Frühwarnsystem für politische und wirtschaftliche Risiken

Florian Rötzer 20.04.2007

Die renommierte Beraterfirma Oxford Analytica will mit einem täglich aktualisierten bunten Diagramm den stressgeplagten Verantwortlichen dieser Welt die Risiken dieser Welt auf einen Blick zeigen

Oxford Analytica gilt als eine der renommiertesten Beraterfirmen für strategischen Studien und Bewertungen. Für ihre Analysen und Hinweise auf wichtige geopolitische, wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Trends setzt die Firma auf ein Netzwerk von mehr als tausend Wissenschaftlern der Universität Oxford und anderen Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie ehemalige Geheimdienstleiter und andere Analysten auf der ganzen Welt, die gute Verbindungen und Hintergrundinformationen besitzen. Die tägliche Mitteilung wird angeblich von allen gelesen, die politisch etwas zu sagen und zu entscheiden haben, aber auch von Geheimdiensten oder leitenden Managern.

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Grafik: Oxford Analytica

Neben den täglichen Mitteilungen werden von der 1975 gegründeten Firma als Hintergrund die "Global Rolling Assumptions" veröffentlicht. Um sich über die von der Firma ausgemachten Trends zu informieren, zahlen Kunden jährlich 30.000 US-Dollar. Verändert sich eine Annahme, erhalten alle Kunden sofort eine verschlüsselte Email. Daneben werden Länderprofile mit allen wichtigen Informationen und Trends angeboten.

Seit kurzem wird auch eine täglich aktualisierte Global Stress Points Matrix erstellt, die als "Frühwarnsystem und Methodologie zur Beobachtung künftiger Risiken" für drohende Konflikte oder bedrohliche Entwicklungen fungieren soll. Ausgewählt werden 20 solcher Trends. Sie werden auch grafisch dargestellt und kategorisiert, angefangen von "vernachlässigenswerter Gefahr" bis hin zu hoch, sehr hoch oder extrem. Damit sollen die Kunden Informationen erhalten, um nicht von Entwicklungen überrascht zu werden. Neben der Risikobewertung wird auch angegeben, welchen Einfluss die "unwahrscheinlichen, aber vorhersehbaren" Ereignisse auf die Geopolitik, das globale Bruttosozialprodukt, die internationalen Finanzmärkte oder Unternehmensstrategien haben könnte.

Die Methode besteht darin, die Wahrscheinlichkeit der Kräfte auf einer Skala zwischen 0 und 10 einzuschätzen, die eine Entwicklung antreiben und abbremsen. Zusammengenommen ergeben diese dann nach Oxford Analytica einen Spannungs- oder Stressbalance, der Werte zwischen -50 und +50 annehmen kann und täglich aktualisiert wird, wodurch sich dann die Wahrscheinlichkeit schnell und auf einen Blick auch für gestresste Politiker oder Manager erkennen lassen soll, die nicht viel Zeit mit Lesen verbringen, aber schnell die Gefahrenlage abscannen wollen. Zusätzlich wird noch die Spannungs- oder Stressintensität auf einer Skala veranschaulicht. Dieser versucht die Spannung in einem Ergebnis aufgrund der antreibenden Kräfte zu erfassen. Die Intensität kann hoch sein, auch wenn die Balance ausgeglichen ist. Dann könnte bei kleinen Veränderungen aber das Ereignis schneller eintreten als bei anderen Ereignissen, deren Balance ebenfalls in gleichem Maße ausgeglichen ist, aber deren Intensität geringer ist. Aus diesen beiden Achsen, die auch über die Zeit verfolgt werden können, ergibt sich dann das Diagramm der "Matrix", in der die Risiken mit unterschiedlich großen und bunten Kreisen.

Grafik: Oxford Analytica

Genaueres über die Methodik, die patentiert werden soll, erfährt man freilich nicht. Aber es mag ganz interessant sein, welche Entwicklungen oder Gefahrenherde derzeit auf der Global Stress Points Matrix ganz oben sind. An der Spitze befindet sich derzeit auf Platz 1 die Möglichkeit eines bewaffneten Konflikts zwischen China und Taiwan und auf Platz 2 der Konflikt zwischen Iran und den USA. Dass die USA Iran angreifen ist in der Stressbalance im mittleren Minusbereich, ein klein wenig höher als der China-Taiwan-Konflikt, angesiedelt, so dass die Wahrscheinlichkeit als relativ gering betrachtet wird. Auf den ersten Stellen befinden sich beide, weil die Folgen am größten wären.

Am wahrscheinlichsten, wenn auch mit weniger Folgen behaftet, gelten den Analysten größere Unruhen in Nigeria, Störungen im Energiesektor in Lateinamerika, ein regionaler Konflikt am Horn von Afrika und schwere Störungen im Balkan. Letztere wären angeblich praktisch vernachlässigenswert. Gerechnet werden müsste auch mit einem Zusammenbruch der irakischen Institutionen oder, ähnlich wahrscheinlich, mit einem Ölpreisschock.

Grafik: Oxford Analytica

Unter den 20 weiteren Toprisiken findet man den Ausbruch einer Grippepandemie, den Zusammenbruch des pakistanischen Staates, einen Anschlag mit chemischen oder biologischen Waffen, den Rückkehr zum Protektionismus, einen bewaffneten Konflikt zwischen Indien und Pakistan, einen militärischen Konflikt mit Nordkorea, einen Bürgerkrieg im Libanon oder einen nationalistischen Auftrieb in Russland.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25112/1.html
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