Das ultimative Überwachungstool für Netzwerke

18.06.2007

Strategen der US-Luftwaffe entwickelten ein wahrhaft futuristisches Konzept eines "Cyber-Fahrzeugs", um im virtuellen Medium ebenso präsent zu sein wie in der Luft, auf dem Boden, auf See oder im Weltraum

Es ist ja nicht so, dass die Fiktion alleine in der Literatur und der Kunst beheimatet ist. Seitdem die Wissenschaft sich in der Neuzeit mit der Technik liiert hat und experimentelle Forschung betriebt, denken auch Wissenschaftler notwendig über das Gegebene hinaus und fragen nach dem Möglichen oder auch Wahrscheinlichem. Dabei entstehen Ideen, die sich jetzt oder vielleicht auch niemals verwirklichen lassen, aber auch Einsichten oder Anwendungen, deren Zweck erst einmal nicht klar ist, sich jedoch später ergeben kann. Die Einsicht, dass Wissenschaften und technische Entwicklung auch in das zwar Vorstellbare, aber anscheinend noch nicht Realisierbare schreiten müssen, um auf Neues zustoßen, wird einerseits etwa durch Grundlagenforschung gefördert, aber auch von manchen Luxuseinrichtungen, wie sie etwa die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) im Bereich der Rüstung darstellt. In der aufgrund des Sputnik-Schocks gegründeten Behörde für das Revolutionäre, Exotische und erst noch Fiktive werden mit einem Jahresbudget von mehreren Milliarden Dollar mitunter verrückte Ideen ausgebrütet oder auch aufgegriffen und gefördert. Vieles bleibt stecken, kann nicht realisiert werden, manches aber eröffnet neue Anwendungen, die dem Pentagon erst einmal einen technischen Vorsprung verschaffen.

Nicht erst seit dem von der Bush-Regierung ausgerufenen Krieg gegen den Terror, aber vor allem seitdem sucht man im Pentagon und daher auch bei der Darpa verstärkt nach einer netzbasierten Kriegsführung mit dem gesamten Spektrum an Sensoren und Datenverarbeitungsmöglichkeiten sowie nach fernlenkbaren und autonomen Robotern und Roboterschwärmen, die sich statt der Menschen in den Krieg schicken lassen. Das Spektrum reicht von intelligenten Staubpartikeln zur omnipräsenten heimlichen Überwachung über hybride Insektenmaschinen bis hin zu vollständig autonomen, superbeweglichen und –intelligenten Robotern, die völlig frei ihre Aktionen planen und durchführen. Fernsteuerbare Drohnen, die zunächst nur der Aufklärung dienten und seit einiger Zeit auch mit Waffen ausgestattet wurden, waren der erste Schritt in der Richtung. Unterwasser- und Landroboter folgten. Eines der großen Projekte der Darpa ist die Entwicklung von autonomen Landfahrzeugen.

Dazu wurde 2004 der Wettbewerb Grand Challenge geschaffen, der im November 2007 zum dritten Mal stattfinden wird. Dann sollen die Fahrzeuge nicht mehr nur eine bestimmte Strecke in einer Wüste völlig auf sich alleine gestellt erfolgreich hinter sich bringen, sondern in die Schlachtfelder der Gegenwart und näheren Zukunft eindringen: in die städtische Umgebung. 100 Kilometer müssen sie dann in sechs Stunden in einer der Potemkinschen Städte durchfahren, wie sie vom Militär zum Training immer realistischer gebaut werden. Aus der Perspektive der Entwicklung von autonomen intelligenten Robotern mit vielfältigen Handlungsoptionen sind das noch erste, kleine Schritte, aber die Fahrzeuge, deren Lenkräder von Computern auf der Grundlage von Sensoren gesteuert werden, müssen auf der Fahrbahn bleiben, Kreuzungen überqueren, die Verkehrsregeln beachten und anderen Robotfahrzeugen ausweichen.

Aber man stellt sich nicht nur materielle Fahrzeuge und Roboter vor, die in der wirklichen Welt autonom sich bewegen, etwas erkunden und kämpfen können. Gerade angesichts des Konflikts mit dem Iran wollen die Militärtechniker auch winzige Robotersysteme ausbrüten, die man in Schwärmen über Orten aus der Luft abwerfen kann. Sie sollen dann etwa Luftschächte von tief unter der Erde befindlichen und aus der Luft unzerstörbaren Bunkeranlagen aufspüren, in diese eindringen und dann mit Sprengstoff oder Giften die Menschen oder gar die Bunker selbst ausschalten.

Noch etwas gewagter wünschen sich Wissenschaftler bei der US Air Force für den Infowar oder die netzwerkbasierte Kriegsführung ein neues Mittel, das wohl auch den Vorstellungen von Schäuble, Beckstein oder Ziercke für geheime Online-Durchsuchungen entsprechen dürfte. In Analogie zu der Kriegsführung auf dem Boden, unter der Erde, unter Wasser, auf dem Wasser sowie in der Luft und im Weltraum werde der Cyberspace nun zu dem Medium für den "effektivsten Gebrauch von militärischer Macht im Informationszeitalter" schreiben sie. Das beträfe besonders die Kriegsführung im komplexen und schwer kontrollierbaren urbanen Bereich, den die Terroristen und Aufständischen im Zeitalter der asymmetrischen Kriege vorwiegend nutzen. Um im Cyberspace effektiv handeln zu können, müsse man hier in Analogie zu den Boden-, Luft- und Wasserfahrzeugen ein "Cybergefährt" entwickeln, mit dem sich Aufklärung betreiben oder militärische Aktionen ausführen lassen.

Urbane Gebiete können meist nicht mehr einfach mit massiver militärischer Gewalt eingenommen werden, indem Infrastruktur und Feinde vernichtet werden. Das erweise sich beim Kampf gegen dezentrale Netzwerke von Aufständischen zunehmend als kontraproduktiv, da bei Angriffen mit massiver Feuerkraft und trotz des Einsatzes von Präzisionswaffen notwendig auch Zivilisten getötet oder verletzt und die zivile Infrastruktur zerstört wird. Die netzbasierte Kriegsführung vernetzt zunächst die Truppen untereinander, so dass alle Einheiten und Soldaten in Echtzeit kommunizieren, ihre Aktionen synchronisieren und alle verfügbaren Informationen besitzen. Allerdings könnten die Gegner versuchen, in das eigene Netzwerk einzudringen, während es noch wichtiger wäre, in die Netzwerke, Funknetze und Telekommunikationssysteme der Gegner einzudringen. Hier kommt nun das "Cyberfahrzeug" oder "Infogefährt" ins Spiel, das sich im Cyberspace ähnlich bewegen soll wie ein Flugzeug im Luftraum.

Die Wünsche oder Anforderungen sind nicht bescheiden. Man soll es von überall starten und aus der Ferne wie eine Drohne steuern können. Es soll sich, um dem Feind nichts zu verraten, wenn es von diesem erkannt wird oder in seine Hände fällt, selbst bei Bedarf zerstören können. Es soll sich wie ein Stealth-Bomber weitgehend unerkennbar bewegen und agieren können und keine Spuren hinterlassen. Und es soll über Waffen verfügen, über Viren, Würmer und Mittel der Informationskontrolle, um die erwünschten "Effekte" zu erreichen. Dabei geht es nicht nur um das Zerstören, sondern auch um die Beeinträchtigung oder gezielte Störung, um das Bewirken von Konfusion oder um die Übernahme der Kontrolle.

Ganz im militärische Jargon sollen die künftigen Aufklärungs- und Kampffahrzeuge, die man sich wohl eher als virtuelle Roboter oder einfach als Programme denken muss, auch über Jahre hinweg Gegner ausspähen, um beispielsweise "finanzielle Informationen über eine potenziell feindliche Nation zu sammeln oder das politische Klima in einem südamerikanischen Land zu erfassen". Eher kurzfristig könnten Cyber-Crafts herausbekommen, wo Panzer stationiert sind, ob ein Bunker besetzt ist oder wo sich die militärischen und politischen Führer befinden. Zu taktischen Zwecken könnten sie auch Echtzeitinformationen sammeln, beispielsweise wer sich gerade in einem Gebäude befindet. Dabei müssen die "Cyber-Fahrzeuge" zwischen den unterschiedlichen Netzwerken hin- und herreisen können, ohne entdeckt werden können: Das erfordert nicht nur eine permanente Überprüfung der Netzwerke, sondern auch eine ständige Selbstkontrolle – oder gar ein Selbstbewusstsein?

Ein Agent muss sich ständig neu bewerten, um sicherzustellen, dass er nicht verfolgt oder zu einem Träger für die Cyberwaffen des Gegners wird. Cyberwaffen müssen kontinuierliche Echtzeitbewertungen der Aufklärungsfähigkeiten des Feindes durchführen und plötzliche Entscheidungen treffen können, sich zu verändern oder sich selbst zu zerstören. Diese beiden Funktionen müssen verdeckt durchgeführt werden, und die Entscheidungsinformation muss zur Cyber-Craft-Zentrale geschickt werden.

Das ist alles ganz schön viel verlangt, daher sagen die Autoren, dass noch eine Menge Arbeit zur Lösung der Probleme im Bereich der Technik und der Doktrin erforderlich sei. Aber "Cyberkriegsführung" sei eine "entstehende Kunst", deren Bedeutung schon von vielen Ländern erkannt werde, weswegen die USA die notwendigen Mittel zur Entwicklung dieser Waffe investieren müssen. Hätte man nur die richtigen Programme, dann ließen sich militärisch viele Erfolge erzielen, weil man permanent auch in den Labyrinthen der Städte den Blick Gottes hätte, der alles erfasst, Freunde, Feinde und Zivilisten unterscheiden und genau zielen kann, weil er sieht, wo sich jeder zu jeder Zeit aufhält. Immerhin räumen die Autoren ein, dass es einige Probleme bei der Entwicklung der erwünschten "Cyber-Crafts" gibt, beispielsweise, wie man sie überhaupt entwickelt, wie man dem Programm vertrauen kann, das Richtige auszuführen, und wie man es kontrolliert.

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