Der magische Geheimdienstchef

Markus Kompa 16.09.2007

Der journalistische Märchenerzähler und Amateurzauberkünstler John Elbert Wilkie, der die Legende vom indischen Seiltrick erfand, leitete von 1898 bis 1911 trickreich den US Secret Service und setzte Zauberkünstler als Spione ein

John Elbert Wilkie wurde 1860 in Illinois als Sohn des bekannten Kriegsberichterstatters Frank Wilkie geboren. Er folgte seinem Vater in das Nachrichtengeschäft und schrieb zunächst für die "Chikago Times". Von einer Reise nach London berichtete Wilkie an die Redaktion, dort seien keinesfalls Vorbereitungen für einen Krieg mit Russland erkennbar, wie man es damals der amerikanischen Öffentlichkeit glauben machen wollte. Eine Karriere als Enthüllungsjournalist zeichnete sich ab - die sich ins Gegenteil verkehren sollte.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Wilkie wechselte zum Konkurrenzblatt "Chikago Tribune". Deren Herausgeber, Joseph Medill, pflegte seit Jahrzehnten eine Vendetta mit dem Politiker William H. Seward. Diesen hatte Medill als Favoriten im Vorfeld des Präsidentschaftswahlkampfs von 1860 überraschend fallen lassen und mit seiner Medienmacht den wie er selbst aus Illinois stammenden Abgeordneten Abraham Lincoln unterstützt.

Vendetta

Nachdem Seward daraufhin Medill die Feindschaft erklärt hatte, wandte Medill seinen - wie er selbst formulierte - "niederträchtigsten Trick" an: Er positionierte beim Parteitag der 1856 gegründeten neuen "Republikanischen Partei" die noch unentschlossenen Delegierten des Staates Pennsylvania so weit weg von Sewards Rednern, dass diese überwiegend durch Lincolns Unterstützer beeinflusst wurden.

Der zu Lebzeiten eher ungeliebte Lincoln gewann die Vorwahlen und wurde wegen der zerstrittenen "Demokratischen Partei", die zwei rivalisierende Kandidaten gestellt hatte, mit nur 40% der Stimmen Präsident. Seward musste sich mit dem Amt des Außenministers begnügen. Im nun folgenden nordamerikanischen Bürgerkrieg wurden von den Konföderierten zahlreiche Attentate auf Lincoln geplant. Der Präsident behalf sich zunächst mit der berühmten Detektei von Allan Pinkerton, die Komplotte der Konföderierten gegen seine Person ausspionieren sollte. Er bediente sich auch des Spions Horatio G. Cooke, der Lincoln mit Entfesslungskunststücken beeindruckt hatte und einer seiner engsten persönlichen Freunde wurde.

In den letzten Kriegstagen rief Lincoln zur Bekämpfung von Putschversuchen eigens eine staatliche Behörde ins Leben: den Secret Service. Um diesem Ziel unauffällig nachgehen zu können, wurde den Ermittlern zur Tarnung auch die offizielle Aufgabe zugewiesen, für den Schutz des nationalen Währungssystems zu sorgen. In seiner eigentlichen Hauptaufgabe versagte der Geheimdienst bereits 1865, als der Schauspieler(!) John Wilkes Booth Präsident Lincoln in einem Theater erschoss und unter erstaunlichen "Ermittlungspannen" entkam. Zeitgleich überlebte Seward eine Messerattacke nur knapp. 1867 ging Außenminister Seward mit dem umstrittenen Erwerb von Alaska, das die USA dem russischen Zaren abgekauft hatten, in die Geschichte ein, und bereiste fortan als Privatier die Welt, worüber er ausgiebig publizierte.

Zeitungskrieg

Nach dem großen Brand in Chikago von 1871 war Medill zum Bürgermeister gewählt geworden, wo er sich mit hartem Vorgehen gegen Gangster einen Namen machte. Als Reaktion unterstützten diese wiederum einen Gegenkandidaten, sodass Medill seine Aktivitäten wieder auf seine Chikago Tribune verlagerte. Um die Auflage zu steigern beschränkte sich Medill nicht auf irdische Themen, sondern brachte nichts geringeres als Gottes Wort: Er kündigte als Knüller an, als erster eine überarbeitete fehlerfreie Übersetzung des neuen Testaments zu drucken, was ihm einen göttlichen Imagetransfer hätte einbringen können.

Doch bevor er seinen Plan umsetzen konnte, kam ihm die Times mit einer eilig realisierten Neuübersetzung des Alten sowie des Neuen Testaments zuvor. Der nun endgültig ausgebrochene Auflagenkrieg sprengte jedes Maß. Beide Zeitungen überboten sich nunmehr mit Sensationsmeldungen, die nicht durchgängig der Wahrheit verpflichtet waren.

