Polarisierung der großen Lager in Frankreich
Sarkozy hat mit großem Vorsprung die erste Runde der Präsidentschaftswahl gewonnen, aber damit ist die sozialistische Kandidatin Royal noch keineswegs aus dem Rennen
Wollte man den Ausgang der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl auf einen Schlüsselbegriff bringen, so würde er lauten: Le vote utile. Der Begriff (wörtlich übersetzt "Nützlich stimmen") beinhaltet im französischen Kontext der letzten fünf Jahre vor allem die Vorstellung, dass man besser nicht so sehr seinen Überzeugungen entsprechend abstimmen soll, da man sonst mit unvorgesehenen Übeln gestraft werden könne. Eine Vernunftehe, im übertragenen Sinne auf einen Kandidaten bezogen, könne deshalb einer politischen Liebesheirat vorzuziehen sein. So hatte bei der letzten Präsidentenwahl vor fünf Jahren die Enthaltung der klassischen Wählerschaft der Linksparteien, die von der Regierungspolitik des sozialdemokratischen Premiers Lionel Jospin zum Teil bitter enttäuscht war, überraschend den Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen zusammen mit Amtsinhaber Jacques Chirac in die Stichwahl befördert (Rechtes Erdbeben in Frankreich). Es war, wie sich jetzt zeigt, ein historischer "Wahlunfall", der nur deshalb zustande kam, weil niemand mit ihm gerechnet hatte. Entgegen vielen Unkereien und Vorhersagen blieb "der neue Ausrutscher", die - in Wirklichkeit von vielen erwartete - "völlig unerwartete Überraschung" in diesem Jahr aus.
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Zugleich hat eine starke Konzentration auf die beiden großen politischen Blöcke, also auf einen sozialdemokratischen und einen konservativen Block zuzüglich eines erstarkten Zentrums rund um François Bayrou, stattgefunden. Links und Rechts davon stehende Kräfte sehen ihre Stimmenanteile zurückgehen. Dieser politische Konzentrationsprozess geht mit einem starken Anstieg der Wahlbeteiligung einher. Letztere liegt bei 84,6 Prozent (alle Ergebnisse für das europäische Frankreich ohne Überseegebiete) und damit weit höher als bei allen anderen Präsidentschaftswahlen der letzten 30 Jahre.
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Spürbar geklettert ist die Teilnahme vor allem in jenen Schichten, die in den letzten Jahrzehnten dem politischen Geschehen, nicht allein in Form von Wahlen, eher fern standen. Also bei den sozial marginalisierten Bewohnern von Trabantenstädten, den abhängig Beschäftigten oder den Armen. Hier hatte man sich seit Jahren nichts von der Politik erhofft, sich nicht angesprochen gefühlt, sich selbst keinerlei Einfluss zugesprochen. Die große Wende kam nach den Unruhen in den französischen Trabantenstädten vom November 2005. Seitdem hat hier ein zuvor ungeahnter politischer Mobilisierungsschub stattgefunden, da vor allem die jüngeren Generationen nun mehrheitlich nicht mehr der Auffassung sind, dass all das Politikspektakel sie überhaupt nichts angehe. Die Figur des konservativen Präsidentschaftkandidaten Nicolas Sarkozy, der bis zum 26. März dieses Jahres als Innenministers im Amt blieb, personifiziert in ihren Augen in sehr hohem Maße das abweisende, reiche und repressive Frankreich, das man abzustrafen wünscht.
Die Mobilisierung zu den Urnen trägt also in diesem Jahr Züge einer starken Polarisierung, die sich aber in diesem Jahr nicht an kleineren Parteien (links von der Sozialdemokratie oder rechts von den Konservativen) festmacht, sondern sich in einem Votum für die größeren politischen Kräfte selbst ausdrückt. Ein Gutteil der zusätzlich mobilisierten Wähler ging vor allem abstimmen, um Nicolas Sarkozy (und, nebenbei, Jean-Marie Le Pen) zu verhindern. So wie umgekehrt ein Teil der besserverdienenden und/oder innenstädtischen Wähler dezidiert für einen der rechts stehenden Kandidaten votierte, "um uns den Abschaum vom Hals zu halten", und sich dabei in Sarkozys Ausspruch von 2005 über La racaille (den Abschaum, das Gesocks) wiedererkannte (Aufruhr in den Städten). Das Votum ist somit also auch Spiegelbild einer sozial auseinander driftenden Gesellschaft - wobei noch selten ein Vertreter der bürgerlichen Rechten so "komplexfrei" (décomplexé), nach eigener Begrifflichkeit, auftrat wie Nicolas Sarkozy.
