Waisen, Witwen, Lügen

17.04.2007

Irak und Afghanistan: Die unsichtbaren Opfer

Dass Krieg entsetzlich ist, meint jeder zu wissen, man verdrängt es gerne wie die Nase den Gestank, dem sie länger ausgesetzt ist. Ohnehin trägt man diese lieber höher und atmet die Luft der weiter oben gelagerten politischen und kulturellen Ebenen. Man bevorzugt die großen Perspektiven auf die Kriegsgebiete Irak und Afghanistan: Es geht um die Befreiung dieser Länder vom fundamentalistischen Zugriff durch die Islamisten, sagt der Blick vom einen Strategie-Lager und der vom anderen sieht vor allem die imperialistischen, neokolonialistische Kräfte des Westens am Zerstörungswerk. Zwei Meldungen aus den beiden Ländern rücken uns nun die häßliche Fratze des Krieges wieder vor die Nase.

Mehrere Hundertausend Waisenkinder soll es in Bagdads Schulen geben, sagte eine Vertreterin des Stadtrates gegenüber der arabischen Zeitung Al-Sharq al-Awsat (in arabisch; englische Zusammenfassung hier). Auf diese Situation sei man nicht vorbereitet gewesen. Der Regierung mangelt es nach Aussage der Municipal Council-Mitarbeiterin an den nötigen Mitteln, um mit der Katastrophe fertig zu werden. Nur 2.000 dieser Schulkinder erhalten staatliche Hilfe.

Die von der städtischen Repräsentantin angegebene Zahl von 900.000 Waisenkindern erscheint dem amerikanischen Irak-Kommentatoren Juan Cole allerdings als zu hochgegriffen. Nach seiner Rechnung, die auf den Zahlen der Lancet-Studie rekurriert (vgl. Krieg kostete 650.000 Menschen im Irak das Leben), sind 500.000 Waisenkinder in Bagdad jedoch eine plausible Zahl, wobei vermutlich nicht alle bereits im schulpflichtigen Alter sind.

Genauere Zahlen liefert der aktuelle Bericht der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" zu den zivilen Opfern der "Insurgent Attacks" in Afghanistan. Demnach sind im letzten Jahr 669 Afghanen bei 350 bewaffneten Anschlägen, "die in den meisten Fällen den Anschein haben, dass sie absichtlich gegen Zivilisten oder zivile Einrichtungen gerichtet waren", ums Leben geommen. Für die ersten beiden Monate dieses Jahres zählt man bereits 52 Zivilisten, die Opfer von "Insurgent-Attacks" wurden. Das sind bei weitem die höchsten Opfer-Zahlen seit dem Sturz der Taliban-Regierung.

Zwar wiesen die Sprecher von Human Rights auch auf Zivilopfer hin, welche die Koalition der westlichen Streitkräfte zu verantworten hat – 230 im letzten Jahr, mit dem Hinweis, dass diese Zahl wahrscheinlich untertrieben ist -, doch konzentriert sich der aktuelle Bericht vornehmlich auf Kriegverbrechen der Taliban, der Hisb-i Islami und anderer bewaffneter Gruppen, zusammengefasst eben als "Insurgents".

Als auffällige Tendenzen stellt der Bericht heraus, dass sich Selbstmordanschläge, die früher in Afghanistan eher selten waren, seit einiger Zeit dramatisch häufen und dass dabei keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung genommen werde. Im Gegenteil: Bei genauerer Betrachtung der Art und Weise, wie und wo die Anschläge durchgeführt wurden, würde sich herausstellen, dass zivile Opfer zum Kalkül der Anschläge gehörten – ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach dem Statut von Rom. Zwar, so der Bericht, richten sich die Anschläge in ihrer deutlichen Mehrheit gegen das US-Militär, aber "Kollateralschäden" würden billigend in Kauf genommen, so der Vorwurf. Zahlreiche Interviews mit Überlebenden bzw. Angehörigen untermauern diesen Vorwurf, der im 116seitigen Bericht deutlich ausgesprochen wird: die Straßen- und Selbstmordbomben und die bewaffnete Überfälle von Taliban-Guerillas werden zu einem bedeutenden Teil gegen die Bevölkerung gerichtet, zerstören das Leben von Familien und das Leben von Personen, die für den Aufbau des Landes nötig sind: Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Ärzte, Lehrer, Handwerker, Zivilangestellte der Regierung, Ingenieure, Studenten, Arbeiter.

Für zwei Drittel der Anschläge, über die berichtet wird, sollen sich Sprecher der Taliban verantwortlich gezeichnet haben. Zwar hätten diese immer wieder ihre Besorgnis über zivile Opfer betont, zugleich aber deutlich gemacht, dass Mitarbeiter von NGOs und der Regierung als Spione und Kollaborateure angesehen würden. Inwieweit sich Besucher von Marktplätzen bzw. Verkehrsteilnehmer "schuldig machen", dafür stehen Erklärungen der Taliban-Sprecher noch aus.

Dass andrerseits auch amerikanische Marines entsetzlicher Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung schuldig sind, sei hier auch erwähnt.

Schade, dass es diese Wunderwaffe nicht gibt: Nach einem Gerücht, das in den neunziger Jahren in Afghanistan kursierte, sollen die Taliban über eine spezielle Waffe verfügen, die ihre Gegner zum Lachen bringt und zum Fallenlassen ihrer Waffen.

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