Darfur – Ethnographie und Geschichte eines Konflikts

11.06.2007

Teil I. Ethnische Identitäten und ethnogenetische Prozesse

Am 13. November 2003 fiel in einer BBC-Sendung im Zusammenhang mit einem Konflikt in Darfur, über den bis dahin kaum berichtet wurde, erstmals der Begriff der "ethnischen Säuberung". Drei Monate später reiste der britische Filmemacher Philip Cox vom Tschad aus in die sudanesische Provinz ein und brachte der Welt Bilder von Krieg, Zerstörung und Vertreibung.

Im Sommer 2004 sprach die Weltpresse dann vom Genozid. Nach dem Tsunami flachte das Interesse der Weltöffentlichkeit am Westen des Sudan wieder ab, doch der Konflikt ging weiter. Im März 2005 schaltete der UN-Sicherheitsrat den Internationalen Strafgerichtshof ein. Es dauerte bis 2007, bis erste Beteiligte wie Ahmad Harun, der ehemalige sudanesische Innenminister, und der Milizenführer Ali Kushayb vor dem Internationalen Gerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurden. Der Sudan weigert sich bisher die beiden Angeklagten auszuliefern (Vgl. Darfur War Crimes Suspect Defiant).

Währenddessen lieferten die Medien immer wieder Bilder aus Darfur, aber wenig Hintergründe. Im Frühjahr diesen Jahres präsentierte Google zusammen mit dem Holocaust-Museum in Washington im Rahmen der "Genocide Prevention Mapping Initiative" graphisch aufbereitete Informationen zum Krieg in Darfur, "um das Bewusstsein für die Darfur-Region im Sudan zu fördern und Aktionen gegen die Situation dort zu unterstützen". Das Museum stellte Fotos, Daten und Augenzeugenberichte zusammen, die, als "Global Awareness Layer" über Google Earth gelegt, Informationen über Völkermorde bereitstellen sollen, "damit Bürger, Regierungen und Institutionen Informationen über Greueltaten schon in den Anfängen erhielten und reagieren könnten." Auf der elektronischen Karte sieht man beim Heranzoomen Teile orange gefärbt und kleine Flammen, die zerstörte Dörfer kennzeichnen (Vgl. Google Earth zeigt Bilder des Völkermords in Darfur).

Seit 6. Juni bietet auch die Website Eyes on Darfur Archivfotos und aktuelle Bilder, die den Zustand von 16 bisher noch intakten Dörfern zeigen, welche Amnesty International als potentielle Ziele von Angriffen sieht (Vgl. Computerwache). Hinter der Website steckt die American Association for the Advancement of Science (AAAS). Sie dokumentierte unter anderem Menschenrechtsverletzungen in Guatemala und im Kosovo. Der letztgenannte Fall zeigt auch, wo die Problematik solcher Bilder liegt: Sie dokumentieren zwar Zerstörungen, aber nicht die Hintergründe.

Die Vorhaben von Google und der AAAS sind sicherlich mit den besten Absichten initiiert, trotzdem könnte die vermeintliche Objektivität trügerisch sein. In den Medien wurde der Konflikt nämlich meist sehr vereinfacht als Krieg zwischen Arabern und Afrikanern dargestellt – die tatsächlichen Verhältnisse sind jedoch wesentlich komplexer, als dass eine Regierung eine unbequeme Minderheit mit Gewalt und Terror zu vertreiben sucht. In Darfur sind "staatliche Interessen und lokale Interessen auf komplexe Weise ineinander verschachtelt"[1]

Der Sudan. Karte: Wikimedia Commons

Sprachen

Auf den Archivbildern ist nicht zu sehen, wer die Dörfer zerstört hat und welche Prozesse dazu führten – es gibt auch keine kurzen, einfachen Antworten auf diese Fragen. Dazu trägt die extrem unübersichtliche Gemengelage der Identitäten im Konfliktgebiet bei.

Im Norden Darfurs leben neben Arabern und Tubu auch Zaghawa, Bidayat und Bergnubier (Midob). Die Sprache der Bidayat ist derjenigen der Zaghawa sehr ähnlich - aber während die Zaghawa auch Bodenbau betreiben, sind die Bidayat, die weiter im Norden in einem trockeneren Gebiet leben, fast ausschließlich Kamelzüchter. Im zentralen Gürtel Darfurs siedeln neben den Fur, die vor allem das Bergland bewohnen, auch Masalit und eine Reihe kleinerer Völkerschaften, darunter die Tama. Die Savannen des Südens sind dagegen wieder von der arabischen Sprache beherrscht.

Die Zaghawa werden auf etwa 10% der Bevölkerung Darfurs geschätzt, die Fur auf 40, die arabischen Stämme und andere Volksgruppen auf jeweils 1/5.[2] Allerdings bewohnen Araber einen wesentlich größeren Anteil des Landes – auch weil die Nomaden meist in den trockenen, nicht für die Bebauung geeigneten Gegenden umherstreifen.