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| Bild: sarkozy.fr |
Wahlverhalten und Haushaltseinkommen
Das politische Stimmverhalten lässt sich in diesem Jahr recht deutlich ans Haushaltseinkommen koppeln. So ist, einer Wahlauswertung durch die Wirtschaftszeitung La Tribune zufolge, der konservative Kandidat Nicolas Sarkozy bei den Haushalten mit einem Monatseinkommen von unter 1.000 Euro sowie zwischen 1.000 und 1.500 Euro mit je 24 Prozent unterdurchschnittlich vertreten. Bei einem Verdienst in der nächsthöheren Kategorie (ab 1.500 Euro) klettert sein Anteil. Aber ab einer Schwelle von 4.500 Euro monatlichen Haushaltseinkommen explodiert dieser Wert förmlich und steigt auf einen Anteil von 55 Prozent aller Wähler.
Damit ist die Wählerschaft Sarkozys besonders stark sozial polarisiert. Vergleichsweise schwach ist der Anstieg beim Christdemokraten François Bayrou, der zwar ebenfalls in der höchsten Kategorie (ab 4.500 Euro) am stärksten und in den beiden unteren Kategorien am schwächsten abschneidet. Aber für ihn ist der Unterschied, zwischen 17 Prozent ("unten") und 24 Prozent ("oben") der Wähleranteile, bei weitem nicht so ausgeprägt. Dagegen verläuft die Kurve bei mehreren anderen Kandidaten umgekehrt. Bei Ségolène Royal nimmt der Wähleranteil von 30 Prozent in der "untersten" Kategorie, auf 11 Prozent bei den Bestverdienenden ab. Sozial sehr stark polarisiert ist die Wählerschaft des linksradikalen Kandidaten Olivier Besancenot, deren in der Einkommenskategorie "unter 1.000 Euro monatlich" bei 8 Prozent liegt, danach kontinuierlich abnimmt und oberhalb der 4.500 Euro bei nur noch einem Prozent liegt.
In Gestalt von Jean-Marie Le Pen findet sich auch ein rechter Bewerber um die Präsidentschaft, dessen Wählerprozente in den oberen Einkommensbereichen abnehmen. Bei ihm liegt der Anteil in den beiden unteren Kategorien mit 13 Prozent am höchsten, zwischen 3.000 und 4.500 Euro monatlich liegt er mit 9 Prozent noch relativ hoch, bei den höchsten Einkommen ab 4.500 Euro dagegen schnurrt sein Anteil auf 5 Prozent zusammen. Bemerkenswert ist der überdurchschnittlich hohe Stimmenanteil für Jean-Marie Le Pen unter den Zeitarbeitern, wo 24 Prozent für ihn gemessen werden. Offenkundig korrespondiert hier die täglich erlebte soziale und wirtschaftliche Unsicherheit mit einem ausgeprägten, stark ideologisierten Sicherheitsbedürfnis.
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| Bild: www.segoleneroyal2007.net |
Die wundersame Wählervermehrung
Frankreichweit haben sich 1,8 Millionen erwachsene Bürgerinnen und Bürger vor dem Anmeldeschluss, der am 31. Dezember vergangenen Jahres lag, zusätzlich auf den Wählerlisten registrieren lassen. Das entsprach einem Zuwachs in den Wählerverzeichnissen um 4 Prozent. Aber im Département Seine-Saint-Denis oder "93", dem (am Pro-Kopf-Einkommen gemessen) ärmsten Bezirk der Hauptstadtregion, der die nördlichen und östlichen Pariser Trabantenstädte umfasst, beträgt er doppelt so viel, über 8 Prozent.
