdecken.

Auf viele Nichtchristen wirkt diese Übermacht des Kreuzes nekrophil. Historisch auffällig ist, dass sie erst mit der Allianz zwischen verfasster Christenheit und kriegerischer Staatsmacht hervortritt. In der Folge kommt es auf bedenkliche Weise zu einer sakralen Überhöhung des Blutes . Wer Blut förmlich anbetet, so ist zu fürchten, der könnte am Ende allzu leicht Gefallen daran finden, den ganzen Erdkreis mit Blut zu bespritzen. Von den Kreuzfahrern ist jedenfalls bekannt, dass sie beides praktizierten und besangen.

Psychologisch gesehen ist jeder Opferkult ambivalent. In seinem Buch "Masochismus und Moral" (1983) meint Günter Gödde, "dass jeder Masochist ein potentieller Sadist ist: Wer sich selbst zum Feind nimmt und seine Aggressionen gegen sich selbst richtet, kann sich schwerlich von sadistischen Impulsen freihalten." Masochistischer Leidenskult und sadistische Gewaltverherrlichung gehören zu einem Komplex - ebenso wie die Unterwerfung unter einen gewalttätigen Moralismus (rigoroser Trieb-"Verzicht" als Selbstzweck, Überich-Terror etc.) und die zugehörigen grausamen Strafphantasien. Besonders einige westliche Theologenmeinungen über die Sühnekraft des Kreuzes stützen zudem jene Ideologie vom naturhaft oder wesensgemäß bösen Menschen, die Grundlage aller militaristischen Konzepte von "Weltordnung" ist.

Das Leben des Brian

Wer als Christ die angedeuteten psychologischen Zusammenhänge nicht auf die eigene Religion beziehen will, kommt dennoch nicht an historischen und zeitgenössischen Befunden vorbei. Zumindest diese machen eine theologische Analyse des gewalttätigen Schattens im Christentum unabdingbar. Die Kriege der Christenheit standen stets im Zeichen des Kreuzes. Die deutsche Kriegstheologie der beiden großen Konfessionen - im Kontext von zwei Weltkriegen - ist nur ein besonders abstoßendes Kapitel dieser Instrumentalisierung. Mit einigen ausgewählten Filmbeispielen[2] möchte ich nachfolgend zeigen, dass die entsprechende Ikonographie auch Eingang in die kommerzielle Massenkultur der "christlichen" Welt gefunden hat.

Die Japaner als Kreuzesaufrichter

Im US-Kriegsfilm gibt es insbesondere immer wieder westliche Nachfolger der Märtyrer von Nagasaki, die 1597 wegen ihres christlichen Glaubens in Japan gekreuzigt worden sind[3] Der unter Assistenz des US-Militärs gedrehte Weltkriegsfilm Pearl Harbor (2001) entwickelt ausgiebig das religiöse Thema und spitzt es auf diesen Topos zu. Nach dem Angriff der Japaner spricht der Militärseelsorger einem sterbenden Soldaten folgenden Trost zu:

Mein Sohn, halte fest an deinem Glauben. Jesus sagt: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein! Also fürchte dich nicht. Im Stande der Gnade wirst du sterben!

Die Kameraden kommen zur Blutspende. Präsident Roosevelt ist an Gottes Beistand hörbar gelegen. Sogar Colonel James H. Doolittle, dessen Glaube sich offenbar in einer weltlichen, patriotischen Berufung erschöpft, bittet seinen Co-Piloten beim Vergeltungsschlag: "Beten Sie für uns beide!" Allerdings stellt sich vor den Särgen der Pearl Harbor-Opfer die Frage, welche Antwort der christliche Gott auf den "göttlichen Wind" (Kamikaze) der Japaner bereithält. Die Theologie des Filmes gipfelt in einer Christus-Ikone: Die beiden Flugzeuge des Heldenduos "Danny & Rafe" stürzen nach dem Racheangriff auf Tokio - unter japanischem Beschuss - an der chinesischen Küste ab. Am Boden legen die japanischen Besatzungstruppen Danny ein Holzjoch auf die Schultern. Doch der so Gekreuzigte kann seinem Freund Rafe noch vor seinem Tod das Leben retten und vollendet sein eigenes Leben als Märtyrer.

