Chemische Garotte

Peter Mühlbauer 24.04.2007

Die in den USA bei Hinrichtungen verwendete Giftspritzenmischung kann zum Erstickungstod bei vollem Bewusstsein führen

Wissenschaftler an der University of Miami fanden unter Leitung des Mediziners Leonidas Koniaris heraus, dass die Hinrichtung mit der Giftspritze, wie sie in den USA und in China praktiziert wird, zu einem Tod durch Ersticken führen kann, den das Hinrichtungsopfer bei Bewusstsein erlebt. Die Studie erschien heute in der Fachzeitschrift PLoS Medicine und stützt sich auf Daten von zwei US-Bundesstaaten, die Informationen zu bisher durchgeführten Hinrichtungen mit der Giftspritze freigaben.

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Bild: PLoS

Der Fall Angel Diaz

In Florida hatte im Dezember die Exekution des Puertoricaners Angel Diaz großes Aufsehen erregt, weil sie 37 Minuten dauerte. Diaz bewegte sich während dieser Zeit und versuchte zu sprechen. Schließlich musste nachgespritzt werden. Gretl Plessinger, Sprecherin des Department of Corrections von Florida, schob die Dauer und die Umstände der Hinrichtung auf ein Nierenleiden von Diaz. Nach dem Vorfall stoppten die Gouverneure Jeb Bush in Florida und Arnold Schwarzenegger in Kalifornien vorläufig alle Hinrichtungen mit der Giftspritze.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts in den USA erdacht, kam diese Hinrichtungsmethode erstmals im Dritten Reich in größerem Ausmaß bei staatlich angeordneten Tötungen zum Einsatz. Die derzeit in den USA verwendete Mixtur wurde 1977 von Stanley Deutsch vorgeschlagen, einem Anästhesisten und Gerichtsmediziner aus Oklahoma. Sie besteht aus dem Barbiturat Thiopental (das als Betäubung gedacht ist, aber keinen schmerzlindernden Effekt hat), Pancuroniumbromid (das die Muskeln lähmt) und dem – vielleicht etwas unbedächtig – in Selbstmordforen empfohlenen Elektrolyt Kaliumchlorid, das den Herzschlag stoppt.

Jede dieser Substanzen sollte in der verabreichten Menge für sich genommen tödlich sein. Die Kombination soll nur dafür sorgen, dass vor dem Tod durch Herz- und Lungenstillstand eine Betäubung eintritt. Der Vorfall in Miami und andere Vorfälle ließen in jüngster Zeit jedoch Zweifel aufkommen, ob die Mischung auch tatsächlich die intendierte Wirkung entfaltet.

Aus der jetzt veröffentlichten Studie geht hervor, dass die verwendete Menge an Thiopental nicht nur nicht tödlich sein könnte, sondern auch nicht ausreichend, um einen Betäubungseffekt während der Dauer der Exekution aufrechtzuerhalten. Auch die verwendete Menge an Kaliumchlorid führt nicht verlässlich zum Herzstillstand. So kann es mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit dazu kommen, dass Hinrichtungsopfer durch die vom Pancuroniumbromid verursachte Atemlähmung bei Bewusstsein ersticken - auch wenn eine Giftspritze fachgerecht verabreicht wurde. Diese Ergebnisse widersprechen dem Bild von der Giftspritze als schmerzloser und "humaner" Exekutionsmethode.

"cruel and unusual"

Für die Hinrichtungen in den USA ist das auch von rechtlicher Bedeutung: Wird eine Exekutionsmethode als "grausam" und "ungewöhnlich" eingestuft, ist sie verfassungswidrig. In den Verdacht, genau das zu sein, geriet die Giftspritzenmethode schon vor der jetzt erschienenen Studie: Im vorigen Jahr erreichten Hinrichtungskandidaten in Missouri und in South Dakota gerichtlich die Einstellung von solchen Hinrichtungen. In Florida, Kentucky und Texas wurde dagegen anders entschieden.

Alternative Formen der Hinrichtung sind der elektrische Stuhl, das Hängen, die Enthauptung, das Erschießen, die Gaskammer und die Steinigung. Heute nicht mehr angewendet werden das Verbrennen, die Kreuzigung, das Vierteilen, das Rädern, das Pfählen, das Ertränken, das Häuten, das im mittelalterlichen China beliebte Kochen, das lebendig Begraben und die Garotte, die 1990 auch in Andorra aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25132/1.html
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