Jede Sekunde stirbt ein Stern

18.04.2007

Danny Boyle und der Klimakatastrophen- Tourismus

Schon mit Roland Emmerichs "The Day after Tomorrow" (vgl. Supersturm mit frostiger Botschaft) ist die Klimakatastrophe auch im Kino keine reine Utopie mehr gewesen. Dasselbe gilt für den Weltraum-Thriller "Sunshine" des britischen Regisseurs Danny Boyle.

Bilder: FOX

Die Klimakatastrophe ist keine Zukunftsmusik mehr - und deshalb auch nur noch bedingt als Science-Fiction-Thema geeignet. Seit Emmerichs "The Day after Tomorrow" sind Filme, die sich dieses Themas annehmen, dann auch eher soziale Projektionen einer immer möglicher werdenden Zukunft (vgl. Heiße Sommer und Flutkatastrophen) als bloße Gedankenspiel. Dass die Katastrophe menschengemacht ist, war schon bei Emmerich mit dem Gestus der Warnung und des Tadels behaftet und hat eine dementsprechende Debatte in den Feuilletons ausgelöst.

Eine Debatte, die nun mehr und mehr auf alle Orte der gesellschaftlichen Diskussion übergegangen ist. Der britische Regisseur Danny Boyle, der seine Filmarbeit mit Quasi-Milieu-Studien à la "Trainspotting" und "Kleine Morde unter Freunden" begann, hat sich des Themas nun in einem weiteren Science-Fiction-Film angenommen.

Starthilfe

In Boyles Film wird die Erde allerdings immer kälter, anstatt sich zu erwärmen, und daran ist dieses Mal nicht die Menschheit schuld, sondern die Sonne, deren solares Feuer langsam erlischt. Um ihr wieder ein wenig Zunder zu machen, ist das Raumschiff "Ikarus II" zur ihr unterwegs. Es trägt eine Fusionsbombe von der Größe Manhattans bei sich, welche es in der Sonne platzieren will. Hierzu muss die "Ikarus II" nahe genug an das Zentralgestirn heranfliegen. Um dabei nicht selbst zu verglühen, ist das Schiff mit einem enormen Reflektor ausgestattet. Die Besatzung der "Ikarus II" befindet sich zu Beginn des Films bereits in der Nähe der Merkurumlaufbahn und hat die so genannte "Dead Zone" erreicht.

Dort sind die Sonnenwinde so stark, dass kein Funkkontakt zur Erde mehr möglich ist. Und dennoch fängt die "Ikarus II" ein Signal auf. Die Crew erkennt es nach kurzer Zeit als einen Ruf vom Vorgängerschiff "Ikarus".

Dieses war bereits Jahre zuvor mit derselben Mission in Richtung Sonne gestartet, dann jedoch verschollen. Nun schwebt es in einer nahen Umlaufbahn um den Feuerball und scheint unversehrt. Nach einigen Diskussionen und dem Abwägen des möglichen Nutzens gegen alle denkbaren Risiken entschließt die Mannschaft der "Ikarus II" den Kurs zu ändern und zum Vorgängerschiff zu fliegen. Einerseits besteht großes Interesse am Schicksal der damaligen Mission und ihrer Besatzung, andererseits will man die Chance der "Sonnen-Neuzündung" verdoppeln, indem man dann zwei Fusionsbomben zur Verfügung hat.

Bei der Kurskorrektur geschieht jedoch eine Unachtsamkeit, die den Schutzschirm vor der "Ikarus II" beschädigt und eine Verkettung von weiteren Unglücksfällen nach sich zieht, in deren Verlauf das Schiff schwer beschädigt und einige Mitglieder der Besatzung getötet werden. Und auch mit der "Ikarus" scheint irgendetwas nicht zu stimmen, denn als man das Schiff erreicht, mehren sich die Hinweise, dass dessen Verschwinden durchaus auf keinem Unfall basierte.

Sunspotting

Die Karriere Danny Boyles ist sowohl vom stetig wachsenden Produktionsumfang seiner Filme als auch von der Verbreiterung seiner Themenauswahl her beachtlich. Hatte er sich Anfang der 1990er Jahre noch mit - wenn man so will - sozialnahen Milieustudien à la "Trainspotting" und "Kleine Morde unter Freunden" ins Herz jener Cineasten eingefilmt, die schon immer gern das Segment zwischen Programmkino und Mainstream beschaut haben, so hat sich spätestens seit "28 Days later" ein gewisser Faible für Genrestoffe eingeschlichen.

Doch schon dieser Film war nicht allein ein Zombiefilm, sondern eben auch ein Film über biologische Kriegsführung, Pandemien und letztlich - wie jeder Zombiefilm - auch eine Gesellschaftsutopie, die danach fragt, welche Regeln in einer katastrophischen Gesellschaft gelten werden. Insofern steht "Sunshine" in großer Nähe zu "28 Days later" (vgl. Es braucht nicht viel, um einer von ihnen zu werden), denn auch hier wird nach der Conditio humana im Angesicht des Weltuntergangs gefragt.

Die Frage ist jedoch mehr auf eine Art sozialpsychologisches Gruppenexperiment eingedampft, denn für die bedrohte Welt interessiert sich Boyle nur im Rahmen der Hintergrundgeschichte. Es gibt - außer im Epilog des Films - keine Szenen, die auf der Erde spielen. Allein das Raumschiff als Handlungsort bestimmt den Fortgang der Ereignisse. Und das ist schon deshalb Kalkül, weil es auf eine reichhaltige Motiv-Geschichte zurückblicken kann, aus der Boyle sich mit vollen Händen bedient.