Indischer Seiltrick

Inzwischen genoss Erzfeind Seward Aufmerksamkeit mit einem erstaunlichen Indien-Reisebericht über einen Fakir, der unter anderem ein Kind eingewickelt und mit einem Messer in das Bündel hineingestochen hätte, wonach das Kind schließlich verschwunden sei. Diesen Wunderbericht wusste die Tribune am 8.August 1890 zu kontern: Ebenfalls in Indien hätten zwei Männer aus Chikago, einer von ihnen ein gewisser Fred S. Ellmore, einen Fakir beobachtet, der ein Fadenknäuel in die Luft geworfen habe.

Der Faden sei nicht herabgefallen, stattdessen sei an diesem sogar ein 6-jähriger Junge emporgeklettert und schließlich verschwunden. Ellmores Begleiter habe den Vorgang fotografiert, auf den Bildern sei jedoch nur der am Boden liegende Faden zu sehen gewesen. Die Tribune schloss hieraus, der Fakir müsse sein Publikum hypnotisiert haben.

Magische Fäden und ähnliches, an denen Menschen in den Himmel zu klettern pflegten, gab es seit jeher in vielen Mythen. So glaubten die Kelten sowohl an unterirdische als auch im Himmel befindliche Anderswelten, die durch Verbindungen wie von dort herabhängende Fäden oder in den Himmel sprießende Pflanzen erreicht werden könnten. Aus China waren ähnliche Erzählungen bekannt, die gerade aufgrund einer populären Neuauflage von Marco Polos Reisen im Gespräch waren. Die prominente Okkultistin Madame Blavatsky verbreitete viel diskutierte Gerüchte über entsprechende Reiseberichte, die u.a. vom bekannten britischen Illusionisten und Spiritistenkritikers Nevil Maskelyne attackiert wurden.

Der Artikel der Tribune aber brachte dieses Wunder erstmals mit Indien in Verbindung, und er vermochte sogar mit zwei Söhnen Chikagos als greifbare Zeugen aufzuwarten. Die Nachricht vom indischen Seilwunder verbreitete sich rasch bis nach Europa, wo sie naturgemäß von den Okkultisten vereinnahmt wurde. Wie schon die Klopfgeister der Geschwister Fox, die sich seit 1848 epidemieartig vermehrt hatten, fanden sich immer neue Zeugen, die das Wunder gesehen haben wollten.

Der amerikanische Starzauberer Harry Kellar, der ebenfalls ausgiebige Weltreisen unternommen hatte, führte die Berichte auf Haschischkonsum zurück. Kellars Nachfolger Howard Thurston sollte den Effekt in den 20er Jahren auf der Bühne mit Tricktechnik realisieren.

Die Durchschlagskraft des Artikels war so unerwartet hoch, dass sich die Tribune nach vier Monaten veranlasst sah, den Pressegag als solchen offen zulegen. Der Artikel habe lediglich die Theorie einer Massenhypnose unterhaltsam thematisieren sollen. Ebenso wie die Begebenheit waren auch die "Zeugen" frei erfunden, wie man schon an dem Namen "S. Ellmore" hätte erkennen können, der ausgesprochen "sell more" (verkaufe mehr) bedeutete. Tatsächlich hatte sich die Auflage gut verkauft.

Der anonyme Autor des Artikels hatte seinen Scherz gegenüber einem britischen Professor, der nachgefragt hatte, sogar in einem Brief persönlich gestanden. Der Absender lautete John E. Wilkie. Während der Widerruf des Wunderberichts in der breiten Öffentlichkeit, sofern überhaupt wahrgenommen, schnell in Vergessenheit geriet, erfuhr das Seilwunder mehrfache Renaissancen und wird bis heute mit Indien in Verbindung gebracht. Der Zauberhistoriker und Mitarbeiter des parapsychologischen Instituts in Edinburgh Peter Lamont widmete dem Werdegang der Legende und ihren Entzauberern sogar ein ganzes Buch.

Vom Nachrichtengeschäft in den Nachrichtendienst

Wilkie brachte es in der Tribune zum Redaktionsleiter und schrieb über das sich in Chikago entwickelnde urbane Verbrechen. 1893 hatte er an einer Chronik über die Polizei von Chikago mitgewirkt. Wilkies Talent als Ermittler wie Autor blieb dem Leiter des nationalen Schatzamtes nicht verborgen, der sich mit einem äußerst professioneller Geldfälscherring konfrontiert sah. Er bat 1898 um ein Treffen und bot dem Journalisten überraschend die Leitung des Secret Service an.

