Montag in Rostock

05.06.2007

Erlebnisbericht eines unbeteiligten Bewohners der umkämpften Stadt

"Sachma, simma hier in Amerigoa?" - "Nee, da wür'n se gleesch losprügoln!" Dabei wollte ich doch nur joggen gehen. Im Lindenpark. Der ist in Rostock, etwa einen Kilometer entfernt von der Langen Straße, in der seit etwa 16:00 Durchsagen ertönen, die keinen mehr interessieren: "Sehr geehrte Fahrgäste. Aufgrund einer Demonstration ist der Straßenbahnverkehr nur noch zwischen..."

Enthält der obige, leicht sächselnd zu lesende Dialog zwischen zwei etwas betagteren Frauen, während sie den Zug von etwa 80 Polizeiwagen die Wismarsche Straße entlang beobachten, historisch bedingten Zynismus - oder kann hier einfach wirklich keiner mehr mit der immensen Polizeipräsenz umgehen?

Grün mag ja beruhigend wirken, aber scheint irgendwie aus der Mode gekommen zu sein nach den samstäglichen Ereignissen - die Alternative dazu, schwarze Kapuzenpullis, hat die mit Holzwänden vernagelte Filiale zweier deutscher Modemenschen in der Fußgängerzone allerdings auch nicht mehr im Angebot. Seltsam.

Ein paar Mannschaftswagen weiter scheint irgendwie etwas schief gelaufen zu sein. Alle drehen um. Was soll das denn? Der Hubschrauber, der sowieso beinahe symbolhaft verträumt über der Stadt kreist, scheint nun gar nicht mehr zu wissen, wo er hin will.

Die folgenden zwei Stunden sind ein Meisterstück an schlechter Organisation: Polizeiwagen fahren ungeordnet und mit lässig rauchenden Fahrern die Wismarsche Straße auf und ab, Wasserwerfer versperren eine (ansonsten vollkommen leere und nicht ansatzweise auf der Demonstrationsroute liegende) Seitenstraße. Hier und da ergießt sich wie ein Bächlein ein nur scheinbar geordneter Trupp Polizisten, der das typische Kindergartenausflugsverhalten zeigt: Schön in Zweierreihen aufstellen und nur nicht über rote Ampeln laufen; wenn die Nachhut mal hängen bleibt, warten die Vordermänner darauf, woraufhin die mittlere Fraktion ebendieser in die Hacken läuft. Man sehnt sich nach einem Betreuer für soviel desorientiertes, weil in Rostock völlig fremdes Humankapital. Das Problem, die Wasserwerfer ohne Rückspiegel ordentlich auf dem Saarplatz einzuparken, lässt wenigstens ein paar Polizisten noch mal richtig aufleben.

Während ein paar hundert Meter weiter, an der Parkstraßen-S-Bahn-Haltestelle, die Schwarzen eine große Happy-Anti-Globalisierungs-Party veranstalten und die Grünen dafür sorgen, dass bloß kein Mensch ohne Ausweis auch nur in die Nähe der S-Bahn kommt (Fahrkahrtenkontrolleurskomplexe?), stellt sich um ca. 18 Uhr für die bereits wegen Auflösung der Demonstration abgezogenen und abermals in der Wismarschen Straße aufgestellten Polizeiwagen gar nicht erst die Frage, was hier wirklich wichtig ist. Kaum haben sie auf den Straßenbahnschienen geparkt, brummt der Flying-Pizza-Laden und das Klo vom Dönermann am Doberaner Platz ist auch schon wieder dicht. Nur die liebe Oma, die das zugenagelte Restaurant auf derselben Höhe betreibt, schaut angstvoll aus dem Fenster - ruhig Blut! Das sind doch die Guten, die da gerade ihr Geschäft auf dem Hinterhof verrichten! Ob so ein Panzeranzug wohl einen normalen Reißverschluss hat?

Überhaupt sind die eigentlichen "Guten" der letzten Tage in Rostock sehr schnell auszumachen: Schreiner (offensichtlich, wenn man sich die Bilderstrecke ansieht), Glaser (zur Schadensbeseitigung), Klempner (wie gesagt: die Toilette vom Dönermann...) und der Supermarkt in der Nähe des Stadthafens, der für die Demonstranten trotz anfänglicher Differenzen und daher eingeschlagener Scheiben natürlich gerne auch bis 22 Uhr auf hat. Letzten Endes war es ein Einkaufswagen ebendieser Kette, in der die zu werfenden Steine transportiert wurden - das riecht doch förmlich nach PR! Von wegen "Bury Capitalism"!

Blieben die Scheiben der kapitalistisch-global agierenden Fast-Food-Ketten in der Innenstadt auch heil, so kann man, nimmt man seine Sache ernst, ja noch mit Öko-Essen aus dem Netto ein wenig gegen die Ausbeutung der Welt protestieren. Apropos: Eigentlich wollte ich noch mein Leergut wegbringen, aber als ich mir kurz das altbekannte Bild vom Platz des himmlischen Friedens ins Gedächtnis rief, wollte ich nicht derjenige sein, der in einer Plastiktüte mit potentiellen Wurfgeschossen direkt vor einem Wasserwerfer steht.

Der potentielle Polizeiattentäter in mir stellt auch schnell fest, dass die Art und Weise, wie die Pressspanholzplattenwände vor den Fenstern bemalt sind, die Verfahrenheit der Situation am besten widerspiegeln: Der Kaufhof hat vorgesorgt und Blumenmotive draufgemacht, H&M einen lockeren Spruch aufgeklebt, aber die Läden, die sich's nicht leisten können, werden hemmungslos zugemalt. "Schützt die Menschen, nicht den Kapitalismus!", steht da zum Beispiel, aber auch: "Rosa ist das neue Schwarz" - während sich die BILD lauthals darüber beschwert, wie unsere Stadt wegen eines Haufens vermummter Menschen und einer etwas eklig missverstandenen Gruppendynamik Schaden nimmt ("Wollt ihr Tote, ihr Chaoten?").

Am genausten hat es wohl ein Spraydosenbesitzer auf den Punkt gebracht, der die Holzumzäunung einer (nicht gerade leicht zerstörbaren, aber eben auf der Demonstrationsroute aufgestellten) Statue mit einem einzigen, großen Fragezeichen versehen hat: Was soll das hier?

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