Nukleare Saurier
Der B-36 Bomber in der Kulturgeschichte der Waffentechnologie
Die Zukunft wird unsere aktuelle Militärmaschinerie wohl als plump und ineffizient ansehen. Das könnte zur Vorsicht bei der Bewertung der Vergangenheit anhalten, aber bei einigen Maschinen aus dem Kalten Krieg ist das Kopfschütteln unvermeidlich. So zum Beispiel bei der Convair B-36, dem größten je eingesetzten Kampfflugzeug.
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Wie bei so vielen Waffensystemen des kalten Krieges lässt sich die Spur der B-36 bis zum Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus zurückverfolgen. 1941, noch vor dem Kriegseintritt der USA, glaubte man, dass die Nazis imstande wären, Großbritannien zu erobern, und weil man deshalb fürchtete, strategische Bombardierungskampagnen gegen Nazideutschland nicht mehr von britischem Boden ausführen zu können, entwarf man einen interkontinentalen Bomber mit wahrhaft atemberaubenden Spezifikationen.
Das Projekt erwies sich als zu ehrgeizig, aber es wurde deswegen nicht völlig aufgegeben, sondern in etwas abgespeckter Form durchgeführt und mit einer neuen Bestimmung versehen: nach der Niederlage Hitlerdeutschlands brauchte es einen Bomber, der die erste Generation von Atomwaffen vom Boden der USA aus bis tief in die Sowjetunion hineintragen konnte. Auch innerhalb des US-amerikanischen Militärs gab es erhebliche Vorbehalte gegen das neue Flugzeug. Vor allem in der Navy wurden diese Vorbehalte laut, weil die Navy an einer konkurrierenden Strategie zur Vorbereitung des großen Atomkriegs gegen die Sowjetunion bastelte: Die Admirale wollten die nuklearen Bomber lieber von gigantischen Flugzeugträgern, sog. "Supercarriern" aufsteigen lassen.
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Zunächst setzte sich die Air Force durch, die B-36 wurde in Stückzahlen gebaut, und der erste geplante Supercarrier (die USS United States), dessen Kiellegung bereits stattgefunden hatte, wurde nie fertig gestellt.
Am Ende des Kompetenzgerangels zwischen Air Force und Navy stand, nach damaligen wie heutigen Maßstäben, ein Monster.
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Das größte je in Dienst gestellte Kampfflugzeug der Welt (alle größeren Militärmaschinen sind Transportflugzeuge), das größte je in Serie gebaute Kolbenmotorflugzeug der Welt, mit einer Reichweite von über 16100 Kilometern, einer Dienstgipfelhöhe von 13700 Metern und einer maximalen Bombenzuladung von über 39 Tonnen. Die Maschine war als einzige in der Lage, die erste Generation von Wasserstoffbomben zu tragen (die MK 17) sowie die größte je gebaute konventionelle Bombe der USA (die T-12 Cloudmaker).
Bizzarer Aufwand, bizarre Ideen
Das Flugzeug war so schwer, dass es nur von insgesamt drei speziellen US-Basen aus eingesetzt werden konnte. Es war zu 50-stündigen Dauermissionen in der Lage und bedurfte anfangs einer Besatzung von 15 Mann. Spätere Versionen ergänzten die sechs Kolbenmotoren durch zwei Doppelstrahltriebwerke, was die Gesamtzahl der Motoren auf zehn erhöhte und die Maschine gleichzeitig zu einem der seltenen Hybriden machte, die sowohl von Kolbenmotoren als auch von Jets angetrieben wurden. Während zu diesem Zeitpunkt eine Standard-B-36-Mannschaft "nur noch" aus 9 Mitgliedern bestand, blieb der Aufwand für die Wartung der Maschinen bizarr hoch.
Die Propellermotoren waren anfällig für alle Sorten von Gebrechen (sie brachen auch öfter während des Flugs in Feuer aus), und da die B-36 in keinen Hangar passte, musste sie unter nahezu freiem Himmel gewartet werden, egal bei welchen Temperaturen.
