Googles penetranter panoptischer Blick

Florian Rötzer 04.06.2007

Google hat Straßen in Städten fotografieren lassen. Mit Bild- oder Gesichtserkennung, wie sie gerade von dem Konzern entwickelt werden, wird der panoptische Blick noch bedenklicher werden

Google hat gerade mit der Einführung des neuen Dienstes "Street View" Furore gemacht. Der Stadtplandienst Google Maps wurde mit 360-Grad-Panoramafotos von einigen amerikanischen Städten wie San Francisco, New York oder Las Vegas aus dem Blickwinkel eines Fußgängers erweitert. Die mit GPS-Daten verbundenen Aufnahmen mit auf Fahrzeugen montierten Panoramakameras von Google selbst gemacht oder von Immersive Media gekauft. Wer oder was zufällig zur Zeit der Aufnahme an Ort und Stelle war, wurde, auch in peinlichen Situationen, jedenfalls aber ungefragt, aufgenommen und ist nun zum Objekt der allgemeinen Neugier geworden (Das Auge des Riesen).

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Fahrzeug mit Panormakamera von Immersive Media

These days, Google seems to be doing everything, everywhere. It takes pictures of your house from outer space, copies rare Sanskrit books in India, charms its way onto Madison Avenue, picks fights with Hollywood and tries to undercut Microsoft’s software dominance.

Wie schon damals, als Google Earth gestartet wurde, ziehen nun Internetnutzer auf Entdeckungsreise, um in der virtuellen Welt, die reale zu entdecken und dabei auf Interessantes, Absonderliches oder Amüsantes zu stoßen. Und Manches wurde auch schnell herausgezogen. Ein Mann, der in einen Pornoladen geht, ein anderer, der über eine Mauer klettert. Mädchen, die sich in einem Park sonnen. Ein Obdachloser, der wenig später ermordet wurde. Ein Mann, der an einer Straße pinkelt. Die kommerzielle Ablichtung ganzer Städte setzt die Überwachung des Alltagslebens noch einmal ein Stück fort.

Der öffentliche Raum wird nicht mehr nur durch Überwachungskameras am Boden, in Flugzeugen oder von Satelliten abgescannt oder durch die zahllosen privaten und professionellen Kameras der Passanten und Journalisten, sondern nun auch systematisch durch Unternehmen, die sich einen panoptischen Blick verschaffen und von diesem profitieren. Mit alldem wird der öffentliche Raum der Städte, der traditionell auch immer Orte der Anonymität ermöglichte, zu einem Beobachtungsraum, in dem man nur mit einigen Mühen unerkannt sich aufhalten kann. Die Überwachung des öffentlichen urbanen Raums führt diesen auf einen dörflichen Raum der sozialen Kontrolle zurück und wird damit auch die städtische Dynamik verändern. Der nächste Schritt könnte sein, den urbanen Raum unter Dauerbeobachtung zu stellen und Echtzeitbilder zu bieten, in die sich beliebig hineinzoomen lässt.

Auch dann ließe sich in diesen Bilderwelten nur flanieren. Man stößt zufällig auf Menschen und Situationen, wenn man nicht weiß, wo man wen oder was suchen soll. Würde man jedoch die Totalerfassung der Städte in Bildern mit einer Suchmaschine verbinden, die grafische Elemente finden oder Gesichtserkennung ausführen kann, dann würde es noch ein Stück unheimlicher oder voyeuristisch interessanter werden. Just eine solche Suchfunktion scheint Google denn auch zu entwickeln. Der Datenhunger des Unternehmens, dessen Gründer angeblich nichts Böses wollen, ist im Wettstreit mit den Konkurrenten mittlerweile bedenkenlos – und es wäre höchste Zeit, dass die Politik nicht einerseits das geistige Eigentum stärkt und andererseits den Datenschutz immer weiter einschränkt, wodurch die Kluft zwischen den staatlichen und kommerziellen Aneignern und den Besitzern immer weiter aufklafft.

Im August des letzen Jahres hat Google die auf biometrische Gesichtserkennung und Bildanalyse spezialisierte Firma Neven Vision gekauft. Neven Vision hat beispielsweise iScout entwickelt. Damit können Besitzer eines Fotohandys ein Bild von einer Ware oder einer Anzeige machen, dies einschicken und dann Informationen oder Angebote erhalten. Man könnte aber auch Fotos von Personen, Gebäuden oder Orten machen bzw. haben und dann nach diesen in anderen Bildern suchen lassen.

Eine noch bescheidene Bildersuche bietet Google bereits an, wie Google Blogoscoped herausgefunden hat. Nach einer noch inoffiziellen Version lässt sich die Suche in Bildern bereits auf Bilder von news.google.com oder von Gesichtern beschränken, wenn man der URL bei der Ausgabe &imgtype=news oder &imgtype=face hinzufügt. Phillip Lenssen hat auf Google Blogoscoped eine Eingabemaske gebastelt und spekuliert, ob Google nicht die Auswahl von Gesichtsbildern bereits aufgrund einer Bildanalyse mit einem Programm von Neven Vision macht. Das könnte die Grundlage für weitere Verfeinerungen wie einer Gesichtserkennung sein.

Als Gegenmaßnahme würde nun nach all den Verschärfungen der Urheberrechte für die Unternehmen und "Künstler" ein Copyright für Privatpersonen über die eigenen Daten, also auch für die Bilder, die Unternehmen aus kommerziellen Zwecken von Personen und Dingen machen, die diesen gehören. Lenssen hat sich schon einmal ein Schild ausgedacht, allerdings müsste man, wenn man sich in den öffentlichen Raum begibt, etwas Ähnliches mit sich führen oder eine Methode entwickeln, wie man unautorisierte Aufnahmen verhindern könnte.

http://www.heise.de/tp/artikel/25/25431/1.html
Kommentare lesen (24 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS