Das Kleinvieh und sein Mist

Wie das Menschenrecht auf Verschuldung erfunden wurde

Geht es nach dem Getöse, das seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Muhammad Yunus erklingt, dann kann die Heiligsprechung des Ökonomen aus Bangladesch nicht mehr fern sein. Hat er doch, so die vorherrschende Meinung, mit seinen Kleinkrediten an arme Landbewohner (vor allem Frauen) ein Wundermittel zur Bekämpfung der Armut erfunden. Allerdings mischen sich in den Jubelchor mittlerweile auch ein paar Stimmen, die die Sache nüchterner sehen.

Als kürzlich der 12. Trendtag zum Thema "Karma-Kapitalismus - Werte statt Preise" in Hamburg stattfand (vgl. Heuschrecken-Alarm im Ashram und Muhammad Yunus als "Keynote Speaker" gewonnen werden konnte, da waren die Veranstalter sicher froh. Denn seit Yunus im Oktober letzten Jahres der Friedensnobelpreis verliehen worden ist (vgl. Mikrokredite als Ausweg aus der Armut), umgeben den stets lächelnden Mann aus Bangladesch Bewunderung und Medienaufmerksamkeit wie eine Aura - und so etwas nützt jedem Kongress.

Aber während die UNO 2005 zum Jahr der Kleinkredite nach Yunus-Art ernannte und selbst ein kluger Mann wie Dominic Johnson auf den Hype hereinfällt, fangen einige an, den Weihrauch, mit dem die Person des Muhammad Yunus und seine Konzepte umgeben werden, ein wenig penetrant zu finden. In Bangladesch selbst, so wissen Blogger, ist der Mann keineswegs unumstritten, dort gab es schon kritische Stimmen, als ihm der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen werden sollte, weil er nun mal kein Wohltäter, sondern eben vor allem ein Bankier sei.

In der Zeitschrift Neon dokumentierte die Autorin Patrizia Heidegger unter der Überschrift "Yunus Superstar?" ihre Skepsis so:

Zwar ermöglichen Mikrokreditbanken den Armen, was andere Banken ihnen versagen, jedoch zu horrenden Zinsraten von 20, 30 oder in machen Fällen sogar 40%. Der Grameen-Konzern, zu dem noch eine Menge Tochterunternehmen wie Grameen Phone gehört, schlägt somit Kapital aus der Situation der Armen. Von dem Wenigen, was mit Hilfe eines Kleinkredits erwirtschaftet werden kann, fließt ein Großteil zurück an die Bank. Dieser Profit wird nicht, oder nur teilweise, in die Verminderung der Armutssituation, beispielsweise durch Schulbau, rückinvestiert. Der Mikrokredit gehört somit zu den rentabelsten Geschäften in einem Land voller Armut.

20 Prozent Zinsen und mehr? Kleingruppen von Kreditnehmerinnen, die sich gegenseitig überwachen, mit dem absoluten Ziel, die Rückzahlungen der Kredite sicherzustellen? Eine Schuldenspirale ohne Ausweg, bei der ein Kleinkredit den nächsten ablöst? Beschränkung der Kredite auf eine relativ schmale Schicht der Tüchtigen, die noch hoffen lassen, dass Rendite erwirtschaftet wird?

Die Kehrseite des Mikrokreditwesen

Die Grameen-Bank selbst rechnet zwar nicht mit dem Zinseszins, aber auch so ist die Rückzahlung der Kredite noch schwer genug. Die Website Bangladesch.org, die eigentlich der Idee recht positiv gegenübersteht, erklärt die traumhaften Rückzahlungsquoten jedenfalls so:

Viele Frauen profitieren von den Programmen. Andere verzeichnen kaum Einkommenssteigerungen. Kaum erwähnt werden jedoch die Verliererinnen. Was passiert, wenn die Milchkuh stirbt? Versichert ist sie nicht. Zurück bleibt eine verschuldete Familie, die immer höhere Kredite aufnehmen muss, um die vorherigen zurückzuzahlen. Das ist eigentlich gegen die Regeln der Bank. Doch nur so wird eine Rückzahlungsquote von 98% erreicht.

Der Entwicklungsexperte Dr. Sudhirendar Sharma kritisiert diese Art von Entwicklungshilfe mit eindeutigen Worten:

Der leichte Zugang zu Krediten hat das Leben der Frauen nicht ein Stück verbessert.

