Was EPO und ISDN gemein haben

29.05.2007

Die Radfahrerbeichten verdecken den Blick auf das transgene Doping

Das EPO-Spritzen, das in letzter Zeit durch die Telekom-Geständnisse für viel Aufsehen sorgt, verhält sich zum zeitgenössischen Doping wie T-ISDN zu kostenlosem WLAN. Gegenwart und Zukunft gehören neueren, bisher noch nicht nachweisbaren Methoden.

Würden sich Sportbegeisterte statt nur auf ihren Sponsorensendern auch mal im Internet umsehen, dann würden sie auf viele interessante Sachen stoßen. Sachen, die ein ganz anderes Bild vermitteln als das, welches die bußbeflissenen öffentlich-rechtlichen Sportsponsoren nun verbreiten möchten: Künstlich hergestelltes Erythropoietin (EPO) ist Geschichte, seit es mit Tests nachgewiesen werden kann. Das gilt auch für viele andere bekannte Dopingmittel, zum Beispiel für Steroidhormone wie THG.

Auf neue Methoden der Leistungssteigerung wird mit neuen Testverfahren reagiert – und auf neue Testverfahren mit neuen Methoden der Leistungssteigerung. Das nennt man "Leistungssport". In diesem Bereich wird alles, was neu ist, dankbar angenommen – auch dann, wenn es noch nicht wirklich ausgiebig getestet ist. Eine von Bob Goldman durchgeführte anonyme Umfrage unter Leistungssportlern ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten ein nicht erlaubtes Dopingmittel auch dann einnähme, wenn es nach fünf Jahren zum sicheren Tod führen würde, sie aber bis dahin in jeden Wettkampf Sieger wären.[1]

Transgenes Doping

Beim transgenen Doping produziert der Körper selbst die leistungssteigernde Substanz, was den Nachweis potentiell erschwert. Das Verfahren ist grundsätzlich das der somatischen Gentherapie: Dabei werden zum Beispiel durch Designerviren neue Erbinformationen in die DNS von Körperzellen eingefügt. Neben verstärkter EPO-Produktion versprechen die bisher entdeckten rund 30 potentiell für Doping einsetzbaren Gene unter anderem schnelleres Muskelwachstum, eine bessere Energiezufuhr und eine höhere Ausschüttung von Endorphinen zur Unterdrückung von Schmerzen.

Der Pharmakonzern Oxford BioMedica hält ein Patent auf das transgene Anämiemedikament Repoxygen. Es soll gegen Blutarmut helfen, indem es dafür sorgt, dass nicht nur die Nieren, sondern auch Muskelzellen EPO herstellen. Dazu nutzt es Viren, die Erbinformationen mit einem Gen, das die Information für die zusätzliche EPO-Produktion trägt, in den Zellkern von Muskelzellen einschleusen. Auf diese Weise entstehen Zellen mit veränderter DNS, die zusätzlich EPO herstellen. Bei Mäusen funktionierte das. Tests am Menschen gab es bisher offiziell noch nicht. Anämiekranke nehmen lieber das künstlich erzeugte EPO anstatt Versuchskaninchen zu spielen. Der Vorteil des Medikaments ist nämlich auch ein potentieller Nachteil: Weil die Veränderungen im Körper wahrscheinlich auf Dauer stattfinden, ist ein Absetzen des Medikaments und eine Erholung – etwa im Falle einer unvorhergesehenen Reaktion des Immunsystems - nur bedingt durchführbar.

Wird zuviel EPO produziert, neigt das Blut zur Verklumpung: Die potentiellen Folgen sind Thrombosen, Herzinfarkte und Schlaganfälle. Auch an zuviel künstlich hergestelltem EPO sind bereits Sportler gestorben. Deshalb arbeitet Repoxygen mit einen sauerstoffempfindlichen Faktor, der den Ausstoß von EPO regelt: sobald physiologisch normale Erythrozytenwerte im Blut erreicht sind, schaltet dieser Mechanismus das Gen ab. Für den Einsatz im Leistungssport scheint das Medikament deshalb nur ohne diesen Kontrollmechanismus geeignet. Trotzdem erkundigte sich der im letzten Jahr wegen Weitergabe von Dopingmitteln an eine Minderjährige zu 16 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilte Leichtathletiktrainer Thomas Springstein bereits Anfang 2003 in einer Email an einen befreundeten Arzt nach dem Medikament. Seitdem wird über den Einsatz möglicherweise veränderter Repoxygen-Varianten im Leistungssport spekuliert.

