Kämpfe im Libanon

Die im Palästinenserlager Nahr al Bared verschanzte sunnitische Gruppe Fatah al Islam steht al-Qaida nahe und könnte zur Bekämpfung der Hisbollah gefördert worden sein

Seit Sonntag wird im Libanon wieder einmal gekämpft. Die Auseinandersetzungen zwischen der palästinensischen "Fatha al Islam" und der libanesischen Armee zeigen, wie fragil die Struktur der multireligiösen Gesellschaft ist. Nicht zuletzt wegen internationaler Interessen, die sich den Zedernstaat als ihr Operationsfeld ausgesucht haben.

Seit dem Wochenende sind beinahe 80 Menschen ums Leben gekommen: Mindestens 20 Kämpfer der "Fatah al Islam", 32 libanesische Soldaten und 27 Zivilisten. Begonnen hatten die Schießereien am Sonntag, als die libanesische Armee ein Appartement in der im Norden gelegnen Stadt Tripoli stürmte. Man war auf der Suche nach Bankräubern, die am Vortag 125.000 Dollar in der südöstlich gelegnen Stadt Amyoun erbeutet hatten.

Kurze Zeit später griffen Mitglieder von "Fatah al Islam" Militärposten vor dem palästinensischen Flüchtlingslager "Nahr al Bared" an, das nicht weit von Tripoli entfernt liegt. Die Gruppe schien sehr gut auf die Ereignisse vorbereitet zu sein. Seit Wochen hatte das libanesische Militär das Lager umstellt, da "Fatah al Islam" im Verdacht steht, zwei Busse im Februar in Beirut in die Luft gesprengt zu haben. Ein Zugriff der libanesischen Behörden war also nur eine Frage der Zeit.

Am Sonntag und Montag explodierten zwei Bomben in Beirut. Eine im christlichen Viertel Aschrafieh, die andere in Verdun, einer Wohngegend von sunnitischen Moslems. Eine Frau wurde getötete, etwa 20 Menschen verletzt. Von vielen wird dies als Warnung an die libanesische Regierung verstanden, nicht weiter mit der Militäraktion in "Nahr al Bared" fortzufahren. Es hatte ein Bekennerschreiben im Namen von "Fatah al Islam" gegeben, das aber später von einem Sprecher der Gruppe dementiert wurde.

"Ich befürchte leider", sagte Walid Jumblatt, der Führer der drusischen Minderheit im Libanon, "dass die Anschläge zunehmen werden." Der Parlamentarier und Vorsitzende der "Progressiven Sozialistischen Partei" beschuldigte wie üblich Syrien, hinter allen Ereignissen zu stehen. "Die libanesische Armee muss "Fatah al Islam" zerschlagen und den syrischen Präsidenten Bashar Assad daran hindern, Libanon in einen zweiten Irak zu verwandeln."

Auch nach drei Tagen Straßenkampf ist "Fatah al Islam" nicht zerschlagen. Wenn die libanesische Armee noch lange mit ihrem Granatenbeschuss auf das Lager "Nahr Al Bared" fortfährt und dabei weiterhin Zivilisten tötet, droht sich der Konflikt auf die anderen Palästinenserlager auszuweiten. In einigen der über den ganzen Libanon verteilten 12 Lager gab es bereits Proteste. In allen gibt es genug Waffen, um einen Bürgerkrieg zu führen. Insgesamt leben rund 350.000 Palästinenser im Libanon. Die Infrastruktur der Lager ist eine Katastrophe. Elektrizität fällt mehrmals am Tag aus, das Wasser aus dem Hahn hat keine Trinkqualität. Bei Regen quellen die Abflusskanäle über und verwandeln viele Camps in eine stinkende Brühe. Palästinensern ist es nur sehr eingeschränkt erlaubt, außerhalb ihrer Lager zu arbeiten.

Im libanesischen Buergerkrieg (1975-1990) waren die Camps das Angriffsziel von schiitischen und christlichen Milizen. Das schrecklichste Massaker an Palästinensern richteten die rechtsradikalen Lebanese Forces unter der israelischer Leitung (Ariel Scharon) in Sabra und Schatila an.

