Drei unbequeme Wahrheiten

23.05.2007

Von Ökostrom-Angeboten, Grundlasten und Ablassurkunden

Kaum ein Thema bewegt die Gemüter heute mehr als die Energieproblematik, zumal hier ganz verschiedene Sektoren wie Wirtschaftsfragen, Risikosicherheit und – nicht zuletzt – der Umweltschutz eine Rolle spielen. Aber je mehr Stimmen sich an der Diskussion beteiligen, und zumal wenn es emotional wird (was insbesondere für den globalen Klimawandel gibt), werden die Stimmen schrill und es wird gerne die eine oder andere Grundlage ausgeblendet.

Bild: NASA

1. Egal, wie viel Energie wir sparen – die fossilen Energieträger werden in jedem Fall komplett verbraucht.

Angenommen, die westliche Welt könnte von heute auf morgen ihren Energiebedarf mit Kernfusion, Solarzellen oder eine Wunderenergie decken. Das Problem des CO2-Ausstoßes wäre damit nicht behoben. Gemäß Angebot und Nachfrage würde der Preis für Öl, Gas und Kohle sinken. Damit würden neue Verbraucher die Möglichkeit erhalten, diese Energieformen für sich zu nutzen. Erdöl-Länder wie Nigeria oder Erdgas-Länder wie Bolivien, die derzeit potentielle lokale Konsumenten nicht ausreichend versorgen, weil die Energieträger exportiert werden, würden diese Energiequellen verstärkt vor Ort nutzen. Des weiteren gibt es Verbrauchsformen wie den Luftverkehr oder den Straßenlastverkehr, bei denen derzeit andere Versorgungsformen als Erdöl kaum oder gar nicht angedacht werden. Selbst dann, wenn die Gesamtstromversorgung über die neue Wunderenergie laufen würde, würden hier weiterhin große Mengen an fossilen Energieträgern verbraucht, so dass früher oder später diese doch komplett verbraucht würden.

2. Bei der Diskussion über erneuerbare Energie wird das Grundlast-Prinzip weitgehend ignoriert.

Vereinfacht formuliert, muss der Strom bereits zur Verfügung stehen, wenn er verbraucht wird. Es ist klar, dass ein gewisses Niveau nie unterschritten wird, dass aber andererseits z. B. tagsüber mehr Strom verbraucht wird als nachts. Leider ist dies wenig im allgemeinen Bewusstsein verankert, was zu vielen Fehlvorstellungen führt. Denn egal, wie viele Solarzellen man installiert: Ohne Sonne kein Strom. Solarenergie ist also ungeeignet, die Grundlast zu gewährleisten. Dasselbe gilt für Windenergie und Wasser-Speicherkraftwerke. Wer davon träumt, irgendwann die gesamte Energie per Sonne und Wind zu erzeugen, sollte sich also weniger Gedanken über Solar- und Windkraftwerke machen, sondern vielmehr über ein passables Stromspeichermedium. Derzeit existieren nur zwei Kraftwerkstypen, die Grundstrom in der Praxis in großer Menge liefern: Fossile Verbrennungskraftwerke und Atomkraftwerke. Von den erneuerbaren Energien wären theoretisch Biomasse-, Laufwasser- und Erdwärmekraftwerke dazu geeignet. Allerdings spielen diese in unseren Breiten keine besonders große Rolle - und über ihren Ausbau wird wesentlich weniger gesprochen als über den von Sonnen- und Windenergie. Zudem bringen alle drei Energieformen ihre eigenen Probleme mit: Verteuerung der Nahrung in Entwicklungsländern wegen Biomasse-Export, immense kulturelle und ökologische Schäden bei Laufwassergroßkraftwerken sowie induzierte Erdbeben bei der Nutzung von Erdwärme.

3. Eine Strommix-Angabe hat ungefähr soviel Wert wie eine vorreformatorische Ablassurkunde.

Deutsche Stromkunden werden von ihren Energieversorgern gerne und ausgiebig über den so genannten "Strommix" informiert. So geben etwa die Regensburger Stadtwerke für rewario.strom.best an, dass 45% des Stroms fossil produziert wird, 34% nuklear und 21% regenerativ. Bei Yellow sind es 52% nuklear, 32% fossil und 16% regenerativ. Die Müncher Stadtwerke bieten mehrere Privatkundentarife an, darunter M-Kompakt mit 83% Kraft-Wärme-Kopplung und 17% Regenerativ, sowie M-Kompakt Natur mit 100% Wasserenergie. Interessant dabei ist, dass dort nirgends die Kernenergie erscheint - gehört doch das Kernkraftwerk Isar 2 zu einem Viertel den Stadtwerken München (obwohl dies in der Liste der Erzeugungsanlagen auf der Website der Stadtwerke München nicht aufscheint).

Des Rätsels Lösung ist folgende Konstruktion: Die SWM Versorgungs GmbH, der Vertragspartner der Münchner Stromkunden, bezieht seinen Strom von der SWM Services GmbH, die die Kraftwerke in München – nicht aber Isar 2 – betreibt. Damit kann der größte Teil des benötigten Stroms erzeugt werden, der Rest wird zugekauft. Dafür wird, rein rechnerisch, der Isar-2-Strom abverkauft. Nun ist Strom nicht speicherbar und schlecht transportierbar. Faktisch wird also so gut wie immer der lokal erzeugte Strom verbraucht - der Rest ist ein Spiel mit Zahlen.

Anders formuliert: Bei jemandem, der Strom zu 100% aus Wasserkraft bucht, werden sehr wohl die Lichter ausgehen, wenn das Atomkraftwerk nebenan vom Netz geht. Und bei diesen Zahlenschiebereien sind die absurdesten Effekte denkbar: So kann ein deutscher Stromversorger einen Vertrag mit einem Stromproduzenten in Frankreich, Finnland oder irgendeinem anderem Land schließen, in dem die Bevölkerung ein relativ entspanntes Verhältnis zur Atomenergie pflegt. Dann wird zum Beispiel aus Finnland eine Strommenge X importiert, die per Wasserkraft erzeugt wurde. Im Gegenzug liefert der deutsche Versorger deutschen Atomstrom - und zwar ebenfalls die Menge X. Praktisch passiert natürlich gar nichts, weil weiterhin jeder seinen lokalen Strom erzeugt und verbraucht. Die deutsche Firma überweist Geld nach Finnland für den "wertigeren" Wasserstrom und darf dann dem besorgten deutschen Öko-Kunden mitteilen, um wie viel Prozentpunkte der Wasserkraftanteil stieg. Faktisch bleibt also alles beim Alten - außer, dass der deutsche Verbraucher sich besser fühlt.

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