Für den indischen Staat Andra Pradesh, in dem das Mikrokreditwesen besonders floriert, gibt er an, dass im Jahr 2002 die durchschnittliche Rücklagenleistung pro Kreditnehmerin bei "jämmerlichen 337 Rupien" lag. Noch schlimmer: Die Selbsthilfegruppen, die gegründet werden, um den einzelnen Mitgliedern die Rückzahlung ihrer Kredite zu ermöglichen, verleihen oft das Geld selbst weiter, und zwar mit deutlich höheren Zinssätzen. Sharma spricht in diesem Zusammenhang von einer Ausbeutung der Armen durch die Armen:

Obwohl es doch die Idee war, die Ausbeutung durch Geldverleiher einzudämmen, ist die Ausbeutung tatsächlich durch die neo-institutionellen Mechanismen des Mikrofinanzwesens gestärkt worden. Die Zinssätze sind tatsächlich gesunken, aber die Banken verlangen weiterhin hohe Zinsen auf Kredite an die Selbsthilfegruppen (ungefähr 11%), die dann wiederum zu 24% - 36% weiter verleihen, um Profit zu machen. Es ist schockierend, aber so beuten die Armen andere Arme durch hohe Zinssätze aus. Ironischerweise ist der ausbeuterische Geldverleiher durch eine Armee von Geldverleihern ersetzt worden. Durch Zinssätze, die die Rückzahlungsfähigkeit der Armen übersteigen, ist eine Schuldenfalle gelegt worden.(Übersetzung der englischsprachigen Texte: MH)

Zwar bietet die Grameen-Bank zinsreduzierte Programme für Studenten und verleiht auch Summen an völlig Mittellose (z.B. Bettler) gegen 0% Zinsen. Aber intensiv vermarktet und genutzt werden sie nicht.

Im Jahr 2005, so der Wikipedia-Eintrag hatten 45.000 Bettler 441.538 Dollar geliehen. Und bei ihnen sah die Rückzahlungsquote auch ganz anders aus: Sie konnten sich nur 210.154 Dollar aus der Bettelschale abzwacken, selbst ohne Beachtung der Inflation also eine Quote von deutlich unter 50%. Bei dem gigantischen Heer von Bettlern allein in Bangladesch ist es also sehr wohl gerechtfertigt zu behaupten, dass die Grameen-Bank und ähnliche Programme die Bedürftigsten überhaupt nicht erreichen.

Die Betriebswirtschaftlerin Eva Terberger, Professorin an der Universität Heidelberg, schreibt mit Blick auf die gesamte Mikrofinanzbranche:

Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass die Schaffung eines Zugangs zu Finanzdienstleistungen für ärmere Bevölkerungsschichten administrativ aufwändig und damit, bezogen auf die kleinen Volumina, die nachgefragt werden, teuer ist. Zinssätze für Mikrokredite von drei Prozent pro Monat, das heißt über 40 Prozent p.a. und darüber, sind keine Seltenheit. Die Nachfrage nach Mikrokrediten hat darunter in der Regel nicht zu leiden, denn der informelle Geldverleiher als alternative Finanzquelle verlangt noch mehr. Dennoch: Diese Kredite sind nicht für die Ärmsten der Armen geeignet, denen es an Möglichkeiten mangelt, Einkommen zu erzielen. Vielmehr werden Haushalte bedient, die über das Potenzial zur Rückzahlung verfügen. Allein dadurch zählen Mikrofinanzkunden zu den Begünstigteren unter den Armen.

Was die Grameen-Bank angeht, so legt von den hohen Kosten des kleinen Geldes für die Begünstigteren unter den Armen vielleicht ihr imposantes Hauptgebäude Zeugnis ab.

Aber es gibt noch andere ernüchternde Gesichtpunkte.

Überraschend klar die Kritik von attac an den Wundern des Kleinkredits: Das Verfahren erlaube den Rückzug der betreffenden Staaten aus den letzten Programmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen ihrer armen Bewohner. Den Mittellosen nur den Weg in die Verschuldung übrig zu lassen, um mit letzter Kraft Kredite zurück zu zahlen und trotzdem arm zu bleiben, sei ein sicheres Rezept zur Verfestigung der Verhältnisse, die die Armen in Armut gebracht haben und dort halten. Letztendlich gehe es nicht um ein Ende der Armut, sondern um ein verbessertes Armutsmanagement.

Die Autorin Stefanie Kron sprach schon 2004 davon, dass die Praxis des Mikrofinanzwesens keineswegs als ein fortschrittliches Instrument der Armutsbekämpfung gelten könne, sondern eher als ein neoliberales Erschließungsprogramm für letzte Produktivitäts- und damit Zinspotenziale in der 3. Welt verstanden werden müsste.

Mit diesem Erschließungsprogramm gehe außerdem eine soziale Zurichtung der Kreditnehmer auf die Interessen der Kreditgeber und letztlich des Weltmarkts einher, die mit Befreiung nicht das Geringste zu tun habe. Ironischerweise hat der Antichrist des Neoliberalismus, der venezolanische Staatspräsident Chávez, das Paradigma der Kleinkredite im eigenen Land kopiert. In diesem Zusammenhang attestierte ihm Stefanie Kron in ihrem Artikel Die Befreierinnen befreien sich selbst einen Versuch zur Kanalisierung der venezolanischen Frauenbewegung, sie gebraucht den Begriff "chávistische Kontrollinstanz".

Wer wird zu den Gewinnern gehören?