Besondere Aufmerksamkeit richteten die französischen Medien dabei auf Clichy-sous-Bois, jene Stadt in zehn Kilometer Luftlinie nordöstlich von Paris, von der nach dem Tod zweier Jugendlicher auf der Flucht vor der Polizei am 27. Oktober 2005 die damaligen Unruhen ausgegangen waren (Unruhen in Pariser Trabantenstädten). Hier hatte sich nach den Unruhen ein sehr aktives Bürgerrechtskollektiv unter dem Namen AC Le feu gebildet; der Name bedeutet so viel wie "Genug vom Feuer". Die Buchstabenkette ist aber auch die Abkürzung für den Bandwurmnamen "Vereinigung des Kollektivs für Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit, Vereint und Zusammen". Im Sommer 2006 hat die Gruppe über 120 französische Städte und Kommunen bereist und die vordringlichsten sozialen Probleme und gesellschaftlichen Bedürfnisse in einem Katalog gesammelt. Vor Ort unternahm das Kollektiv enorme Anstrengungen, um die jüngeren Einwohner dazu zu bewegen, sich in die Wählerlisten einzutragen.
Tatsächlich nahm die Zahl der eingeschriebenen Wähler dort um fast ein Fünftel zu, von zuvor 8.000 auf 9.500. Am Wahlabend verzeichnete Clichy-sous-Bois, die Stadt in der Pariser Banlieue, eine nie dagewesene, "historische" Wahlbeteiligung von 82 Prozent der eingetragenen Wahlberechtigten. Im Jahr 2002 hatte die sozialdemokratische Linke in dieser Stadt nur 19 Prozent der Stimmen erhalten, denn gerade in den Augen der ärmsten ihrer Einwohner hatte sie nichts anzubieten. Dieses Mal erhält ihre Kandidatin Ségolène Royal allein 41 Prozent der Stimmen und liegt damit deutlich vor den bürgerlichen Kandidaten Nicolas Sarkozy und François Bayrou. Ihr dürften die meisten der "Neuwähler" zugute gekommen sein. Leute, die noch nie zuvor ein Wahlbüro betreten haben - und das nicht nur aufgrund ihres Alters, auch wenn die Hälfte der örtlichen Bevölkerung unter 25 Jahre alt ist - waren dieses Mal dabei.
"Wie funktioniert dieses Business?", zitiert die linke Tageszeitung L’Humanité den 23jährigen Mansour. Und druckt ein Foto von Bouna Traoré ab, dem Vater eines der beiden Jugendlichen, die vor anderthalb Jahren in einem Trafohäuschen starben, weil sie einer Personenkontrolle durch die für ihre Brutalität berüchtigte Sondereinheit BAC (Brigade anti-criminalité) entgehen wollten, obgleich sie nichts angestellt hatten. Der Schwarze trägt deutlich sichtbar ein T-Shirt vom Kollektiv "AC le feu", mit der Aufschrift "Wählen heißt existieren".
Für die meisten dieser neuen Wähler dürfte die Stimmabgabe so etwas wie ein "Referendum gegen Nicolas Sarkozy" gewesen sein, und nebenbei auch gegen Jean-Marie Le Pen. Ihr "vote anti-Sarkozy" trug in aller Regel den Namen Ségolène Royals als Aufschrift, und weitaus seltener den anderer, "kleinerer" Kandidaten, auch wenn die von ihnen erhobenen sozialen Forderungen radikaler ausfallen. Abgesehen von der mangelnden örtlichen Bekanntheit mancher der "kleineren" Kandidaten, die nicht so viel in den Medien vorkamen wie Royal oder Sarkozy, spielt vor allem eine Idee der "Dringlichkeit" eine Rolle. Statt für ein Programm – und liste es noch so umfangreich die sozialen Bedürfnisse auf – und eine politische Kraft, die vorerst eine Oppositionsrolle anstrebt, votiert man hier für diejenigen, an die man "jetzt sofort" die Nachricht adressieren kann, dass das Leben so nicht weitergehen könne. Und für diejenigen, die Nicolas Sarkozy wirklich aufhalten könnten, auch im entscheidenden zweiten Wahlgang.
