"Second Life wird nicht besser als das First Life"

Harald Neuber 13.04.2007

Zunehmend sind klassische Medien in virtuellen Welten vertreten. Ist die Präsenz mehr als nur ein Werbe-Gag?

Automobilhersteller, Sportkonzerne, Eventagenturen, Medien und sogar diplomatische Einrichtungen: Zahlreiche Institutionen haben in den vergangenen Monaten die virtuelle Welt von Second Life als Plattform entdeckt. Doch wofür? Ist die virtuelle Präsenz für reale Firmen nur ein Anlass, von sich Reden zu machen, oder steckt hinter dem Vorstoß ein ernsthaftes Interesse an der neuen Welt? Telepolis sprach mit Yves Kugelmann. Er steht der Schweizer "Jüdischen Medien AG" vor, die seit einigen Tagen in "Second Life" vertreten ist und ein eigenes virtuelles Magazin herausgibt.

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Sie haben vor wenigen Tagen das erste jüdische Verlagshaus in "Second Life" gegründet. Was erhoffen Sie sich von der virtuellen Präsenz?

Yves Kugelmann: Zum einen wollen wir klassischen Journalismus betreiben und zugleich neue Vermittlungstechniken nutzen. In erster Linie erhoffen wir uns, als Verlag selbst Erfahrungen zu sammeln und vielleicht mit der Zeit neue Lesersegmente etwa durch neue Tools im jüdischen Pressehaus oder mit dem neuen Magazin 2 Life ansprechen zu können. Unser Anliegen sind Diskussion, Debatte, Diskurs, Dialog. Second Life ist da eine neue Plattform, die unserer Anliegen prägen und entwickeln wird. In der Vergangenheit haben die Leute Briefe geschickt, dann kam das Telefon, dann Faxe, dann E-Mails, dann SMS oder MMS und heute kommt mit Second Life eine Plattform, die all dies vereint und neue Dimensionen bietet.

Vor gut einem halben Jahr hat sich in "Second Life" eine kleine jüdische Gemeinde gebildet. Warum, denken Sie, lohnt sich die Teilnahme über die reale Vernetzung von Institutionen und Medien hinaus?

Yves Kugelmann: Second Life soll diese Netzwerke nicht ergänzen. Für mich stellt die Plattform eine neue Dimension dar, die mit einer ganz eigenen Dynamik voranschreitet. Vielleicht wird Second Life nur eine Modeerscheinung sein, vielleicht aber wird es effektiv eine virtuelle Zweitwelt werden, die eine eigene Identität entwickelt.

"Second Life ist eine neue Dimension in der Kommunikation"

Nun gibt es in "Second Life" schon einige deutschsprachige Medien – vom Axel-Springer-Verlag bis hin zum Second Life-Tagebuch bei Spiegel Online. Haben Sie sich diese Erfahrungen vorher angesehen?

Yves Kugelmann: Wir haben die Produkte und Strategien etwa des Axel-Springer-Verlags sehr genau betrachtet und versucht, diese auf unsere Gegebenheiten zu übertragen. Das Resultat "2 Life" unterscheidet sich wesentlich von den bestehenden Produkten. Denn letztlich sehen wir uns in einer ganz anderen Tradition und das jüdische Pressehaus ist keine Agentur, sondern ein Ort der Begegnung und Diskussion.

Einzelne Medien wollen Redaktionen aufbauen, die sich über Einnahmen in der virtuellen Welt selbst finanzieren. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Yves Kugelmann: Diese Erwartungen und Diskussionen gab es schon zu Beginn des Internets. Bisher leben die Verlage aber vom Kerngeschäft: dem Printmedium. Unser Engagement in Second Life ist daher noch nicht kommerziell motiviert. Auf der anderen Seite sehen wir die Chancen dieser Pionierleistung. Was daraus folgt, ist offen. Auf jeden Fall messen wir das Resultat nicht nur in Geld, sondern vor allem in Erkenntnissen – eine nicht zu unterschätzende und immer wieder einsetzbare Ressource. Daher ist unser Magazin "2 Life" auch noch gratis. Die Jüdische Medien AG ist als unabhängiger Verlag zwar auf kommerzielles Denken angewiesen, aber es ist nicht der einzige Parameter. Second Life ist für uns derzeit vielleicht das, was eine Forschungsabteilung für ein Pharmaunternehmen darstellt. Eine Investition in Innovation und Zukunft.

