Thailand blockt YouTube

08.04.2007

Eine 44-Sekunden-Diashow über König Bhumipol sorgt für Verstimmung zwischen Thailand und YouTube

Das thailändische Ministry of Information and Communication Technologie hat die thailändisches ISPs den Zugang zum Video-Portal YouTube sperren lassen, nachdem dort ein 44-sekündiger Videoclip aufgetaucht war, der in den Augen der thailändischen Regierung den thailändischen König Bhumipol Adulyadey beleidigt. Majestätsbeleidigung ist in Thailand alles andere als ein Kavaliersdelikt. Erst vor einer Woche wurde ein 57-jähriger Schweizer zu 10 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem er die allgegenwärtigen Bildnisse des Monarchen mit Graffiti besprüht hatte.

Hinter den Kulissen ist zwischen der amerikanischen Firma YouTube respektive Google ein zeichnete sich im Verlauf dieses Konfliktes ein kultureller Graben ab, der eine schnelle Lösung wahrscheinlich nicht zulassen wird. Die in Bangkok erscheinende Zeitung The Nation berichtetvon einem Telefongespräch zwischen YouTube-Betreiber Google und dem thailändischen ICT-Minister Sitthichai Pookaiyaudom:

Sitthichai said he was "dismayed" and complained bitterly when Google Inc, which owns YouTube, refused to remove the content, citing that it still kept material mocking US President George W Bush far more harshly than what was deemed inappropriate against His Majesty the King. Sitthichai added that YouTube insisted it would still keep the clip. "YouTube said it thought there was not enough reason to remove the clip after viewing the video and making its judgement on the content," he added.

YouTube war während der Massenproteste gegen den vom Militär geschassten Premierminister Thaksin Shinawatra im ersten Quartal 2006 (Geburtstagsüberraschung für König Bhumibol) schon ein beliebtes Agitationsinstrument der Gegner und auch der Unterstützer des in Thailand umstrittenen Premiers. Thaksin wurde in diesen Videoclips mal mehr und mal weniger lustig aber meist sehr deftig und oft auch unter der Gürtellinie beschimpft – teilweise waren diese Angriffe noch härter als die in den gängigen Anti-Bush-Videoclips. Zu dieser Zeit wurde der Zugriff auf YouTube nicht eingeschränkt. Allerdings wurden auf der Grundlage des Kriegsrechts, das die Militärs nach der Machtübernahme im September 2007 cerhängten, mehrere einzelne Pro-Thaksin-Clips auf YouTube geblockt. Die ganze Website wurde wegen Thaksin jedoch noch nicht gefiltert.

Der thailändische König hat nur eine sehr eingeschränkte institutionelle Macht, aber trotzdem muss er als eine der einflussreichsten Personen des Landes gelten, da das thailändische Königshaus eine von Außenstehenden nur sehr schwer begreifbare Position in gewisser Weise über der Gesellschaft schwebend innehat (Der Monarch, das Militär, die Demokratie). Bhumipol, der im letzten Jahr sein 60-jähriges Thronjubiläum feierte und der am 5. Dezember 2007 80 Jahre alt werden wird, gilt für die Thais als der Garant für Stabilität, der schon seit seit jeher immer da war. In der Tat dürfte es in Thailand nur noch wenige Leute geben, die sich an die Zeit vor ihm erinnern können.

Unterstützt wird dies durch einen allgegenwärtigen Personenkult – die Bilder des Königs hängen und stehen fast überall. Im Kino wird vor jeder Vorstellung die Königshymne gespielt, zu der sich alle zu erheben haben. Während des Jahres 2006 war es für Beamte Pflicht, montags im gelben Polohemd mit dem königlichen Wappen, das zum 60-jährigen Thronjubiläum des Monarchen herausgegeben wurde, zur Arbeit zu erscheinen. Die Farbe gelb ist wichtig, denn der König ist an einem Montag geboren und mit dem Montag wird im Buddhismus die Farbe gelb assoziiert.

Neben diesem direkten Kult der Person wird der König auch noch auf eine indirekte Weise verehrt, indem seine Person als "Vater aller Thais" mit dem leiblichen Vater in der Darstellung vermischt wird. Neben den gelben Hemden mit der Aufschrift "Wir lieben den den König." (rau rak nailuang) sind Hemden mit der Aufschrift "den Vater lieben" (rak poo) eine Alternative dazu. Die thailändische Sprache erlaubt im letzten Satz mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Es könnte der eigene Vater gemeint sein ("Ich liebe meinen Vater", aber bedingt durch die gelbe Farbe wird gleichzeitig auch König Bhumipol einbezogen und dann könnte man den Satz auch verstehen als "Wir lieben unseren Vater."

Eine Ahnung davon, wie die Thailänder ihren König wahrnehmen, kann man aus den Kommentaren zu Matthew Hunts kurzer Rezension der unautorisierten Biographie "The King never smiles" von Paul M. Hadley bekommen.

Kritik am König – direkt oder indirekt – wird in Thailand als Majestätsbeleidigung gesehen und aus westlicher Sicht überhart bestraft. Eine solche Kritik ist für die überwiegende Mehrheit der Thailänder auch nicht vorstellbar. Die Verehrung von König Bhumipol ist nicht oberflächlich-zeremoniell sondern sie spricht den Thailändern aus dem Herzen. Und gerade das macht es für sie besonders schwierig, hier Redefreiheit gegenüber den Gefühlen für den König abzuwägen. Ein Beispiel dafür findet sich in Pavee Tansirikongkols Blog, wo er über neue gegen den König gerichtete Videoclips auf YouTube schreibt:

Most of these videos were posted on the grounds of "the American first amendment", "freedom of speech rules" or "if all this can be done to Bush, why cant..?". Sure the videos are so childish and look like they come from people who have nothing better to do in their lives, but this issue isn’t an issue of freedom of speech anymore. Freedom of speech is all about expressing ones opinion in a way that it doesn’t totally and openly insult somebody.
The king of Thailand should not and simply can not be compared to any elected leaders such as Bush (Bush may have been depicted as being a donkey reproducing or whatever). While Bush may have the support of half of the US, the king of Thailand has the support of 99.9% of this nation. If any of the video uploaders have been out here in Thailand (though I strongly doubt they have), they’d notice how the king is loved by everybody here. [...] The problem that is quite apparent when one goes reading the discussions of this topic online such as here, here or the YouTube video comments is that western people (actually, read: many Americans) use their own morals, beliefs and values as a benchmark.

Pavees letzte Spitze gegen den Westen deutet auf ein wesentliches Problem im Umgang des Westens mit dem Rest der Welt hin. Es ist eine Frage der Standards. Der Westen, der das Konzept von universalen Menschenrechten vertritt, übersieht oft, dass dieses Konzept eigentlich eine kulturspezifische Erscheinung ist, die von den europäischen Denkern der Aufklärung, in erster Linie Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant, formuliert wurden. Bewegt man sich außerhalb des westlichen Kulturkreises, sieht man sich rasch mit gänzlich anderen Wertevorstellungen konfrontiert. Und diese Konfrontation erweist sich oft als äußerst schwierig, weil immer wieder Denkmuster, die der eigenen kulturellen Sozialisation entspringen, dem Verstehen entgegenstehen. Dies ist gerade in Thailand deutlich sichtbar, wo viele der Ausländer, die schon seit Langem im Land leben, nach einigen kulturellen Missverständnissen, den Thailändern vor allem Verachtung entgegenbringen und bierselig die Aufgeklärtheit des Westens als Überlegenheit sehen.

Länder wie Thailand haben in der Tat sehr viele Probleme wie Korruption, Machtmissbrauch und Unterdrückung von Minderheiten. Es wäre natürlich falsch, diese Probleme unter dem Teppich zu lassen. Aber es ist eine Frage des Tones, ob und wie erfolgreich so eine Diskussion verlaufen wird. Entscheidend ist letztlich zu akzeptieren, dass Menschen aus einem anderen Kulturkreis eine Meinung zu einem Thema vertreten, die einem selbst merkwürdig oder gar unsinnig erscheint, aber dass man diese dem anderen zugesteht. Kritisch hinterfragt werden muss natürlich immer, ob wirklich ein kultureller Unterschied der Grund für eine Meinungsverschiedenheit ist oder dies nicht aus politischen oder persönlichen Gründen vorgeschoben wird. Schließlich ist Thailand nicht das einzige Land, das das Internet zensieren will. Aktuell gibt es etwa aktuell in der Türkei ganz ähnliche Bestrebungen.

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