Kleinere Linkskräfte dezimiert
Ähnliche Beweggründe prägten aber auch die Stimmabgabe in einem Gutteil der übrigen Gesellschaft. Viele von ihren Überzeugungen her linke Wähler stimmten für die Sozialdemokratin Royal, obwohl sie nicht abließen, über ihre konfuse politische Botschaft und ihrem Appell an reaktionäre Werte (beginnend beim Wahlkampfslogan "Die gerechte Ordnung" und ihrer Aufforderung, jeder Haushalt solle eine Nationalflagge zu Hause besitzen) zu schimpfen (In Frankreich hat die "heiße Phase" des Wahlkampfs begonnen). Die weitgehend inhaltsleere Wahlerklärung Royals vom Sonntagabend dürfte an dieser Einstellung vieler linker Wähler kaum etwas ändern. Ihnen ging es aber in erster Linie darum, eine Neuauflage des Szenarios von 2002 um jeden Preis zu verhindern.
Aber gleichzeitig stimmten auch viele traditionell eher sozialdemokratische Wähler für den Christdemokraten François Bayrou. Dieses Phänomen hat seit Februar dieses Jahres deutlich zugenommen. Der Hintergrund dafür ist, dass sich Ségolène Royal in ihrem Wahlkampf anfänglich viele Pannen leistete, aber zugleich aus Sicht der Mitte-Links-Wähler der Zentrumspolitiker Bayrou besser platziert war, um in der zweiten Runde den "harten Rechten" Sarkozy zu übertrumpfen. Denn, so das Kalkül, Bayrou könne auch einige Stimmen aus dem eher rechten Lager besser anziehen. Sowohl unter den Wählerinnen Bayrous als auch Royals dürften sich insgesamt sehr viele "Anti-Sarkozy-Stimmen" finden, die sie besser nicht als Blankoscheck für ihre eigene zukünftige Politik werten sollten.
Die Linkskräfte außerhalb der Sozialdemokratie wurden auf diesem Wege, durch den massiven Trend zum "Sarkozy-Verhindern" mit der Wahl Royals oder Bayrous, stark dezimiert. Gegenüber 19 Prozent bei der letzten Wahl vor fünf Jahren erhielten die Bewerberinnen und Bewerber links von der sozialdemokratischen Kandidatin dieses Mal noch ziemlich genau 10 Prozent der Stimmen. Der Rückgang betrifft sowohl die Regierungspartner der Sozialisten aus der Vergangenheit, die KP (mit knapp 2 Prozent für ihre ehemalige Jugend- und Sportministerin und Parteichefin Marie-George Buffet) und die Grünen mit 1,5 Prozent für Ex-Umweltministerin Dominique Voynet, als auch die eher regierungskritische bis systemoppositionelle Linke. Unter letzterer erlebte die Alttrotzkistin Arlette Laguiller, mit 1,3 Prozent (gegenüber 5,7 Prozent im Jahr 2002) den stärksten Rückgang. Bei ihrer sechsten und letzten Präsidentschaftskandidatur hat sie den Preis dafür bezahlt, dass ihre Partei Lutte Ouvrière (LO) sich sowohl aus den Mobilisierungen gegen Le Pen zwischen den bei-den Wahlgängen 2002, als auch aus dem Abstimmungskampf der Linken gegen den EU-Verfassungsvertrag von 2005 weitgehend herausgehalten hat. Das Hochhalten der proletarischen Fahne wird ihr zwar von vielen Wählerinnen und Wählern als Treue zu ihren Ideen angerechnet, führt aber alleine noch zu keinem politischen Profil, wenn ihre Anhänger sich zugleich bei realen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen heraushalten.