"Second Life hat zumindest in den Grundüberlegungen einen hohen Ethikstandard"

Die Präsenz von Unternehmen wird oft als Werbestrategie wahrgenommen, weil eine Firma – wie ja auch mit einem solchen Interview – durch Medienberichte über diesen Schritt beworben wird. Sehen Sie noch andere Perspektiven?

Yves Kugelmann: Dass Unternehmen dies so betrachten ist logisch und zugleich ist die Erwartungshaltung falsch. Denn Second Life ist keine Plattform, um sozusagen First Life zu importieren. Durch Medienberichte kann allenfalls eine Öffentlichkeit für die Second-Life-Plattform gewonnen werden. Aus meiner Sicht gehen die Perspektiven weiter. Second Life ist eine neue Dimension in der Kommunikation. Und Kommunikation ist unser Kerngeschäft.

In einer Erklärung zum Start haben Sie darauf hingewiesen, dass im virtuellen Raum von "Second Life" zunehmend auch politische Interessen vertreten sind. Beispiele dafür seien die beiden französischen Präsidentschaftskandidaten Segolène Royal und Nicolas Sarkozy. Tatsächlich ist auch die rechtsextreme Front National vertreten. Eine unterschätzte Gefahr?

Yves Kugelmann: Das Internet war frühzeitig ein Tummelplatz der rechtsextremen Szene und letztlich hat es auch stark zur Verbreitung der Aktivitäten von Terrorgruppen wie Al-Qaida beigetragen. Moderne Medien werden ja auch von jenen missbraucht, die die Moderne mit allen Mitteln bekämpfen. Insofern wird auch die Rechte Second Life nutzen und gleichzeitig wird sie kontrollierbarer. Second Life hat zumindest in den Grundüberlegungen einen hohen Ethikstandard und ethische Debatten sind im Second Life allgegenwärtig. Ich glaube, dass die Selbstregulation im Second Life noch markanter funktionieren wird, als in Zivilgesellschaften. Die Rechten werden ihre Inseln haben, aber sie werden dadurch in ihrer Gefahr relativiert, so dass Öffentlichkeit nicht nur immer zum eigenen Nutzen gewonnen werden kann, sondern oft eine Dynamik entsteht, die sich gegen einen selbst wendet.

Sollte die Verbreitung rechtsextremer Ideen auch in virtuellen Welten beschränkt werden?

Yves Kugelmann: Die virtuelle Welt steht noch ganz am Anfang und wie beim Internet generell, sind die Diskussionen über Grenzen und Auflagen in einer grenzenlosen, nicht fassbaren und offenen Welt im Anfangsstadium. Das Internet ist allerdings kein rechtsfreier Raum und ebenso herrscht im Second Life ein hoher Grad an ethischem Bewusstsein. Ich könnte mir vorstellen, dass Second Life nicht ein Ort der Verbote wird, aber ein Ort von Commitments, dass etwa ein von Avataren selbstgeschaffener Kodex regulierend wirken wird. Hinter allem stehen am Ende Menschen. Second Life wird nicht besser als das "First Life", aber Angriffe werden vorderhand virtuelle sein. Insgesamt glaube ich aber, dass die positive, kreative, innovative Entwicklung und Vielfalt im Second Life alles andere überdauern wird. Die negativen Entwicklungen gehören eben dazu, wie das Zunehmen beim Essen.

Die Mitgliederzahl des Portals "Second Life" ist in relativ kurzer Zeit auf über fünf Millionen User angewachsen. Vergleichbare Portale gibt es im asiatischen Raum. Halten Sie das alles für eine vorübergehende Mode, oder stellen Sie sich auf eine langfristige Präsenz ein?

Yves Kugelmann: Second Life ist ja keine unverbindliche Plattform. Menschen und Firmen binden sich daran durch Investitionen, durch den Kauf von Immobilien etwa oder durch Interesse am Kreativen. Hinzu kommt die Tatsache, dass Second Life nicht einfach ein neues Spielzeug mit gewissem Suchtpotential wie eine Playstation darstellt, sondern dass diese Welt eine Bewusst- und Sinneserweiterung ist, in der sich Menschen eigene Identitäten zulegen und eine neue zusätzliche Sozialisation erleben. Dies sind alles Aspekte, die für mich zumindest bedeuten, dass Second Life andauern wird und wir hier noch ganz am Anfang einer Entwicklung stehen, die im First Life nicht ignoriert werden kann oder sollte.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25048/1.html
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