DoS-Angriffe auf Internetseiten der estnischen Regierung

05.05.2007

Die estnische Regierung hat angeblich Beweise, dass die Angriffe vom Kreml ausgehen, auch kritische Online-Medien in Russland klagen über zunehmende Angriffe

Die Medien stehen weitgehend direkt oder indirekt unter der Kontrolle der Regierung. Sie muss konkurrierende Parteien auch kaum fürchten, weswegen schon einmal eine weitere regierungsnahe Partei geschaffen wurde, um die Politik ein weniger bunter zu machen. Die Opposition ist schwach und wird, wenn sie Proteste in Moskau oder St. Petersburg organisiert, mit Härte mürbe gemacht. In der derart vom russischen Präsidenten "gelenkten Demokratie" finden allerdings eher beförderte aggressive Protestaktionen wie vor kurzem gegen die estnische Botschaft in Moskau wegen der Verlegung des russischen Kriegerdenkmals statt, aber auch ungehinderte DoS-Angriffe auf kritische Medien.

Die regierungsnahen russischen Jugendgruppen wie Nashi (symbolisch .su, nicht .ru!), die die estnische Botschaft seit Tagen belagert haben und sich dadurch näher gekommen sind, kündeten das Ende der Blockade an, nachdem die estnische Botschafterin das Land verlassen hat. Sie sei, so heißt es, "geflohen". Man habe sie an den Flugplatz begleitet. Angekündigt wurden aber weitere Proteste gegen Estland, gefordert wird im Gegenzug eine Verlegung der estnischen Botschaft aus Moskau in die Umgebung der russischen Hauptstadt. Die estnische Botschaft teilte hingegen mit, die Botschafterin sei nicht wegen der Proteste verreist, sondern habe einen Termin wahrnehmen müssen. Die Botschaft werde jetzt wieder eröffnet.

Die estnische Regierung hat berichtet, dass viele Websites der Regierung seit dem 27. April angegriffen und teilweise für den Zugriff aus dem Ausland lahmgelegt worden seien. Das habe beispielsweise die Informationsseite der Regierung betroffen. Die DoS-Angriffe seien von Computern im Ausland ausgegangen, hieß es zunächst noch allgemein.

Der Leiter von CERT Estonia, Hillar Aarelaid, bezeichnete die Angriffe als "bösartig". Man habe zeitweise den Zugriff auf Websites einschränken müssen, um die Angriffe abzuwehren. Auch nannte er nicht Russland beim Namen, sondern sagte lediglich, dass in "ausländischen Foren" Agitation betrieben und Tipps gegeben würden, wie man "helfen" könne. Die estnische Botschafterin in Moskau, Marina Kaljurand, behauptete hingegen, dass einige der Angriffe auf russische Server zurückgeführt werden konnten, die mit der russischen Regierung zu tun hätten. Das erklärte schließlich auch offiziell der estnische Außenminister und bezeichnete die Angriffe als Form des Cyberterrorismus:

Durch die IP-Adressen ließ sich feststellen, dass die cyberterroristischen Angriffe gegen Internetseiten von estnischen Regierungsbehörden und des Büros des Präsidenten von bestimmten Computern und Personen in russischen Regierungsbehörden, u.a. der Verwaltung des Präsidenten der Russischen Föderation, ausgegangen sind.

Die russische Regierung wies die Vorwürfe zurück und erklärte, dass die Angreifer womöglich gefälschte IP-Adressen des Kreml benutzt hätten, um die Regierung zu kompromittieren.

Neben Websites der Regierung, die teilweise noch immer sehr langsam oder nicht zugänglich sind, ist derzeit etwa auch das Online-Portal der größten estnischen Zeitung Postimees blockiert. Bereits am Mittwoch wurde angeblich eine Flut an Spams an die Online-Ausgabe geschickt. In den Kommentaren wurde der Rücktritt des estnischen Regierungschefs gefordert.

Angriffe auf kritische russische Online-Medien

Angriffe aber gab es auch auf russische Medien, die noch eine gewisse Unabhängigkeit von der russischen Regierung besitzen. So wurden die Websites der Zeitung Kommersant und des Radiosenders Echo Moskaus am Donnerstag zeitweise lahm gelegt.

Vermutet wird bei Kommersant, dass der Angriff mit der Veröffentlichung von Ausschnitten des Verhörs von Boris Beresowski in London durch russische Ermittler im Fall Litwinenko zu tun haben könnte. Der im britischen Exil lebende Milliardär Beresowski, der vor kurzem davon sprach, die russische Regierung stürzen zu wollen, war Miteigentümer von Kommersant. Er hatte aber seine Anteile veräußert, schließlich kaufte die Zeitung vor kurzem der Milliardär Usmanow auf, der Generaldirektor bei der Gasprom-Invest-Holding ist. Man vermutet, dass es sich um eine feindliche Übernahme in Absprache mit dem Kreml und Gasprom handelt. Auch der Radiosender Echo Moskaus gehört zu Gasprom. So können die Medien über kapitalistische Machenschaften staatlich kontrolliert werden.

Schon zuvor waren am 1. Mai die Websites einiger russischer Oppositionsgruppen zeitweise blockiert worden. Betroffen davon waren etwa die Websites des Anderen Russlands oder der Partei der Nationalbolschewisten. Der Pressesprecher der Nationalbolschewisten vermutet den russischen Geheimdienst FSB hinter den Angriffen: "Eine DDoS-Attacke von solchem Ausmaß kostet nicht weniger als 100.000 Dollar. Unsere politischen Gegner verfügen nicht über solche Summen, daher können wir niemand anderen verdächtigen als den Geheimdienst FSB."

Juri Fedutinow, der Geschäftsführer von "Echo Moskaus", sieht Profis hinter den anhaltenden und "sorgfältig vorbereiteten" DoS-Angriffen. Es gehe den Angreifern nicht darum, in den Server einzudringen, sondern sie würden den Zugang zur Website verhindern wollen. von Profis. Allerdings scheint er nicht den Verdacht äußern zu wollen, dass die Regierung oder der Geheimdienst hinter den Angriffen stehen. "Wir werden uns an die Behörden wenden und um eine rechtliche Einschätzung der Vorfälle bitten", erklärte er zumindest.

Ob die DoS-Angriffe tatsächlich von der Regierung bzw. von staatlichen Behörden ausgehen, wie manche vermuten und wofür die estnische Regierung Beweise in der Hand haben will, oder ob sie nur indirekt gefördert werden, wie man auch die Pro-Kreml-Jugendbewegungen unterstützt, duldet und wahrscheinlich auch lenkt, ist bislang nicht klar. Die sich häufenden Angriffe auf Online-Medien, die zur Zeit noch ein wenig freier als Printmedien und Fernsehsender sind, könnten darauf hinweisen, dass die russische Regierung oder Teile von ihr nun auch diese stärker kontrollieren wollen. Russland-Aktuell vermutet, dass gerade in Zeiten eines im Ausland verfolgten Konflikts wie dem mit Estland Online-Medien unter Beschuss geraten könnten, weil hier ausländische Medien nach Informationen suchen.

Dass der Griff auf die Medien noch stärker wird, lässt sich auch aus anderen Entwicklungen schließen. So hat gerade die neu eingesetzte Leitung des größten russischen Rundfunksender RNS verkündet, dass in Zukunft die Hälfte der Nachrichten positiv sein müssen (Die Hälfte der Nachrichten muss "positiv" sein). Mit einem Dekret hat der russische Präsident Putin die Einrichtung einer für alle Medien, auch für das Internet, zuständigen Kontrollbehörde angeordnet (Putin schafft Kontrollbehörde für alle Medien).

Im jährlichen Bericht über die Pressefreiheit der US-NGO Freedom House wird Russland – eines der für Journalisten gefährlichsten Länder - bescheinigt, die Medien auch 2006 weiter gegängelt und Journalisten bedroht zu haben. Die Regierung, so heißt es im Bericht, versuche, nachdem die Massenmedien weitgehend kontrolliert werden können, nun auch das Internet in den Griff zu bekommen. Noch sind erst 16 Prozent der Menschen online, weswegen man bislang die Online-Medien wenig beachtet hat. Aber die Internetbenutzung nehme zu, und letztes Jahr habe man bereits mehrere Online-Pulikationen wie Pravda.ru, Bankfax.ru oder Gazeta.ru beschuldigt, extremistische Ideen zu verbreiten. Für Reporter ohne Grenzen liegt Russland, was die Pressefreiheit angeht, mittlerweile auf dem 147. Platz von insgesamt 168.

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