Die Moral der US-Soldaten im irakischen Feindesland

08.05.2007

Nach einem Pentagon-Bericht sagen mehr als die Hälfte der befragten US-Soldaten, dass irakische Zivilisten nicht mit Respekt behandelt werden müssen

Nach einer im letzten Jahr durchgeführten, im November 2006 beendeten und erst jetzt veröffentlichten Studie über die psychische Gesundheit der US-Soldaten im Irak scheinen diese nicht oder nicht mehr geeignet zu sein, als neutrale Macht aufzutreten, wenn sie dies jemals waren. Viele Soldaten haben bereits irakische Zivilisten angegriffen und deren Eigentum grundlos beschädigt. Erschreckend viele sagen auch, dass sie nicht der Meinung seien, man müsse irakische Zivilisten mit Würde und Respekt behandeln. Diese Einstellung, die auch in Zahlen dokumentiert wird (Erschossen an einer Straßensperre), scheint nicht nur eine Folge der Erfahrungen im Irak zu sein, aber sie könnte zur Vertiefung des Konflikts und zur breiten Ablehnung der US-Soldaten beigetragen haben, die Umfragen zeigen.

Zwar werden solche Berichte über die psychische Gesundheit seit 2003 jährlich gemacht, 2006 wurden aber erstmals die Soldaten, die Kampfeinsätze hinter sich hatten, auch nach moralischen Einstellungen befragt. Dazu erhielten die Soldaten Fragebögen, die sie anonym ausfüllten, und es wurden Interviews durchgeführt. Die Einbeziehung der moralischen Einstellungen hatte letztes Jahr General George Casey, der damalige Oberkommandierende der Koalitionstruppen im Irak, angeordnet. Neben 1.320 Soldaten (86% Männer, 49% 20-24 Jahre) wurden erstmals auch 447 Marines (93% Männer, 66% 20-24 Jahre) einbezogen.

Nur 47 Prozent der Soldaten, bei der "Elite-Einheit" der Marines gar nur 38 Prozent, waren der Ansicht, dass irakische Zivilisten mit "Würde und Respekt" behandelt werden müssen. Allerdings war die Kampfmoral der Soldaten geringer als die der Marines, sie hatten auch mehr psychische Probleme, weil sie länger im Einsatz waren. Das weist bereits darauf hin, dass die Einstellung zu den Zivilisten nicht ausschließlich durch die Erfahrungen im Irak geprägt wurde, sondern auch von der Ausbildung abhängt, die die Soldaten auf herkömmliche Kampfeinsätze, aber nicht auf asymmetrische Konflikte und Stabilitäts- und Sicherheitsoperationen vorbereitet. Die Rücksichtslosigkeit, mit der "Kollateralschäden" in Kauf genommen werden, oder das schnelle Feuern, wenn nur geringer Verdacht besteht, hat sowohl in Afghanistan als auch im Irak immer wieder zu Kritik geführt und zur Ablehnung vornehmlich der US-Truppen beigetragen.

Bush hatte schon im Wahlkampf im Jahr 2000 gegen die Haltung der Clinton-Regierung und des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Al Gore zur Aufgabe des Militärs polemisiert. Die Aufgabe des Militärs sah er nicht im Sichern des Friedens oder Stabilität, um beispielsweise in einem failed state ein demokratisches System zu fördern, sondern nur im Kämpfen:

Er glaubt an Nation Building. Ich denke, die Rolle des Militärs besteht im Kämpfen und im Gewinnen von Kriegen und daher primär darin zu verhindern, dass Kriege überhaupt entstehen.

Mit einer symbolischer Geste, die die Einstellung der Bush-Regierung deutlich macht, wurde noch 2002 beschlossen, als man bereits in Afghanistan war und den Irak-Krieg vorbereitete, das 1993 gegründete Institute for Peacekeeping der U.S.Army zu schließen. Ende des Jahres 2003 und mit dem Beginn der Einsicht, das der rein militärische Teil des "globalen Kriegs gegen den Terror" der einfachere war, wurde es unter dem neuen Namen Peacekeeping and Stability Operations Institute wieder geöffnet.

Nach dem Bericht besteht zweifelsohne ein Zusammenhang zwischen der Länge und Häufigkeit der Einsätze im Irak und einer steigenden Aggressivität, da die Soldaten ständig bei ihren "missions outside the wire" damit rechnen müssen, in einen Hinterhalt zu geraten und jeder Zivilist sich als Aufständischer oder Terrorist entpuppen könnte, aber auch weil viele erlebt haben, dass Kollegen getötet oder verletzt wurden. Ein Drittel der Soldaten gab an, dass die Einsatzregeln sie hindern würden, auf Angriffe entsprechend zu reagieren. So hätten sie bis Oktober 2006 nicht zurückschießen dürfen, wenn auf ihre Fahrzeuge Molotow-Cocktails oder Betonbrocken von Brücken oder Fenstern geworfen wurden. Allerdings geben nur 6 Prozent der Soldaten (13% der Marines) an, unter schwerem Stress oder emotionale, familiäre oder Alkoholprobleme zu haben. Ebenso viele sagen, sie wären deswegen an Hilfe interessiert. Allerdings sagen weniger Marines (5 bzw. 4%) als Soldaten (9 bzw. 9 %), sie würden unter Angst bzw. Depressionen leiden. 17 Prozent sehen sich akutem Stress ausgesetzt, 20 Prozent haben irgendwelche psychischen Probleme. Männer und Frauen unterschieden sich hier kaum. Viele sagen das aber nicht oder suchen nicht nach Hilfe, weil man sie dann als Schwächlinge sehen würde.

Allerdings befand sich die überwiegende Zahl der Soldaten und der Marines auf ihrem ersten Einsatz im Irak. Daher ist schon beachtlich, wenn 10 Prozent einräumen, sie hätten ohne Anlass einen Zivilisten geschlagen (7% Prozent der Marines, 4% der Soldaten) oder dessen Eigentum zerstört (13% Prozent der Marines, 9% der Soldaten). Immer wieder zeigt sich, dass die Marines aggressiver sind, weil sie das so gelernt haben. Zivilisten dienen als Blitzableiter für die nicht nur auf den Straßen, sondern auch durch das Leben im Camp mit der Enge, der Langeweile, ungerechter Behandlung durch Vorgesetzte, Trennung von der Familie etc. erlittene Angst, Wut und Frustration. 17 Prozent sind schließlich gleich der Meinung, dass alle Zivilisten als Aufständische behandelt werden müssten. Über 40 Prozent sind für Folter, wenn damit das Leben eines Soldaten gerettet werden könnte, aber 39 Prozent der Marines und 36 Prozent der Soldaten auch zu dem Zweck, um damit Informationen über Aufständische zu erhalten.

Angeblich würden 40 Prozent der Marines und 55 Prozent ein Mitglied der eigenen Einheit melden, wenn dieser einen unschuldigen Zivilisten verletzt oder getötet hat. Bei Misshandlungen oder Eigentumsbeschädigungen würde das nur noch ein Drittel der Marines und 47 Prozent der Soldaten machen. Man kann also davon ausgehen, dass die meisten Vorfälle, wenn es nicht notwendig erscheint, nicht oder falsch berichtet werden. Ein Drittel erklärte, sie hätten ethische Probleme im Einsatz erfahren, für die sie keine Lösung gehabt haben.

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