Der Film To End All Wars (GB/USA/Thailand 2002) zeigt britische Soldaten eines schottischen Bataillons und einige Männer der U.S. Army als Gefangene in einem japanischen Dschungelcamp. Diese "wahre Brücke am Kwai" von David L. Cunningham erinnert mit authentischem Anspruch noch einmal an die Zwangsarbeiter einer Bahnstrecke von Singapur nach Thailand während des Zweiten Weltkrieges und die Missachtung der Genfer Konventionen durch das Kaiserreich Japan. An einer Stelle folgt die Tortur der Japaner gezielt der Kreuzigungsmethode. Dies wird allerdings - ganz anders als im Staatskunstwerk Pearl Harbor - mit einer christlich motivierten Absage an Vergeltung beantwortet.

The Great Raid

Der aktuellste, vom Pentagon geförderte Bataan-Titel The Great Raid (USA 2005) will an das Schicksal von zehntausenden US-Soldaten erinnern, die auf den Philippinen ermordet wurden oder für drei Jahre in japanische Kriegsgefangenschaft gerieten, ebenso an die "bis heute erfolgreichste Rettungsoperation der US-Militärgeschichte" im Januar 1945. Der Zuschauer sieht, dass die Japaner bei der Ausführung ihrer Kriegsverbrechen weder Menschlichkeit noch Völkerrechtskonventionen kennen. Das "christliche" Paradigma entfaltet sich über mehrfache Kreuzigungsszenen, Opferethos, Gebetsgesten, Choralmusik, Kirchenraum und positive Drehbuchrollen von Geistlichen.

Der gekreuzigte Muskelkrieger - Das Imperium als Opfer

Nach dem Vietnam-Krieg mit drei Millionen Toten und dem bislang umfangreichsten Einsatz chemischer Massenvernichtungsmittel[4] betrachtete die Weltöffentlichkeit die USA sehr deutlich als Täter. Indessen wurde während der Reagan-Ära eine hysterische Kampagne der eigenen Opferstilisierung des Imperiums in die Medien und Kinos lanciert. Man behauptete im Rahmen eines wahren Kreuzzuges - frei erfunden - eine anhaltende Kriegsgefangenschaft zahlreicher US-Soldaten in Südostasien.[5]

Mit welchen Wahngebilden in diesem Zusammenhang die Leiden der Soldateneltern und Veteranen instrumentalisiert wurden, zeigt - stilbildend - die rassistische Milius-Produktion Uncommon Valor (USA 1983). Der prominente Heldentypus dieser Epoche ist ein mit Muskelpanzer ausgestatteter US-Krieger. Rambo ist stets Opfer oder Befreier von Opfern. Im Folterkeller der jeweiligen Bösen begegnet er uns in Gestalt des Gekreuzigten.[6]

John Milius hat - mit Unterstützung von Drehbuchautor Oliver Stone - das neu aufgelegte bellizistische Bild von "Männlichkeit" schon in seiner Fantasy-Saga Conan The Barbarian (USA 1981) inszeniert. Dieser Titel zelebriert sehr ausgiebig das zentrale Motiv der kriegstheologischen Ikonographie aus Hollywood: den Krieger am Kreuz, die Reanimation durch einen "heiligen" Geist und den Ostermorgen des Helden.[7] Würde man Zuschauern nur die entsprechenden Szenen zeigen, so würden sie zunächst glauben, Arnold Schwarzenegger spiele hier die Hauptrolle in einer älteren Verfilmung der Passion Christi. Übrigens zählt in den Augen des von Conan verehrten Kriegsgottes "nicht der Grund eines Krieges, sondern nur der Mut". Blut muss auf jeden Fall fließen.

Auch die Plakatwerbung für Oliver Stones Vietnamfilm Platoon (USA 1986) enthielt einen Bezug zur Ikonographie des Gekreuzigten. Dieser galt nicht etwa dem ersten in US-Militärhaft getöteten Vietnam-Kriegsdienstverweigerer[8] oder den vietnamesischen Opfern, sondern dem integren US-Soldaten. Dieser heißt Sergeant Elias und verkörpert im Rahmen der Auseinandersetzung zwischen "Gut und Böse" innerhalb des U.S. Army den leidenden Gerechten. Im Resümee des Films erfahren wir erstaunlicher Weise, dass es in Vietnam eigentlich auch gar nicht um Vietnam ging, sondern um einen "inneren Kampf" des US-Kriegers.

Im Genre des Kriegsgerichtsfilms - so im Pentagon-Kooperationsprojekt Rules of Engagement (USA 2000) oder in der TV-Serie JAG (USA 1995ff) - begegnet uns die Gestalt des unschuldig Verfolgten personifiziert durch US-Soldaten, die man wegen Kriegsverbrechen angeklagt hat. Die entsprechenden ideologischen Vorlagen haben US-Evangelikale geliefert. Der "gläubige" US-Marineleutnant Oliver North, Nationalheld der Iran-Contra-Affäre und mitverantwortlich für militärisches Morden in Nicaragua und Nahost, erhielt von der christlichen "Liberty University" einen Ehrendoktorhut und wurde durch den fundamentalistischen Starprediger Jerry Falwell so getröstet: "Wir dienen einem Erlöser, der auch angeklagt und verurteilt wurde."[9]

Mel Gibson und die Anbetung des Blutes

Im Jahr 2001 betete die Hauptfigur in dem vom Pentagon gesponserten Vietnam-Kriegsfilm We Were Soldier auf der Kinoleinwand, Gott möge den USA zum Sieg verhelfen und die Gebete der Feinde nicht erhören. Der Schauspieler hieß Mel Gibson, und der besagte Filmtitel ist eine wahre Fundgrube für die Untersuchung des frommen Bellizismus.

The Passion Of The Christ

Gibson ist katholisch-traditionalistischer Sektierer, "Lethal Weapon" in einer ganzen Reihe gewaltverherrlichender Kinoprodukte und Kronzeuge für den Zusammenhang von Kriegstheologie und Kreuzsymbolik. Besonders blutrünstig betätigt er sich als christlicher Partisan mit Indianeraxt im Film The Patriot (USA 2000) über den US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Als Filmemacher und Hauptrollendarsteller inszenierte Gibson sich selbst auch in Braveheart (1994) als heiligen Krieger und Märtyrer des schottischen Freiheitskampfes zwischen 1275 und 1305 nach Christus.[10] In diesem Historienfilm triumphiert der Held auf den Schlachtfeldern über homosexuelle Weichlinge, bevor er am Ende auf dem Kreuzbalken der Folterer sein eigenes Blut für die Freiheit hingibt. Er stirbt - im Sinne des zivilreligiösen US-Vokabulars - den "Sacrificial Death". Die "Christus"-Ikonographie zum Schluss ist schwer zu übersehen.

In einer bruchlosen Tradition dieser von Rache und Grausamkeit geprägten Kriegsbilder hat der Regisseur Gibson 2004 seinen Film The Passion Of The Christ vorgelegt: Das Martyrium der Erlösergestalt wird - auf der Folie antijudaistischer Feindbilder - extrem blutig und gewalttätig inszeniert, während der Exponent der seinerzeit exzessiv kreuzigenden Besatzungsmacht in Palästina gut wegkommt. Pilatus, Statthalter des imperialen Roms, erscheint in Gibsons Passion "geradezu als humanitärer Schöngeist, als Mann von sanfter Menschenfreundlichkeit" (so die jüdische Theologin Ruth Lapide). Beifall für dieses bluttriefende Machwerk[11] kam vor allem aus der evangelikalen Ecke und dem Rechtsaußenrand der katholischen Kirche. Zustimmung hat dem Verfasser jedoch auch ein junger Videoverkäufer signalisiert, der meinte, endlich hätte das Christentum Anschluss an die moderne Massenkultur gefunden!