Da finden sich mehr oder weniger direkte Anleihen bei Kubricks "2001", Scotts "Alien" und Carpenters "The Dark Star", die von der Namensgebung der Protagonisten über einzelne Handlungssegmente bis hin zur optischen Präsentation des Raumschiffs reichen (die Kette an Anleihen ließe sich noch verlängern und auf weitere Vorlage-Filme ausdehnen). Die Zitate scheinen jedoch ein Prinzip zu verdeutlichen, dass den Diskurs des Films (die Klimakatastrophe) mit dessen Narration (die Wissenschaft rettet die Menschheit) zu verknüpfen versucht. Dass die Geschichte wenig Neues bietet, macht den Blick frei auf die Agenda des Films.

Science und Fiction

Die Prognosen für die Erde sehen düster aus: Laut einiger Studien hat die Menschheit noch 13 Jahre Zeit zur Umkehr in der Energiepolitik, bevor die Atmosphäre irreversible Schäden erleidet. Dass man sich angesichts solcher Aussichten in Erzählungen mit Heilsversprechen zu flüchten versucht, ist nicht neu. Wenn die soziale, politische oder ökonomische Not am größten ist, ist das kulturelle Blendwerk häufig am allergrellsten. Nun ist Danny Boyles "Sunshine" zwar kein "Durchhaltefilm", er hat jedoch gewisse Qualitäten, durch die sich der Zuschauer auf basale Werte zurückbesinnen soll. Da ist zum einen der ins Irrationale ausgeuferte Christianismus, der im Verlauf des Films für etliche Probleme der Raumschiffbesatzung verantwortlich wird, auf der anderen Seite stehen diesem die Wunderversprechen der Wissenschaft gegenüber.

Es geht eben um jene Konfrontation von allgegenwärtiger Totalbedrohung mit allgegenwärtigem Wissenschaftspositivismus. Allein die Tatsache, dass eine Bombe von der Größe einer Stadt gebaut wird, mit der die Wissenschaftler die Sonne zu beschießen wünschen, ist ein markanter Topos menschlicher Hybris. Dieser findet sich bereits im Raumschiffnamen "Ikarus" wieder und weckt Erinnerungen an Werner Herzogs "Lebenszeichen", in dem der Protagonist der Sonne den Krieg erklärt und sie mit Feuerwerkskörpern beschießt.

Das Unternehmen ist zwar rein wissenschaftlich betrachtet Humbug, dem Film insgesamt wird von fachakademischer Seite jedoch durchaus Potenzial zugesprochen. So versammelt ein eigens erstellter Hochglanz-Flyer Zitate von Mitarbeitern des Astrophysikalischen Instituts Potsdam, die dem Film immerhin zugute halten, im Zuschauer ein Bewusstsein für die Größe der Sonne, die Wichtigkeit der Solarastronomie und den Zusammenhang zwischen Sonnenstrahlung und Klimaveränderung zu wecken.

Werbefilm?

Interessant ist in dieser Hinsicht weniger das, was die Wissenschaftler über den Film und seinen Realitätsbezug schreiben als die Tatsache, dass sie überhaupt etwas dazu sagen. Schon bei Emmerichs "The Day after Tomorrow" und bei John Moores "The Omen" (vgl. "Keine Atheisten im Schützengraben") fühlten sich die Naturwissenschaften ja zur Äußerung provoziert (in erstem Fall in positiver, im zweiten in negativer Hinsicht).

Daran zeigt sich die eingangs angesprochene allgemeine Interessenlage solcher Thematiken besonders deutlich: aggressive Abgrenzung vom Obskurantismus, Hinwendung zu naturwissenschaftlichen Erklärungs- und Problemlösungsstrategien. Film und Solarastronomie machen hier gegenseitig füreinander Werbung. In einer Zeit, in der Naturwissenschaften zum Marketing-Instrument für Kulturprodukte werden, könnte man meinen, dass es sehr schlecht um beide steht.

Ob das AIP diese Form der Öffentlichkeitsarbeit nötig hat, kann hier nicht bewertet werden, Danny Boyles Film käme jedoch durchaus ohne sie aus. Denn obwohl er, wie gesagt, sehr offensichtlich aus Genreversatzstücken zusammenmontiert ist, überzeugt er doch als handfester und nicht wenig spannender Science-Fiction-Thriller. Boyle weiß eben genau, wie man eine Dramaturgie mit den audiovisuellen Möglichkeiten des Mediums verwebt. Zudem bieten die immer wieder (aber nicht zu häufig) eingestreuten Bilder der Sonne allein oder im Verhältnis zur "Ikarus II" eine erhaben-atem(be)raubende und sehr originelle Optik. "Sunshine" ist also einen Besuch wert - erst recht, wenn man sich angesichts der deprimierenden Neuigkeiten über den ökologischen Zustand der Welt ein wenig Heilsversprechen gönnen möchte und sich den Glauben an die Allmacht der Naturwissenschaft wenigstens für anderthalb Stunden zurückwünscht.

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Heiße Sommer und Flutkatastrophen

Rüdiger Suchsland 27.05.2004

Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf über den Emmerich-Film "The Day after Tomorrow" und wie die Welt in 100 Jahren aussieht

Stefan Rahmstorf zählt zu den weltweit führenden Experten seines Faches. Besonders zu den Gefahren eines drohenden Klimawandels durch die Erwärmung der Erdatmosphäre hat er sich mehrfach zu Wort gemeldet.

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