Die radikale, marxistisch geprägte Linke, die in den achtziger und neunziger Jahren bei Wahlen vorwiegend durch Arlette Laguiller vertreten wurde, hat eine Umgruppierung erfahren. Denn mit Olivier Besancenot von der eher undogmatischen Ligue Communiste Révo-lutionnaire (LCR), die aus der Revolte des Mai 1968 heraus entstand, hat sich nur ein Kandidat links von Ségolène Royal halbwegs erfolgreich gehalten. Er erhielt mit 4,1 Prozent proze-nentual fast dasselbe Resultat wie 2002 (4,3 Prozent), aber in absoluten Zahlen rund 300.000 Stimmen mehr. Dagegen konnte der parteilose Linkspopulist, Globalisierungskritiker und frü-here "Bauernrebell" José Bové offenkundig nicht überzeugen. Nach einem von vielen als ori-entierungslos und konfus erlebten Wahlkampf erhielt er nur 1,3 Prozent.
Neu ist, dass alle wichtigen Linkskandidaten schon seit dem Sonntagabend zur Stimmabgabe im zweiten Wahlgang aufriefen. Ungewohnt ist dies bei Arlette Laguiller, da ihre Partei LO seit 1988 (unter François Mitterrand) aufgehört hatte, Wahlempfehlungen zugunsten der etablierten Linksparteien für die Stichwahl abzugeben. Die LCR Olivier Besancenots hatte dies hingegen noch bis 2001 regelmäßig getan, war aber dann unter der Jospin-Regierung von dieser Praxis abgerückt. Aber am gestrigen Wahlabend verkündete Arlette Laguiller ihren Aufruf für die zweite Runde zugunsten von Ségolèje Royal gegen 20.40 Uhr und damit noch vor ihrem undogmatischeren Pendant Olivier Besancenot.
Dessen Ansprache war zwar schon für 20.15 Uhr angesetzt, fand aber erst kurz vor 21 Uhr statt. Wohl, weil hinter den Kulissen die Fetzen flogen, einen Wahlaufruf für die Tony Blair nahe stehende sozialdemokratische Kandidatin betreffend. Manche der Anhänger des linksradikalen Kandidaten favorisierten ähnlich wie bei früheren Anlässen einen deutlichen Stimmaufruf, andere dagegen einen Aufforderung an Royal, sich die entsprechenden Voten durch eine Schärfung der eigenen sozialen Forderungen "selbst zu verdienen". Letztlich kam eine Kompromissforderung heraus: Man rede keinem zustimmenden Votum für Ségolène Royal das Wort, wohl aber einer Stimmabgabe gegen Nicolas Sarkozy. Auch Bové, die KP- und die Grünen-Kandidatin riefen zur Stimmabgabe für Royal in der zweiten Runde auf. Im Gegensatz zu Laguiller und Besancenot stünden die letzteren im Prinzip für Gespräche über die Bildung einer neuen Regierung im Falle eines linken Wahlsiegs auch bei den Parlamentswahlen im Juni zur Verfügung.
Offenkundig möchte niemand auf der Linken die Verantwortung dafür aufgeschultert bekommen, falls Sarkozy am 6. Mai mit knapper Mehrheit durchkommen sollte. Aber zugleich soll eine Politisierung der 1. Mai-Demonstration und ein Anfachen der sozialen Mobilisierungen dabei helfen, einen Druck aufzubauen, der sowohl Sarkozy verhindern, als auch gesellschaftliche Forderungen nach einem Regierungswechsel durchsetzen soll. Am 1. Mai ist jedenfalls damit zu rechnen, dass zahlreiche Slogans über und gegen Nicolas Sarkozy zu sehen sein werden.
Le Pen: Hauptsächlicher Verlierer
Der größte Wahlverlierer aber ist der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen, nachdem die Meinungsforschungsinstitute ihn die letzten Monate hindurch konstant überbewertet und zugleich zahlreiche Beobachter über mögliche "Überraschungen" auf dieser Seite spekuliert oder gemunkelt hatten. Nur war Le Pen dieses Mal, anders als früher, durch die Meinungsforschungsinstitute über- und nicht unterschätzt worden. Man hat so oft so komplizierte "Umrechnungsfaktoren" an seine Umfragewerte angelegt, um dem verschämt verschwiegenen "vote Le Pen" auf die Schlichte zu kommen, dass man dieses Votum im Ergebnis völlig überbewertet hat.
