Sarkozy vs. Royal: Entscheidung im Fernsehduell
Höhepunkt des Wahlkampfs in Frankreich ist das TV-Duell heute Abend, das im Unterschied zu den amerikanischen oder deutschen Versionen ganz eigenen Regeln folgt
Heute wird es ernst für Ségolène Royal (Parti Socialiste) und Nicolas Sarkozy (Union pour un mouvement populaire). Der Weg in den Elysée-Palast führt beide am Abend in ein Fernsehstudio im Pariser Vorort Boulogne Billancourt – dort findet heute um 21 Uhr die débat télévisé statt, das Rededuell der verbliebenen Kandidaten für die Nachfolge von Jacques Chirac. Das auch face à face genannte Aufeinandertreffen birgt vermutlich die entscheidenden Momente der second tour im französischen Präsidentschaftswahlkampf, denn erstmals treffen die Protagonisten der Kampagne persönlich aufeinander. Die medial inszenierte Redeschlacht gilt daher auch in Frankreich als Höhepunkt des intensiven Schlusswahlkampfs vor dem zweiten Urnengang am 6. Mai. Und genau wie in anderen Mediendemokratien ist das TV-Duell zum Kristallisationspunkt geworden, es komprimiert Personen, Programme und Perspektiven im Rahmen eines handlichen Fernsehformats von zwei Stunden zur besten Sendezeit (heute Abend ab 21 Uhr live auf TF1 und France2, im Internet live und mit deutscher Simultanübersetzung auf www.arte.tv).
Wie wichtig diese Diskussion werden würde, zeigte sich bereits im Vorgeplänkel der vergangenen Woche: Die Ankündigung eines Fernsehgesprächs zwischen Ségolène Royal und François Bayrou eine Woche vor der Stichwahl erzürnte den "Erstrundensieger" Nicolas Sarkozy und sorgte für Aufregung in der französischen Medien- und Politiklandschaft. Im parteipolitisch aufgeladenen Gerangel um die beste Ausgangsposition für die zweite Runde der Präsidentschaftswahl verletzte das "Rededuell" zwischen Royal und dem eigentlich bereits ausgeschiedenen Bayrou aus der Sicht der Sarkozy-Kampagne den Gleichheitsgrundsatz im Wahlkampf – Royal erhalte durch die Ansetzung eines zusätzlichen Gesprächsformates mehr mediale Aufmerksamkeit und dadurch Vorteile im Wahlkampf-Endspurt. Damit war die pre-débat débat, die Debatte vor der Debatte, im vollen Gang.![]() |
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| Ségolène Royal und François Bayrou in der Fernsehdiskussion |
Sarkozys Anschuldigungen – die Rede war von "Moskauer Verhältnissen" – sind nicht ganz von der Hand zu weisen, denn tatsächlich beherrschte die Diskussion um die Ansetzung, zwischenzeitliche Absage und letztliche Durchführung der Debatte die nationale Wahlberichterstattung. Dabei war es von geringerer Bedeutung, dass das Gespräch zwischen Royal und Bayrou, der als Symbolfigur für das unentschlossene Wählerpotential der Mitte gilt, lediglich auf dem Nachrichtenkanal BFM TV im terrestrischen Digitalfernsehen (TNT) zu sehen war. Royal und Bayrou gaben hier ein Glanzstück symbolischer Politik – der Zentrist Bayrou lieferte keine formelle Wahlempfehlung für die Kandidatin der Linken, die Sozialistin Royal sendete eine deutliches Signal in Richtung eines neuen politischen Milieus zwischen den in Polarisierung erstarrten Blöcken der fünften Republik, die als Folge der Über-Präsidentschaften de Gaulle und Mitterrand bisher nur ein rechtes und ein linkes Lager kannte.
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Die débat télé steht auch deshalb im Fokus, weil die Grande Nation zwölf Jahre lang auf eine solche Debatte hat warten müssen. So lange liegt nämlich das Duell zwischen Jacques Chirac und Lionel Jospin zurück, 2002 hatte der nun scheidende Präsident sich einem face à face mit dem Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen (Front National) verweigert. Überhaupt haben seit 1974 erst fünf Personen am exklusivsten Fernsehformat der französischen Medienlandschaft teilgenommen: 1974 und 1981 trafen Valéry Giscard d’Estaing und François Mitterrand aufeinander, letzterer debattierte 1988 auch mit Jacques Chirac.
Ein Blick in die Digitalfassung der ersten Debatte aus den siebziger Jahren zeigt nicht nur eine in warme Holztöne gekleidete Studioumgebung, sondern lässt auch schnell das staatstragende Element des Formats erkennen – im Vorspann erscheinen die Namen der Protagonisten wie bei einem Kinofilm, unter dem Logo des damaligen Staatsfernsehens RTF sitzen sich Giscard und Mitterrand frontal gegenüber. Getrennt werden sie von einer riesigen Tischfläche, auf der vor allem Mitterrand im Laufe der Sendung einige Unterlagen ausbreiten wird. An einer Art "Schiedsrichtertisch" haben die Präsentatoren der Debatte Platz genommen, die Journalisten Jacqueline Baudrier und Alain Duhamel sind nicht nur perspektivisch in den Hintergrund gedrängt, sie halten sich auch vornehm zurück und geben nur selten Hinweise auf die verbleibende Zeit. Das Reden ist allein die Sache der Politik.
Dieses erste face à face war trotz des visuellen Purismus und der maximalen Reduzierung auf die beiden Redner stilbildend für sämtliche Neuauflagen der Fernsehdebatten. Stets messen sich die Kandidaten um das höchste Amt im Staat in Form der direkten rhetorischen Auseinandersetzung, das journalistische Personal sitzt zwar immer mit am Tisch, ist jedoch limitiert auf die Vorgabe und gelegentliche Überleitungen zwischen den großen Themenblöcken sowie auf seltene Nachfragen. Es besteht kein Zweifel daran, dass die beiden Kandidaten den Ton angeben, sich häufig direkt adressieren und Fragen stellen – die Politik allein bestimmt den Gang der Debatte. Die Geschichte der französischen Präsidentschaftsdebatten ist bemerkenswert gut aufbereitet durch das "Institut für die audiovisuellen Medien" (INA), das unter anderem eine DVD der großen Duelle bereit hält (Les Grands Duels,).
Die Grands Duels unterscheiden sich damit schon in der medialen Darreichungsform ganz massiv von den US-amerikanischen debates, wo bis in die 1980er Jahre das so genannte press panel-Format mit mehreren journalistischen Fragestellern und einem Moderator dominierte. Inzwischen sind solche stark journalistisch geprägten Fragerunden vom single moderator-Format sowie gelegentlichen townhall-Debatten mit fragenden Studiobürgern abgelöst worden. Auch in Deutschland haben die Moderatoren einen wesentlich stärkeren Einfluss auf die Duell-Gestaltung als in Frankreich, wo es undenkbar wäre, dass sogar doppelt so viele Journalisten an der Debatte teilnehmen wie Politiker – so geschehen beim letzten TV-Duell zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel, die sich nicht zuletzt deswegen nur selten direkt mit ihrem Gegenüber zu unterhalten schienen.
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Im Laufe der Jahre ist der mediale Inszenierungszwang jedoch auch an den Grands Débats nicht spurlos vorübergegangen. Einen ersten Eindruck davon vermittelt schon das Making of der Studioumgebung. Das neue Debattenstudio ist weitaus moderner und raumschiffartiger geworden, der Hintergrund wird von einer hellen kreisförmigen Dekoration umspannt, die jedoch nicht weniger künstlich wirkt als die Leere der alten Studioflächen. Die traditionelle Sitzordnung mit den Kandidaten am linken und rechten Bildschirmrand bleibt selbstverständlich bestehen, doch sind die Moderatoren vom Katzentisch mit an die inzwischen quadratische Diskussionsfläche aufgerückt. Die insgesamt 17 Kameras können das Debattengeschehen vollständig umkreisen und sind nicht mehr auf Schnitt und Gegenschnitt oder die starre Totale festgelegt – das Gespräch soll so auch eine visuelle Dynamik erhalten.
Zwölf Jahre sind schließlich eine lange Zeit und die Fernsehverantwortlichen trauen den Sehgewohnheiten der beschleunigten Zuschaueraugen wohl nicht mehr. Eine weitere Modernisierung ist die Einblendung der Redezeiten unterhalb der Tischfläche – ganz ähnlich den "Zeitkonten", die als deutsche Erfindung gelten könnten. Mit ihrem halboffenen Redeformat liegt die französische débat téle damit zwischen den auf schnelle Frage-Antwort-Folgen ausgerichteten Debatten amerikanischer Prägung und den moderationslastigen, überregulierten deutschen Duellen.
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| Sarkozy im Palais Omnisport in Paris-Bercy |
Es gehört nicht viel dazu, der Sendung traumhafte Einschaltquoten zu prognostizieren – schon der Abend des ersten Wahlganges hatte mehr als 20 Millionen Franzosen vor den Fernseher gelockt, die gestiegene Intensität der second tour zeigte sich nicht nur in Royals Avancen gegenüber Bayrou oder der scharfen Verurteilung dieser medialen Verschwörung durch Sarkozy.