Entscheidend sei ihm Wilkies Ruf als Ehrenmann gewesen, woran in Washington traditionell ein Mangel zu herrschen schien. Fürsprecher war ein Sekretär gewesen, der zuvor unter Wilkie gearbeitet hatte. Wilkie bewährte sich im Kampf gegen den Falschgeldring, wobei er vor allem die ihm vertraute Kunst der Desinformation eingesetzt haben soll - die wohl effizienteste Waffe eines jeden Geheimdienstes.

Wilkie pflegte seinerzeit ein skurriles Hobby: Zauberkunst. Gästen führte er in seinem Büro bevorzugt Hellsehtricks vor und betonte 1902 der Washington Post gegenüber die Ähnlichkeit der Geheimdienstarbeit mit der Kunst der Zauberei. In seinem Dienst befänden sich noch talentiertere Zauberkünstler als er. Schon 1886 hatte man den reisenden Zauberkünstler "Professor Louis S. Leon" als Undercover-Detektiv beschäftigt, der seinen Blick auf das Auftauchen von Falschgeld richtete.

Spanisch-Amerikanischer Krieg

Während in Europa Kriege religiös, durch tief verwurzelte Königstreue oder Revolutionsgeist legitimiert wurden, pflegten die Strategen in Washington die Kunst der "schwarzen Propaganda", um Kriege als gerechtfertigt erscheinen zu lassen. 1893 etwa hatte Außenminister John Watson Foster (Großvater des berüchtigten späteren CIA-Chefs Allen Dulles) auf Hawaii Unruhen und damit eine Gefahr für die weiße Missionarspartei vortäuschen lassen, die das US-Militär "zur Nothilfe zwang" - Hawaii wurde "nebenbei" annektiert.

Ähnliches stand nun dem damals zu Spanien gehörenden Kuba bevor, zu dessen Invasion vor allem der Milliardär, Zeitungszar und Erfinder der Yellow Press, William Randolph Hearst aufrief. Der rechtskonservative Hearst, der sich gleichzeitig als ein den Arbeitern verbundener Volkstribun inszenierte, pflegte zur Wahrheit ebenfalls kein konservatives Verhältnis. Hispanics etwa stellte Hearst in seinen den Markt dominierenden Blättern als Faule und Kriminelle dar. In seiner Kampagne gegen Kuba rief er zur Solidarität mit einer inhaftierten "Freiheitskämpferin" auf, die er zu "Kubas Rose" stilisierte - tatsächlich handelte es sich um eine offenbar zu Recht des Mordes Verdächtigte.

Nachdem sich Spanien nicht hatte provozieren lassen, der fernen wie vor Ort dramatisch überlegenen Großmacht USA den Krieg zu erklären, explodierte 1898 im Hafen von Havanna aus bis heute unbekannter Ursache das US-Schlachtschiff USS Maine, was ohne das geringste Indiz sofort als spanische Sabotage hingestellt und massiv propagandistisch verwertet wurde. Kurz vorher soll Hearst seinem Zeichner nach Havanna telegrafiert haben, dieser möge bleiben und die Bilder besorgen, er besorge den Krieg. (Dieses Telegramm ist nicht mit historischer Sicherheit verbürgt, entsprach aber unzweifelhaft Hearsts Mentalität). Ganz Washington war mit dem Slogan "Remember the Maine! To hell with Spain." gepflastert, der den Volkszorn so schürte, dass hierauf der Spanisch-Amerikanische Krieg folgte. Hearst verdiente mit Sonderausgaben, die ihn selbst als Kriegsheld vor Ort ausriefen, ein Vermögen und verhandelte später eigenmächtig mit dem spanischen Königshaus.

Zwei Wochen nach Maine-Zwischenfall war Wilkie vereidigt worden. Mit der Bergung der Maine betraute man den zwielichtigen Geschäftsmann und späteren Rüstungsindustriellen Joseph DeWyckoff, einen von Wilkie 1898 rekrutierten Spion, der das Schiff auf die See hinausschleppte und versenkte. Archäologische Untersuchungen von 1973 und 2001 konnten keine Hinweise auf Feindeinwirkung feststellen.

Ebenfalls umstritten war der "Selbstmord" eines gefangenen spanischen Spions. Wilies Gegenspieler Carranza, der im neutralen Kanada einen Spionagering leitete, propagierte, der Mann sei ermordet worden. Später wurde jedoch in Montreal ein Brief von Carranza gefunden, der diesen so stark in Misskredit brachte, dass Kanada alle Spanier auswies - und damit automatisch Carranzas spanischen Spionagering.