Das genügt aber noch nicht, um sein tatsächlich schlechtes Abschneiden zu erklären. Am Sonntag erhielt der Chef des Front National (FN) mit 10,5 Prozent der Stimmen sein magerstes Ergebnis überhaupt bei einer Präsidentschaftswahl, sieht man von seiner Kandidatur im Jahr 1974 (0,74 Prozent) ab, als die extreme Rechte noch eine Splitterpartei bildete. Offenkundig ist das Kalkül des Kandidaten, der für den konservativen Bürgerblock antrat, schlussendlich aufgegangen: Nicolas Sarkozy rückte so weit nach rechts und appellierte so oft an die "nationale Identität", dass er einen Teil der rechtsextremen Wähler anziehen konnte. Sein eigenes hohes Abschneiden mit 31 Prozent ist unter anderem auch das Spiegelbild einer Gesellschaft, in dem viele Partikulargruppen immer weiter auseinanderdriften. Ein Teil dieser Gesellschaft verlangt deshalb nach einem "starken Mann" und hartem Durchgreifen, um die Angst vor dem Chaos zu überwinden.
Alle wesentlichen französischen Tageszeitungen sind sich darüber einig, dass Sarkozy mit seinem polarisierenden Wahlkampf rund ein Viertel der potenziellen FN-Wähler auf seine Seite ziehen konnte. "Le Pen von Sarkozy verdaut", lautet so eine Artikelüberschrift in der KP-nahen Tageszeitung L'Humanité. Die linksliberale Libération mutmaßt auf ähnliche Weise: "Der Anführer des FN hat unter dem Rechtsruck Sarkozys gelitten". Aber auch der konservative Figaro, der die Kandidatur des früheren Innenministers unterstützt, schreibt dazu: "Einige seiner bevorzugten Themen – Nation, Identität, Ordnung – wurden von Nicolas Sarkozy übernommen. Aber auch von anderen Kandidaten, bis hin zu der sozialistischen Kandidatin."
So blieb dem FN-Generalsekretär Bruno Gollnisch am Wahlabend im französischen Fernsehen nur übrig, seine Frustration mit dem Betonen eines vermeintlichen Triumphs zu überdecken: "Unsere Themen, mit denen wir früher diabolisiert worden sind, wurden von den anderen Kandidaten übernommen. Das hat uns kurzfristig geschadet, aber markiert unsere ideologische Hegemonie." Die Enttäuschung gegenüber den anderen Politikern lasse sich erwarten, behauptete Gollnisch. Im Moment aber dürfte die Wahlniederlage vor allem den Abgang seines Parteichefs Jean-Marie Le Pen aufs Altenteil beschleunigen. Damit wird auch die Nachfolgefrage, bei der sich die "Modernisierer" um die Cheftochter Marine Le Pen und die Altrechten einander feindlich gegenüber stehen, neu entbrennen.
Da Marine Le Pen die "Beauftragte für die strategische Wahlkampfführung" ihres Vaters war, dürfte sie dabei auch einige Federn lassen müssen. Zumal sie und ihre Umgebung jene "Mäßigungsstrategie" ersonnen haben, denen nunmehr von anderer Seite vorgeworfen wird, das politische Profil verwischt und unkenntlich gemacht zu haben. So hatten Vater und Tochter Le Pen in jüngster Zeit an sechs Tagen in der Woche behauptet, sie zählten auch die Franzosen ausländischer Herkunft wie selbstverständlich mit zur nationalen Gemeinschaft. Um dann am siebten Tag doch wieder mit wüsten rassistischen Ausfällen zu provozieren.
Die entscheidende Frage wird nun sein, ob Nicolas Sarkozy einen wesentlichen Anteil der verbleibenden Wähler des FN im Hinblick auf die Stichwahl ansprechen kann und will – und ob ihm dies gelingt. Vorwahluntersuchungen sprachen von rund 80 Prozent der Wähler Le Pens, die er in der Stichwahl gewinnen könnte. Aber dabei war das Zusammenschrumpfen der Gesamtwählerschaft Le Pens noch nicht mit einkalkuliert.
Einige der Wähler des FN dürften sich für Sarkozys Auslassungen zur "nationalen Identität", die es gegenüber der Einwanderung zu behaupten gelte, und zu Law & Order begeistern. Aber andere Schichten dieser Wählerschaft, vor allem die sozial schlechter gestellten, dürften sich von Sarkozys Profil als wirtschaftsliberaler und pro-amerikanischer Rechter eher abgestoßen fühlen. Fraglich ist, wie groß dieser "harte Kern" ist, der sich nicht zu einer Stimmabgabe für den konservativen Kandidaten überreden lässt, und was Sarkozy bereit ist, den übrigen Wählern Le Pens symbolisch anzubieten. Zumal er jetzt auch unter den 18 Prozent, die den Christdemokraten François Bayrou im Zentrum gewählt haben, neue Wähler rekrutieren muss. Zwar war Bayrou in der Vergangenheit immer ein enger Verbündeter der konservativen UMP gewesen, aber unter seinen diesjährigen Wählern dürften sich auch viele genuin sozialdemokratische Wähler finden, die Royal schlicht den Wahlsieg über Sarkozy nicht zugetraut hätten. Wohin sich diese 18 Prozent "in der Mitte" verteilen werden, ist also ebenfalls noch ungewiss.
Jean-Marie Le Pen selbst wird am 1. Mai anlässlich des traditionellen rechtsextremen Aufmarschs vor der Pariser Oper verkünden, zu welchem Stimmverhalten im zweiten Durchgang er aufruft. In der Vergangenheit hat er sich dabei unterschiedlich positioniert. So rief er 1988 aus: "Keine Stimme für (François) Mitterrand!" Das ließ eine Stimmabgabe für dessen konservativen Gegenkandidaten Jacques Chirac ausdrücklich offen. Aber in der Folgezeit zürnte Le Pen über den bürgerlichen Politiker, da dieser keinen persönlichen Kontakt mit ihm akzeptierte, sondern ihn nach Le Pens Worten "als Aussätzigen behandelte". Bei der Wahl von 1995 dagegen wertete Le Pen im Vergleich mit Chiracs sozialdemokratischem Widersacher: "Chirac ist schlimmer als Jospin!"
In diesem Jahr wird es also spannend werden, ob Le Pen sich zu einem Aufruf zugunsten von Nicolas Sarkozy bewegen lässt oder nicht. Im Vorfeld hatte er mehrfach betont, etwa in einer Fernsehsendung Ende März und im Gespräch mit dem Figaro, "nun, wo Chirac von der Bühne abtritt, der mich persönlich hasste", seien "neue Beziehungen" zur bürgerlichen Rechten möglich. Zugleich fingen Berater Sarkozys in den Medien an, über ein "italienisches Szenario" zu spekulieren, unter Anlehnung an das Regierungsbündnis des bürgerlichen Rechten Silvio Berlusconi mit dem "Postfaschisten" Gianfranco Fini und der rassistischen Regionalpartei Lega Nord unter Umberto Bossi. Dies setze aber eine Fortsetzung des Modernisierungskurses unter Marine Le Pen in der Partei voraus. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Jean-Marie Le Pen aber noch nicht, wie tief er bei den Wahlen abstürzen würde. Sein Unmut könnte dadurch angestachelt werden.
Zugleich hat der nationalkonservative Rechtskatholik Philippe de Villiers - der ebenfalls als Präsidentschaftskandidat antrat, aber nur 2,4 Prozent erhielt, nachdem er sich keinen Platz zwischen Sarkozy und Le Pen zu verschaffen vermochte – bereits angekündigt, er werde keine explizite Stimmabgabe für Sarkozy in der Stichwahl abgaben. Möchte Le Pen daraufhin etwa "moderater" aussehen als der Graf de Villiers? Am 1. Mai wird man Näheres dazu erfahren.
http://www.heise.de/tp/artikel/25/25131/1.html- Hmm, die % Zahl geht daraus auch nicht hervor, müsste aber >95% sein kwt (26.4.2007 13:34)
- Quatsch ? (26.4.2007 8:39)
- So ein Quatsch (26.4.2007 8:02)
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