"Ich werde eher skeptischer"

13.05.2007

Die GWUP feiert 20 Jahre skeptisches Denken. Interview mit Gründungsmitglied Amardeo Sarma

Von Bert Hellingers "systemischer Familientherapie" über "Psycho-Physiognomik" bis zu NLP reicht der aktuelle Markt der Psychotechniken. Ihnen ist die Jahreskonferenz zum 20-jährigen Jubiläum der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) vom 17.-19. Mai gewidmet. Telepolis sprach mit Amardeo Sarma, Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, Gründungsmitglied und Geschäftsführer der GWUP über Wahrsager, Heiler, Skeptiker und die Tradition der Aufklärung.

Was ist dagegen einzuwenden, dass Manager, um sich das Leben leichter zu machen, Psychotechniken einsetzen?

Amardeo Sarma: Gerade, wenn man Verantwortung trägt, muss man objektiven Kriterien genügen. Wer bei etwa bei Personalfragen wie der Bewerberauswahl nach astrologischen Gesichtspunkten vorgeht, richtet ja wirklich Schaden an. Er wird seiner Verantwortung nicht gerecht.

Ist es eine gute Idee, mit dem Rechtsanwalt gegen einen Wahrsager vorzugehen, wenn dessen Zauber nicht funktioniert?

Amardeo Sarma: Anders als bei klassischen Betrugsfällen ist die Gesetzeslage hier nicht hilfreich. Wir Skeptiker setzen uns für bessere Gesetze im Sinne des Verbraucherschutzes ein.

Sie sind selbst Elektroingenieur. Für wie gefährlich halten Sie die sogenannte Handystrahlung?

Amardeo Sarma: Nun, die thermische Wirkung ist belegt. Handys müssen entsprechend gebaut sein, dass sie nicht zur Erwärmung führen. Eine andere, nichtthermische Wirkung ist nicht nachgewiesen: Wir haben künstlich erzeugte Radiowellen, Rundfunk, seit fast hundert Jahren, und in der Zeit ist die Lebenserwartung stets gestiegen. Die Elektrosmog-Debatte halte ich für Angstmache.

Homöopathie ist Humbug und Pseudowissenschaft

Was haben Sie gegen Leute, die von Homöopathie überzeugt sind?

Amardeo Sarma: Wir haben nichts gegen die Leute, die daran glauben, und auch nichts gegen das, was viele für Homöopathie halten, nämlich naturnahe Heilmittel, was sie aber nicht ist. Unsere Kritik richtet sich dagegen, dass speziell mit der Homöopathie ein überholtes System angeboten wird. Dahinter steckt von der Politik willfährig gedeckte Geschäftemacherei.

Ist Homöopathie eine Parawissenschaft?

Amardeo Sarma: Noch klarer: ein Beispiel für Humbug und Pseudowissenschaft. Ihre Vertreter erheben einen wissenschaftlichen Anspruch, den sie nicht einlösen. Die Wirksamkeit der Homöopathie is nicht nachgewiesen, und sie steht im Widerspruch zu dem, was wir in den letzten 200 Jahren in Medizin, Biologie, Chemie und Physik hinzugelernt haben.

Eine Parawissenschaft - was ist das überhaupt?

Amardeo Sarma: Ein Gedankengebäude, das einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, wobei noch nicht klar ist, ob es diesen Ansprüchen genügt. In der Regel sind Zweifel anzumelden.

Gibt es in der Gesellschaft heute mehr esoterische Strömungen als vor 20 Jahren?

Amardeo Sarma: Bezüglich der Darstellung durch die Medien ja. Allerdings würde ich das Problem an sich als nicht gravierender ansehen als vor 20 Jahren. Die Gesellschaft hat sich in diesem Punkt nicht stark geändert, auch wenn andere Themen im Mittelpunkt stehen. Heute werden die Skeptiker eher besser wahrgenommen. Und das ist ja das, was wir wollen: mit unseren Informationen zum kritischen Denken anregen, damit sich die Menschen eine eigene Meinung bilden können.

Ist das Internet hilfreich bei der Aufklärung? Oder eher ein Hort der Gegenaufklärung?