Dieser Brief war von zwei Schauspielern(!) "gefunden worden", die Wilkie nach Montreal gesandt hatte. Nicht wenige halten Wilkie für den eigentlichen Urheber von "Carranzas" Brief, den Wilkie als die Sensationsmeldung dieses Krieges bezeichnete. Einer der beiden Agenten war Bob Fitzsimmons gewesen, Schwergewichtsboxer, Schauspieler- und Zauberkünstler.

Zauberhafte Inlandsspionage

In Chikago war 1893 die International Association of Chiefs of Police (IACP) gegründet worden, eine private Vereinigung nordamerikanischer Polizeichefs, welche u.a. die erkennungsdienstliche Zusammenarbeit aufbaute und als Vorläufer der späteren Bundespolizei Federal Bureau of Investigation (FBI) gesehen werden kann. Wilkie war Mitglied dieser Gesellschaft. Sein enger Freund, Chikagos Polizeichef und IACP-Gründungsmitglied Andy Rohan, machte die Bekanntschaft eines Zauberkünstlers, der sich zuvor als Hellseher, Geisterbeschwörer und Scharlatan durchgeschlagen hatte.

Houdini

Der Mann erregte die Aufmerksamkeit von Kriminalisten mit der Behauptung, unter Testbedingungen jeder Handschelle entkommen zu können, was er pressewirksam auf Polizeirevieren zu demonstrieren pflegte. Bei dem Mann, der sich in mehrfacher Hinsicht auf Wilkies Terrain in Sachen Sensationen, Täuschung und Polizei bewegte, handelte es sich um den bislang kaum bekannten Gaukler Harry Houdini. Diesem ermöglichte Rohan seine bis dahin größte Pressesensation, den Ausbruch aus dem Gefängnis von Chikago. Nach diesem Durchbruch verdiente Houdini erstmals nennenswerte Gagen. Seine Bekanntschaft zu Rohan dürfte der Türöffner zu den Polizeirevieren anderer Großstädte gewesen sein.

Auslandsspionage

War der Secret Service ursprünglich nur mit dem Schutz des Präsidenten und der Währung beauftragt gewesen, so hatte Wilkie auch die Abwehr außenpolitischer Feinde besorgt und durch eine stringente Pressekontrolle sowie durch gezielte Falschmeldungen in die öffentliche Wahrnehmung der Außenpolitik eingegriffen. Nicht zuletzt Wilkies Erfahrung mit eigenen Lügen qualifizierten ihn dazu, den Wahrheitsgehalt von Informationen und insbesondere Pressemeldungen besonders gut einzuschätzen.

Er konnte jedoch nicht verhindern, dass 1901 ein Anarchist der mehrfach öffentlich geäußerten Aufforderung Hearsts nachkam, den amtierenden Präsidenten William McKinley zu erschießen (wenn auch aus anderem Motiv). Der neue Präsident Theodore Roosevelt betraute Wilkie nun auch mit der Jagd auf Anarchisten - weltweit. Sieht man einmal von den Militärgeheimdiensten ab, so verfügten die USA damals nicht über einen Auslandsnachrichtendienst wie das erst 1941 gegründete Office of Strategic Services OSS bzw. die 1947 gegründete Central Intelligence Agency (CIA), vielmehr lieferten mit der Regierung verflochtene Industrielle über die Auslandsvertretungen ihrer Firmen Geheiminformationen, die sie je nach Kalkül mit Washington teilten.

Wilkie unternahm eine mehrmonatige Europareise, deren Mission er nicht einmal seiner Familie verriet. Er bereiste alle wichtigen europäischen Hauptstädte, um ein internationales Polizei-Netzwerk gegen Anarchisten aufzubauen, die auch den Königshäusern gefährlich wurden, kurz zuvor etwa den italienischen König ermordet hatten. Dementsprechend muss Wilkie auch William Melville vom Scotland Yard aufgesucht haben, der später den neuen britischen Geheimdienst aufbaute.

William Melville

Melville hatte jedoch noch eine weitere amerikanische Bekanntschaft gemacht: Der zunächst in London gänzlich unbekannte Harry Houdini hatte ihm seine Entfesslungs- und Schlossöffnungstricks gezeigt, wohl ein Entgegenkommen, dass Houdini die Kooperation der britischen Polizei bei seinen PR-Entfesslungen sicherte.

Houdini ein Spion?

