Faule Konsumentenkredite in den Emerging Markets

09.05.2007

Nicht nur bei US-Hypotheken, auch in China und Indien zeigen sich erste Probleme mit Konsumentenkrediten

Weil "faule Kredite" untrüglich drohendes Unheil ankündigen, werden sie an den Finanzmärkten gerne mit Kanarienvögeln in der Kohlenmine verglichen. Und sie werden in guten Zeiten vergeben: "Bad loans are made in good times", lautet jedenfalls eine britisches Banken-Sprichwort.

Derartige Vergleiche zieht die kritische Finanzmarktberichterstattung derzeit zwar vor allem im Zusammenhang mit den Problemen am US-Subprime Hypothekenmarkt; also mit den inzwischen berüchtigten Immobilienkrediten, die an Schuldner mit schlechter Kreditwürdigkeit vergeben werden bzw. wurden. Allerdings scheinen nun bereits solidere Vergabestandards eingeführt worden zu sein, was das Kreditwachstum stark gebremst hat.

Unter der Annahme, die Kreditprobleme würden auf diejenigen beschränkt bleiben, die ohnehin kaum Geld haben, setzte die Wall Street letzte Woche angesichts des starken Wachstumseinbruchs im ersten Quartal auf ein "zyklisches Zwischentief", das vom gestiegenen Wachstum in Europa und vor allem von den boomenden Emerging Markets abgefangen werden könne. Dementsprechend feierte der DJIA, der Index der 30 wichtigsten US-Industrieaktien, letzte Woche einen weiteren Kursrekord. Aber auch der wichtigste Aktienindex für Entwicklungsländer, der MSCI EM von Morgan Stanley Capital International, überschritt am 7. Mai im Handelsverlauf erstmals die 1000-Punkte Marke

Ebenfalls letzte Woche meldeten China und Indien jedoch auch zunehmende Probleme mit Privatkrediten. Dort waren Konsumentenkredite zwar bis vor wenigen Jahren praktisch unbekannt, weswegen die Verschuldungsquoten gegenüber dem offiziellen Finanzsektor noch sehr niedrig sind. Tatsächlich besteht ein makroökonomisches Problem heute eher in zu hohen privaten Sparquoten und zu niedrigem Konsum. Allerdings werden von lokalen und internationalen Banken zusehends westliche Finanzprodukte wie Kreditkarten, Leasing und Raten- und Immobilienhypotheken auf den Markt gebracht - und es werden zumeist riesige Zuwächse und Gewinne erzielt. Anders als in den angloamerikanischen Ländern stehen die Privatkredite aber überwiegend noch in den Büchern der Banken und werden daher tendenziell weniger leichtfertig vergeben.

Dennoch zeigt eine aktuelle Presseschau anekdotisch eine beunruhigende Häufung an Problemen mit Konsumentenkrediten in den Entwicklungsländern. So warnte laut Indiens Econmic Times der Chef der indischen Zentralbank OP Bhat letzte Woche von einem Anstieg der faulen Kredite um einen halben Prozentpunkt. Diese würden im privaten Immobilienbereich am schnellsten anwachsen und sich aktuell zwischen drei und vier Prozent der aushaftenden Gesamtsummen bewegen. Außerdem befürchte er ein Übergreifen der negativen Tendenz auf andere Kreditsegmente und nennt Klein- und Mittelbetriebe als potentielle nächste Opfer.

Auch die thailändische Nationalbank meldete laut The Nation für das erste Quartal 2007 einen Anstieg der faulen Kredite; zwar nur um bescheidene zwei Prozent, allerdings sei das Kreditvolumen nur noch um 0,22 Prozent angestiegen, was nicht viel Gutes für den Binnenkonsum verheißt.

Selbst in China, dessen filigranes Finanzsystem so viel Vertrauen benötigt, dass sich die Geldpolitiker stets eher ziel- als informationsorientiert äußern, sprach laut Shanghai Daily der Chef der Shanghai-Filiale der chinesischen Bankenaufsicht letzte Woche ebenfalls von einem kräftigen Anstieg der Problemkredite, speziell bei privaten Hypothekarkrediten, und zwar um 402 Millionen auf 2,37 Mrd. Yuan. Marktbeobachter sehen diese Äußerung zwar eher im Zusammenhang mit Kredit-Eindämmungsmaßnahmen der Zentralbank und nennen die Warnung angesichts des eigentlich bescheiden ausgefallenen Zuwachses einen versteckten Triumph. Denn es wird auch ein Aufsichtsbeamter namens Zhang mit der Aussage zitiert, dass zuletzt monatlich nur noch zwei Milliarden und nicht - wie zuvor - zehn Milliarden Yuan an Hypotheken vergeben wurden. Allerdings meldete die China Construction Bank einen Anstieg der Kreditvorsorgen um 39 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei gleichzeitig insgesamt um nur 17 Prozent steigenden Ausleihungen.

Ende April wurde zudem bekannt gegeben, dass sich das Volumen an faulen Krediten in Taiwan im 2. Halbjahr 2006 nahezu verdoppelt habe, wofür vor allem Kreditkartenschulden verantwortlich waren.

Von den europäischen Emerging Markets ließ innerhalb der letzten Wochen nur die Bulgarische Zentralbank von Problemen mit Konsumentenkrediten hören, wobei die österreichische Bank Raiffeisen International, die in praktisch allen europäischen EM-Staaten vertreten ist, bei der letzten Bilanzpressekonferenz berichtete, dass die Kreditqualität in ihren zentral- und osteuropäischen Märkten zueist eher besser sei als in Westeuropa.

Wachsende Kreditvolumen und steigende Probleme wurden in den vergangenen Wochen auch aus Afrika gemeldet, etwa von der Awash International Bank SC (AIB) der ältesten Bank Äthiopiens. Diese konnte zwar Ausleihungen und Gewinne erheblich steigern, am stärksten nahmen aber die faulen Kredite zu, und zwar um rund 26 Prozent. Die größten in Uganda tätigen Banken meldeten eine massive Ausweitung ihrer Privatkredite, aber auch um bis zu viermal höhere Rückstellungen auf ihre Kreditportfolios wie noch vor einem Jahr. Von allerdings sehr niedrigem Niveau um fast die Hälfte angehoben wurden die Vorsorgen für faulen Kredite hingegen von Südafrikas Absa Bank, wie der ‚Business Report’ berichtete.

Den einzigen drastischen Rückgang an faulen Krediten dieser kleine Presseschau bieten die Philippinen. Dort meldete die Nationalbank bezogen auf das Finanzsystem ein Sinken von 8,02 auf 5,56 Prozent des Gesamtvolumens. Das ist freilich nur ein scheinbarer Lichtblick, da dies aufgrund einer gesetzlichen Regelung erfolgte, die es den Banken ermöglicht hat, faule Kredite an spezielle Investmentgesellschaften zu verkaufen.

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