Die 2.0-Überfütterung
Neben der Spur
Ein Datenvolumen von fünf Exabytes (1018 Bytes) repräsentiert in ASCII-Zeichen alle jemals von Menschen gesprochenen Wörter. Laut einer Studie hat aber das menschliche Wissen wiederum schon 1999 ein Datenvolumen von zwölf Exabytes erreicht. Tendenz: enorm steigend bei einem jährlichen Wachstum von 66%. iSuppli (http://www.isuppli.com/ rechnet für 2007 mit einem Absatzplus von 17 Prozent für Datenspeicher. Stückzahlen wohlgemerkt, nicht Speichervolumen. Es sieht so aus, als wüssten wir immer mehr. Und jetzt können wir das alles via Web 2.0 miteinander austauschen und diese Zahlen noch stärker nach oben treiben. "Mehr" heißt "mehr", nicht mehr.
Stand März 2007: 14 Prozent der Weltbevölkerung surfen und erzeugen jetzt mit Flickr und allen Web 2.0-Möglichkeiten fleißig Daten, vor allem digitale Fotos und Videos. Der Planet schwimmt in Inhalten. Vielleicht bedeutet Erfolg dieser Inhalte nicht immer, wie Günter Hack in Futurezone feststellte, professionelle Aufbereitung oder Innovatives. Festzuhalten bleibt, dass nie zuvor so viele Menschen so viel anderen Menschen zugänglich machen konnten. Und das in Echtzeit. Da muss doch, wie Technorati so schön einen Ausspruch von einem "Matt" posted ("55 million blogs, some have to be good."), irgendetwas Gutes dabei sein.
Muss nicht. Zugegeben, es ist wunderschön der Twittermap zuzusehen. In Echtzeit ploppen Dinge auf, die Menschen auf dem Planeten gerade tun. Es wäre ein Wunder wenn das in den meisten Fällen über "komme gerade aus einem Meeting" oder "wo ist meine Dusch-Seife" hinausginge. Wer Tiefe verlangt, ist hier falsch, das ist auch nicht die Idee dahinter.
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Aber die Zeitfalle Web 2.0 schluckt in Blogs und Mitmach-Maps gehörig Energie, um überhaupt erst einmal durch das tägliche Rauschen an diverse Info-Bits zu kommen. Man kann wie Oliver Ueberholz eine Konsolidierung dieser Phänomene erwarten, oder wie David Eicher auf das überproportionale Wachstum der Social Networks hinweisen. Der quantitative Aspekt überwiegt, und die Frage nach der Qualität, nach dem "Besserwissen" stellt sich bisher nicht.
Gut, auf der einen Seite ist ein "Besser" nicht leicht zu definieren. Ein allgemein gültiger Bezugsrahmen für die Tiefe von Wissen, sollte ein solcher jemals existiert haben, implodierte in den 90ern mit Aufkommen digitaler Massenmedien. Wenn jeder bloggen und posten kann, dann pulverisieren sich die Diskurse über die Machart der Diskurse. Die Freiheit der Inhalte, die Zensur und Massenlenkung umgehen, hat auf der anderen Seite eine Vermassung der Inhalte zur Folge, die sich wenig differenziert. Ein Blick auf die fünf häufigsten Abfragen in Technorati offenbart zudem eine große Annäherung an die Themen, die immer noch von klassischen Medien gesetzt werden . Oder sie entstehen aus purer Selbstreferenz. Die Rangliste bei Abfassung des Artikels Ende März:
1. Twitter
3. Youtube
4. Paris Hilton
5. 300
Twitter ist wie oben beschrieben eine Site, in der Leute ihre derzeitige Beschäftigung eingeben. Und YouTube hier zu finden, ist, wie zu wissen, dass Millionen Menschen in Google immer noch "Google" eingeben, um die Site zu finden. Aber es geht noch eine Runde schlichter: Der arme Steven Furtick ist Pastor und wollte wissen, was über ihn im Internet steht. Nur weil er wie ein Berserker nach seinem Namen suchte, tauchte er plötzlich in den Rankings auf. "Paris Hilton" und "300". Sex & Crime gehen immer.
Das bringt nicht wirklich weiter, um mit der Möglichkeit eines weltumspannenden Internet einen Diskurs zu bilden, der auch frontal gegen politisch motivierte Kommunikationskampagnen stehen kann. Vereinzelt poppen Statements zur Bedrohung durch die Klimaerwärmung auf, die - sollten sie korrekt sein – alle anderen Themen in den Hintergrund drängen sollten. Ein Hitze-Sommer, der 70.000 kostete und der sich nun immer häufiger wiederholen soll, und eine Klimastudie der Schweiz, die für 2075 das Ende der Landwirtschaft in dieser Region voraussagt, müssten zum Handeln und zu einer tieferen Vernetzung führen, um sich zu diesen Themen kollektiv zu einigen. Es geht schlichtweg um unser Überleben.
Zu befürchten steht allerdings, dass sich eine Generation im Web durch Mitmach-Trallala in digitalem Müll seinen eigenen Kokon gräbt. Den politischen Kanälen Versagen und Untätigkeit vorzuwerfen, stellt sich angesichts der vorhandenen Mittel im Internet als doppelzüngig heraus. Wir sind das Volk. Wir können mit einander reden. Durch Social Software gibt es kein "die da" mehr.
Könnte man meinen.
http://www.heise.de/tp/artikel/25/25125/1.html- Bravo! (26.4.2007 11:31)
- 3.1415... HeiseBytes (24.4.2007 23:26)
- 70.000 sind: (24.4.2007 22:46)
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