Her mit der französischen Radioquote!

09.05.2007

Der Bundestag will wieder mal deutsche Musik fördern - und übersieht dabei das wichtigste

Die Bundestagsfraktionen der SPD und der CDU sind sich einig, dass deutschsprachige Musik gefördert werden soll. In einer gemeinsamen Beschlussvorlage kritisieren sie die Radiosender, welche nicht in ausreichendem Maße heimische Werke spielen würden. Weil die "Anerkennung, Unterstützung und Förderung der populären Musik" aber nach Ansicht der beiden Parteien eine öffentliche Aufgabe ist, soll die Bundesregierung "bei den Rundfunkanstalten anregen neue Formate zu entwickeln, mit denen Rock-, Pop- und Jazzmusik aus Deutschland eine angemessene Plattform gegeben wird".

Die Einführung einer Quote, wie sie seit Mitte der 1990er in Frankreich besteht, ist in der Beschlussvorlage zwar nicht explizit genannt, soll aber bei den jetzt folgenden Beratungen im Kulturausschuss noch einmal zur Sprache gebracht werden. Öffentlich gefordert wird solch eine Maßnahme unter anderem von Heinz Rudolf Kunze, Konstantin Wecker, Udo Lindenberg, Heino, Dieter Birr von den Puhdys, Hartmut Engler von Pur, Gotthilf Fischer, Laith Al-Deen, Peter Maffay und Joachim Witt. Ein überaus eifriger Trommler für eine Quotenlösung war auch Gerd Gebhardt, ehemals Vorsitzender der Phono-Verbände. Er wollte nicht nur eine Quote für deutschsprachige Musik, sondern ein grundsätzliches Recht für die Musikindustrie, den Radiosendern vorschreiben bzw. verbieten zu können, was diese spielen. Solch ein Verbotsrecht wäre laut Gebhardt kein Problem "weil sowieso nur 500 Titel gespielt werden". Außerdem forderte Gebhardt die Privatkopie ganz abzuschaffen: Sie sei nicht mehr notwendig, weil "mittlerweile auch beim Friseur Musik läuft".

Radioquoten für deutschsprachige Musik gab es schon mehrmals, zuletzt in der DDR. Ob sie dort unbedingt die Qualität der Popmusik förderten ist fraglich - nicht umsonst reimte man später "City, Puhdys und Karat" auf "größte Greueltat". Vor einigen Jahren brachte der Freistaat Bayern eine Gesetzesinitiative auf den Weg, die zum Ziel hatte, das französische Modell zu übernehmen. Vor allem Erwin Huber exponierte sich damals als Sprecher des Vorhabens. Unterstützt wurde er dabei von den SPD-Politikern Wolfgang Thierse und Kurt Beck. 2004 wurde die Einführung einer Radioquote dann im Bundestag diskutiert. Damals verabschiedete die rot-grüne Koalition eine Empfehlung, nach der Radiosender sich an einer Quote von 35 % deutschsprachiger Musik orientieren sollten. Auswirkungen hatte die nicht strafbewehrte Empfehlung allerdings keine.

Vorbild Frankreich?

Die Befürworter einer Radioquote für deutschsprachige Musik verweisen immer wieder darauf, wie gut diese Quote in Frankreich funktionieren würde, vergessen dabei aber eine entscheidende Tatsache: Frankreich hat eine Quote für französischsprachige Musik - nicht für deutschsprachige. Tatsächlich müsste man auch in Deutschland keine Quote für deutsche, sondern für französischsprachige Musik im deutschen Rundfunk fordern - sonst würde statt einer Verbesserung nur eine Verschlechterung herauskommen.



Das wird erkennbar, wenn man die Auswirkungen einer Radioquote an Beispielen durchexerziert. Beginnen wir beim jeweils bekanntesten Musiker der 1970er und 80er Jahre: Im frankophonen Raum wäre das Serge Gainsbourg, im deutschsprachigen der peinliche Udo Lindenberg - ein größerer Gegensatz ist überhaupt nicht denkbar! Außer man sieht sich den Fräuleinpop aus den frühen 1980ern an. Hier findet sich in Frankreich (beziehungsweise in Belgien) die wunderbare Lio, in Deutschland dagegen Nena, das Erbrochene der New Wave. Nicht weniger evident sind die Unterschiede im Pop der frühen 80er allgemein: Während der größte frankophone Erfolg hier von den lustigen Honeymoon Killers stammt, sind es in Deutschland Bands wie die unangenehm-prätentiösen Ideal oder die Spider Murphy Gang, die das Bild bestimmen.

Auch in anderen Genres, wie etwa der Musik für Hippies, wird die Differenz deutlich: Während Frankreich hier die singende Pelztierschützerin Brigitte Bardot ins Rennen schicken kann, bleibt für Deutschland nur Nicole, der singende Kriegsgrund. Gravierend auch das qualitative Auseinanderklaffen im Art Rock: Dafür stehen in Frankreich Magma, die Laibach der 1970er, (obwohl man es bei ihnen mit der Sprache nicht so genau nehmen darf) und in Deutschland Bands wie Bröselmaschine.

Noch klarer tritt der Effekt bei den Filmsoundtracks zutage: Während in Frankreich François Truffaut seine Baiser Volés mit Charles Trenet schmücken konnte, ist der laut GEMA erfolgreichste deutsche Film- und Fernsehkomponist Christian Bruhn.



Weitere Beispiele wären die Stampfmusik der 1960er und 70er Jahre (Yéyé gegen die Mitklatschmusik der ZDF-Hitparade) oder Liedermacher (Vincent Delerm gegen Heinz-Rudolf Kunze). Eine Einschränkung muss allerdings gemacht werden - die schwerwiegenden Ungleichheiten gelten vor allem für die Mainstream-Genres. Abseits der Musik, die man üblicherweise im Radio hört, sieht es wieder etwas anders aus.

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