Tanzverbot

Peter Mühlbauer 06.04.2007

Eine kurze Geschichte des Hüftschwungs im Musikvideo

Heute ist Karfreitag. Der Tag, an dem das im Mittelalter zeitweise für alle Christen geltende Tanzverbot in vielen Gegenden Deutschlands immer noch Gesetzeskraft hat. Eine gute Gelegenheit, sich die Geschichte des Tanzes mit Hilfe von YouTube-Videos anzusehen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Méliès, Riefenstahl, Musicals

Bereits 1903 brachte Georges Méliès mit seinem Cake-walk infernal einen ehemaligen Sklaventanz mit Sünde und ewiger Verdammnis in Verbindung. Man kann die Geschichte des Musikvideos aber auch später beginnen lassen, in den 1920er Jahren. Während die Ausdruckstänzerin Leni Riefenstahl in den Bergfilmen von Arnold Fanck jene Art von prätentiöser Selbstverwirklichung ohne Rücksicht auf das Publikum vorwegnahm, die in den 1970ern zu einer Massenbewegung wurde, alarmierte Josephine Bakers Danse Sauvage die Zensoren. Als der Hays Code ab 1934 streng durchgesetzt wurde, musste Sexualität in Musicals wieder mehr symbolisch dargestellt werden. Vor allem der Choreograf Busby Berkeley entwickelte in Nummern wie The Lady in the Tutti Frutti Hat eine Symbolsprache, die nicht nur dem damaligen, sondern auch dem heutigen Zuschauer noch leicht verständlich ist. Von Josephine Bakers Hüftschwung waren nur noch die Bananen geblieben - die aber hatten es in sich.

Wer kann, wer darf, wer muss?

Problematischer als der Tanz von Frauenkörpern war in den Filmmusicals dieser Zeit der von Männerkörpern. Die "Lizenz zum Tanz" erhielt der Männerkörper entweder durch Professionalisierung oder durch Infantilisierung. Beispiele für Professionalisierung waren Fred Astaire (der praktisch immer einen Berufstänzer spielte) und die meisten Backstage-Musicals. Infantilisiert wurde unter anderem, indem man dem Tänzer in einen Matrosenanzug (Jerry Lewis in Sailor Beware) oder einen Mickey-Mouse-Pullover steckte (Buddy Ebsen in Broadway Melody of 1936), ihn als "Blackface" auftreten ließ (Al Jolson in Wonder Bar) oder ihm einen Haufen Kinder beigesellte (Gene Kelly in An American in Paris).

Die 1950er waren - was den Tanz betraf - eine Rückkehr in die 1920er: Elvis Presley brachte es mit seinen Hüftschwüngen ins neue Massenmedium Fernsehen, auch wenn seine Bewegungen teilweise noch von der Kamera zensiert wurden. In den 1960er Jahren kam es schließlich zu einer Spaltung. Der Mainstream beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von Rhythmus und Revolution, wie in diesem Experiment oder in diesem Stück, das man findet, wenn man bei YouTube nach Peter Alexander sucht (und das heute eine wunderbare Hymne für Lohnerhöhungskampagnen abgäbe, wenn die Gewerkschaften nicht so humorlos wären). Auf der anderen Seite stand eine neue Sparsamkeit in der Bewegung als Verkörperung von Coolness - besonders gut verwirklicht in diesem Fernsehauftritt von Jefferson Airplane oder in der noch besser passenden Mashup-Version.

In den 1970ern brachten Hawkwind diese Entwicklung auf einen Höhepunkt. Anderswo pflegte man im Ausdruckstanz ein Leni-Riefenstahl-Revival, allerdings in den meisten Fällen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Disco brachte eine teilweise Rückkehr des Arschwackelns, wichtiger aber war das Posing - perfekt umgesetzt in den Spiegelszenen von Saturday Night Fever und Taxi Driver.

Der Hüftschwung als Groteske

In den späten 1970ern und 1980ern kehrte der Hüftschwung als Groteske zurück, sei es in Ian Curtis' "Idiot Dance", in Throbbing Gristles Forderung nach mehr Disziplin (die auch gut in eine Folge "Deutschland sucht den Superstar" passen würde), in den Tanzeinlagen des Birthday Party Bassisten Tracy Pew oder im Umgang der Cramps mit der Musikgeschichte.

Auch die Verschlüsselung des Sexuellen wurde als Groteske wiederaufgenommen, sei es in Frankie Goes To Hollywoods Relax oder im Originalvideo zu Soft Cells Tainted Love. Wobei letztere nicht nur die Kunst der Symbolik beherrschten, sondern sich auch an einer neuen Explizität erfreuten, an einer Rückkehr der Hochmoderne wie zu Zeiten des Wiener Aktionismus: Über das zurückgezogene Video zu Sex Dwarf wurde lange spekuliert. Gab es das Werk wirklich, oder war es nur ein Marketing-Gag - und das wirkliche Original die selbstreferentiell auf Zensur verweisende Fassung von der Compilation Non Stop Exotic Video?

Die Rückkehr der Eigentlichkeit

Während in Bereichen wie Industrial und Black Metal die von Soft Cell vorgegebene Linie weiterverfolgt wurde, machte sich in Genres wie Italo Disco und Hip Hop eine neue Eigentlichkeit breit. Meilensteine waren das Video zu "Boys" von Sabrina (eine der besten filmischen Umsetzungen des Mythos von Sisyphos) und Sir Mix-A-Lots Baby Got Back, das einen Paradigmenwechsel einläutete, der Hip-Hop-Videos wie David Banners Play bis heute prägt. Diese neue Eigentlichkeit breitete sich vom Hip Hop auf benachbarte Genres wie R&B und Reggaetón aus. Wichtige Elemente dieser Ästhetik sind Fitness, Schweiss und noch mal Fitness.


Die Gegenbewegung dazu findet sich in Videos wie Good Weekend von Art Brut: Das Körperliche wird zwar noch nicht digital, aber doch numerisch erfassbar gemacht: kein Hüftschwung mehr, aber ein: "I saw her naked - 2 times". Und in dem Anti-Fitness-Stück Listen Up! von The Gossip wackelt die Sängerin nicht mehr mit der Hüfte, sondern mit der Riesenpizza.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25022/1.html
Kommentare lesen (27 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS