Seid weniger fruchtbar und verringert euch

07.05.2007

Eine britische Organisation propagiert die angeblich wirksamste Methode zur Bekämpfung der Klimaerwärmung: weniger Kinder und eine schrumpfende Bevölkerung

Der Klimaschutz wird zu einer moralischen Angelegenheit, wie dies schon einmal vor 30 Jahren der Fall gewesen ist, als der Umweltschutz entdeckt wurde und die Grünen ihren politischen Aufstieg begannen. Im Augenblick scheint die Rettung der Erde, versehen mit einem apokalyptischen Klang, neben moralischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Positionen auch zu einem modischen Trend zu werden. Schließlich geht es bei der energetischen Umorientierung nicht um einen Weg zurück, sondern ähnlich wie beim Internet um die Erosion der alten Konzernriesen und die Etablierung neuer Akteure durch technische Innovationen. Dabei gibt es durchaus neue Konflikte. Während auf der einen Seite vor einem Bevölkerungsrückgang in den reichen Industriestaaten gewarnt und eine größere Fruchtbarkeit gefordert wird, nutzen Überbevölkerungskritiker die Stimmung, um zum Klimaschutz für Bevölkerungsrückgang und weniger Kinder zu werben.

Große Familien müssten, so verkündet es die 1991 gegründete britische Organisation Optimum Population Trust (OPT), als Umwelt- oder Klimasünder betrachtet werden. Fruchtbare Paare seien aus der Klima-Perspektive vergleichbar mit Langstreckenflügen oder dicken, benzinfressenden Autos. Nach OPT – da schon ein wenig nach opt out klingt – würden Familien, die sich anstatt für drei doch nur für zwei Kinder entschließen, ihre Familienemissionen von Kohlendioxid um 620 Langstreckenflüge zwischen London und New York reduzieren.

Das wäre doch ein Beitrag zum Klimaschutz für die späteren Generationen, den John Guillebaud, der Vizevorsitzende von OPT und ein emeritierter Professor für Familienplanung, propagiert:

Verzichtet man auf ein Kind, dann ist die Folge für den ganzen Planeten um eine Größenordnung mehr, als alle anderen Dinge, die wir tun können, beispielsweise die Lichter auszuschalten. Ein zusätzliches Kind ist das Äquivalent vieler Flüge um den Planeten. Das Beste, was jeder in Großbritannien al Beitrag zur Sicherung der Zukunft der Erde leisten kann, wäre, ein Kind weniger zu zeugen.

Zwei Kinder maximal dürften es sein, meint Guillebaud. Der Papst und manche, die vor dem Aussterben der eigenen Nation warnen und sich für Familienförderung einsetzen, werden es nicht gerne hören, wenn derart Umweltschutz, Sexualität und Familienplanung zusammen gebracht werden. Wer Gutes tun will, so die neue grüne These, mehrt sich nicht nach dem biblischen Auftrag, sondern hält sich zurück, übt Empfängnisverhütung oder fördert eine Ein- oder Zwei-Kinder-Familienpolitik chinesischer Art. Singles und Homosexuelle könnten derart zur Klimaavantgarde werden. Es sei ein Irrtum, so die OPT, das Kinderkriegen als Privatsache zu verstehen.

Die wirksamste persönliche Strategie zur Begegnung des Klimawandels ist die Begrenzung der Kinderzahl. Die wirksamste nationale und globale Strategiezur Begegnung des Klimawandels ist die Begrenzung der Bevölkerungsgröße.

Was selbst alle technischen Innovationen für bessere Energieeffizienz oder der Umstieg auf erneuerbare Energien nicht leisten können, könnte ein dramatischer Bevölkerungsrückgang nach Ansicht von OPT bewerkstelligen. Jeder Mensch ist eine enorme CO2-Quelle. Pro Kopf gibt jeder Brite jährlich 9,3 Tonnen Kohlendioxid ab. Würde man die "sozialen Kosten" einer Tonne Kohlendioxisemission auf 62 Euro veranschlagen, so würden sich die Klimakosten eines jeden Menschen in Großbritannien auf 44.000 Euro belaufen. Wenn die Bevölkerung Großbritanniens, das mit 1,7 eine höhere Fruchtbarkeitsrate als der EU-Durchchnitt von 1,5 aufweist, bis 2074 nach Schätzungen von jetzt 60 Millionen auf 70 Millionen anwachsen sollte, würde das Klimakosten von 440 Milliarden Euro bedeuten. Geht das Bevölkerungswachstum ungehindert von jetzt 6,2 auf 9,7 Milliarden bis 2050 weiter, so würden alle Energiesparmaßnahmen, die jetzt geplant und gefordert werden, durch diesen aufgezehrt werden, weil sich die Erde bis 2050 dann um zwei Vereinigte Staaten oder Chinas im Hinblick auf die Treibhausemissionen vergrößern würde, geht man wie IPCC von einer mittleren bis niedrigen durchschnittlichen Pro-Kopf-Emission von 4,4 Tonnen aus.

Ein Kondom für 50 Cent, das die 44.000 Euro Kosten mit einer einzigen Benutzung vermeidet, stellt eine "spektakuläre" potenzielle Kapitalrendite dar.

A 35-pence condom, which could avert that £30,000 cost from a single use, thus represents a "spectacular" potential return on investment

Bei den Zahlenspielen geht natürlich ein, dass OPT sowieso für eine radikale Verminderung der nationalen und globalen Bevölkerungen eintritt, weil die weiterhin wachsende Weltbevölkerung schnell die natürlichen Lebensgrundlagen untergrabe. Die reichen Länder hätten zudem eine größere Verpflichtung, ihren Nachwuchs zu reduzieren, da der Pro-Kopf-Ausstoß hier auch wesentlich höher als in den Entwicklungsländern ist. Großbritannien sollte so im nächsten Jahrhundert möglichst nur eine ökologisch anhaltende Bevölkerung von 20-30 Millionen Menschen haben. Bis 2050 sollte die Bevölkerung durch Familienplanung und, man hat es erwarten können, durch entsprechende Kontrolle der Einwanderung, schon einmal auf 55 Millionen sinken. Großbritannien, so eine Petition der Organisation, könne durch eine nationale Bevölkerungspolitik, die zunächst die Bevölkerung auf das für die Umwelt erträgliche Maß senkt und dann für Nullwachstum sorgt, weltweit zum Vorbild werden.

Da wären dann manche ostdeutschen Regionen mit ihren schrumpfenden Städten keineswegs besorgniserregend, sondern Laboratorien der Zukunft mit den optimierten Bevölkerungsgrößen, für die sich OPT einsetzt.

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