Nur am Rande sei vermerkt, dass auch der böse Schächer am Kreuz - an der Seite des Heilandes - im Hollywoodfilm Spuren hinterlässt. Das Filmmonster Hannibal Lecter (Rezept für ein Monster) wird in Kreuzespose vorgeführt. Vor dem Einschalten der Giftspritzen-Perfusoren zeigen US-Filme über die Todesstrafe, wie man die Übeltäter auf ein Hinrichtungskreuz fesselt. Beim Lynchmord an einem Schwulen kommt es - ebenfalls nicht nur fiktiv - zur Geißelung am Zaunpfahl.[12]

Der endzeitliche Erlöser, die Matrix und ein Kriegsmärchen

Filmgeschichtlich lässt sich insbesondere eine Affinität zwischen Erlösermythos und Endzeit aufzeigen. Im Klassiker The Last Man on Earth (Italien/USA 1964) spendet Vincent Price sein heilbringendes Blut den letzten Überlebenden der Menschheit und muss zum guten Schluss auch sein Leben vor dem Altar einer Kirche dahingeben. Im Remake The Omega Man (USA 1971) mit Charlton Heston verwandelt Regisseur Boris Sagal diese Szene. Der selbstlose Heiland, der zuvor ausgiebig seine Waffenkünste unter Beweis gestellt hat, lässt nun seinen rettenden Lebenssaft in einen wahren Blutbrunnen fließen.

Armageddon

In zwei sehr ähnlichen Blockbustern des Katastrophenkinos von 1998, die beim Filmbüro des Pentagon auf große Kooperationsbereitschaft stießen, kann man die "biblischen" Dimensionen kaum übersehen und überhören. Zunächst transportiert die Bruckheimer-Produktion Armageddon (1998) den Mythos des leidenden Gerechten. Dessen Selbsthingabe steht für die Erlösernation USA, die "Redeemer Nation": US-Ölförderunternehmer Stamper (Bruce Willis), der "tapferste Mann der ganzen Welt", gibt als Märtyrer sein Leben dahin im Rahmen der Operation "Freedom for all Mankind". Er ist es, der wegen eines beschädigten Mechanismus im Weltraum zurück bleibt und den - zur Abwehr eines auf die Erde zurasenden Asteroiden eingesetzten - Atomsprengsatz per Hand zündet.

Die gleiche Mission zur globalen Katastrophenabwehr wird in Deep Impact (USA 1998) mit einer noch drastischeren national-religiösen Metaphorik verbunden: Den größten Teil eines bedrohlichen Kometen kann die Raumschiff-Crew erst in letzter Minute ausschalten und zwar durch die Verwandlung ihres Space Shuttles in eine "Atomrakete". Das Raumschiff, dessen Mannschaft zu diesem Selbstopfer bereit ist, trägt den Namen "Messiah". Die gute Seele der Messias-Crew ist "Fish", was an das zentrale Christus-Symbol der frühen Kirche erinnert. Das - zynische - Überlebenssystem für einen kleinen Rest der Menschheit ist unschwer als "Arche Noah" gestaltet. Der noch jugendliche Erstentdecker des Kometen, seine Freundin und ein gerettetes Baby überleben auf einem Berg als paradiesische Urfamilie die - wiederum biblische - Sintflut.

Den vorläufigen Höhepunkt der eigentlichen Kriegstheologie im Kino bietet die Matrix-Trilogie (USA 1999-2003) der Brüder Wachowski, die vom "Biblischen Glaubenszentrum Ludwigsburg" gar als zeitgemäßes Medium für die christliche Mission betrachtet wird. Bei den durchgehenden Parallelen zur Jesus-Geschichte ist selbst die Judas-Gestalt nicht vergessen worden.[13]