Trotz all dieser Umstände war die B-36 wegen ihrer Fähigkeiten bis zur Einsatzbereitschaft der B-52 das Hauptwerkzeug des Strategic Air Commands, zusätzlich wurde eine spezielle Version des Bombers als Aufklärungsflugzeug eingesetzt. Etwas annähernd Vergleichbares besaßen die Sowjets erst ab 1956 mit der Tupolew TU-95, ebenfalls ein bemerkenswertes Flugzeug - es ist angeblich so laut, dass es von getauchten U-Booten geortet werden kann und viele Piloten, die es länger geflogen haben, das Gehör gekostet hat.
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Die Größe und die Spezifikationen der B-36 brachten die Militärs auf Ideen, die noch bizarrer waren als das Flugzeug selbst. So wurde es Ende der Vierziger, Anfang der Fünfziger mehrfach mit einem kritischen 1-Megawatt-Atomreaktor in die Luft geschickt, um zu testen, ob nuklear getriebene Flugzeuge überhaupt machbar seien (vgl. Dream of Atomic Powered Flight). Zu diesem Zweck wurde ein 13 Tonnen schwerer Bleischirm eingebaut, der die Mannschaftsmitglieder vor der Strahlung des Reaktors schützen sollte.
Segen für die Welt
Etwas weniger gefährlich und auch nicht ganz so irrsinnig waren die Programme, mit denen getestet wurde, ob die B-36 ihre eigenen Abfangjäger mit sich führen konnte. Das eigens zu diesem Zweck entwickelte kleine Jagdflugzeug XF-85 konnte im Flug nie erfolgreich von einer B-36 aus eingesetzt werden, die ganze Sache erwies sich letztendlich als unpraktikabel.
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| McDonnell XF-85 |
Die B-36 wäre übrigens keineswegs der erste "fliegende Flugzeugträger" gewesen, das Luftschiff USS Akron und sein Schwesterschiff USS Macon hatten schon in den Dreißigern Jagdflugzeuge mitgeführt.
Etliche B-36 stürzten ab. Das Flugzeug war in zwei "Broken Arrow"-Zwischenfälle verwickelt. Der Absturz einer B-36 im Februar 1950 führte zum ersten Verlust einer US-Atomwaffe überhaupt, und im Mai 1957 warf eine B-36 unabsichtlich eine Wasserstoffbombe ab, bei der zum Glück nur der konventionelle Zünder hochging. Immerhin kann es als Segen für die Welt betrachtet werden, dass keine B-36 je unter Kampfbedingungen eine Bombe abgeworfen hat.
Bei all dem Aufwand, der mit dem Flugzeug getrieben wurde, bei all den Ressourcen, die es verschlungen hat, ist es nie bestimmungsgemäß eingesetzt worden - wie ähnlich wahnsinnige Entwicklungen der Gegenseite auch. Man denke zum Beispiel nur an die Zaren-Bombe, die größte je gebaute und gezündete Atombombe der Welt, die nicht zufälligerweise von einer Tupolew TU-95 abgeworfen wurde.
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| Tupolew TU-95 |
Maschinen wie die B-36, obwohl gerade einmal 50 Jahre außer Dienst, kommen uns heute wie besonders bizarre Beispiele eines urzeitlichen Dinosaurierzoos vor, wie Fallstudien über nicht mehr anzutreffende, militärisch induzierte Geisteskrankheiten. Einige der B-36-Absturzstellen wirken heute allemal als hätten Riesen ihr rätselhaftes, kaputtes Spielzeug hinterlassen, damit sich Archäologen den Kopf darüber zerbrechen. Aber so plump und grotesk die B-36 uns heute auch erscheinen mag - sie bleibt ein Meilenstein auf dem langen Weg zur perfekten Massentötungsmaschine. Der historische Beitrag ihrer Konstrukteure in dieser Hinsicht ist über jeden Zweifel erhaben.
http://www.heise.de/tp/artikel/25/25062/1.html- Stimmt das? (6.5.2007 16:13)
- Nicht nur da (4.5.2007 18:24)
- Unangenehm (4.5.2007 16:18)
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