Amardeo Sarma: Grundsätzlich sehe ich Information als positiv an. Natürlich gibt es im Internet wie in allen Medien auch viel Schrott. Für uns ist das Online-Medium positiv: Die meisten Leute finden uns übers Internet.

Die Annahme, dass der Osten spirituell und der Westen materialistisch sei, ist falsch

Die GWUP versteht sich als Teil der internationalen Skeptiker-Bewegung. Gibt es ein Vorbild für Ihre Arbeit?

Amardeo Sarma: Im deutschsprachigen Raum hat Hoimar von Dithfurth für mich Vorbildfunktion, international Carl Sagan. Aufklärung gibt es seit der Antike, bis hin zu Bertrand Russel. Sich gegen Dogmatismus zu wenden, hat aber nicht nur europäische Wurzeln. Im Konfuzianismus des alten China kann man Vergleichbares finden, auch in der indischen Tradition der letzten zweieinhalbtausend Jahre.

Verfechter der Esoterik berufen sich ja oft auf östliche Traditionen...

Amardeo Sarma: Das ist ein falscher Gegensatz, die Annahme, der Osten sei spirituell, der Westen materialistisch. Es gibt im Westen ebenso spirituelle Traditionen wie im Osten kritische, aufklärerische. Ein Beispiel dafür ist der materialistische Ansatz des Carvaka aus der indischen Philosophie seit etwa 600 vor Beginn unserer Zeitrechnung.

Ein Vorwurf an die GWUP lautet, die Skeptiker seien selbst fundamentalistische Wissenschaftsgläubige, die neben sich keine andere Meinung gelten lassen.

Amardeo Sarma: Ein Vorzug der Wissenschaft ist, dass man bereit ist, seine Meinung zu ändern. Es gehört zum wissenschaftlichen Prozess, Dinge erst dann als wahr anzunehmen, wenn die Beweislage entsprechend gut ist. Und damit sind bei ihren Themen die Vertreter der Parawissenschaften am Zug, nicht wir. Im übrigen wissen gerade Skeptiker aus leidvoller Erfahrung die Meinungsfreiheit besonders zu schätzen.

Haben Sie selbst schon einmal Ihre Meinung revidiert?

Amardeo Sarma: Bei mir ging es meistens in die umgekehrte Richtung, ich werde eher skeptischer. Doch, ein Beispiel ist Akupunktur. Zwar ist die theoretische Grundlage mit den "Meridianen" wissenschaftlich nicht haltbar, aber das Stechen selbst scheint bei der Schmerztherapie eine nachweisbare Wirksamkeit zu haben. Solche Studien verfolge ich mit Spannung. Vielleicht muss ich meine Meinung revidieren.

Was war Ihr größter Erfolg in den letzten 20 Jahren?

Amardeo Sarma: Wir haben einige große Wünschelrutentests gemacht. Seit mehreren Jahren überprüfen wir die Voraussagen bekannter Astrologen in den Medien. Unser größter Erfolg ist aber zweifellos, dass es uns noch gibt: die Zeitschrift "Skeptiker", das Zentrum für kritisches Denken als Anlaufstelle, die GWUP als Organisation.

1987, im Gründungsjahr der GWUP, gab es noch die alte Bundesrepublik. Hat sich die Situation durch die Wiedervereinigung mit der DDR geändert?

Amardeo Sarma: Nicht sehr. Wir hatten zu Wissenschaftlern der DDR Kontakte. Und es gab kurzzeitig eine GWUP der DDR. Danach haben sich beide vereinigt. Meine erste Erfahrung bei einem Fernsehauftritt in der DDR: Kurz nach dem Mauerfall waren die Menschen im Osten dem Übernatürlichen gegenüber sehr viel kritischer als im Westen. Der Unterschied hat sich allerdings dank intensiver Werbemaßnahmen der Esoterik-Szene inzwischen stark abgeschwächt.

Warum sollte man auf die Tagung vom 17. bis 19. Mai nach Darmstadt kommen?

Amardeo Sarma: Weil man andere nette kritische Menschen trifft, mit denen man sich austauschen kann. Und weil man Information zu Wahrsagern, Heilern, Verschwörungstheorien und anderen interessanten Themen bekommt.

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