Der äußerst interessante - gnostische - Ausgangspunkt des Matrix-Drehbuches führt im Verlauf der drei Teile zu einer großen Schlacht zwischen "Gut und Böse" im Bereich der äußeren Welt. Die Unangepassten und Systemverweigerer vollziehen - als "Re-Inkarnierte" - im Rahmen reaktivierter Staatsorgane und eines riesigen Militärapparates den nationalen Aufbruch. Orakelweisungen, eine Jungfrau-Gestalt namens "Trinity" und die Tugend eines unerklärlichen Glaubens flankieren den Heiligen Krieg. Im dritten Teil mutiert die Cyberkultur von Matrix endgültig zu einem "biblischen" Endzeitspektakel mit vielen todesbereiten Märtyrern: "Wenn es unsere Zeit ist, zu sterben, dann werden wir sterben. Ich verlange nur eins: Wenn wir diesen Bastarden unser Leben geben müssen, dann werden wir ihnen vorher die Hölle bereiten." In den Hallen der letzten Entscheidungsschlacht bilden kreuzförmig angeordnete Lichter das Heilszeichen der Erlösung. Der Messias wider die Maschinenwelt stirbt in Kreuzes-Pose, und den Zuschauern wird das Ende der Passion versichert: "Es ist vollbracht!"

Die Märchenverfilmung The Chronicles of Narnia (USA 2005) nach einem Kinderbuch von C. S. Lewis, eine Blockbuster-Produktion der oberen Preisliga, führt Jungen und Mädchen an - geschlechtsspezifisch gestaltete - Aufgaben im Krieg gegen das Böse heran. Im Königreich Narnia herrscht endloser Winter. Damit das Eis schmilzt, muss man zum Krieg rüsten. Der gute Löwe Aslan, eine Gestalt des ewigen Königs, stirbt auf dem Altar einer Kultstätte. Doch da er (wie Christus) sein Leben als Unschuldiger und freiwillig dahingegeben hat, scheint die Sonne der Auferstehung: "Vielleicht hat er sogar den Tod für immer besiegt!"

Das eiserne Kreuz auf dem Ground Zero wurde zwei Tage nach den Anschlägen vom 11.9. gefunden und zu einem Symbol

Die Matthäus-Passion als Schlummergesang des Gewissens?

In der Umkehrung des Kreuzes sieht sich das Imperium unter Berufung auf das heilige Opfer eines Unschuldigen zur Gewaltausübung bevollmächtigt. Für diese Perversion in der zu Weltmächtigkeit aufgestiegenen Christenheit gibt es in unserer Gegenwart leider viel Anschauungsmaterial, das nicht aus dem Kino kommt.

US-Präsident George W. Bush konsultierte vor dem Irak-Krieg nicht seinen leiblichen, sondern den "höheren Vater" im Himmel und betete, "dass ich der beste Botschafter seines Willens sein kann, den es gibt." Während das mächtigste und allerchristlichste Land der Erde anderen Kulturkreisen ein barbarisches Wesen bescheinigt, unterhält es selbst ein weltweites Folternetz, erklärt unter Berufung auf "höhere Missionen" das gemeinsame Recht der Völker für gegenstandslos und führt Angriffskriege. Den "Balken im eigenen Auge" will man freilich nicht sehen. Das nächste anvisierte Kriegsziel, der Iran, ist rein zufällig geostrategischer Angelpunkt der energiereichsten Region auf dem Erdball. Der Iran ist auch das Land mit den drittgrößten Ölreserven und den zweitgrößten Gasvorkommen, außerdem eine gewichtige Stimme im Konzert jener Länder, die zum Schrecken der USA das "Währungssystem" der Petrodollars schrittweise unterminieren.

Auch in Europa, dem anderen maßgeblichen und christlichen Kontinent, spricht man längst nicht mehr bloß von einer Doktrin des so genannten "gerechten Krieges". Ressourcen sind heute Gegenstand der Militärplanungen (Deutsche Kriege für das "nationale Interesse"?). Hierzulande erklären bislang lediglich Christen aus ökumenischen Basisnetzwerken und Friedensorganisationen den öffentlichen Widerspruch zu Militärdoktrinen im Dienste von Wirtschaftsinteressen und "Energiesicherheit". Derweil gehen staatlich finanzierte Militärseelsorge, Soldatengottesdienste im Kölner Dom, Gebetsaufrufe beim Zapfenstreichritual der Bundeswehr oder der Rekurs des deutschen Militärministers auf "Gottes Segen" bei Auslandseinsätzen (wie zuletzt bei der Tornado-Entsendung) ihren Gang. Die Rehabilitation des Krieges im "christlichen" Kulturkreis vollzieht sich gegenwärtig mit rasantem Tempo.[14]

Das müsste für Kirchenleitungen und Theologen eigentlich ein gewichtigerer Gegenstand der Kümmernis sein als der "fehlende Gottesbezug" in den Urkundenentwürfen für ein säkulares Europa - es sei denn, sie wollten den bekannten Chor zum Schluss der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach als ein Schlummerlied für das christliche Gewissen missverstehen:

Wir setzen uns mit Tränen nieder
Und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!
Ruht, ihr ausgesognen Glieder!
Euer Grab und Leichenstein
Soll dem ängstlichen Gewissen
Ein bequemes Ruhekissen
Und der Seelen Ruhstatt sein.
Höchst vergnügt schlummern da
die Augen ein.

Ein anderer "Karfreitagsgesang der andalusischen Zigeuner"

Als Christ wünsche ich mir ein Christentum, das die ehrwürdige Kreuzesliturgie des Karfreitags nicht auf 356 Tage im Jahr ausdehnt und das in seinen Räumen nicht den Eindruck bestärkt, Jesus von Nazareth sei - auch nach zweitausend Jahren - noch immer nicht auferstanden vom Tod in den Kirchen der Christenheit. In einem solchen Christentum würde man den Kindern vorzugsweise Frühlingsgeschichten aus Galiläa und der ganzen Welt erzählen. In ihm gäbe es weder Sehnsucht nach dem Leiden, noch Rechtfertigung für eigene Grausamkeit.

Im 9. Jahrhundert strebten fanatische christlich-mozarabische Kreise in ihrem Widerstand gegen die islamische Herrschaft in Andalusien das freiwillige Martyrium an. Daraufhin ließ der muslimische Herrscher ein christliches Konzil unter dem Vorsitz des Bischofs von Sevilla einberufen, welches das vorsätzliche Martyrium verbieten sollte.[15] Interessant ist, dass ein gutes Jahrtausend später aus Andalusien ein eindrucksvolles poetisches Zeugnis wider die Verewigung der Kreuzesleiden kommt: Die Freunde des Nazareners sollen dem Werk aller Henkersknechte ein Ende bereiten und nicht müde werden, die Nägel des Gekreuzigten herauszureißen. So meint es der spanischen Dichter Antonio Machardo (geb. 1875 Sevilla; gest. 1939 Frankreich) in seinem Lied über den "Jesus der Zigeuner"[16]:

Eine Stimme aus dem Volk sagte:
"Wer leiht mir eine Leiter,
damit ich hoch auf den Kreuzesbalken steige,
um die Nägel Jesu, des Nazareners, herauszureißen?"

Oh, Klagelied am Karfreitag, Lied an den Gekreuzigten.
Lied für den Jesus der Zigeuner,
deren Hände immer blutig sind,
da sie doch unaufhörlich die Nägel herausreißen.

Gesang des andalusischen Volkes,
das jeden Frühling nach einer Leiter fragt,
um hoch zum Kreuz zu steigen.
Gesang meiner Heimaterde,
die immer Blumen streut für den sterbenden Jesus.
Das ist der Glaube meiner Vorfahren.

Nur du bist mein Gesang.
Ich kann nicht singen und ich will auch nicht singen
dem Gekreuzigten am Holzbalken,
sondern Jesus will ich singen,
dem, der am Meer wandelte.

Von Peter Bürger ist gerade das Telepolis-Buch Bildermaschine für den Krieg. Das Kino und die Militarisierung der Weltgesellschaft erschienen.

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