Tatsächlich wurde "Fatah al-Islam" anfangs von Syrien unterstützt, als die Gruppe noch den Namen "Fatah Intifada" trug und offiziell das Ziel hatte, Palästina zu befreien. Zu spät bemerkte der syrische Geheimdienst, dass sie mit ihren Geldern und ihrer Logistik etwas ganz anders unterstützt hatten. Der Führer Abu Khaled hatte 300 Mitglieder unter dem Banner von "Al-Qaida" rekrutiert, um den islamischen Brüdern im Irak aktiv beizustehen. Er wurde daraufhin am 21. Dezember 2006 verhaftet. Bereits am 10. Dezember war "Fatha Intifada" im Lager "Nahr al Bared" in "Fatah al Islam" umbenannt worden. Bei der Zeremonie soll erklärt worden sein, dass man der palästinensischen Sache am besten dient, "wenn man Juden und ihre alliierten Kreuzfahrer tötet". Auf verschiedenen Al-Qaida nahen Webseiten wurden offizielle Statements der Gruppe veröffentlicht.

Im März gab es in Syrien Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern von "Fatah al-Islam", als sie versuchten, in den Irak zu gelangen. Dabei kamen mindestens fünf syrische Soldaten ums Leben. Syrien als den Marionettenspieler zu beschuldigen, der über "Fatah al-Ilsam" die Fäden zieht, um den Libanon in den Bürgerkrieg zu ziehen, wie Walid Jumblatt sagt, klingt eher nach Propaganda, denn nach Fakten.

Libanesische Behörden setzen auch "Fatah al-Islam" mit den Attentaten auf die beiden Busse in Ain Alaq in Beirut in Verbindung, bei denen drei Menschen starben und 24 verwundet wurden. Man konnte einen Telefonanruf des Hauptverdächtigen ins Büro von "Fatah al-Islam" in "Nahr al Bared" verfolgen. Nicht auszudenken die Folgen für die anti-syrische Regierung in Beirut, wenn es sich herausstellen sollte, dass diese radikale Gruppe auch an anderen Anschlägen, eventuell auch an der Ermordung von Ex-Premier Rafik Hariri beteiligt war. Seit dem Tod des Multi-Milliardärs wurde Syrien als alleiniger Drahtzieher hinter allen folgenden Bomben bezichtigt, andere Möglichkeiten schloss man aus.

Saudi-Arabien hinter der sunnitischen Gruppe?

Bereits im März dieses Jahres hatte Seymour Hersh in einem Artikel im "New Yorker" berichtet, die libanesische Regierung habe "Fatah al-Islam" Waffen und Geld angeboten. Offensichtlich wollte man die sunnitische Gruppe als Gegner zur ungeliebten, schiitischen Hisbollah instrumentalisieren. Die Hisbollah hat sich bislang auch hinter den Angriff des libanesischen Militärs auf die Gruppe gestellt.

Vor wenigen Tagen bestätigte Seymour Hersh diese Aussage in einem Interview mit CNN "Your World Today". Laut Hersh könne man die gegenwärtige Situation mit der von Afghanistan in den 80er Jahren vergleichen. Damals wurde Al-Qaida im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützt. Heute wolle man ein Gegengewicht zu Hisbollah. Das Grundmuster sei gleich, die USA benützen "Dschihadisten", von denen Saudi-Arabien sagt, es könne sie kontrollieren.

"Der Keyplayer ist Saudi-Arabien", so Hersh im CNN-Interview. "In meinem damaligen Artikel sprach ich von einem Privatabkommen zwischen Dick Cheny, Elliot Abrams, einem der wichtigsten Helfer im White House, und dem saudischen Prinz Bandar bin Sultan. Die Idee war, Unterstützung von den Saudis für die Zusammenarbeit mit verschiedenen radikalen, sunnitischen Dschihadisten zu bekommen, um insbesondere im Libanon die Hisbollah zu bekämpfen." Und damit auch den schiitischen Iran, der die libanesische Miliz unterstützt. Die US-Regierung würde in ihrer Politik nicht mehr logisch reagieren: "Wir unterstützen Sunniten gegen Schiiten, wo immer es möglich ist. Wir kreieren sektiererische Gewalt."

Das machtpolitische Kalkül interessiert die im Lager von "Nahr al Bared" eingeschlossenen 30.000 Zivilisten nicht. Ohne Wasser und Verpflegung bangen sie seit Sonntag um ihr Leben. Hilfskonvois gerieten immer wieder unter Granatenbeschuss. Gestern hielt der ausgehandelte Waffenstillstand gerade mal eine Stunde. Tausende nützten die Möglichkeit zur Flucht, selbst auch dann noch, als wieder geschossen wurde.

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