Der Zauberhistoriker William Kalush vertritt die These, Houdini habe eine aktive Rolle als Spion gespielt. Wie in Melvilles Tagebuch nachzulesen ist, hatte Melville großes Interesse an Houdini. Als Reisender, der zudem halbwegs deutsch sprach und im Ausland sowohl in Gefängnissen und Polizeistationen als auch in Königshäusern verkehrte, konnte Houdini allerhand aufschnappen. Der US Secret Service und das Scotland Yard verfügten insoweit nur über wenig Personal und über kein großes Auslandsagentennetz, sodass jeder Informant, der abgeschöpft werden konnte, eine Bereicherung gewesen wäre.

Tatsächlich hatte Houdini Zugang zu den für die Rüstung wichtigen Essener Krupp-Werken, wo er für die Belegschaft Sondervorstellungen gab. Gut möglich, dass es Melvilles und Wilkies Kontakten zum zaristischen Geheimdienst Ochrana zu verdanken war, dass Houdini inklusive seiner Einbruchswerkzeuge überhaupt nach Russland einreisen durfte. Kalush vermutet in geheimen Aufträgen auch das Motiv Houdinis, ohne ein festes Engagement 1900 mittellos nach London gereist zu sein.

Bemerkenswert sind Houdinis Veröffentlichungen von 1903 in seiner Zeitschrift "Conjurers Monthly Magazine", in denen er angeblich von ihm erfundene Geheimtinten beschreibt sowie präparierte Briefumschläge, die bei einer unbefugten Öffnung über heißem Wasserdampf diese unauffällig dokumentieren oder Tinten, welche bei Hitze von Wasserdampf die Schrift verschwinden lassen. Nichts, was ein Zauberkünstler sinnvoll anwenden könnte - sehr wohl allerdings ein konspirativer Informant.

Auffällig ist ferner, dass Houdinis nur zwei Jahre bestehende Zeitschrift durch Inserate von Detekteien gesponsert wurde - vielleicht ein getarntes Honorar von Schattenmann Wilkie, der für informelle Geldverteilungen bekannt war. Mag Houdini den Behörden über Land und Leute berichtet haben, so ist nicht ernsthaft anzunehmen, er habe Staatsgeheimnisse ausgekundschaftet. Interessant ist jedoch seine Bekanntschaft mit dem okkultismusgläubigen Zar Nikolaus, der Houdinis Hellsehtricks für echt gehalten und ihm sogar eine Stelle als Berater angeboten haben soll. Wie Rasputin bewies, wäre ein Zauberer in russischen Staatsdiensten kein Unikum gewesen.

Ruhestand

1911 verließ Wilkie den Secret Service, den er in eine für damalige Begriffe erfolgreiche Behörde umgewandelt hatte. Ob seine Recherchen über Anarchisten erfolgreich waren, ist unbekannt. Ebenfalls hatte Wilkie die Vorarbeit für die 1908 gegründete Bundespolizei FBI geleistet, an welches er auch die Zuständigkeit für die Spionageabwehr abgegeben hatte - wie man heute weiß, eine ohnehin eher virtuelle bzw. paranoide Aufgabe mit homöopathisch dosierten Erfolgen. Die ohnehin bescheidene Auslandsspionage des Secret Service wurde später von anderen Einrichtungen übernommen, sodass dem Dienst nur noch der Schutz der Währung sowie jener von der Präsidentenfamilie und den nominierten Präsidentschaftskandidaten verblieb.

Experten für Zauberkunst scheint der heute 5.000 Mann starke Secret Service nicht mehr zu beschäftigen, andernfalls wären wohl einem deutschen Zauberkünstler in den 80er Jahren Ermittlungen erspart geblieben, als dieser in den USA mit einem als Druckplatte gestalteten Scherzartikel zur scheinbaren Herstellung von Dollarnoten auffiel.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst war Wilkie zur Chikagoer Eisenbahngesellschaft gewechselt, einer der damals lukrativsten Branchen. Der Polizeienthusiast musste zusehen, wie während der Prohibition unter Alphonse Capone das organisierte Verbrechen seine Heimatstadt korrumpierte, was nicht zuletzt eine Folge der von Medill provozierten Strukturen war. Der trickreiche Geheimagent Wilkie verstarb 1934. Sein indischer Seiltrick wurde fester Bestandteil moderner orientalischer Fiktion und tauchte 1983 ausgerechnet in dem Geheimdienststreifen "Octopussy" auf, in dem James Bonds trickreicher Waffenmeister Q an einem entsprechenden Zaubertrick rumbastelt. Dem Showman Wilkie wäre diese Hommage sicherlich recht gewesen.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25236/1.html
Kommentare lesen (13 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS