Warum es nach Tschernobyl über Weißrussland regnete

22.04.2007

Ein russischer Major bestätigt Vermutungen, dass die radioaktiven Wolken nach der Tschernobyl-Katastrophe von russischen Flugzeugen geimpft worden seien, um Moskau zu schützen

Am 26.April 1986 explodierte nachts um 1:23 der Block IV des Kernkraftwerks Tschernobyl. Eine radioaktive Wolke entsteht, die im Umkreis von Tausenden von Kilometern Gebiete kontaminiert hat. Die Verstrahlung war höchst unterschiedlich und hing davon ab, wo die radioaktiven Wolken ihre gefährliche Ladung abregnete. Europa wurde vom Norden, von Finnland, Norwegen und Schweden über Polen, Tschechien, Österreich und Deutschland bis nach Griechenland oder Italien im Süden und im Westen bis Frankreich kontaminiert. Besonders stark wurden weite Bereiche Weißrusslands betroffen.

Wie viele Menschen direkt oder indirekt an den ausgetretenen Radionukliden gestorben oder erkrankt sind, ist weiterhin umstritten. Während die Atomenergiebehörde IAEA in einem mit der WHO verfassten Bericht Ende 2005 von etwa 4.000 Todesopfern als direkte Folge ausgeht, die WHO von möglichen weiteren 5.000 Krebstoten in der Region spricht, aber auch die Schwierigkeiten bei der Erfassung der Zahlen hinwies, vermuteten die Autoren eines von Greenpeace in Auftrag gegebenen und zum 20. Jahrestag erschienenen Berichts jedoch, dass um die 270.000 Menschen an Krebs erkrankten und mehr als 90.000 daran gestorben seien oder noch sterben werden. An anderen, damit zusammenhängenden Krankheiten könnten weitere 200.000 Menschen gestorben sein oder noch sterben. Auch Greenpeace wies auf die Schwierigkeiten hin, dass es keine allgemein akzeptierte Methodologie für die Erfassung der Folgen einer solchen nuklearen Katastrophe gibt (20 Jahre nach dem GAU).

Dass in Russland die Folgen verharmlost wurden, ist ebenso bekannt wie die Versuche vieler Politiker auch in Deutschland, zunächst den Vorfall herunterzuspielen oder zu leugnen (Frankreichs wolkendichte Grenzen). Die auch heute noch weit auseinanderliegenden Einschätzungen belegen jedoch, dass der Super-GAU je nach politischer oder wirtschaftlicher Interessenlage bewertet wird. Atomkraftgegner sehen hinter den niedrigen Zahlen von IAEA und WHO die Atomindustrie und deren politische Lobby.

Ein interessantes und erschreckendes Detail zum Verlauf der Katastrophe hat der russische Major Alexei Gruschin nun gegenüber BBC bestätigt. Wie er in der Dokumentation von BBC2 sagt, bei der es um Wettermanipulationen geht, hätten er und weitere russische Piloten nach der Explosion versucht, die radioaktiven Wolken abregnen zu lassen, bevor sie Moskau und andere große russische Städte erreichen.

Nach seinen Angaben, die allerdings bislang nicht weiter belegt sind, hätten die Militärflugzeuge mit Silberjodid gefüllte Granaten abgeschossen. Mit dem Salz "geimpfte" Wolken bilden schneller Eiskristalle, wodurch die Regenbildung verstärkt wird. Nach Gruschin hatte sich die Windrichtung von Westen nach Osten gedreht, so dass nun die radioaktive Wolke die dicht besiedelten russischen Gebiete bedrohte: "Wenn es über diese Städte geregnet hätte, wären Millionen von Menschen der Katastrophe zum Opfer gefallen. Das Gebiet, in dem ich und meine Mannschaft aktiv die Wollen beeinflusst haben, lag in der Nähe von Tschernobyl, aber nicht nur im Umkreis von 30 km, sondern bis in eine Entfernung von 50, 70 und sogar 100 km."

Wenn die Aussage von Gruschin zutrifft, hätten die Russen zu ihrem Schutz viele Tausend Quadratkilometer in Weißrussland durch das Impfen der Wolke kontaminiert und so die Menschen dort geopfert. Belarus war am stärksten von allen Staaten von der radioaktiven Verseuchung betroffen worden. 70 Prozent der von Tschernobyl ausgegangenen Radioaktivität sollen über Weißrussland niedergegangen sein, ein Fünftel der Fläche des Landes wurde kontaminiert. Zwei Millionen Menschen leben in verseuchten Gebieten. Krebserkrankungen und Sterblichkeit sind in Weißrussland ebenso Missbildungen bei Kindern nach Tschernobyl angestiegen.

Moskau hat stets abgestritten, die Wolken geimpft zu haben, allerdings wurde, wie der Telegraph berichtet, Gruschin 2006 zum 20. Jahrestag für seine Tapferkeit beim Einsatz während der Katastrophe ausgezeichnet. Ein anderer Pilot, der nicht genannt werden wollte, hat gegenüber BBC bestätigt, dass ab zwei Tagen nach der Explosion Wolken geimpft worden seien. 2004 war der britische Atomphysiker Alan Flowers aus Weißrussland ausgewiesen worden. Er hatte ebenfalls behauptet, dass von den Russen mit großer Wahrscheinlichkeit Wolken geimpft worden seien und dass die Bevölkerung nicht vor dem Regen gewarnt wurde.

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