Man habe es hier mit einem verdeckten Umsiedlungsprogamm zu tun, das engagierte Frauen massenhaft zur Revitalisierung der brachliegenden venezolanischen Landwirtschaft bewegen wolle. Immerhin ist die Mikrofinanz-Offensive in Venezuela in einen Kontext eingebettet, der echte soziale Komponenten vorsieht. Die Zinssätze sind niedriger (12%) und die Arbeit von Hausfrauen wird in Venezuela insofern als echte Arbeit anerkannt, als sie mit einer staatlichen Rente rechnen können. Wohingegen die reinen Finanzdienstleister à la Yunus kein Netz für ihre "Kunden" (bzw. ihr Kleinvieh) vorsehen, wenn die fabelhafte Empowerment-Initiative daneben geht - auch ein häufig gehörter Kritikpunkt. Der einzige Ausweg, der den Strategen der Mikrofinanzbranche dazu einfällt, ist der Aufbau eines Versicherungswesens, das auf Kosten des menschlichen Kleinviehs dann noch einmal Kasse macht.

Was die Kritiker am Mikrofinanzwesen selten erwähnen: Selbst kurzfristige Erfolge dieser Sorte von "Empowerment" werden langfristig im Durchschnitt armutsfördernd sein. Denn was hier gefördert wird, ist nicht eine kuschelige Subsistenzökonomie, bei der sich die Selbstversorger gegenseitig nicht ins Gehege kommen. Sondern Kapitalismus für Arme, und das bedeutet bei allem Gerede vom "Karmakapitalismus" immer Konkurrenz aufs Messer, in diesem Fall am untersten Ende der ökonomischen Skala, in einem sozial erodierten Umfeld, wo Verlieren sehr schnell existenziell wird.

Die Diagnose von Sudirendhar Sharma über die Langzeitfolgen des Mikrofinanzwesens für die Betroffenen, denen eigentlich geholfen werden sollte, ist vernichtend:

Ich bin in einigen der ersten Dörfer in Bangladesch gewesen, die am Grameen-Kreditprogramm teilgenommen haben, und es scheint nicht den geringste wahrnehmbare Verbesserung am Lebensstil und der Lebensqualität der ländlichen Armen zu geben. Die oft wiederholten Erfolgsgeschichten von der Bäuerin, die sich endlich eine Kuh kaufen kann, und der armen Frau, die jetzt einen Telefonkiosk betreibt, sind nicht verallgemeinerbar. (...) Ein verbesserter Cash-Flow und leichter Kredit sind kurzfristige Vorteile, aber auf Dauer werden wir erleben, dass sich die Schulden anhäufen, und die nachteiligen Folgen der Wegentwicklung von der Erzeugung von Basisgütern hin zur Bedienung von bloßen Marktinteressen werden sich durchsetzen. Die negativen langfristigen Konsequenzen überwiegen die kurzfristigen Erfolge.

Wer wird zu den Gewinnern gehören? Nicht zufällig rechnet die Finanzbranche der ersten Welt so zuverlässig mit der Kompatibilität dieser Sorte von "Karmakapitalismus" mit dem stinknormalen Kapitalismus nach ihrem Geschmack, dass sie schon seit Jahren die passenden Finanzprodukte anbietet: Dass der Wirtschaftsliberalismus angesichts solcher Triumphe nicht aufhören mag, sich auf Trendtagen selbst zu feiern und zu belügen, ist verständlich.

Gibt man sich nicht mit der Erfolgspropaganda zufrieden und fasst die Kritikpunkte am Mikrofinanzwesen zusammen, so entsteht folgendes Bild: Mit Hilfe von massiver Anschubfinanzierung aus Entwicklungshilfegeldern, die auch heute noch zum Einsatz kommen, um Verluste auszugleichen, sind Finanzinstitute geschaffen worden, die von den leistungsfähigsten Unterprivilegierten der Dritten Welt an Zinspotenzial abschöpfen, was abzuschöpfen geht.

Die Bedürftigsten unter den Armen sind aber weiterhin aus dem Wirtschaftskreislauf ausgeschlossen, weil sie keinen Profit erwarten lassen. Internationale Großbanken und Investoren mischen mit und pumpen Geld in die Mikrofinanzinstitute (oder gründen gleich selber welche), weil sie bei der Abschöpfung der Rendite gerne beteiligt wären, die sich bisher mit hoher Zuverlässigkeit eingestellt hat.

Ob das in Zukunft weiterhin so bleibt, ist zweifelhaft, denn durch die massenhafte Vergabe von Krediten, die auch die Rückzahlungsfähigkeit der leistungsfähigeren Kreditnehmer übersteigen, ist eine Schuldenmaschinerie entstanden, die zumindest in Teilen auf Sand gebaut ist. Es bleibt bei der Weisheit Brechts, dass der Einbruch in eine Bank nichts ist gegen die Gründung einer Bank. Zur Bekämpfung der Armut müsste man sich damit befassen, wie durch Veräußerung menschlicher Arbeitskraft Werte gesellschaftlich geschaffen werden, und wo sie in Form von Geld wundersamer Weise landen. Und danach müsste man die grundsätzlichen Mechanismen ändern, nach denen das geschieht - in Bangladesch und anderswo.

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