Ins Bild fügt sich auch dessen monumentaler Show-Auftritt im Palais Omnisport in Paris-Bercy vom vergangenen Sonntag. Gegen die auf den Protagonisten zugeschnittene "immense Versammlung" (O-Ton sarkozy.fr) wirkten selbst die Krönungsmessen US-amerikanischer Parteitage wie rot-weiß-blaue Kindergeburtstage. Mit ca. 20.000 Zuschauern im riesigen Mehrzweckbau und nochmals mehreren Tausend Menschen vor der Halle hat die Sarkozy-Kampagne eher eine Art "stehende Demonstration" organisiert als eine traditionelle Wahlkampfkundgebung. Ähnlich wie beim "Duell" Royal/Bayrou stand auch hier die Erzeugung einer "visuellen Vignette" im Vordergrund, die dazu geeignete sein soll, den Stichwahlkampf zu prägen.
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Um die mediale Wucht der Sarkozy-Kundgebung etwas einzudämmen, scharte Ségolène Royal am gestrigen 1. Mai ihre Anhänger zu einem Konzert im Stade Charléty um sich. Einem geschichtsträchtigen Ort – mit dem Einzug der 2. Panzerdivision begann hier im August 1944 die Befreiung von Paris.
Solche Prägeversuche der Kandidaten sind gewiss wichtig, aber sie werden von den audiovisuellen Eindrücken der heutigen Debatte überlagert. Sicher, es gibt auch noch die klassischen Wahlkampfthemen, doch diese "issues" sind inzwischen bekannt, wurden bereits vor dem ersten Wahlgang breit präsentiert und erfahren nun nur noch schwache Präzisierungen – abzulesen ist dies auch an den digitalen Kampagnenzentralen, die nun auf eine Art Unterstützungsmodus zum Fernsehwahlkampf umschalten. War die netcampagne in den letzten Monaten ein Motor moderner Kampagnenkommunikation, so werden die gewiss innovativen und bemerkenswerten Methoden moderner Kampagnenführung nun durch das Fernsehduell in den Schatten gestellt.
Nationale Aufmerksamkeit und damit der Zugang zu einer nationalen und möglicherweise wahlentscheidenden Öffentlichkeit ermöglicht auch im Jahr 2007 nur das Fernsehen. Und so ergreift die zweistündige Diskussion der Kandidaten die Hoheit im Diskurs, vermutlich kaum gestört durch die beiden Journalisten Patrick Poivre d´Arvor (TF1) und Arlette Chabot (France2).
Organisiert wird das heutige Duell zwischen Sarkozy und Royal gemeinsam durch den kommerziellen Marktführer TF1 und den öffentlich-rechtlichen Sender France2. Die Regeln der Sendung wurden in der vergangenen Woche zwischen Vertretern der beteiligten Sendeanstalten sowie Beratern der beiden Kandidaten fest gelegt, ein objektives Verfahren sollte dabei der Conseil supérieur de l´audiovisuel (etwa: "Oberster Rat für die audiovisuellen Medien") garantieren. Diese komplexe Behördenstruktur übernimmt zahlreiche Aufgaben an den Schnittstellen zwischen technischer Regulierung und inhaltlicher Senderaufsicht. Einerseits zählen die Vergabe von Sendefrequenzen, die Garantie eines "Medienpluralismus", die Überwachung von Richtlinien zum Kinder- und Jugendmedienschutz, aber auch die Organisation des Medienwahlkampfs wie etwa Verteilung der Sendezeiten für Werbespots der Kandidaten zu den Aufgaben des CSA.
An dieser Stelle liegt ein weiterer Besonderheit der französischen TV-Debatten – als historisches Überbleibsel aus den Zeiten des Staatsfernsehens der 1970er und 80er Jahre liegt die "Debattenhoheit" noch immer bei einer offiziellen Einrichtung. In den USA hat sich im Laufe der Jahrzehnte die Commission on Presidential Debates diesen Rang erst erarbeiten müssen, in Deutschland wird seit 2002 konsequent auf eine derartige Regulierungsinstanz verzichtet. Medien und Politik möchten hierzulande essentielle Fragen zum Zuschnitt der Duelle lieber selbst klären, als ein unabhängiges Gremium damit beauftragt zu wissen. Selbstverständlich sind auch in Frankreich die Kampagnenteams an den Vorbereitungen beteiligt, lassen sich die Kandidaten die persönliche Begutachtung der Studioeinrichtung im Vorfeld nicht nehmen und es tobt ein Kampf der Vorzeigejournalisten um einen Platz am Debattentisch. Dennoch sichert die Stellung des Conseil supérieur den staatstragenden Charakter der Veranstaltung und spannt einen demokratischen Rahmen um die débat télévisé, die in der französischen Variante als echter Ausdruck einer modernen Mediendemokratie funktioniert.
Dr. Christoph Bieber ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Medien und Interaktivität der Justus-Liebig-Universität Gießen. Den französischen Wahlkampf begleitet er auch in seinem Weblog.
- Dann sollte "die große Mehrheit der Abgeordneten" auch entsprechend abstimmen kt (3.5.2007 11:11)
- Überwachung pur? (3.5.2007 9:37)
- phoenix (3.5.2007 9:12)
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