Marathon-Muskeln und körpereigene Bypässe

Seit längerem gemutmaßt wird auch über eine sportliche Nutzung des Marathon-Maus-Effekts. Die Spekulationen begannen, als amerikanische Wissenschaftler bei Mäusen ein Gen veränderten, dass PPAR-Delta produziert – einen Rezeptor, der unter anderem die Verbrennung von Fett in bestimmten Muskeln steuert. Die manipulierten Mäuse wandelten schnelle, zuckerverbrennende Muskelfasern in langsam arbeitende fettverbrennende Muskelfasern um. Dadurch konnten sie doppelt so lange laufen wie die Tiere in den Vergleichsgruppen. Allerdings gibt es Hinweise, dass vor breitflächigen Tests von transgenen Muskelmedikamenten am Menschen noch Forschungsbedarf besteht: Ein anderes Gen, das Wissenschaftler aus San Diego abschalteten, führte bei den Testmäusen zwar ebenfalls zu mehr Ausdauer - aber nach kurzer Zeit zu schwer geschädigten Fasern.

Noch nicht ganz so weit ist man bei der transgenen Kontrolle von Myostatin, einem Eiweiß, das ein unbeschränktes Wachstum der Muskeln verhindert, damit Knochen und Sehnen nicht überlastet werden. Deshalb wird es in der Viehzucht durch speziell entwickelte Antikörper ausgeschaltet, die in die Muskulatur gespritzt werden. Das Gen, welches das Myostatin produziert, lässt sich bisher nur schlecht kontrollieren. Schnellere Erfolge verspricht der Muskelaufbau durch ein Gen, das die Produktion von IGF-I steuert: Dieses Eiweiß wird von der Leber ausgeschüttet. Der Wissenschaftler Lee Sweeney spritzte Mäusen erfolgreich ein Virus mit einer genetischen Anleitung zur IGF-I-Produktion, durch das er den Muskelaufbau um ¼ steigern konnte. Obwohl es Anhaltspunkte gibt, dass die Veränderung auch das Wachstum von Krebs fördert, traten unmittelbar nach der Veröffentlichung zahlreiche Sportler an den Forscher heran und wollten sich die IGF-I-Viren spritzen lassen.

Auch Gene, die den Aufbau neuer Blutgefäße auslösen, können nicht nur für körpereigene Bypässe von Herzinfarktpatienten und zur Vermeidung von Beinamputationen eingesetzt werden, sondern potentiell ebenso gut für die bessere Versorgung von Armen und Beinen mit Brenn- und Sauerstoff. Ebenfalls im sportlichen Einsatz denkbar ist die im Tierversuch erfolgreich erprobte schnellere und ergiebigere Ausschüttung körpereigene Endorphine durch genetische Manipulation. Sie kann potentiell nicht nur Patienten mit chronischen Schmerzen helfen, sondern eignet sich auch zur Leistungssteigerung.

In Politik und Bürokratie wird bisher mit reflexhafter Ablehnung auf die neuen Möglichkeiten reagiert. DSB-Präsident Manfred von Richthofen sprach von einer "teuflische[n] Entwicklung", der Sport- und Gesundheitsexperte der FDP-Bundestagsfraktion, Detlef Parr forderte sogar Gentests im Sportunterricht, damit ein mögliches transgenes Doping aufgedeckt werden könne:

"Wenn schon mit Beginn der Spitzensportkarriere, die manchmal bereits in der Schule beginnt, entsprechende Daten gesammelt werden, dann haben wir Aufschlüsse."

Dabei gibt es durchaus auch andere Möglichkeiten, transgenes Doping nachzuweisen – allerdings ist ihre Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten, dass es einsatzfähige Tests gäbe: Françoise Lasne wies bei Versuchen mit Affen nach, dass sich das bei transgenem Doping erzeugte EPO durch die Kohlenhydratanteile vom EPO unterscheidet, das in den Nierenzellen erzeugt wird. Eine andere Möglichkeit wäre ein Test auf die Trägersubstanzen, mit denen die Gene in die DNA gebracht werden.

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