Sprachen in Darfur und im Tschad. Karte: Telepolis

Wirtschaftsformen und Stämme

Viele der sprachlich getrennten Gruppen haben unterschiedliche Wirtschaftsformen. Fur und Masalit sind – ebenso wie die meisten kleineren Völker - sesshaft und betreiben Ackerbau. Im sehr trockenen Norden Darfurs leben vor allem nomadische Araber, Tubu und Bidayat. Früher existierten sie vom Transsahara-Handel mit Salz, Gold und Sklaven, heute vor allem von der Kamelzucht. Neben den "Abbala" (Kamelhirten) genannten arabischen Nomaden im Norden gibt es in Darfur auch arabische "Baggara" (Rinderhirten), die vor allem im Süden umherstreifen. Der Begriff Baggara wird teilweise auch für nicht arabisch sprechende Gruppen und zum Teil auch als Überbegriff für Hirtenvölker allgemein verwendet – also sowohl für Kamel- als auch Rinderhirten. Ähnlich uneinheitlich ist die Verwendung des Begriffs "Abbala", der teilweise nur für die arabischen Kamelhirten, teilweise auch für die Zaghawa-Kamelnomaden im Norden Darfurs verwendet wird.[3]

Vegetation und Bodennutzung in Darfur und im Tschad. Karte: Telepolis

Neben den Nomaden finden sich unter den etwa 15% Städtern in Darfur auch Angehörige der drei sesshaften arabischen Stämme aus dem Niltal, die den Sudan politisch dominieren: Shaigiya, Jaaliyiin und Dangala. Die Dangala sind eigentlich Nubier, die häufig noch ihre nilo-saharanische Sprache pflegen. Ähnliches gilt für die Missiirii vom Dschebel Mun, die Tama sprechen, sich aber als Abkömmlinge der Misseiria-Araber sehen.[4] Diese – und einige andere - Gruppen zeigen, dass sich über das, was ein "Araber" ist, trefflich streiten lässt – vor allem in Darfur.

Das Gegenstück zu den Dangala und den Misiirii sind Völker wie die Berti. Obwohl sie Arabisch als Umgangssprache sprechen und ihre eigentliche Mundart praktisch ausgestorben ist, begreifen sie sich aber immer noch als Afrikaner und nicht als Araber. Auch die Tunjur sind weitgehend arabisiert, trotzdem wurden sie Opfer der Vertreibungen durch die Dschandschawid. Nach Rex O'Fahey war auch der Übergang zwischen den heute als Erzfeinden der Araber wahrgenommenen Fur und einer arabischen Identität in vergangenen Zeiten einmal relativ fließend: Hatte ein Fur genug Rinder, dann kam über ein paar Generationen auch eine "authentische" arabische Abstammung hinzu.

Die Mehrheit der Araber in Darfur sind aber Nomaden, die im 18. Jahrhundert vom Gebiet des heutigen Tschad aus in das Sultanat einwanderten. Ein wichtiger Nomadenstamm sind die Rizeigat. Sie gehören zur Juhayna-Gruppe und sind wiederum unterteilt in verschiedene Untergruppen wie die Nawaiba, die Mahamid und die Mahriya. Andere Gruppen sind die Beni Hassan und die Iraikat. Zu den arabischen Rinderzüchtern im Süden zählen die südlichen Rizeigat, die Habbaniya, die Maaliya, die Taaisha und die Beni Halba. Auch diese arabischen Stämme sind durchaus veränderbare Entitäten: Nach Ausbruch der Mahdiya im 19. Jahrhundert wurden die Kababia, die Verbündete des anglo-ägyptischen Kolonialstaats waren, zur "Beute" erklärt, worauf viele Mitglieder des Stammes von ihren Führern abfielen und eigene Stämme gründeten. Auf diese Weise entstanden die Kawala und die Sanabla.[5]

Rasse und Religion

Unterschiede in der Hautfarbe sind in Darfur kein wirklich taugliches Mittel zur Abgrenzung - sie gehen teilweise quer durch die ethnischen Gruppen. So haben die Kamelzüchter-Rizeigat im Norden sichtbar hellere Haut als die Rinderzüchter-Rizeigat des Südens[6], obwohl sie nicht nur derselben Volksgruppe, sondern sogar demselben Stamm angehören. Das liegt unter anderem daran, dass die Zaghawa im Süden Darfurs ganz in den dort lebenden Rizeigat aufgingen.[7]

Die Tatsache, dass man es einem Sudanesen nicht unbedingt an der Haut ansieht, ob er "Araber" oder "Afrikaner" ist, tat der zunehmenden Verbreitung dieser Dichotomie während des Bürgerkrieges aber keinen Abbruch: Immer häufiger identifizierten sich Einwohner Darfurs als Afrikaner ("Zurga" - wörtlich: "Blaue") oder Araber. Zwar hatten auch rassistische Ideologien wie die der al-Tajammu al-Arabi, der Liga der arabischen Stämme, Einfluss darauf, dass die beiden rassischen Identitäten an Bedeutung zunahmen - trotzdem waren sie nach einhelliger Auffassung von Beobachtern[8] eher Konsequenz als Ursache der Gewalt der letzten Jahre. Die pauschale Gleichsetzung von Dschandschawid und Arabern durch Medien, ausländische Regierungen, Hilfsorganisationen und Diplomaten schärfte die Polarisierung zwischen den Identitäten "Araber" und "Afrikaner" noch zusätzlich.

Auch die Religion sollte in Darfur eigentlich kein Unterscheidungskriterium sein, da praktisch alle Bewohner dem Islam anhängen, der sich seit dem 13. Jahrhundert ausbreiten konnte. Trotzdem gab es seit 2003 auch Berichte über die systematische Zerstörung von Moscheen, die der Ethnologe Beck so interpretiert, dass damit den Afrikanern ihr "erschlichener" Islam genommen werden sollte.[9] Eine wichtige Rolle dabei spielte dabei auch die Spaltung der islamistischen Bewegung im Sudan in die Anhänger al-Turabis und die al-Bashirs, von der in den weiteren Teilen noch mehr zu lesen sein wird.

Teil 1: Ethnische Identitäten und ethnogenetische Prozesse

Teil 2: Grenzkrieger, Razzien und die koloniale Ausnahme

Teil 3: Die Rückkehr der Waffen

Teil 4: Die Eskalation

Teil 5: Lösungen und Konsequenzen

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