Schreibt der Orang Utan die Evolutionsgeschichte um?

Peter Mühlbauer 01.06.2007

Britische Wissenschaftler entfachen Debatte um Entstehung des aufrechten Gangs

Durch die Beobachtung wild lebender Orang Utans fand ein Forscherteam Anhaltspunkte dafür, dass der gewohnheitsmäßige Gang auf zwei Beinen, die habituelle Bipedie, älter sein könnte als bisher angenommen. Und dass sie nicht in der grasbewachsenen Savanne, sondern auf Bäumen entstand.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Susannah Thorpe beobachtete Orang Utans auf der Insel Sumatra. Die Tiere verbringen fast ihr gesamtes Leben auf Bäumen, weshalb sie Thorpe als Modell für die Bewegungsabläufe der entfernten Vorfahren des Menschen vor mehreren Millionen Jahren ausgesucht hatte. Die Biologin verbrachte ein Jahr im indonesischen Regenwald und nahm praktisch jede Bewegung auf, die die Orang Utans machten. Mit Hilfe dieser Aufnahmen überprüfte sie zusammen mit ihren Kollegen Roger Holder von der University of Birmingham und Robin Crompton von der University of Liverpool ihre Hypothese, dass das Gehen auf zwei Beinen auch Affen nutzt, die in Bäumen leben. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die drei Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Science unter dem Titel "Origin of Human Bipedalism as an Adaptation for Locomotion on Flexible Branches".

Die Forscher analysierten die etwa 3000 verschiedenen Bewegungsabläufe und fanden dabei heraus, dass das Gehen auf zwei Beinen den Orang Utans nicht nur Vorteile beim Greifen nach den süßesten Früchten brachte (die auf den dünnsten Ästen wachsen), sondern auch bei der Fortbewegung von Baum zu Baum. Die Bipedie ermöglichte das bessere Ausbalancieren und das Festhalten an Ästen, während das Tier gleichzeitig nach einer Frucht greifen konnte. Je dünner die Äste, mit desto höherer Wahrscheinlichkeit verwendeten die Orang Utans diese Technik. Auf dünnen Ästen klammerten sie mehrere Zweige mit ihren langen Zehen zusammen. Auch auf Ästen mittlerer Größe bevorzugten die Affen den Gang auf zwei Beinen und nutzten ihre Arme dazu, um ihr Gewicht zu verringern. Nur auf den allerdicksten Ästen tendierten sie dazu, sich auf allen Vieren zu bewegen.

Die Autoren entwarfen angesichts dieser Beobachtungen ein neues Evolutionsszenario: Gegen Ende des Miozän – vor etwa 24 bis 5 Millionen Jahren – wurde das Klima in Ost- und Zentralafrika abwechselnd feuchter und trockener. Das führte dazu, dass die Regenwälder zunehmend löchrig wurden. Affen, die in den Baumkronen lebten, sahen sich zunehmend Abständen zwischen Bäumen ausgesetzt, die sie nicht mehr überqueren konnten, ohne die Bäume zu verlassen. Die Autoren des Aufsatzes gehen davon aus, dass sich die Wege hier trennten: Während die Vorfahren des Menschen die Baumkronen ganz verließen und sich auf dem Waldboden zu Allesfressern entwickelten (wobei sie den auf den Bäumen erlernten Gang auf zwei Beinen beibehielten) spezialisierten sich die Vorfahren von Schimpansen und Gorillas auf das Überbrücken der Abstände zwischen den Bäumen und entwickelten deshalb den Knöchelgang. Bei dieser Art der Fortbewegung werden die Finger der vorderen Gliedmaßen eingerollt und das Gewicht auf die Knöchel gelegt. Am stärksten verbreitet ist der Knöchelgang bei Gorillas - Schimpansen nutzen ihn nur gelegentlich.

Lange wurde angenommen, dass die habituelle Bipedie dem Menschen, seinen engsten Vorfahren und natürlich Zweibeinern vorbehalten sei. Die bisher allgemein anerkannte Hypothese für seine Entstehung bei den Hominiden war die "Savannenhypothese", nach der die gemeinsamen Vorfahren von Schimpansen, Gorillas und Menschen in den Bäumen lebten und die Vorfahren des Menschen das Gehen auf zwei Beinen erst erlernten, als sie begannen in den grasbewachsenen Savannen zu leben – wo der aufrechte Gang den evolutiven Vorteil des besseren Überblicks gewährte. Mit der Zeit, so die Hypothese, hätte das stete Aufrichten auf der Ausschau nach Nahrung und Feinden in den Knöchelgang gemündet - und noch später schließlich in den aufrechten Gang.

Paläontologen nutzten Zeichen des aufrechten Gangs bisher als Schlüsselkriterien, mit denen sie hominide Fossilien von anderen unterschieden. Bereits vor der Orang-Utan-Studie deuteten jedoch einige der neueren archäologischen Befunde darauf hin, dass die Entwicklung komplexer verlief: So konnte man etwa aus den Beinknochen des Orrorin tugenensis ("Millenium Man") folgern, dass er aufrecht ging - aber aus den Funden in seiner Umgebung, dass das Areal zu seinen Lebzeiten dicht bewaldet war.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25408/1.html
Kommentare lesen (82 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS